Händeschütteln in Dakar

  • TEXT HELGE TIMMERBERG
  • ILLUSTRATION TIM MÖLLER-KAYA

 Einmal besuchte ich in Dakar ein Lokal, vor dessen Tür mich drei Senegalesen, die ich nie zuvor gesehen hatte, mit Handschlag willkommen hießen. Eine schöne Geste für die Fremden in der fremden Stadt, dachte ich. Der erste, dem ich drinnen begegnete, gab mir die Hand. Der zweite auch. Der dritte, der vierte und weiter zählte ich nicht. Schließlich war es so weit, und ich konnte mich setzen. Das Sofa war alt, aber entspannt, die Musik auch. „Let’s get together and feel all right“ – ob in West-, Süd- oder Ostafrika, überall hörte ich Reggae, wenn ein Lautsprecher in der Nähe war. Würde Bob Marley noch leben, könnte er Präsident des ganzen Kontinents werden, so beliebt, wie er ist. Und immer, wenn jemand an meinem Sofa vorbeikam, gab er mir die Hand. Egal, ob Mann oder Frau, alt oder jung, einfach jeder, und obwohl ich kein bisschen wie Marley aussehe, fühlte ich mich hier fast so beliebt wie er.

Andere Länder, andere Sitten, und manchmal sind sie besser als daheim, wo sich Unbekannte in Lokalen nicht mal mit den Augen grüßen. Und ich muss noch was dazu sagen: Keiner wollte was von mir. Sie begrüßten mich mit Handschlag und gingen weiter. „Was sind das eigentlich für Leute?“, fragte ich meinen Begleiter, einen Dokumentarfilmer aus Dakar. „Mittelklasse“, sagte er, „Händler, Intellektuelle, ein paar arbeiten bei Behörden. Alles Stammgäste. Sie kommen nach der Arbeit, um ein bisschen abzuhängen, bevor sie nach Hause gehen. Gefällt es dir?“ –„Sehr“, antwortete ich, „vor allem die senegalesische Sitte, jedem Fremden die Hand zu geben.“ Er lachte. „Das ist keine senegalesische Sitte. Das machen die erst, seit hier mal ein deutscher Tourist reinkam und jedem die Hand geschüttelt hat.“


Unser Kolumnist pflegt seit 1969 sein heftiges Fernweh, schreibt Reisebücher aus aller Welt – und jeden Monat hier.

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