Fährten finden
© Meiko Herrmann

Fährten finden

  • TEXT EMILY BARTELS
  • FOTOS MEIKO HERRMANN

In Makuleke, an der nördlichen Spitze des Kruger-Nationalparks in Südafrika, bilden professionelle Fährtensucher künftige Buschdetektive aus. Ihre Arbeit hilft, dieses Paradies zu bewahren.

DIE BÜFFEL
Das mächtige Tier hopst. Der Büffel bockt, tänzelt auf dem trockenen Boden und wirbelt eine Staubwolke in meine Richtung. Hinter ihm steht ordentlich aufgereiht seine Herde, die Nasen hochgereckt glotzen die Tiere mich kurzsichtig an. Mit ihren geschwungenen Hörnern sehen sie aus wie Generäle mit Zweispitz auf dem Kopf. Steppenbüffel sehen schlecht, sind aber sehr neugierig. Und weil der Wind in unsere Richtung weht, können sie nicht wittern, mit wem sie es zu tun haben: angehenden Spurenlesern und ihren beiden südafrikanischen Lehrern.

Immer näher hat sich die Herde durch die offene Graslandschaft an uns herangepirscht, jetzt wird es unserem Guide Bruce Lawson aber zu kuschelig. „Geht in Deckung, wendet ihnen nicht den Rücken zu“, sagt er leise. Der durchtrainierte Mann in der beigefarbenen Uniform und mit dem imposanten Vollbart stellt sich vor uns, an seinem Gürtel lehnt eine doppelläufige Büchse, in der rechten Hand schwingt er den Wanderstock. Er lässt die Muskeln spielen. Wir laufen nicht weg, wir greifen nicht an: Das ist die Botschaft, die wir an die Büffelparade senden – telepathisch. „Die Tiere können unser Energiefeld spüren, ob wir Angst haben oder ihnen etwas tun wollen“, flüstert Bruce. Wir glotzen also harmlos zurück. Dann, nach etwa zehn Minuten, haben die Büffel die Schnauze voll. Die ersten legen sich nieder, andere fangen an zu grasen – und wir können weiterziehen.

Hier in der Makuleke-Konzession, im äußersten Norden des Kruger-Nationalparks in Südafrika, bildet die Organisation EcoTraining Busch-Guides aus. Die Anwärter lernen, Pflanzen zu bestimmen, die Körpersprache einer Giraffe zu lesen und Ameisenbären aufzuspüren. Und: wie man Touristen sicher durch den Busch führt. Denn nur wer vorbei an Wasserlöchern und Elefantenherden durch diese Natur streift, der kann begreifen, wie kostbar sie ist.

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DER LEOPARD
Eines der Camps von EcoTraining liegt in der Pafuri-Region, zwischen den Flüssen Limpopo und Luvuvhu. In den Regenmonaten bis März bilden sich riesige Wasserlöcher in den Tiefebenen, wird der sonst rotbraune Busch zu einem dichten Dschungel. Mitten im Grün, ohne einen abgrenzenden Zaun, stehen unsere Unterkünfte: Pfahlbauten mit Strohdächern und Wänden aus Zeltplanen. Von hier aus führt uns Norman Chauke jeden Morgen um halb sechs hinaus in die Wildnis. Der 27-Jährige ist einer der besten Fährtenleser Südafrikas und will uns binnen sieben Tagen beibringen, wie man Spuren und andere Hinweise auf wilde Tiere liest. Pfotenabdrücke und Kothaufen, Haare und abgeknickte Gräser erzählen ihm, wer hier liebte, jagte, fraß oder schlief. Wir folgen Norman im Gänsemarsch, Bruce und die Auszubildende Aagje Van der Plaetse rahmen unsere kleine Kolonne ein. Sie tragen großkalibrige Gewehre bei sich – unsere Lebensversicherung, falls ein Tier unvorhergesehen angreifen sollte.

