Gründerzeit

  • TEXT MATHIAS BECKER
  • FOTOS CONSTANTIN MIRBACH
  • ILLUSTRATION CRISTÓBAL SCHMAL

Ende Januar treffen sich Unternehmensgründer und Investoren aus aller Welt zur wohl größten Start-up-Convention des Baltikums in Tartu. Die Universitätsstadt im Osten Estlands hat sich in kurzer Zeit zu einem Hotspot der Szene entwickelt

Sich den Alltag zu erleichtern, das fängt manchmal schon bei der Müllentsorgung an. Weil einer seiner Schulkameraden keine Lust hatte, zu Hause länger die Mülltüten runterzubringen, dachten sich Joonatan Oras und drei Freunde „Wastefox“ aus, eine Kompostbox für den Balkon. Oras war damals 16, heute ist er 20, studiert Journalismus und PR an der Universität Tartu in Estland und hat nebenbei mit dem 35 Jahre alten Psychologen Madis Vodja den „Müllfuchs“ optimiert: Reste von Obst und Gemüse verwandeln sich darin binnen weniger Monate in wertvollen Humus. Rund 1000 Boxen verkaufen Oras und Vodja im Jahr, sogar die Hauptstadt Tallinn ist auf ihr Start-up aufmerksam geworden und hat 150 Haushalte mit dem „Wastefox“ ausgestattet. Dieses Pilotprojekt soll zeigen, ob der Kompostierer womöglich dazu beiträgt, die ehrgeizigen Recyclingpläne der EU in die Tat umzusetzen. Bis 2025 soll mehr als die Hälfte des europäischen Hausmülls wiederverwertet werden können.

Schneller Aufstieg: Marili Vihmann organisiert den jährlichen Start-up Day in Tartu

Streetfood und kleine Konzerte: das Restaurant Kolm Tilli im Aparaaditehas, einer ehemaligen Fabrik

Maskottchen-Katze...

... und Kosmonauten im „Aparaaditehas“

 Ein Problem identifizieren, eine Lösung entwickeln und damit den Markt erobern: Rund um den Globus tüfteln junge Entwickler – gefördert von risikofreudigen Investoren – am „Next Big Thing“. Die Hotspots der Szene heißen San Francisco, London, Tel Aviv – und Estland. Das kleine baltische Land war früher vor allem für endlose Wälder und Moorlandschaften bekannt. Ein Land mit nur einer Autobahn, das aber auf dem Daten-Highway andere Staaten inzwischen überholt hat. Die estnische Verfassung garantiert das Recht auf Zugang zum Internet, dank zahlloser kostenfreier WLAN-Hotspots und flächendeckendem LTE. Die Digitalisierung durchdringt alle Lebensbereiche. Von der Steuererklärung über Parlaments­wahlen bis zur Unternehmensgründung: In Estland ist das alles mit ein paar Klicks zu erledigen.

Ein liberales Steuersystem und gezielte Investitionen in Neugründungen haben Estland mit seinen 1,3 Millionen Einwohnern zudem binnen weniger Jahren zu einer „Start-up-Nation“ gemacht: 2019 arbeiteten rund 5000 Menschen in etwa 650 Start-ups – die höchste Quote in Europa, gemessen an der Arbeitsbevölkerung. Zu den berühmtesten Gründungen, in denen Know-how aus Estland steckt, gehören die Taxi-App Bolt, der Messenger-Dienst Skype, das Online-Bezahlsystem Transferwise und der Spiele-Entwickler Playtech. Wer Start-ups „Made in Estonia“ sucht, wird in den Geschäftsvierteln der Hauptstadt Tallinn fündig – und eben im rund 200 Kilometer entfernten Tartu, der zweitgrößten Stadt des Landes. Der sieht man auf den ersten Blick allerdings nicht an, dass hier die Zukunft geplant wird.

