Iván Fischer
© Jonas Holthaus

Der Spielmacher

  • TEXT SEBASTIAN HANDKE
  • FOTOS JONAS HOLTHAUS

Ein Dirigent, der nicht eitel ist – gibt’s das? Wohl kaum. Iván Fischer aber ist nahe dran. Er pfeift auf die Regeln des Klassik-Betriebs – und erfindet lieber das Orchester neu.

Er wollte das nicht. Niemals. Ein ganz normales Orchester! Radikal unmöglich fand er das, als er ein junger Mann war – von seiner beginnenden Welt­karriere hatte Iván Fischer da schon die Schnauze voll. Spröde, streng und stolz kamen ihm die eta­blierten Orchester vor, schlimmer noch: lustlos und beamtenhaft. Also gründete er selbst eines. Knapp 35 Jahre später gehört das Budapest Festival Orchester zu den besten der Welt. Ein kleines Wunder.

Aber nun treffen wir uns doch am Berliner Gen­darmenmarkt, zwischen all dem preußischen Archi­tektur-Pomp – spröde, streng und stolz. Denn seit fünf Jahren arbeitet Fischer auch hier, als Leiter des Berliner Konzerthaus-Orchesters. Der gebürtige Ungar, sanft, dickköpfig und blitzgescheit, immer zu einem Späßchen aufgelegt, sagt viel mit seinen hellwachen Augen. Dabei hat er das Augenzwinkern schon in der Stimme: dieser herrliche ungarische Singsang, eine Musik für sich. Der 66-Jährige ist höflich, das Gespräch verläuft anregend, aber man spürt, dass er jetzt lieber etwas anderes täte. Musik machen zum Beispiel. Oder schwimmen, an der Krummen Lanke.

Aufgeschlagene Noten im Übezimmer: Hier hat eben noch eine Harfe geprobt

Aufgeschlagene Noten in einem der Übezimmer: Hier hat eben noch eine Harfenistin geprobt

© Jonas Holthaus
Fischers Lieblingsplatz im Casino, der Künstlerkantine des Konzerthauses am Gendarmenmarkt. In der Pause flieht er nicht in die Restaurants der Friedrichstraße, sondern lässt sich hier das Tagesgericht schmecken

Fischers Lieblingsplatz im Casino, der Künstlerkantine des Konzerthauses am Gendarmenmarkt. In der Pause flieht er nicht in die Restaurants der Friedrichstraße, sondern lässt sich hier das Tagesgericht schmecken

© Jonas Holthaus

Herr Fischer, manchmal, wenn man Sie so reden hört, könnte man denken, Sie mögen Ihre Arbeit nicht besonders …

Ich ertrage diesen Beruf wegen der Musik. Es gibt ja Leute, die tatsächlich Dirigent werden wollen. Die sind mir schon suspekt.

Warum tun Sie sich das an?

Wenn die Musik gelingt, lohnt es sich. Dann würde ich sagen: ist schon ein guter Beruf.

Aber …?

Es gehört so viel anderes dazu. Das Schein­werferlicht, die vielen Hotels, das Geschäftliche … Vor allem die Machtfigur des Dirigenten, das finde ich eher widerlich, nicht sympathisch.

Aber diese Macht brauchen Sie doch. 100 Musiker sollen zu einer Einheit verschmelzen.

Ein Orchester muss natürlich ganz einheitlich spielen. Einzelne Sabotage-Aktionen kann es nicht geben … (lacht). Und trotzdem muss alles aus dem Inneren des Musikers kommen, aus seinem Gefühl heraus. Dieses Paradox finde ich sehr interessant.

Wie lösen Sie es auf?

Indem ich von den Musikern keine untergeordnete Rolle fordere, sondern sie überzeuge. Das ist der beste Weg. Es braucht hundertprozentiges Vertrauen, damit diese totale Einheit aus der Seele heraus entsteht.

Jeden Vorschlag des Fotografen kontert Iván Fischer mit einer eigenen Idee. So auch hier: „Ich wollte schon immer mal auf der Bühne schlafen“

Jeden Vorschlag des Fotografen kontert Iván Fischer mit einer eigenen Idee. So auch hier: „Ich wollte schon immer mal auf der Bühne schlafen“

© Jonas Holthaus

  Kann man im Kollektiv kreativ sein? Die Frage treibt Fischer um. Oft ist es ja so: Kaum hat der Musiker einen Platz im Orchester ergattert, sind seine Ideen nicht mehr gefragt – er spielt nur noch so, wie andere es ihm sagen. Der Geist wird matt, das Spiel mechanisch. In Fischers Budapester Orchester, er nennt es sein „Laboratorium“, gibt es deshalb keine Angestellten. Die Musiker verbringen dort so viel Zeit, wie sie möchten, haben auch Projektverantwortung, ansonsten gehen sie eigenen Interessen nach. Sie werden Entrepreneur und bleiben darum Frei­­geist – damit sie beim nächsten Mal, wie es im Musiker-Jargon heißt, wieder auf der Stuhlkante sitzen.

