Wahnsinnlich:
© Malte Jäger

Wahnsinnlich

  • TEXT EMILY BARTELS
  • FOTOS MALTE JÄGER

In Buenos Aires gibt es mehr Psychologen als irgendwo sonst. Unsere Reporterin fragte sich: Macht die Stadt ihre Bewohner verrückt? Und welche Rolle spielt dabei eigentlich der Tango?

Acht, zehn, zwölf Hunde balgen sich im mondänen Stadtteil Recoleta unter den lila Blüten der Jacaranda, während die Dog­sitter im Schatten ihren Mate trinken. In den Gassen von La Boca kickt und kämpft der Nachwuchs mit ebenso viel Herzblut wie die Profis des kultigen Fussballvereins Boca Juniors. Auf den Plätzen von San Telmo wird gegrillt und geschachert, auch hier kehrt nie Ruhe ein. Und vor der Casa Rosada, dem Präsidentenpalast, blockieren Mütter, Rentner und Studenten die Straße und hämmern mit Kochlöffeln auf Töpfe ein. Die Cacerolada ist ein beliebtes Mittel des Protests: gegen Pensionskürzungen, gegen die Inflation oder gegen die Verbrechen der Militärdiktatur, die auch nach 35 Jahren noch nicht aufgeklärt sind. In Buenos Aires herrscht heute wieder der ganz normale Irrsinn.

Wahnsinnlich: Momentaufnahmen aus dem Stadtteil Palermo: altes Blech, schräge Street-Art

Momentaufnahmen aus dem Stadtteil Palermo: altes Blech, schräge Street-Art ...

© Malte Jäger
Wahnsinnlich: Modedesignerin María A Zolezzi auf ihrer Dachterrasse

... und Modedesignerin María A Zolezzi auf ihrer Dachterrasse

© Malte Jäger

 

 Rund 15 Millionen Menschen leben am Río de la Plata, dem breitesten Fluss der Welt. Porteños, Menschen am Hafen, nennen sich die Einwohner von Buenos Aires. Sie leben in einer Stadt der Superlative: Rund 38 000 Taxis verstopfen die Avenidas. Die Hauptverkehrsader, die Nueve de Julio, ist mit ihren bis zu 14 Spuren die breiteste Straße der Welt. Und die argentinische Hauptstadt hält noch einen Rekord: In Buenos Aires gibt es die höchste Psychologen-Dichte der Welt. Deshalb will ich sie fragen, die Porteños, die Tangotänzer und natürlich die Psychologen: Treibt die Gigantin ihre Bewohner in den Wahnsinn? Macht Buenos Aires, die „Stadt der guten Winde“, irre glücklich oder einfach nur irre?

Wahnsinnlich: Kaufrausch im Wohnzimmer: María A Zolezzi zeigt ihre Kollektion

Kaufrausch im Wohnzimmer: María A Zolezzi zeigt ihre Kollektion

© Malte Jäger

 „Mich stört nur die Arbeitsmoral hierzulande“, sagt die Modedesignerin María A Zolezzi. „In Europa arbeitet man schnell und effizient, doch hier dauert alles ewig.“ Seit sie vor sechs Jahren aus Paris zurück nach Buenos Aires kam, ringt Zolezzi mit Zeitlupentempo und wirtschaftlichem Chaos. Doch sie hat sich angepasst: Um hohe Mieten zu vermeiden und das ökonomische Risiko in Grenzen zu halten, wandelte sie ihr Wohnzimmer zum Showroom für ihr Label Maydi um. Wie so viele Porteños lässt sich die 43-Jährige von den instabilen Bedingungen ihrer Heimat nicht beirren.

