Leipziger Abendlicht: Hier kreuzen sich die Kulturen
© Felix Adler

Zug um Zug

  • TEXT STEFFIE HENTSCHKE
  • FOTOS FELIX ADLER

Früher wollten alle weg, jetzt wird saniert, eingezogen und Eis geschleckt: Die Eisenbahnstraße ist Leipzigs neuestes Trendviertel. Unsere Autorin, selbst Sächsin im ­Hamburger Exil, erforscht den Hype.

Meine Beine baumeln in der Luft. Ich sitze auf der Fensterbank, die Morgensonne wärmt mein Gesicht. Mit der Hand fahre ich über die rohe Fassade, der spröde Putz zerbröselt zwischen meinen Fingern. In der Wohnung gegenüber halten die Vorhänge den Tag noch auf Abstand, vor dem Café unten hieven Männer schon Kisten mit Fladenbroten aus einem Transporter. Vögel zwitschern, Autos hupen, unter meinen Füßen kracht eine Straßenbahn über die Gleise. Ich sehe ihr nach, sehe meinen Sehnsuchtsort.

Man könnte viele Geschichten über die Leipziger Eisenbahnstraße erzählen, ich erzähle meine. Die zwei Kilometer lange Magistrale im Osten der Stadt verbindet das Zentrum mit dem Umland. Auf der einen Seite, in Sellerhausen, geht die Sonne auf, auf der anderen geht sie unter. Ich wuchs in Sachsens Hinterland auf, lebe aber nun seit bald zehn Jahren in Hamburg. Jetzt bin ich zu Besuch bei meiner Freundin Annabella, wie ich Anfang 30 und in Leipzig groß geworden. Annabella wohnt am Ende der Eisenbahnstraße. Will man verstehen, was wir in dieser Straße sehen, muss man zu ihren Anfängen zurück.

Die Eisenbahnstraße verbindet drei Stadtteile, das allein schon macht es schwer, sie zu erfassen. Trotz der Nähe zum Stadtzentrum, nur gut zehn Minuten vom Hauptbahnhof entfernt, wirkte sie lange verlassen wie ein Randbezirk. Trotz ihrer reichen Architektur, ihrer leicht dekadent wirkenden Gründerzeitbauten, blieben die meisten Häuser nach der Wende lange Zeit unbewohnt. In den Neunzigern füllte die Stadt den Leerstand mit Asylbewerbern aus dem ehemaligen Jugoslawien, aus Afrika, Zuwanderer vom Balkan, aus Vietnam und Polen kamen hinzu. Die Neuen blieben unter sich, waren auf sich gestellt. Soziale Ausgrenzung und Aussichtslosigkeit trugen dazu bei, dass ­Kriminelle das Viertel eroberten. Das war die Wirklichkeit, die Annabella vor sechs Jahren noch vorfand: „Damals hatten meine Freunde Angst, mich hier zu besuchen.“

Multikulti-Shopping an der Eisenbahnstraße

Multikulti-Shopping an der Eisenbahnstraße

© Felix Adler
Eisenbahntrasse in Leipzig

Eisenbahntrasse in Leipzig

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  Ihre Wohnung: knarzende Dielen im Flur, schwere Holz­türen. Altbau, teilsaniert, das war der Rahmen, den Annabella ihrem Leben geben wollte. Sie riss die vergilbten Tapeten von den Wänden, füllte die Regale in der Küche mit eingelegten Oliven, Zitronen und frischen Kräutern, die sie in den Gemüseläden in der Nähe fand. Die Eisenbahnstraße ist der Melting Pot der Stadt, mit vietnamesischen und syrischen Imbissen, einem irakischen Lebensmittelladen, einer russischen Videothek, einem koreanischen Supermarkt zwischen Telefonshops und Friseuren. Wir laufen die Treppe hinunter, wuchten die Haustür auf. Der Asphalt glitzert im Mittagslicht, ein Umzugswagen rauscht vorbei. Annabella freut sich. „Jetzt kommen alle gern hier hin.“