Ideenpool Tartu: Sophio, Mariam und Ketevani warten im „Spark Hub“ auf Feedback

Fractory-Mitgründer Joosep Merelaht

 Malerisch schmiegt sich die Altstadt an den Domberg mit seiner imposanten Kirche. Im Tal fließt der Emajõgi gemächlich gen Osten und mündet 30 Kilometer weiter in den Peipussee, dessen anderes Ufer schon zu Russland gehört. Tartu liegt buchstäblich am Rand Europas – und doch mittendrin: 120 Nationalitäten sind hier zu Hause, 13 000 der 100 000 Einwohner studieren hier an der ältesten Universität des Landes, gegründet 1632. Junge Leute flanieren im Stadtkern über das Kopfsteinpflaster, radeln auf Leihrädern am Flussufer entlang und bevölkern populäre Restaurants, Cafés und Bars. Die Hochschule bildet den Boden, auf dem die internetfreundliche Politik des Staates wie Dünger wirkt, zumal die Universität regelmäßig zum Speed-Dating ins Spark Hub bittet, ein Bürohaus am Rand der Altstadt. Statt Traumpaaren werden hier zündende Geschäftsideen gesucht. Dazu stellen sich Studierenden-Teams Mentoren aus der Start-up-Branche vor – Juristen, Marketing- und IT-Profis.

Im Oktober 2019 waren auch Sophio Japharidze, Mariam Mikava und Ketevani Kvirikashvili dabei, alle Anfang 20. Sie haben einen Fingerring entwickelt, der die Herzfrequenz und die Sauerstoffsättigung im Blut seines Trägers misst – angeblich präziser als Gadgets wie Smart und Apple Watch – und bei kritischen Werten Alarm schlägt. Die angehenden Soft- und Hardware-Ingenieurinnen sprachen mit Experten, analysierten Märkte und entwickelten einen Prototyp. Dafür bekamen sie viel Lob, mussten aber auch lernen, dass noch ein weiter Weg vor ihnen liegt, nicht zuletzt wegen komplizierter Zulassungsverfahren für Medizintechnologie – was die drei aber eher motiviert als ausbremst.

Stolzer Bau: das Rathaus der einstigen Hansestadt

Analoge Kunst: die Universität von Tartu auf einem Wandbild

 „Nicht aus jeder Idee wird sofort ein Start-up“, sagt Maret Ahonen. Die 60-jährige Ökonomin leitet das „Start-up-Lab“ der Universität Tartu, das seit 2015 jährlich ins Spark Hub lädt. Die Projektarbeit fördere aber Kreativität, Teamfähigkeit und Selbstbewusstsein. „Diese Fähigkeiten lernt man nicht in Hauptseminaren“, sagt Ahonen, „so wollen wir Innovationsgeist wecken.“

Mit Erfolg: Rund 150 junge Unternehmen von Finanz-Software bis Biotech beschäftigen in Tartu derzeit etwa 1500 Mitarbeiter. Der „Biotechnology Park“ und der „Science Park“ gleichen Treibhäusern, die Neugründungen im technischen oder medizinischen Bereich befördern. Im Januar eröffnet die Universität zudem das „Delta Centre“ – ein Forschungs- und Lehrgebäude, in dem Mathematiker, Software-Ingenieure und Ökonomen auf mehr als 23 000 Quadratmetern unter einem Dach arbeiten. Auch hier werden künftig gezielt Kooperationen mit Unternehmen gestartet. Und seit bereits vier Jahren pilgern immer Ende Januar Gründer, Unternehmer und Investoren aus aller Welt nach Tartu zum „Start-up Day“, dem nach eigenen Angaben größten Treffen dieser Art im Baltikum – das auch selbst ein Start-up ist. In diesem Jahr werden rund 4000 Besucher erwartet. Im Wort „Start-up“, heißt es in der Stadt, stecke eben „Tartu“.