Norman schlendert stets aufmerksam über Matsch, Sand und Wiesen, immer den Blick am Boden oder im Unterholz. Hat er etwas Interessantes entdeckt, erfahren wir es sofort durch seine kleinen Freudenschreie. „Hahaa, kommt mal her, was seht ihr?“ Mit einem Ast hat er einen Kreis um eine Spur gezeichnet, nun grinst er uns erwartungsvoll an: Die Abdrücke sind etwa acht Zentimeter im Durchmesser, ein muffinförmiger Ballen umgeben von vier Zehen, keine Krallenabdrücke – die Pfote eines Leoparden. Im Gegensatz zu Hyänen oder Schakalen fahren Katzen ihre Krallen nur bei Bedarf aus, erklärt Norman. „Er muss sich die rechte Vorderpfote verletzt haben, der mittlere Zeh ist länger als die anderen“, sagt er. Das Tier ist in Richtung unseres Camps gelaufen – auf dem Weg nach Hause sehen wir uns noch aufmerksamer um als sonst. Einen Leoparden sehen wir nicht, dafür tausend andere Dinge, die uns zuvor nicht aufgefallen sind. Nur was der Mensch benennen kann, nimmt er bewusst wahr. So geht es uns auch mit den winzigen Termitenlöchern im Boden oder den mi­kroskopisch kleinen Fußabdrücken eines Mistkäfers.

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Den Büffeln auf der Spur: die Tracker Norman Chauke und Bruce Lawson (im Hintergrund)

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Gut konservierter Abdruck: Nichts geht an Norman spurlos vorbei - schon gar keine Hyäne

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DER AFFENBROTBAUM
An den Nachmittagen fahren wir meist mit dem Land­rover hinaus, vorbei an gelb blühenden Wiesen und Fieberbaumwäldern. Heute parken wir unter einem riesigen Affenbrotbaum, um von dort zum Fluss Luvuvhu zu marschieren. Der Stamm des Baums ist vernarbt von den Stoßzähnen der Elefanten, die schon an ihm ge­knabbert haben. „Wenn die Zweige eines Baobabs nach unten wachsen wie bei diesem hier, dann ist er an die 800 Jahre alt“, erklärt Bruce uns. Baobabs sind Sukku­lenten. Und weil sie ihre Rinde leicht regenerieren können, macht es ihnen nicht viel aus, angefressen zu werden. Wenn Elefanten große Stücke aus dem Holz schälen, wachsen die Bäume einfach weiter – daher bilden viele von ihnen ausgehöhlte Stämme aus. „Die Menschen, die hier früher lebten, nutzten diese Höhlen als Toiletten, Bars oder sogar Gefängnisse“, sagt Bruce.

Normans Großeltern und Tanten lebten noch in der Pafuri-Region. Dörfer aus runden, strohgedeckten Hütten verteilten sich zwischen den beiden Flüssen. Die Makuleke ernährten sich von Fisch aus den Gewässern, jagten das Wild im Busch, bauten auf dem fruchtbaren Boden Mais an – bis die Apartheidregierung sie zwangsumsiedelte, um das Gebiet dem Kruger-Nationalpark zuzuschlagen. Erst 1998 gelang es der Gemeinde, ihr Recht auf das Land einzuklagen. Seitdem verwalten die Makuleke das Gebiet gemeinsam mit dem Nationalpark, vermieten die Nutzungsrechte und können so am Tourismus rund um das Reservat mitverdienen.

Wer war’s?

So erkennt man, wer durch den Busch springt und schleicht:


 

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LEOPARD

Keine Krallen – also eine Großkatze. Leopardentatzen haben einen großen Abstand zwischen Sohlenballen und Zehen.

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HYÄNE

Der Ballen hat unten nur zwei Ausbuchtungen, die Krallen sind deutlich zu sehen, die Zehen außen schmiegen sich aneinander.

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IMPALA

Der Huf besteht aus zwei Teilen, die unten auseinanderstehen und eine Herzform bilden. Etwa fünf Zentimeter lang.

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PAVIAN

Menschenähnliche Abdrücke, die Füße sind mit einer Länge von bis zu 15bZentimetern deutlich größer als die Hände.


 

DER MENSCH
Die jüngste Generation der Makuleke musste lernen, auf andere Weise von ihrem Land zu leben, als ihre Eltern es taten. Die Natur steht unter Schutz, Wilderei unter Strafe. Die Kinder lernen schon in der Grundschule, dass sie in einer einzigartigen, schützenswerten Umgebung aufwachsen – und dass Touristen dafür zahlen, sie möglichst intakt zu erleben. Als Norman neun Jahre alt war, zeigte ihm sein Großvater, wie man Tauben und Springböcke fängt. „Wenn wir zur Abwechslung Fleisch essen wollten, mussten wir jagen gehen“, erzählt er. Auf dem Weg zur Schule bogen er und seine Freunde ab in den Busch, stopften die Schuluniformen in ihren Rucksack und bewaffneten sich mit Steinschleudern und Schlingen. Und wenn Norman die Schule schwänzte oder die Rinder seiner Familie hütete, lernte er nebenbei, die Spuren der Tiere zu lesen.