Die Gegend rund um die Eisenbahnstraße gilt neuerdings als attraktive Adresse in Leipzig. Den Anfang machten auch hier Künstler und Kreative, es folgten Studenten, dann, dem klassischen Drehbuch der Erneuerung gehorchend, die Investoren. 2016 lag die Zuzugsrate bei 30 Prozent, das ist sogar im wachsenden Leipzig echter Rekord. Vergaß man vor einem Jahr auf halber Strecke in der Eisenbahnstraße noch, wie viele leere Fenster man schon gezählt hatte, verliert man nun angesichts der vielen frisch sanierten Fassaden den Überblick. Vor allem die Studenten fürchten sich die Mieten künftig nicht mehr leisten zu können. „Leipzig für alle – gegen Mietenwahnsinn und Verdrängung!“ steht auf Plakaten, die jemand auf mit Sperrholz vernagelte Geschäftsfenster geklebt hat.

Alte Häuser, junges Leben: Die Eisenbahn­straße zieht viele Studenten an

Alte Häuser, junges Leben: Die Eisenbahn­straße zieht viele Studenten an

© Felix Adler
Annabella Siebknecht gehört zu den Ureinwohnern der ­Eisenbahnstraße

Annabella Siebknecht gehört zu den Ureinwohnern der Eisenbahnstraße

© Felix Adler
Eine Wohnung ...

Eine Wohnung ...

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... in Leipzig

... in Leipzig

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  An der Ecke Hedwigstraße/Ludwigstraße, eine Querstraße weiter, hat vor ein paar Monaten die Eisdiele Molekühl aufgemacht. Draußen kämpfen Kinder gegen die Regeln der Physik, selbst die coolste Kugel schmilzt im Sonnenlicht. Drinnen wuschelt sich Jona Funke durch seine Haare, streicht stolz über die Vitrine. „Ich hatte fast kein Budget, aber Bock, hier was aufzubauen“, sagt der 21-Jährige, der eigentlich Ingenieurwesen studiert. Hellgraue Wände, Bänke aus unbehandeltem Kiefernholz, Lampen im Industrial Design: Was ging, hat Jona selbst gebaut, den Rest auf Flohmärkten zusammengeklaubt. Mit seinem Freund Ronny Naundorf schraubte er vier Wochen lang in diesem verlassenen Imbiss herum. Heute gehen Salted Caramel, Orange-Rosmarin und Erdbeer-Basilikum für 1,20 Euro die Kugel über den Tresen.

Vor dem Molekühl reckt eine junge Frau mit bauchfreiem Top und schwarzen Rastas ihren Kopf gen Himmel. Amira Schauki, ebenfalls 21, ist Jonas Freundin. Sie wartet auf einen Studienplatz an der Kunsthochschule, in der Zwischenzeit hilft sie bei ihm aus. Wenn sie nicht gerade Posts für Instagram vorbereitet, macht sie es sich auf der Bank vor dem Schaufenster bequem und beobachtet das ­Leben, zu dem der Eisladen die Straßenecke erweckt hat. Ein paar Leute sind auf den Stromverteilerkasten geklettert, zwei Freundinnen sitzen in der Sonne. Amira lächelt: „Natürlich ist Gentrifizierung nicht geil“, sagt sie, „aber jetzt wird die Eisenbahnstraße endlich schön.“

Eis ist mein Gemüse: Erdbeer, Basilikum und mehr Eissorten gibt es

Eis ist mein Gemüse: Erdbeer, Basilikum und mehr Eissorten gibt es ...

© Felix Adler
bei Jona Funke, Amira Schauki und Ronny Naundorf in ihrer Eis­diele „Molekühl“

... bei Jona Funke, Amira Schauki und Ronny Naundorf in ihrer Eis­diele „Molekühl“

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Spielhallen und Bioläden, Studenten und türkischer Tee: Die Eisenbahnstraße lebt von der Vielfalt