Zolezzi lebt und arbeitet im nördlichen Palermo, einem schicken Viertel, in dessen Bars und Restaurants sich wohlhabende Menschen vergnügen. Vom Balkon ihrer Zweizimmerwohnung im achten Stock eines Mietshauses schaut die Designerin auf ein Polofeld. Sie hat in London studiert, dann zwölf Jahre lang in Paris für Unternehmen wie Hermès und Isabel Marant gearbeitet. Warum sie nach Buenos Aires zurückgekehrt ist? „Ich wollte hier etwas schaffen, das die argentinische Kultur mit modernem Design verbindet“, sagt die kleine Frau mit den braunen Haaren und den dunklen Augen. Ihre Entwürfe lässt sie von Frauen aus der Umgebung stricken und weben. Die meisten von ihnen sind schon um die 70, nur sie beherrschen noch die traditionelle Handarbeit. Alle Rohmaterialien stammen aus Argentinien: Seide aus La Pampa, Merino aus Patagonien, Wolle vom Babylama aus dem Norden. Zolezzi nimmt einen Poncho von der Kleiderstange: Sein Stoff ist robust, gleitet aber dennoch wie ein Lufthauch durch die Hände. 600 Euro kostet das Stück. In Japan, wo ihr Handwerk besonders begehrt ist, verlangt sie dafür sogar das Doppelte.

Rund 30 Prozent ihrer Produktion vertreibt die Designerin über Boutiquen im In- und Ausland, den Großteil jedoch verkauft sie direkt aus dem Wohnzimmer heraus. Die meisten Kun­dinnen sind Touristinnen, die mit einem Personal Shopper kommen. „Der argentinische Markt dagegen ist schwer zu bedienen, es herrscht kein großes Interesse für lokale Produkte“, sagt Zolezzi. „Wir müssen noch lernen, unser Handwerk zu schätzen. Und wir müssen uns besser vermarkten. Argentinische Wolle ist die beste, die es gibt, nur weiß das im Ausland kaum jemand.“

Wahnsinnlich: Meister der Masken: der Gestalttherapeut Andrés Molteni

Meister der Masken: der Gestalttherapeut Andrés Molteni

© Malte Jäger

  Dabei mangelt es den Porteños keineswegs an Nationalstolz. Doch in ihrem kosmopolitischen Dasein verlieren sie die eigene Kultur mitunter aus den Augen. Buenos Aires gefällt sich als das „Paris Südamerikas“, und es ist tatsächlich die europäischste Stadt des Kontinents. Anfang des 20. Jahrhunderts kamen Massen von Einwanderern nach Buenos Aires, das im Zuge der Industrialisierung dringend Arbeitskräfte benötigte. Um 1900 lebten eine Million Menschen am Río, auf dem amerikanischen Kontinent hatte zu dieser Zeit nur New York mehr Einwohner. Unter den beiden wohlhabenden Städten entbrannte ein Wettlauf um den ersten Rang unter den Weltmetropolen. Rund die Hälfte der Porteños waren Migranten, und noch heute hat ungefähr jeder dritte Argentinier italienische Wurzeln.

Die spezielle Geschichte der Stadt hat in den Seelen der Menschen ihre Spuren hinterlassen, glaubt der Psychotherapeut Andrés Molteni. Die auf ihrer Flucht vor Armut und Arbeitslosigkeit entwurzelten Einwanderer therapierten ihr Heimweh auf zweierlei Arten: Sie erfanden den Tango – und sie legten sich auf die Couch. Mit den Immigranten hielt auch die Psychotherapie Einzug in die argentinische Mittelschicht. Und sie blieb: Psychoanalytische Begriffe sind jedem Porteño geläufig, Sigmund Freud gehört zur Freizeitlektüre, es gibt Therapeuten mit eigenen Fernsehshows. Rund 35 000 Psychologen und Psychotherapeuten widmen sich im Großraum Buenos Aires ihren Klienten, statistisch gesehen kommt einer auf 420 Einwohner. In New York liegt das Verhältnis etwa bei 1:670.

