Spiel des Lebens
© Frank Bauer

Spiel des Lebens

  • TEXT STEFAN WAGNER
  • FOTOS FRANK BAUER

Träume können in Las Vegas genauso schnell in Erfüllung gehen, wie sie der Wüstenwind verweht. Es gibt aber auch Menschen, die in der Metropole von Sein und Schein ihr Lebensglück gefunden haben. Wir stellen ein paar von ihnen vor.

DER GANZ NORMALE IRRSINN


Las Vegas, das ist der zur Stadt gewordene Mix aus Vulkanausbruch, Roland-Emmerich-Film und Untergang Roms – aber mit Musik. Eine überkandidelte Orgie aus Neon, Showgirls, Stretch-Limousinen und dem Pling-pling-pling ein­armiger Banditen. Ein Rausch, dem sich die meisten Besucher zwei bis drei Tage hingeben, um dann zur Erholung wieder abzureisen. Wie aber lebt es sich in einer Stadt, die jeden Tag aufs Neue den Ausnahmezustand zelebriert? Und wa­rum will jemand sein Leben überhaupt in einer unwirklichen Kulisse wie Sin City, wie die Stadt auch genannt wird, verbringen? Wir haben Menschen getroffen, für die es ganz normal ist, auf einem Nachbau des Eiffelturms in der Wüste zu arbeiten oder jeden Morgen in ein Elvis-Kostüm zu schlüpfen, um in einer Kitsch-Kapelle Menschen zu trauen.

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Ikone auch für die Instagram-Generation: das legendäre "Welcome" Schild von 1959

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Fleischeslust: Die turmhohen Burger werden im Heart Attack Grill serviert

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DER ELVIS-PRIESTER
Brendan Paul, 45


„Wie ich Priester in einer Elvis-Kirche geworden bin? Als ich 22 war, trat ich mit meiner Punkband in Vegas auf. Aus Jux nahm ich an einem Elvis-Wettbewerb teil. Das hat mir Spaß gemacht, und ich heuerte als Imitator des „King“ an, denn damit kann man gutes Geld verdienen. Vor 15 Jahren habe ich dann die Graceland Wedding Chapel gekauft, für eine Million Dollar. Sie stammt aus dem Jahr 1947 und ist eine der ältesten und berühmtesten Hochzeitskapellen von Las Vegas. Für die Berechtigung, Trauungen durchzuführen, brauchte ich bloß ein paar Kurse zu belegen. Wir verheiraten jedes Jahr etwa 4000 Paare. Trotzdem bewegen mich Hochzeiten noch immer. Denn ich sage mir, dass dies für jedes Paar der wichtigste Tag seiner Beziehung ist. Für eine Hochzeit bei uns gilt: beschwipst heiraten geht, betrunken nicht. Wir bekommen auch immer wieder An­fragen für Nackt-Hochzeiten, doch die machen wir auch nicht. Aber sonst ist es egal, ob ein Paar die 199-Dollar-Hochzeit mit zwei Elvis-Songs oder das 799-Dollar-Paket mit einem jungen Elvis im Look der Fünfzigerjahre und einem älteren Elvis in Schlaghosen im Stil der Siebziger bucht: Wir sind bei jeder Zeremonie mit vollem Einsatz dabei. Wirklich gerührt hat mich ein Paar, das seinen 25. Hochzeitstag bei uns feiern wollte. Doch dann erschien die Frau allein, mit einem gerahmten Bild ihres Mannes – er war kurz zuvor gestorben. Sie wollte die Feier trotzdem. Da stockte mir erstmals die Stimme. Die Songs von Elvis werde ich immer lieben, auch wenn ich sie schon Tausende Male gesungen habe. Es sind einfach Klassiker. Manchmal überlege ich mir zwar, was daheim im Kühlschrank fehlt, während ich ‚Love Me Tender‘ singe. Aber ich lächle dabei und lasse mir nichts anmerken. Das ist Showbusiness, Baby!“