Fischer verschwindet auch nicht in sein Dirigentenzimmer, wenn eine Probe beendet ist. Er mischt sich unter die Musiker, plaudert mit ihnen, hört sich ihre Vorschläge an. Wenn etwas funktioniert, wird es übernommen. Fischer hat es nicht nötig, sich als magisch inspirierter Stabschwinger zu inszenieren, er ist das Gegenteil eines auratischen Pult-Despoten. Dass er sich selbst vor allem als Musiker versteht, nicht als Dirigent, verschafft ihm auf andere Weise den nötigen Respekt.

Seine Kindheit verbrachte Fischer direkt am Andrássy út, Budapests berühmtem Prachtboulevard schräg gegenüber der Oper. Er lernte Klavier, ­Geige und Cello; das Dirigieren aber hatte er nicht auf dem Zettel. Es fiel ihm halt leicht. Also nahm er, eher halbherzig, 1976 an einem renommierten Wettbewerb teil. Und gewann. Sein Kommentar: „Irgendjemand hat wohl gemerkt, der Junge dirigiert ja auch ganz gut.“

Damit war der Weg bereitet. Die wichtigsten Orchester und Opernhäuser weltweit holten ihn ans Pult, er arbeitete in Amsterdam, New York, Paris. Aber Fischer war unzufrieden, langweilte sich gar. Das Leben des Dirigenten-Jetsets mochte er nicht. So blieb er ein ewiger Geheimtipp, obwohl er längst zu den Großen der Zunft gehört. Fischer nennt das „negatives Marketing“. Er betreibt es mit Vorsatz.

Ivan Fischer im Konzerthaus Berlin

Fischers Unrast ist wunderbar widersprüchlich: Schalk und Ernst finden zwanglos zueinander

© Jonas Holthaus
Das Konzerthaus Berlin wurde 1821 eröffnet

Die Bronze-Skulpturen vor der Fassade des Konzerthaus stehen für die Macht der Musik

© Jonas Holthaus

Fast wären Sie Weltstar geworden …

Viele denken, es gäbe für Dirigenten kein größeres Glück, als vor einem Spitzenorchester mit den Händen zu wedeln. Mich motiviert das überhaupt nicht. Ich möchte das Orchester der Zukunft erfinden. Und vor allem will ich mich nicht wieder­holen. Das wäre furchtbar.

Schleicht sich nicht doch immer auch Routine ein?

Ja, das kommt vor. Dann gehe ich weg.

Aber egal, wo Sie hingehen – es wird ja doch immer das Gleiche gespielt: Musik, die älter ist als 100 Jahre …

Man muss den Menschen die Musik geben, die sie brauchen. Als Mozart oder Brahms lebten, waren die Leute nur an neuer Musik interessiert, heute wird das Alte fetischisiert wie ein Gott. Eigentlich ist das verrückt – und total unlogisch. Aber ich glaube, das ist nur eine kurze Welle.

Weil ihm Routine zuwider ist, verzichtete Iván Fischer auf die ganz große Karriere. Auch das Berliner Konzerthaus wird er bald wieder verlassen – er möchte mehr komponieren

Weil ihm Routine zuwider ist, verzichtete Iván Fischer auf die ganz große Karriere. Auch das Berliner Konzerthaus wird er bald wieder verlassen – er möchte mehr komponieren

© Jonas Holthaus

  Wenn Fischer dirigiert, ist man vor Überraschungen nie sicher. Da sitzen Musiker anderswo, Sänger mitten im Publikum oder das Publikum mitten im Orchester. Manchmal entscheiden die Zuhörer, was gespielt wird. Oder es steht ein Baum auf der Bühne. Es gibt Mitternachtskonzerte, Flash-Mobs unter freiem Himmel, Aufführungen für autistische Kinder, „Cocoa-Konzerte“ mit heißer Schokolade. Nach dem Auftritt kommen Musiker und Publikum zum Plaudern zusammen. Fischers kleine Kulturrevolutionen gelingen nicht immer, aber: Hauptsache keine Routine.