  Ein milder Wind streift die Bäume. Annabella und ich laufen an Spielhallen und dem Bioladen vorbei, alte Männer trinken türkischen Tee, junge Mädchen schießen Selfies. Die Luft riecht nach Hummus und Schawarma, nach Koriander und Kreuzkümmel, nach dem Osten, wie er sein kann, wenn bunte Nachbarschaft klappt. Vor dem Brothers Café sitzt Mucahid Yakut und versucht, Hochdeutsch zu sprechen. Als Kind kam er aus der Türkei nach Leipzig, er sächselt aus vollem Herzen. Der 23-Jährige ist der Einzige im Laden, der die Handwerker aus Torgau und Wurzen, die hier neuerdings viel zu tun haben, gut versteht. Alle probieren das Rührei mit Sucuk, manche suchen danach seinen Rat. „Neulich kam ein Bauarbeiter und beklagte sich“, erzählt Mucahid, „seine Frau war sauer auf ihn, weil er auf einmal lieber türkische als deutsche Wurst isst.“

Als Mucahids Vater und dessen zwei Brüder vor drei Jahren das Brothers eröffneten, waren die Speisekarten in der Gegend vor allem auf Arabisch, Russisch, Türkisch gedruckt. Dazwischen gab es Kneipen, an deren Türen Schilder hingen: „Zutritt nur für Deutsche“. Viel Nebeneinander, wenig Zusammenhalt.

Die ­Yakuts wollten einen Ort schaffen, an den Mucahid seine ostdeutschen Mitschüler und seine Mutter die Verwandten aus dem Westen einladen ­konnte. ­Mucahids Onkel ist Bäckermeister, er kam extra aus Hamburg, um beim Ausbau zu helfen. Er wusste, was ein Großstadtcafé bieten muss, damit sich alle wohlfühlen: Im goldenen Licht der Deckenlampen glänzen nun Tahini-Börek, Hamburger Franzbrötchen und sächsische Spritzkuchen in trauter Eintracht.

Emre Karakaya hat den ­Barbershop Elazig nach seiner türkischen Heimatstadt benannt

Emre Karakaya hat den ­Barbershop Elazig nach seiner türkischen Heimatstadt benannt

© Felix Adler
Styling zählt im Barbershop Elazig

Styling zählt im Barbershop Elazig

© Felix Adler

  Das Brothers hat mitgeholfen, die Eisenbahnstraße zum Leuchten zu bringen. Immer mehr Ladenbesitzer kratzen nun die Milchglasfolie von den Schaufenstern, sie verkaufen nicht nur Halal-Fleisch, sondern auch vegane Gerichte. Die Konkurrenz belebt die Gegend. Beinahe jede Woche macht ein Café, eine Bar oder sonst ein Geschäft auf. Annabella und ich streifen durch die Gegend, der Tag wird langsam müde, die Eisenbahnstraße immer noch munterer. Auf den Resten eingefallener Häusermauern sitzen Menschen, hungrig aufs Nachtleben, sie stärken sich mit Falafel vom Syrer, dazu ein Bier vom Konsum nebenan. Kurz vorm Torgauer Platz biegen wir nach links und laufen zu der kleinen Brücke, die sich über die Bahntrasse schlägt. Wie silberne Adern ziehen sich die Gleise bis zum Hauptbahnhof. Wir lehnen uns über das Brückengeländer und überlegen, wie die Geschichte der Eisenbahnstraße weitergehen könnte, in den nächsten ein, zwei, fünf oder zehn Jahren. Für den Moment ist es gut so, wie sie ist.

Schick in Schlappen: Muhacid Yacht vor der Familienbäckerei Brothers

Schick in Schlappen: Muhacid Yacht vor der Familienbäckerei Brothers

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Tequila Sunrise in der Bar Peter K.

Tequila Sunrise in der Bar Peter K.

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Eine Ecke weiter verkauft Sherko Jabari seit fast 30 Jahren Obst, Gemüse und mehr

Eine Ecke weiter verkauft Sherko Jabari seit fast 30 Jahren Obst, Gemüse und mehr

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Die Eisenbahnstraße von West nach Ost

1 Vary Plattenladen & Café
2 Eiscafé Molekühl
3 Café & Bar Analog
4 Bar Peter K.
5 Galerie Bistro 21
6 Brothers Café & Bäckerei
7 Veranstaltungsraum Kulturapotheke
8 Galerie Kunstraum E

© Cristóbal Schmal

Zum Ziel

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