Das neue Havanna
© Thomas Pirot

Das neue Havanna

  • TEXT LASLO SEYDA
  • FOTOS THOMAS PIROT

Kuba ist mitten im Wandel – nicht offen, nicht fundamental. Doch junge Aktivisten der Kultur-, Gastro- und Skater-Szene nehmen ihre Zukunft in die eigenen Hände und nutzen erstaunliche Freiräume. Ein Besuch in der Hauptstadt Havanna.

Pressluftgehämmer dröhnt über den Paseo del Prado, die Prachtstraße in der Altstadt von Havanna. Zwischen Fassaden mit prunkvollem Stuck und verschnörkelten Balustraden wachsen Neubauten aus Glas und Beton in die Höhe. Und in die Parklücken schieben sich moderne Mittelklassewagen zwischen die unkaputtbaren Oldtimer mit verrosteten Türen und mattem Lack in Türkis und Pink.

Es ist nicht zu übersehen: Nach langer Isolation ist der Karibikstaat Kuba auf dem Weg in die Moderne. Vor allem in der Hauptstadt wird der Wandel deutlich. Hier hat sich in den vergangenen Jahren eine Szene junger Menschen entwickelt, die das Land von innen heraus verändert – nicht mit Protesten, mit offenem Aufbegehren, sondern mit neuer Küche, moderner Mode, unkonventioneller Kunst und Trendsport. Sie wollen keinen Reichtum, sondern Spaß – und die Freiheit und den Raum, Sehnsüchte und Visionen zu verwirklichen.

Die Grundlage dafür hat Raúl Castro gelegt, der 2006 von seinem Bruder Fidel die Regierungsgeschäfte übernahm. Im Laufe seiner Amtszeit verabschiedete er Richtlinien, die Selbstständige legalisierten – ein Berufsstand, der bis dahin verboten war. Bei ihrem Treffen 2015 beendeten Kubas Staatschef und US-Präsident Barack Obama das sture Schweigen, das fast 60 Jahre zwischen ihren Ländern herrschte, und lockerten die Regeln für Reisen und Geldtransfers über die Meerenge zwischen Kuba und Florida. Seit Ende 2018 gibt es in Kuba freies Internet übers Handy. Und auch wenn die Planwirtschaft mit einer Verfassungsänderung im Fe­bruar 2019 noch einmal bekräftigt wurde, sind nun Privatbesitz erlaubt und ausländische Investitionen, die für das Wirtschaftswachstum so wichtig sind.

Wer jetzt nach Havanna kommt, der sieht und spürt: Die jungen Kubaner wollen mehr – und sie finden Wege, sich ihre Träume zu erfüllen. Ein Besuch bei den modernen Revolutionären.

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LEIRE FERNÁNDEZ UND INDIANA DEL RÍO, Modelabel-Gründerinnen

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Das Haus mit den geometrischen Figuren an der Fassade und dem goldenen VW Käfer vor der Tür fällt schon von Weitem ins Auge. 2015 eröffnete das Fashion-Label Clandestina hier sein Geschäft – und trifft mit seiner Mode einen Nerv. „Kubaner haben ein großes Stilbewusstsein, sie bemühen sich sehr um ihr Aussehen“, sagt Idania del Río (Foto, rechts), eine der beiden Gründerinnen. Ihre Großmutter habe immer die luftigsten Kleider getragen, ihre Mutter die kürzesten Röcke. Aber die staatlichen Läden verkauften nur billige Importmode, Kleider aus Polyester, Schuhe aus Plastik. „Was lange fehlte, war eine moderne kubanische Marke“, sagt die 37-Jährige. Mit ihrer Partnerin Leire Fernández, 53, produziert del Río nun eigene Klamotten. Dafür kaufen sie Altkleider, die sie bedrucken, besticken oder mit anderen Stoffen vernähen. Das Ergebnis: Tops mit dem Slogan „Nada es perfecto“, Arbeitsstiefel mit neongelben Sprenkeln, Beutel mit Siebdrucken des kubanischen Reisepasses, den sich viele nicht leisten können. „Die neue Form der Selbstbestimmung“, sagt Fernández dazu. Mittlerweile hat das Duo, unterstützt von Modeherstellern in Nicaragua, einen Onlineshop fürs Ausland eingerichtet. Die wichtigsten Kunden aber sind natürlich die Kubaner, die bei Clandestina 20 Prozent Rabatt bekommen.