Das Start-up Mooncascade programmiert Finanz-Software

Wegbereiterin: Maret Ahonen leitet das „Start-up-Lab“

Junge Szene: Grafikdesigner Mikko Leo Selg an seinem Arbeitsplatz

Kristjan-Julius Laak und Robin Saluoks von eAgronom

 Im zweiten Stock des Spark Hub führt Joosep Merelaht durch ein halb leeres Büroloft. Kartons mit Büromöbeln stapeln sich an den Wänden, Windhund Whippet jagt einen grünen Gummiball durch die Flure. „Anfangs genügten uns ein paar Räume“, sagt Merelaht, „jetzt belegen wir hier die halbe Etage.“ Ihr Unternehmen Fractory ist noch jung: 2016 präsentierten er und seine Kollegen Martin Vares und Rein Torm ihre Idee zum ersten Mal den Mentoren im Spark Hub: ein Online-Shop für maßgeschneiderte Blechteile, wie sie in Industrie und Handwerk benötigt werden. Inzwischen beschäftigt Fractory 16 Mitarbeiter in Tartu und seit Kurzem fünf weitere im englischen Manchester. Zahlreiche Firmen im Baltikum, in Skandinavien und Großbritannien nutzen die Plattform bereits. Geldgeber aus dem In- und Ausland haben schon siebenstellig in das Start-up investiert. „Im Moment geht alles rasend schnell“, sagt Merelaht, „wir versuchen, irgendwie Schritt zu halten.“ Heißt: das eigene Produkt groß machen, eh jemand anders mit derselben Idee durchstartet. Auch deshalb brauchen Start-ups im entscheidenden Moment Investoren, die ihnen vertrauen. Doch in Tartu geht das schnell.

Die Stadt biete viele Vorteile, sagt Fractory-Mitgründer Merelaht: niedrige Lebenshaltungskosten, eine grüne Umgebung, kurze Wege. „Hier kennt fast jeder jeden.“ Das sei gerade am Anfang sehr hilfreich. Laufe ein Unternehmen erst einmal, gebe es auch keinen Grund abzuwandern, denn: „Wegen der Universität haben wir ausreichend Fachkräfte in der Stadt.“ Und auch die Anbindung an die weite Welt ist garantiert: Fast täglich gibt es Flugverbindungen zwischen Tartu und Finnlands Hauptstadt Helsinki – ohne Umweg über Tallinn.

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Tartu Science Park

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Biotechnology Park

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Aparaaditehas

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Domberg mit Dom

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Universätit

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Delta Centre

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Spark Hub

 Ein weiteres Zentrum der kreativen Szene liegt am Stadtrand: Im „Aparaaditehas“, zu Deutsch etwa „Dingsbums-Fabrik“, wurden zu Sowjetzeiten Kühlschrank-Komponenten hergestellt. Nach Estlands Unabhängigkeit 1990 stand der Klinkerkomplex lange leer – nun ist er ein Symbol für den Aufbruch, mit Büros, Studios und Coworking-Spaces, Restaurants und Designshops auf drei Etagen. Die Mieten sind gestaffelt nach Einkünften, das schafft Raum für Experimente. Schließlich kann es ein paar Jahre dauern, bis eine Idee Geld abwirft.

Unterm Dach liegen die Räume einer jungen Firma, die ebenfalls eine Erfolgsstory zu erzählen hat. Vor Bildschirmen sitzen junge Männer und Frauen, an den Wänden hängen Charts mit Tabellen und Fotos von Landwirten und Traktoren. „Wir haben eine Software entwickelt, mit der sich die Arbeit auf Bauernhöfen besser organisieren lässt“, erläutert Robin Saluoks, 24, Bauernsohn, Mitgründer und CEO des Start-ups eAgronom dessen Idee. Das System hilft etwa dabei, mehr CO₂ in den Boden zu bringen und auf diese Weise die Düngerkosten zu reduzieren. Landwirte aus Estland, Lettland, Polen und Rumänien bewirtschaften bereits eine Gesamtfläche von mehr als 700 000 Hektar mithilfe von eAgronom. Und vielleicht bald schon der Rest Europas.


AUF TOUR IN TARTU


AUSPROBIEREN

Das AHHAA ist ein Wissenschaftsmuseum zum Anfassen. Per Hebelkraft kann man hier etwa Autos anheben – mit einer Hand.

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Italienische Weine zu Poetry Slams: In der Bar Barlova trifft sich – mitten im Holzhausviertel Karlova – die kreative Szene.

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ENTDECKEN

Tartu ist die älteste Stadt des Baltikums und wird 2024 Europäische Kulturhauptstadt. Mehr Infos über Visit Tartu.

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Das Hotel Lydia empfängt Gäste mit offenem Kamin im Foyer und entlässt sie mit üppigem Frühstück samt Parkblick.

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Kultur statt Konflikt: Das neue Estnische Nationalmuseum steht auf dem Gelände eines Ex-Militärflughafens

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ZUM ZIEL

Lufthansa fliegt im Januar bis zu zweimal täglich von Frankfurt (FRA) und dreimal wöchentlich von München (MUC) nach Tallinn (TLL). Weiter mit Zug, Bus oder Auto nach Tartu.
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