Molteni führt eine Praxis für Gestalttherapie in Palermo Viejo. Er lässt seine Patienten mithilfe von Masken und Verkleidungen in andere Rollen schlüpfen, damit sie ihre Probleme aus einer neuen Perspektive betrachten können. Molteni hat seine Praxis in einer casa chorizo eingerichtet, einem „Würstchen-Haus“, wie die lang gestreckten Gebäude aus dem frühen 20. Jahrhundert genannt werden, weil sich die Zimmer wie eine Würstchenkette aneinanderreihen. Eine Therapie sei in Buenos Aires so normal wie eine Mitgliedschaft im Fitnessstudio, erklärt mir Molteni, als wir uns auf den Sitzkissen niederlassen, die auf dem dunklen Holzfußboden liegen. „Wer Antworten sucht, der spricht mit jemandem. Und was in anderen Kulturen vielleicht der Barmann oder der Taxifahrer sind, das ist für uns der Psychologe.“

Die Porteños, so der 58-Jährige, sind jedoch nicht verrückter als andere. Schon gar nicht leiden sie unter ihrer Stadt! Sie betreiben lediglich jene Selbstoptimierung, die nötig ist, um mit unserer Zeit Schritt zu halten. Denn auch Argentinien krankt an den Symptomen der Moderne, plagt sich mit Narzissmus, Einsamkeit und Erfolgsdruck. Wer zur Mittel- oder Oberschicht gehört, trifft seinen Psychologen regelmäßig und viele Jahre lang – auch wenn ihn kein akutes Problem plagt. Das Gesundheitssystem subventioniert die Behandlung, sodass manche Psychotherapeuten nur umgerechnet zwölf Euro pro Stunde nehmen. Und in vielen Arbeitsverträgen ist das Recht auf therapeutische Maßnahmen verankert.

Wahnsinnlich:Üppige Architektur: San Telmo, das älteste Viertel der Stadt

Üppige Architektur: San Telmo, das älteste Viertel der Stadt

© Malte Jäger
Wahnsinnlich: Tanz zur blauen Stunde: die Tanzprofis Anna Fiore und Guillermo Pire

Tanz zur blauen Stunde: die Tanzprofis Anna Fiore und Guillermo Pire

© Malte Jäger

 Eine ganz andere Therapiemaßnahme ist ebenfalls tief in der argentinischen Gesellschaft verwurzelt: der Tango. Entstanden ist er aus der Melancholie – aber kann er sie auch heilen? Ja, meint Anna Fiore. Die Deutsche lebt seit knapp sechs Jahren in Buenos Aires, nach ihrer Scheidung übernahm sie die Tanzschule Tango Taxi Dancers von ihrem argentinischen Ex-Mann. Oft kämen ihre Schüler mit hängenden Schultern und krummem Rücken zu ihr, mit einer Haltung, die von Schmerz und Defensive erzählt. Doch der Tango rücke sie wieder gerade, sagt Fiore. „Nach dem Unterricht gehen meine Kunden aufrecht nach Haus. Tango ist Therapie.“ Um ihr Tanzstudio einzurichten, hat die feingliedrige Frau mit den kurzen Haaren ein Zimmer ihrer kleinen Wohnung umgestaltet: Sie ließ neues Parkett verlegen und stellte Spiegel an die Wände. Hier will auch ich lernen, wie man sich dem Tango hingibt, dem athletischen Tanz, dem melancholischen Lebensgefühl. Mein Lehrer ist Gui­llermo Pire, Fiores engster Mitarbeiter, den alle nur Luc nennen. Schon als Junge verliebte er sich in die Musik des legendären Tangostars Carlos Gardel. „Seine Stimme erschien mir wie von einem anderen Planeten“, sagt der 60-Jährige. „Und der Tango selbst ist ein Tanz in inniger Umarmung. Deshalb lieben ihn die Leute: weil doch jeder gern umarmt wird.“

 

Tango ist ein Tanz in inniger Umarmung. Deshalb lieben ihn die Leute: weil doch jeder gern umarmt wird

Guillermo Pire, Tangolehrer

 