Auch politisch stiftet Fischer gern Unruhe: Mit der autoritären Regierung von Ministerpräsident Viktor Orbán legt er sich regelmäßig an. Fischer, dessen Großeltern in Auschwitz und Buchenwald ermordet wurden, kämpft vor allem gegen den nachwachsenden Judenhass – auch als Komponist. Seine Oper „The Red Heifer“ erinnert an antisemitisches Wüten im Ungarn der 1880er-Jahre, der aktuelle Bezug ist jedoch überdeutlich. „Iván Fischer fängt an, die Selbstkontrolle zu verlieren“, dröhnte unlängst Budapests Oberbürgermeister István Tarlós und kürzte dem Orchester die Förderung. Spontane Protestkonzerte in den Straßen von Budapest waren die Reaktion.

Fischers Unrast ist wunderbar widersprüchlich: Schalk und Ernst, Tradition und Bildersturm finden zwanglos zueinander. In den Kernkompetenzen – Können, Fleiß, Disziplin – bleibt er strikt altmodisch. Aber wenn es um die Gewohnheiten des Betriebs geht, um Mittelmaß, Gemütlichkeit, falsches Pathos, wird Iván Fischer rasch zum Anarchisten. Er verabscheut Konzerte, die nichts anderes sind als gesellschaftliche Anlässe ohne künstlerisches Risiko.

Schon in den Siebzigern, als er von einem Orchester zum nächsten zog, machte Fischer deshalb Notizen mit Reformideen. Später veröffentlichte er „92 Gedanken für junge Dirigenten“ im Internet. Ein guter Dirigent mache sich überflüssig, heißt es darin, und: Tote Komponisten haben keine Gefühle. Warum 92? „Der 93. ist mir nicht eingefallen!“

Der große Saal des Konzerthauses Berlin

Umbau im großen Saal: Die Podeste der Bläser sind vollständig heruntergefahren

© Jonas Holthaus
Stille vor dem Sturm: Hier ­sammeln sich die Musiker, bevor sie die Bühne des Konzerthauses betreten

Stille vor dem Sturm: Hier ­sammeln sich die Musiker, bevor sie die Bühne des Konzerthauses betreten

© Jonas Holthaus

Sie werden das Berliner Konzerthaus im Sommer 2018 wieder verlassen. Ihr Resümee?

Was ich entdeckt habe, ist, dass man auch innerhalb dieser Grenzen viel Schönes erreichen kann. Es macht Spaß. Und es ist gut, dass ich nicht nur auf meiner Wunderinsel lebe, sondern mit der realen Welt in Kontakt bleibe.

Spaß scheint Ihnen wichtig zu sein …

Das ist das Allerwichtigste. Wenn man nur imponieren möchte, wenn man Stress hat oder Angst, dann kann man nicht gut Musik machen. Das geht nur, wenn man ganz locker ist und sich hingibt an die Spielfreude.

Was heißt das: „Gut Musik machen“?

Gut ist, was die Leute erreicht. Wenn man aus einem Kinderbuch vorliest – was ist dann das Ziel? Dass das Kind etwas erlebt! Es geht nicht darum, was ich von dem Buch halte oder wie ich das Buch interpretiere. Im Konzert sind die Menschen wie das kleine Kind, und ich lese eine Geschichte vor. Wenn es berührt, dann ist es gut.

Und wenn nicht? Merkt man das?

Man kann es an den Augen erkennen. Und natürlich gibt es Leute, die auf ihr Handy schauen und E-Mails lesen. Ich finde, das ist kein Problem. Ich würde das alles zulassen. Man muss die Menschen nicht zwingen, sich zu konzentrieren, sondern versuchen, Momente zu erzeugen, die so schön sind, dass sie vom Handy aufschauen und sagen: Wow, das ist schön!

Das klingt alles so einfach …

Dirigieren ist ein ganz einfacher Beruf. Ich verstehe nicht, warum die Leute denken, dass es schwer sei. Natürlich sehe ich manchmal Dirigenten, die total gestresst sind und schwitzen … Das amüsiert mich. Und dann, ja, dann habe ich ein bisschen Mitleid. Aber nur ein bisschen.


FISCHER EMPFIEHLT

Strawinsky – Le Sacre du Printemps (2012):  „Auch nach 100 Jahren ist das schockierende Opferritual immer noch angsteinflößend und wunderschön.“

Mahler – Symphonie Nr. 4 (2009): „Hier handelt es sich eher um eine kindliche Symphonie: naive Ideen und paradiesische Klänge statt dunkler Tuba und schwerer Posaunen.“

Composer’s Portrait – Werke von Iván Fischer (2016): „Die Vielfältigkeit musikalischer Stile fasziniert mich. Sie ist  der musikalische Ausdruck unserer Zeit.“


 Ein Beitrag aus dem Vielflieger-Magazin Lufthansa Exclusive. Mehr zu den Miles & More Angeboten von Lufthansa erfahren Sie hier.