Trauminsel

  • TEXT KRISTIN RÜBESAMEN
  • FOTOS STEPHANIE FÜSSENICH

St. Petersburg hat eine neue Attraktion: Die Insel New Holland, einst auf Zaren-Geheiß als Werftgelände erschlossen und bebaut, wird gerade zum heißen Anlaufpunkt für die internationale Kunst-, Gastro- und Bohemeszene – und zugleich zum Ort des kleinen Glücks für die Einheimischen.

Atemlos stolpert eine junge Frau im Sommerkleid über die Wiese, wirft ihre Handtasche achtlos zu Boden und begrüßt noch schnell ein paar Freunde in der Menge. Dann beginnt im Freiluftkino auf der Insel New Holland Island mitten in St. Petersburg, auf der einmal ein Gefängnis stand, die Vorführung des amerikanischen Spielfilms „Give Me Liberty“. Keine Frage, die Veranstalter des International Debut Film Festival haben Humor. Die grimmige Komödie erzählt von einem jungen Krankenwagenfahrer, der eine Gruppe alter Russen zu einer Beerdigung bringt, obwohl ihn das den Job kostet. Die Leute klatschen lange und nachdenklich, als der Abspann läuft. Noch bevor die Diskussion mit dem russischen Regisseur Kirill Mikhanovsky beginnt, steht ein Mann in der ersten Reihe auf und geht: Roman Abramowitsch, der Oligarch, mit dessen Geld das Festival, der gepflegte Rollrasen, die Sanierung der Gemäuer, eigentlich alles, was New Holland Island ausmacht, finanziert wird.

Die Insel New Holland ist ringsum von Kanälen umflossen und nur über eine kleine Brücke zugänglich

Strandidylle mitten in St. Petersburg: Sonnenbad auf der Insel New Holland Island

  Geschaffen 1719 von Zar Peter dem Großen liegt die Insel umflossen von schmalen Wasserstraßen wie ein gleichschenkliges Dreieck mitten zwischen Eremitage, Admiralitätskanal, Mariinski-Theater und dem Palast des Großfürsten Alexei Alexandrowitsch. Voller Nostalgie nannte Peter, der in Holland den Schiffbau studiert hatte, die Insel New Holland Island und ließ darauf eine Werftanlage im holländischen Stil errichten: riesige Lagerhallen in rotem Backstein, in denen zu Zeiten des Zaren Holz für den Schiffbau gelagert wurde, vor den Hallen toskanische Granitsäulen, und als Eingang ein monumentaler neoklassischer Bogen, 1788 entworfen von Jean-Baptiste Vallin de la Mothe.

Behutsam restauriert „schwimmt“ die Insel heute im historischen Zentrum der Stadt. Sie ist momentan nur über eine kleine Brücke erreichbar, die Tag und Nacht bewacht wird. Die imponierenden Hallen entlang des Ufers verweisen auf die einstige Größe der russischen Seemacht und lassen genug Platz für einen Park, der ein bisschen wie eine Miniausgabe des Londoner Hyde Park wirkt. Pavillons, in denen Eis zu kaufen ist, ein Kräutergarten, eine Open-Air-Bühne, ein kleiner See und ein Gebäude mit Restaurants und teuren Geschäften verteilen sich harmonisch wie in einer Spielzeuglandschaft: der Mikrokosmos einer perfekten Stadt, ein Atoll zum Aufatmen. Für alle. Geht das in einem Land, das es sich nicht immer leicht macht mit dem, was wir unter Freiheit verstehen?

Ruhezone:
Besucher im Park von New Holland Island

Gute Nachbarschaft:
Das Winterpalais liegt in Sichtweite der Kultur-Insel

Das Restaurant Kuznya
– zu deutsch: Gießerei – serviert feine Küche in historischen Mauern

  „Ich weiß, dass das für euch demokratiegewohnte Westler schwer zu begreifen ist“, sagt die junge Frau im Sommerkleid später auf einer Privatparty von Roman Abramowitsch bei Kaviar und Lachs in Salzkruste. Sie heißt Anastasia Kutova und arbeitet für das Moskauer Garage Museum, das 2008 als private Kunstgalerie und gemeinnütziges Projekt von Abramowitsch mit seiner damaligen Freundin Dasha Zhukova gegründet wurde. Anastasia ist eigens für den Abend angereist. Sie sagt: „Die Sowjetzeit steckt uns noch in den Knochen – und Orte wie dieser helfen uns dabei, uns neu zu erfinden.“ Nach Gruppentherapie sieht es nicht aus auf dieser Party, auf der sich die Kunst-Boheme aus Moskau und St. Petersburg um Abramowitsch drängt. Offiziell findet die Party zum Auftakt des Festivals statt. Aber die hübsch gemachten jungen Frauen in Abramowitschs Nähe, die jede seiner Bewegungen instagrammen, verraten, dass der wahre Grund die Tatsache ist, dass sich der Milliardär überhaupt mal wieder zeigt.