Ich begebe mich also in Lucs Arme. Meine Hand liegt ­zwischen seinen Schulterblättern, mein Schlüsselbein an seiner Schulter. Es gibt keine festgelegte Schrittfolge beim Tango, der Mann folgt der Musik, die Frau folgt dem Mann. Ich will mitarbeiten. In welche Richtung neigt sich Lucs Rücken, wohin richtet er seine Schritte? Um nicht ständig auf unsere Füße zu starren, schließe ich die Augen. Liebeskrank seufzt das Akkordeon, ich stolpere der Musik hinterher. „Du musst warten“, sagt Fiore. Aber worauf? „Dass Luc dir sagt, wo es langgeht.“ Jetzt hat sie auch mich ergriffen, die Melancholie. Vielleicht hilft sie ja, am Abend meiner Feuertaufe in einer Milonga.

 

Wahnsinnlich: Kulinarischer Gruß aus Peru: Das La Mar in Palermo serviert bestes Ceviche

Kulinarischer Gruß aus Peru: Das La Mar in Palermo serviert bestes Ceviche

© Malte Jäger
Wahnsinnlich:Frisch aufgegossener Mate-Tee ist am Río de la Plata allgegenwärtig

Frisch aufgegossener Mate-Tee ist am Río de la Plata allgegenwärtig

© Malte Jäger
Wahnsinnlich: Auch Hundesitter Fernando hat ihn immer dabei

Auch Hundesitter Fernando hat ihn immer dabei

© Malte Jäger
Größenwahn: Obelisk auf der Avenida Nueve de Julio

Größenwahn: Obelisk auf der Avenida Nueve de Julio

© Malte Jäger

 Die Milongas sind die traditionellen Tanzclubs, und Fiores Lehrer begleiten ihre Schüler häufig dorthin, „denn dort herrschen strenge Regeln“, wie die 48-Jährige sagt. Wer die nicht kennt, bleibt unter Umständen den ganzen Abend unaufgefordert sitzen. Deshalb ist eine erfahrene Begleitung nützlich. Jemand, der weiß, dass die Tanzschuhe auf der Toilette angezogen werden und nicht am Tisch. Jemand, der den Anfängern erklärt, dass man während der Tanda, der Folge aus drei bis vier Liedern, nicht viel spricht, dass aber der Small-Talk in der Cortina, der Pause, zum guten Ton gehört.

Wir fahren zum Club Gricel im Viertel San Cristóbal. Rotes Licht empfängt uns, unter der Decke rotieren Ventilatoren, auf dem Parkett die Tänzer. „Der älteste Stammgast ist heute auch da, Blanquita ist letzte Woche 93 geworden“, sagt Fiore und deutet auf eine grauhaarige Dame in einem roten Kleid und mit hochhackigen Schuhen.

Die Aufforderung zum Tanz folgt einem wortlosen Ritual. Blickkontakt, die Frage nur ein Nicken: Möchten Sie tanzen? Will sie nicht, schaut die Dame einfach weg. Wer baggert, muss mit Zurückweisung rechnen, denn Tango ist sinnlich, aber nicht sexuell. Die Akrobatik des Show-Tangos, bei dem die Frauen ihre Beine bis unters Kinn recken, sich in die Luft werfen lassen und die Fersen zackig Richtung Po kicken, gibt es hier auch nicht. Immerhin ist das Verletzungsrisiko gering. Ich wage mich mit Luc auf die Tanzfläche. Mit ernsten Gesichtern, Wange an Wange, gleiten die anderen Paare an uns vorbei. Für ein paar Sekunden schaffe ich es, nicht zu denken und den Schritten von Luc zu folgen, der uns haarscharf an jeder drohenden Kollision vorbeimanövriert. Das ist es wohl, das Lebensgefühl von Buenos Aires: Alles ist eine unendliche Improvisation.

EZE

,

Zum Ziel

Lufthansa fliegt täglich von Frankfurt (FRA) nach Buenos Aires (EZE). Ihre Meilengutschrift errechnen Sie per App: Download unter
miles-and-more.com/app