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RAUL HÉRNANDEZ GONZÁLEZ, Gastronom

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„Meine Landsleute sollen das Essen neu entdecken“, sagt Raul Hérnandez González, den alle Bazuk nennen. Vor anderthalb Jahren hat der 33-Jährige sein Restaurant Grados in Vedado eröffnet, Havannas modernem Zentrum – heute gilt es als eines der besten des Landes. „Was Gastronomen vor mir erreicht haben, ist schon unglaublich“, sagt er. Ein Restaurant ohne Kochausbildung und einen freien Markt aufzuziehen sei allein eine Leistung. „Meist steht aber nur Schweinefleisch mit Reis und Bohnen auf der Karte.“ Um das zu ändern, besuchte Bazuk von 2009 bis 2011 unter vielen Schwierigkeiten eine Kochschule in Uruguay. Zurück in Havanna, baute er die vorderen Zimmer seines Elternhauses um, die früher an Touristen vermietet wurden. Hier sitzt man an massiven Holztischen mit weißen Tischdecken, serviert werden Shrimps mit Kokosnuss und Mango, Lamm mit einer scharfen Schokoladensauce und Fisch mit Yuca-Püree. Neue Würze für den kulinarischen Einheitsbrei – und bei Preisen um zehn Dollar recht günstig. Doch auch Bazuk kämpft mit dem Problem, dass zwei Drittel aller Lebensmittel importiert werden müssen. Um davon unabhängiger zu werden, will der junge Koch selbst Gemüse anbauen. Dann klingelt sein Handy, Bazuk springt auf: Sein Freund Eddy hat irgendwo Paprika aufgetrieben!

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YOJANY PÉREZ, Skater

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 Eine Kasernenruine südwestlich der Innenstadt: Das Dach ist eingestürzt, die Stützpfeiler sind überwuchert von Pflanzen. Über Stufen und Mauerresten liegen dicke Planken, über die ein paar Kinder und Jugendliche mit Skateboards rattern. Yojany Pérez, 30, lange Rasta­locken, aufgerissene Shorts, ist der Anführer der kleinen Crew von „CubaCrete“. Er skatet, seit er 14 Jahre alt ist.

Ihren Ursprung hat die Szene in den späten Achtzigern, damals ließen sowjetische Soldaten ihre Bretter zurück. Für die Kids von Havanna gab es kein Halten mehr. Weil die Regierung den US-geprägten Sport aber missbilligte, wurden nie Anlagen gebaut, auf denen man vernünftig fahren konnte. Im Gegenteil: Wer von der Polizei beim Skaten erwischt wurde, musste Bußgeld zahlen. Zudem fehlte es schlicht an rollendem Material. „Manche haben sich ihre Bretter aus alten Möbeln geschnitzt“, erzählt Pérez. Um der Malaise abzuhelfen, hat er sich vor einiger Zeit mit dem Verein Amigo Skate in Miami vernetzt. Der sammelt Skateboards, Schuhe und Kleidung und schickt sie nach Kuba. Mit Spenden­geldern sollen außerdem richtige Pipes und Rampen gebaut und Freizeitangebote für Kinder geschaffen werden. Pérez leitet das Projekt vor Ort. „Anfangs waren viele Eltern misstrauisch – inzwischen haben wir sie überzeugt, dass wir gut aufeinander aufpassen.“

Hunderte Skater gibt es allein in Havanna. Seit Kurzem händigt das Ministerium für Kultur und Sport offizielle Ausweise für Skater aus: Wer einen bei sich trägt, ist vor Strafe sicher. „Und dass wir uns anders kleiden als die meisten Kubaner, hat noch lange nichts mit Rebellion zu tun“, sagt Pérez, „das ist einfach unser Stil, und wir wollen jedem eine Gemeinschaft bieten.“

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ROBIN PEDRAJA, Journalist

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Blitzlichter flackern auf, laute Musik hallt durch das Estudio 50, eine Lagerhalle vier Blocks östlich der Avenida Independencia. Vor einer weißen Fotowand posiert ein lässiger Kerl mit Afro-Frisur. Hinter der Kamera, voll konzentriert: Robin Pedraja, der uns um Geduld bittet, ohne wirklich vom Sucher aufzuschauen.

Nach einer Stunde ruft uns Pedraja in das dunkle Büro mit den tiefen Sofas am hinteren Ende der Halle. Der 32-Jährige, graue Jeans, feuerrote Sneaker, ist Chefredakteur des Magazins Vistar, frei übersetzt „Stars im Blick“. Pedraja hat es vor fünf Jahren gegründet. Mit einem guten Dutzend Autoren und Fotografen berichtet er über kubanische Soap-Darsteller und Salsa-Musiker, porträtiert Balletttänzer und Opernstars. Dazu shootet er Mode und Konzerte, gibt Ausgehtipps und Promi-­News – alles in knalligen Layouts. „Viele Kunstformen sind festgefahren, im Journalismus aber kann ich immer Neues ausprobieren.“ Weil Druck, Vertrieb und Fotorechte für eine Print-Ausgabe nicht finanzierbar wären, erscheint Vistar digital – und kostenlos. Das Geld für die Produktion kommt größtenteils von Investoren aus Flo­rida – oder von Coca-Cola oder Marlboro, für die der junge Kreative auch Kampagnen für den kubanischen Markt kreiert. Pedrajas erstaunliche Erklärung: „Anders als im kubanischen Fernsehen ist Werbung in Magazinen erlaubt – sogar von US-Marken.“

Pedraja deutet an die Wand über seinem Kopf. Da hängen Grundrisse der Lagerhalle, mehr als 2300 Qua­dratmeter insgesamt, mit gestrichelten Linien für geplante Zwischenwände. Sein Plan: einen TV-Sender aufzubauen, einen Radiosender, irgendwann einen eigenen Entertainment-Award zu verleihen. „Vistar soll zu einer Marke werden und das Estudio 50 unser Hauptquartier“, sagt Pedraja, der damit Kubas erster Medienmogul wäre.