Ob sich Abramowitsch, der die Insel mit seiner Firma Millhouse, LLC ersteigerte, hier sein eigenes „New-Amsterdam“ errichten will? Die noch laufende Renovierung der Gebäude unterliegt wegen des Denkmalschutzes strengen Auflagen. Der vorherige Investor – ebenfalls ein Oligarch, der den Star-Architekten Norman Foster anheuerte – scheiterte 2006 an Schwierigkeiten mit dem Denkmalschutz. Es folgten die niederländischen Avantgarde-Architekten von West 8. Sie gaben der Insel ihre Identität als neues kulturelles Zentrum der Stadt, ohne Altes abzureißen (wie Foster es gerüchteweise vorhatte).

 

 Unser Essen ist nicht teuer. Wir wollen, dass es sich jeder leisten kann

Die Inhaber des Restaurants Dzamiko

 

  Abramowitsch spricht von „sozialen Verpflichtungen“, deretwegen er die sumpfige, jahrzehntelang unter Schutt begrabene Insel gekauft habe. Doch reine Philanthropie wird das angeblich 300 Millionen Euro teure Investment nicht sein. Vorerst können junge Unternehmer dennoch davon profitieren, zum Beispiel die Inhaber des Dzamiko, eines der kleinen Restaurants im einstigen Militärgefängnis, das wegen seiner kreisrunden Form „Flaschenhaus“ genannt wird.

Während draußen Möwen im Sinkflug über die Insel jagen, genießen junge Familien, Liebespaare und Studenten gedrängt an langen Holztischen Rote-Bete-Carpaccio mit Backpflaumen und Ingwer, Khachapuri (Blätterteigtaschen mit Käse), Spinat mit Walnüssen und selbst gepresstem Sonnenblumenöl, Auberginen mit gehackten Erdnüssen – kurz: all das, wofür die georgische Küche geliebt wird. „Unser Essen ist nicht teuer. Wir wollen, dass es sich jeder leisten kann“, sagen die Besitzer, Alexander Bugayewskiy und Klim Zhukov, beide jung und ehrgeizig. „Die Küche der Sowjetzeit war lieblos, schwer, kalorienreich, über alles haben sie ihre fettige Mayonnaise gegossen. Das Motto lautete: Arbeite hart, iss hart.“ In Georgien sei das genau umgekehrt: Jede Mahlzeit sei ein Fest, es werde mit Liebe gekocht und mit Liebe gegessen. Diese Gerichte anbieten zu dürfen sei ein Beitrag zum Humanismus. Später, am Nachmittag, spielen im Park kleine Kinder selbstvergessen im Gras, ihre Eltern sitzen barfuß dabei. Alkohol mitzubringen ist verboten, ebenso das Rauchen. Diskret streifen junge Männer in sandfarbenen Fantasieuniformen über die Insel – Security, die aufpasst, dass die Regeln eingehalten werden.

Gebannte Zuschauer auf der Parkwiese

Markanter Kopfbau mit dem Motto der Künstlerin Alicia Eggert

Film ab: Freiluftkino-Vorführung auf der New Holland Island

  Ein Park war in Russland schon immer mehr als eine Wiese mit Eiscreme-Kiosk. Zu Sowjetzeiten hieß er „Park der Kultur und Erholung“, man betrat ihn durch einschüchternde Portale. In Musikpavillons spielten Armee-Orchester Märsche, es wurde sogar getanzt. Das Paradebeispiel, errichtet 1935 für den „Neuen Menschen“, war der Moskauer Gorki-Park mit seinem Planetarium, dem Riesenrad und dem Toilettenhäuschen in Form einer Grotte. Der „Neue Mensch“ sollte sich in Stalins Gesamtkunstwerk aber nicht nur amüsieren, er sollte sich auch bilden und körperlich herausfordern. Doch mit dem Untergang der sowjetischen Kultur musste auch der Gorki-Park eine neue Rolle finden. Die Macher des Garage Museum pochen auf die Aufklärungsrolle, die das Haus am Rande des Parks für die zeitgenössische Kunst spielen sollen: Über die frisch entstandenen Gräben zwischen Ost und West soll die Kunst eine Brücke bauen – ein großer Traum.

In St. Petersburg, wo das Leben deutlich unbeschwerter wirkt als in Moskau, träumen Roman Abramowitsch und seine Ex-Freundin für ihre kleine Insel ihren eigenen kapitalistischen Traum. Für die Hipster, die hier ihre Filme zeigen, ihr Design und ihre Architektur feiern können, ist die Tatsache, dass diese Trauminsel in Russland liegt, kein Problem. Auch die Liebespärchen und Familien, die ihre Picknickkörbe auspacken unter dem endlos weiten Himmel, wollen nur eins: einfach ausatmen. Denn wie die Künstlerin Alicia Eggert, die den Slogan für das Projekt lieferte, in ihrer Installation sagt: „You are (on) an island.“