Ein Stipendium ermöglichte Norman schließlich eine Ausbildung an der Tracker Academy. Die Prüfung zum Tracker absolvierte er mit voller Punktzahl. 100 Prozent – ein solches Ergebnis hatten bis dahin nur drei Absolventen geschafft. Doch nicht allen Makuleke fällt die Umgewöhnung so leicht. „Was willst du denn bei den Weißen?“, fragte Normans Vater ihn, als er 2012 seine Ausbildung begann. Doch heute bewundert der Alte den Weg seines Sohnes. Der arbeitet seit 2016 als Fährtenleser und Ausbilder bei EcoTraining, konnte sich von seinem Gehalt mittlerweile ein Haus bauen und unterstützt seine Familie finanziell. „Ich bin das bestmögliche Produkt, das Makuleke hervorbringen kann“, sagt Norman. Er sagt es ohne Arroganz. Weiß oder schwarz, das sei ihm egal. Er möchte vom Erfolg des Nationalparks profitieren – und ihn mitgestalten. Spätestens als er seiner früheren Grundschullehrerin auf dem Schulhof stolz sein erstes Auto präsentierte, hatte er auch unter den jüngsten Makuleke seine Fans.

„Norman ist ein brillanter Fährtenleser“, sagt auch Bruce Lawson, der das Camp in Makuleke elf Jahre leitete und Norman als Mentor unter seine Fittiche nahm. Bruce war, bevor er selbst als Guide anfing, bei der süd­afrika­nischen Armee, für eine Weile sogar als Smokejumper  – das sind die Feuerwehrmänner, die zur Waldbrandbekämpfung mit dem Fallschirm über dem Busch abspringen. Bruce’ Leben nach dem Militär verlief kaum weniger abenteuerlich – so wanderte er im Rahmen einer Wohl­tätigkeitsaktion von Kapstadt nach Kairo. Heute pa­trouilliert der 50-Jährige nachts auf der Jagd nach Wilderern durch geschützte Gebiete, seit 2017 nimmt er als freiberuflicher Guide seine Gäste mit in den Busch – ­ohne Auto, ohne Elektronik, mit Zelt auf dem Rücken.

Mit Norman und Bruce an unserer Seite fühlen wir uns im Busch sicher. Er erscheint uns nun fast wie ein gepflegter Stadtpark mit exotischen Gewächsen –nur dass hier nicht der Mensch regulierend eingreift. Es sind Tiere, die das Gras kurz und die Büsche klein halten, Termiten räumen abgebrochene Äste binnen weniger Wochen aus dem Weg, Flüsse und Regen schaffen Wasserstellen. Bei der Spurensuche starre ich auf roten Staub, steinharten Lehm, getrockneten Matsch, Sumpf und schwarzen Sand. Ich entdecke Tausende Hufspuren von Impala-Antilopen, wie kleine Herzen heben sie sich vom Boden ab. Schleifspuren und winzige weiße Haare zeugen vom Sandbad eines Zebras. Auf einem Schotterweg hat ein Elefant einen Abdruck hinterlassen, in dem das Wasser steht. Davor hat eine Manguste, ein katzenartiges Raubtier, ihre kleinen Vorderfüße in den Matsch gedrückt, als sie sich einen Schluck aus der Pfütze genehmigte. Durch die Fährten bekommen wir eine Ahnung davon, wie hier das Leben tobt, wenn nicht gerade Menschen raschelnd und ihre Witterung verbreitend durchs Unterholz stapfen.