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Blick vom US-Eiffelturm: Vearn Rogers arbeitet als Fahrstuhlführer im Hotel Paris Las Vegas - und ist ein wandelndes Las-Vegas-Lexikon

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DER FAHRSTUHLFÜHRER
Vearn Rogers, 58


Ich arbeite mitten in Paris, mitten in Amerika, auf der Aufsichtsplattform des Eiffelturms. Er ist 164,6 Meter hoch – etwa halb so hoch wie das Original. Früher war ich nur Liftboy hier im Hotel Paris Las Vegas. Bis ein Gast sagte: ‚Ist das alles, was Sie tun? Einen Knopf drücken und im Lift stehen?‘ Das hat mich gewurmt – vor allem, weil er recht hatte. Deshalb setzte ich mich hin und lernte alles über Las Vegas, was man nur wissen kann. Und seit zehn Jahren teile ich das mit Besuchern im Aufzug und auf der Plattform. Sie wollen Zahlen und Fakten? Here we go! Las Vegas wurde 1905 gegründet, der Name ist Spanisch und bedeutet ‚die Auen‘, weil es hier Quellen gab. Rund 40 Millionen Besucher kommen im Jahr in die Stadt, jeder von ihnen besucht im Schnitt acht Kasinos. 74 Prozent der Besucher versuchen sich im Glücksspiel. Im Schnitt gibt jeder dabei etwa 530 Dollar aus. Es gibt 104 Spielkasinos, mehr als 147 000 Hotelzimmer und jedes Jahr etwa 21 000 Kongresse und Messen. Die Kasinomeile liegt übrigens gar nicht in Las Vegas, sondern in einem Vorort namens Paradise. Trotzdem sprechen beim Strip alle von Las Vegas. Von den Vierzigern bis in die Achtziger war die Stadt fest in der Hand des Mobs, wie das organisierte Verbrechen hier hieß. Warum ich Las Vegas mag? Ich stamme aus Compton, einem Vorort von Los Angeles mit viel Bandenkriminalität. Als ich hier 1984 zum ersten Mal in Las Vegas war, konnte ich ein All-you-can-eat-Frühstück für 49  Cent bestellen, und beim Gang durch die Straßen merkte ich, dass so gut wie jeder ein Lächeln im Gesicht hatte, Spaß zu haben schien und sich wohlfühlte. Das hat sich nicht geändert  – deshalb lebe ich hier.“

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Treibt es bunter, als sie aussieht: Graffiti-Künstlerin Mallory Dawn ...

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... und eines ihrer Kunstwerke

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DIE GRAFFITI-KÜNSTLERIN
Mallory Dawn, 34


„Als Kind in Ohio träumte ich davon, in einem Pariser Park an der Staffelei zu sitzen und das Leben mit dem Pinsel zu beschreiben. Aber es kam anders. Ich arbeitete als Kellnerin und in einer Boutique, dann habe ich in New York Mode studiert. Als ich mit Freundinnen für einen Junggesellinnen-Abschied nach Vegas fuhr, gefiel mir die Stadt spontan so gut, dass ich geblieben bin. Warum? Weil ich mich hier nicht so beengt fühle. Wahrscheinlich liegt es daran, dass Las Vegas mitten in der Wüste liegt. Es ist, als stünde man vor einer leeren Leinwand. Mittlerweile habe ich mir hier als Künstlerin einen Namen gemacht. Meine Airbrush- und Graffiti-Kunst ziert Club- und Kasinowände, sie findet sich in Privatvillen, Restaurants und Museen. Im Cosmopolitan Hotel hängt eine Installation aus mehreren Tausend Plastik-Schlüsselkarten von mir, die ich einzeln mit Kupferdrähten zusammengenäht habe. Wenn ich nicht im öffentlichen Raum unterwegs bin, male ich am liebsten in Unterwäsche, damit ich mir nicht ständig neue Klamotten kaufen muss, nur weil die anderen mal wieder voller Farbspritzer sind. Außerdem ist die Hitze in der Stadt tagsüber unerträglich. Am liebsten arbeite ich deshalb nachts – dann sieht man mich häufig mit Atemschutzmaske und Spraydose auf einer Leiter stehend Hauswände bemalen. Wenn ich anschließend auf dem Balkon meiner Wohnung im 18. Stock eines Wolkenkratzers in Downtown sitze und den Blick über die Skyline von Las Vegas schweifen lasse, dann weiß ich, dass ich die richtige Entscheidung getroffen habe. Einen Park in Paris brauche ich heute nicht mehr.“