Was aber ist mit der Zensur? Nichts, erklärt Pedraja, schließlich würden sie in Vistar nicht über Politik reden. „Aber es gibt ja viele Möglichkeiten der Meinungsäußerung“, sagt er – und mehr nicht. Doch manches ist offensichtlich: Im Sommer 2018 zierte Aymée Nuviola das Cover, eine einheimische Sängerin, die regelmäßig in den USA auftritt und sich für bessere Beziehungen zwischen beiden Ländern einsetzt. Das Mai-Cover feierte eine Gruppe von Travestie-Stars – ein Signal gegen Diskriminierung. Als Nächstes könnte Alex Cuba, der Mann mit dem Afro, zum Vorbild der Leser werden: gebürtiger Kubaner, ausgewandert nach Kanada, vierfacher Latino-­Grammy-Gewinner, zweimal für den US-Grammy nominiert, seiner Heimat aber noch immer verbunden.

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ROSEMARY RODRÍGUEZ, Kulturmanagerin

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Kubas künstlerisches Epizentrum liegt an der Calle 26 in Havanna, inmitten verfallener Industriehallen, leerer Parks und grauer Plattenbauten. „Kulturell gesehen war diese Gegend bis vor wenigen Jahren Brachland“, sagt Rosemary Rodríguez, 35, die uns am Seiteneingang eines Backsteinbaus mit hohem Schornstein und riesigen Metalltoren begrüßt. Rodríguez ist Kuratorin der Fábrica de Arte Cubano, kurz FAC, einer Mischung aus Galerie und Nachtclub. An den grob verputzten Wänden hängen Aquarelle, Collagen und Fotoprints. In einer Halle mit blauen Leuchtwürfeln an der Decke wird gerade ein Thea­terstück geprobt, in einem Nebenraum flimmern Charlie-­Chaplin-Filme über eine Leinwand, auf den Fluren kün­digen Plakate Fashion-Shows und Jazzkonzerte an.

Weil das Museo Nacional de Bellas Artes einige Jahre renoviert wurde, war zeitgenössische Kunst lange Zeit von der Bildfläche verschwunden. „Außerdem interessier­ten sich junge Kubaner lange nicht für Galerien und Museen“, erklärt Rodriguez. Das änderte sich erst, als der Musiker X Alfonso 2008 die FAC gründete, zunächst als Wanderausstellung. 2014 überließen die Behörden den Machern die alte Speiseölfabrik. Anfangs hätten die Besucher mit den Kunstwerken gespielt – den bunten Haustürschlüsseln, die im Erdgeschoss an einer Wand hängen, der Tape-Art, die daneben klebt. Langsam aber würden sie sich inhaltlich mit Kunst auseinandersetzen. Außerdem würden die Werke von Künstlern aus aller Welt wiederum andere Prominente anlocken, US-Musiker zum Beispiel. Der R&B-Sänger Usher ist hier aufgetreten, das Elektro-Trio Major Lazer, sogar Quincy Jones. Wann können die Kubaner solche Stars schon live erleben?

Die FAC ist aber auch ein Fluchtpunkt für alle, die die zigarrengeschwängerte Luft der Altstadtbars leid sind und den Salsa, der aus jeder Touristenkneipe schallt. Rodríguez hat Kulturhungrigen noch spätabends etwas zu bieten, wenn Havannas Innenstadt längst verwaist ist. Bis zu 1000 Besucher zählt die Kunstfabrik an manchen Abenden – nicht nur wegen des Kulturangebots. „Wir wollen auch ein Ort der Integration sein“, sagt die Kuratorin. Die Kunstfabrik spendet zerbrochene Flaschen und Gläser, die in den Recyclinghöfen bares Geld bringen würden, für gemeinnützige Zwecke. Vor einiger Zeit renovierte das Team kurzerhand in Eigenregie die Arztpraxis des Viertels. Und an jedem ersten Sonntag im Monat lädt die FAC zum Tag der offenen Tür mit warmen Mahlzeiten, kostenlosen Konzerten, Gratis-Kunstkursen und Gesprächsrunden – ein Ersatz für die traditionellen Nachbarschaftsfeste, die es auf Kuba kaum mehr gibt.

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Kolonialarchitektur: typisch für Kubas Vergangenheit. Doch die Zukunft hat längst begonnen - sogar am Monument für den Freiheitskämpfer Máximo Gómez gibt es inzwischen einen WLAN-Hotspot

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Ins Rollen gebracht: Im Stadtteil Playa haben Havannas Skater eine alte Kaserne in den Skatepark Cuba-Crete verwandelt

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Wandbilder vor dem Kulturzentrum FAC

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Im Estudio 50 wird das Magazin "Visitar" produziert

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La Marca ist Havannas erstes offizielles Tattoostudio

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Kubanische Avantgarde: Bild des Malers Carlos Quintana

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Fixpunkte der Kulturszene: Innenhof der Fábrica de Arte Cubano, kurz FAC

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