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Rastplatz: Norman Chauke und Reporterin Emily Bartels beim Unterricht im Freien. Offene Schuhe sind natürlich nur auf einem Ausflug mit Landrover erlaubt

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DER ELEFANT
Am vierten Tag wagen wir etwas Neues: Wir sollen ein Tier „trailen“, also eine Spur verfolgen, bis wir auf ihren Urheber stoßen, dabei aber möglichst unsichtbar bleiben. Gleich hinter dem Camp entdeckt Norman die Abdrücke eines Elefanten. Wo das Tier das Gras berührt hat, ist die silbrig schimmernde Seite der Halme nach oben gekehrt. Keiner von uns redet ein Wort, diszipliniert und angespannt rekonstruieren wir den Weg des Bullen. Ein abgefressener Zweig hier, ein Kothaufen dort: Auf Normans Aufforderung hin halte ich einen Finger in den feuchten Dung. Er ist noch lauwarm – wir müssen dem Tier ganz nah sein. Wir folgen den Spuren in eine dicht bewachsene Landschaft, da sehen wir in der Ferne die Wipfel eines Mopane-Buschs wackeln. Norman stoppt abrupt, Bruce legt den Zeigefinger auf die Lippen, mit der anderen Hand bedeutet er uns die neue Marschrichtung. Wir verlassen die Fährte und wenden uns einem Hügel zu. Holen wir den Elefanten ein, laufen wir ihm so nicht vor die Füße, außerdem weht der Wind jetzt günstig für uns. Kaum haben wir den Hügel erklommen, sehen wir ihn: Ein junger Bulle umrundet die Anhöhe, vorsichtig läuft er von rechts in unser Blickfeld, keine 20 Meter entfernt. „Er spürt unsere Aufregung“, sagt Bruce. Der Elefant biegt scharf ab, ohne auch nur in unsere Richtung zu blicken. Es bleibt bei einer friedlichen, respektvollen Begegnung auf Abstand. Ehrfürchtig beobachten wir, wie die Muskeln unter der grauen Haut das riesige Tier in schaukelnde Bewegungen versetzen.

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DIE DOGGE UND DER CHIHUAHUA
Am letzten Tag erkunden wir die Gegend um Lanners Gorge, eine tiefe Schlucht, durch die sich der Luvuvhu schlängelt. Vom Rand der Felsen können wir bis nach Simbabwe sehen. Am Abend lassen wir uns hier nieder und schauen zu, wie die Sonne den Himmel rosa färbt. „Ich frage mich, ob es diese Landschaft so in 100 Jahren noch geben wird“, sagt Bruce. Als die Sonne hinter den Bergen verschwunden ist, machen wir uns auf zu unserer letzten Nachtfahrt. Der Landrover schaukelt über Steine und Kuhlen, die Luft riecht süßlich nach wildem Salbei und Honig. Vorn auf dem Trackerseat sitzt Norman und leuchtet mit einem Suchscheinwerfer über Büsche und Baumwipfel. Der kräftige Lichtstrahl trifft auf Nachtschwalben, Elefanten oder Buschbabys und lässt ihre Augen aufblitzen. An einer Wiese stoppt Bruce den Wagen, das Motorengeräusch erstirbt. „Alle aussteigen“, sagt er, und wir folgen ihm tastend. Bruce’ grüner Laserpointer durchschneidet die Dunkelheit, in seinem Licht­strahl wirbelt der Staub und lässt ihn glitzern wie eine Wunderwaffe aus einem Science-Fiction-­Film. „Das da“, sagt Bruce und deutet auf den Sternenteppich über uns, „ist unsere Milchstraße. Außer ihr können wir zwei weitere Galaxien mit dem bloßen Auge sehen: die große und die kleine Magellansche Wolke.“ Der grüne Strahl umkreist zwei milchige Flecken am Himmel. Westlich davon kniet Orion, das Schild in der einen, die Keule in der anderen Hand. Bruce zeigt auf Orions Hunde – „eine Dogge und ein Chihuahua“, kommentiert er das kleine und das große Sternbild – und erklärt uns, wie man am Kreuz des Südens die Himmelsrichtungen bestimmen kann. Ich habe noch nie einen so leuchtenden, vollgepackten Sternenhimmel gesehen. Um uns herum tanzen Glühwürmchen wie fallende Sterne. Und wir kommen uns so winzig vor, wie wir es wirklich sind.

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Ruhe bitte! Die Tiere der Pafuri-Region sind Menschen nicht gewöhnt - und Bruce Lawson tut alles dafür, dass das so bleibt

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Spurensicher

Gut gewappnet gegen Hitze und stechfreudige Insekten: die richtige Ausrüstung fürs Tracking


 

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