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Wo Las Vegas echt natürlich ist: Rangerin Brittany Brooks arbeitet im Red Rock Canyon Park

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DIE RANGERIN
Brittany Brooks, 32


Las Vegas wird meist auf folgende Stereotype reduziert: ­Kasinos, Shows, Partys, das wilde Leben. Wir Ranger stehen für das Gegenteil: Naturerfahrung, stilles Beobachten, das Sich-klein-Fühlen im Angesicht der Wunder, die uns umgeben. Die meisten Touristen haben nach ein paar Tagen genug vom Irrsinn in dieser Stadt und wollen raus in die Natur. Zum Glück ist Vegas von Wüsten, Gebirgen und Nationalparks umgeben. Bis zum nächsten Wanderweg sind es vom Stadtzentrum nicht mehr als 20 Minuten Autofahrt. Ich arbeite im Red Rock ­Canyon Park, der an der Stadtgrenze beginnt. Marschiert man früh genug los, sieht man hier den ganzen Tag kaum eine Handvoll Menschen, dafür aber Kojoten, Schildkröten und wilde Esel. Warum ich gerade in Las Vegas als Rangerin arbeite? Mein Mann Gregory hat vor zwei Jahren einen Job in der Gegend bekommen. Er ist Biologe und Spezialist für eine Käferart, die in den Sanddünen hier in der Nähe lebt. Ich bin nie zuvor in Nevada gewesen, ich hielt es für einen dieser Orte, wo alle bei 40 Grad Celsius in klimatisierten Gebäuden sitzen und da auch nicht rauswollen. Jetzt sehe ich, dass es ganz anders ist. Es gibt Mountainbiker, Skifahrer, Kletterer, Bergläufer. Ganz ehrlich: Ich will hier nicht mehr weg.“

Viva Las Vegas! Fünf Gründe, jetzt in die Wüste zu fliegen


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STILVOLLE DEKADENZ

Dinner in der Bibliothek des Tycoons David Rockefeller gefällig? Das Restaurant von Sternekoch Daniel Humm im neuen NoMad Hotel wirkt so plüschig und honorig, dass man vergisst, im schrillen Vegas zu sein.

thenomadhotel.com

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KUNST STATT KASINO

Mehr als 18 Häuserblocks voller Bars und Kunstgalerien: Der Arts District nahe der Fremont Street ist eine echte Alternative zum Strip. In der ReBar oder der Arts Factory trifft man mehr Einheimische als Touristen.

18b.org

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DOPPELT GAGA

Mit gleich zwei Shows residiert Lady Gaga im Herbst im Park MGM: In „Enigma“ begegnet sie einem 3-D-animierten Androiden, in „Jazz and Piano“ sitzt sie klassisch im Abendkleid am Klavier.

vegas.ladygaga.com

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PALMS-COMEBACK

Das Palms Resort hat mit Kosten von 690 Millionen Dollar gerade die teuerste Renovierung in der Vegas- Geschichte hingelegt. Am Pool thront eine Statue von Damien Hirst, in der Bar hängen Warhol-Werke.

palms.com

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SCHAMPUS!

Gerade beim Roulette gewonnen? Dann ist es Zeit, in der neuen Art-déco-Bar Rosina den Champagne call button zu drücken. Prompt erscheint ein Kellner und schenkt ein. Auf Wunsch auch Gimlets oder Negronis.

venetian.com


Zum Ziel

Lufthansa bietet in Kooperation mit Eurowings ab 27. Oktober dreimal wöchentlich Flüge von Frankfurt (FRA) nach Las Vegas (LAS) an. Die App für Ihre Meilengutschrift: miles-and-more.com/app