„Berlin war die tollste Zeit meines Lebens”

Rupert Everett

Interview

  • INTERVIEW MARIAM SCHAGHAGHI

… und in Bayern hat er nun erstmals Regie geführt: Rupert Everett spricht über seine Achterbahn-Karriere, Zeitreisen und über Lust und Last des Älterwerdens

Mr. Everett, war es sehr schwierig, bei Ihrem neuen Film „The Happy Prince“ zum ersten Mal Regie zu führen und gleichzeitig Hauptdarsteller zu sein?

Ich war der beste Regisseur, den ich je hatte! (lacht) Während des Drehs war ich nie besonders zufrieden mit meinem Spiel, was daran lag, dass ich immer wieder in die Rolle des Regisseurs springen musste. Aber im Schnitt konnte ich die Szenen so zusammenfügen, dass ich um Klassen besser wirke! Wir Schauspie­ler beklagen ja gern, dass Regisseure immer unsere schwächsten Momente in einen Film schneiden. Jetzt konnte ich selbst die besten auswählen.

Sie spielen Oscar Wilde in den letzten Monaten seines Lebens. Wilde und Sie, ist das eine Seelenverwandtschaft?

Es gibt natürlich eine große Parallele: Ich lebe offen homo­sexuell, und auch Wildes Tragödie hing mit seiner Sexualität ­zusammen. In Hollywood gehört man als Schwuler bis heute nicht zum Club. Man ist ein Außenseiter, der zwar immer mal wieder mitspielen darf, aber sonst gegen Wände läuft.

Sie haben große Teile des Films in Bayern gedreht. Wie war es, in Deutschland zu arbeiten?

Fantastisch! Der Chef des Münchner Tourismusbüros hatte die geniale Idee, mir Oberfranken zu zeigen. Dort habe ich drei ­bröckelnde Schlösser entdeckt, Thurnau, Mitwitz und Schmölz. Perfekte Kulissen! Sie hatten Millionen Räume und hielten als Paris her, als Ghettos, boten mir Speisesäle, Gefängnisse – alles, was ich brauchte. Es war ein Heidenspaß, Franken ins Frankreich des 19. Jahrhundert zu verwandeln! Außerdem wurden dort sogar die Kirchenglocken für mich ruhig gestellt.

Tragischer Dandy: Everett (r., mit Colin Morgan) in „The Happy Prince“

Tragischer Dandy: Everett (r., mit Colin Morgan) in „The Happy Prince“

© 2018 Concorde Filmverleih GmbH/ Wilhelm Moser

Wie bitte? Für Sie wurde tatsächlich das Glockenläuten ­abgestellt?

Wir wohnten in einer Pension direkt neben der Kirche, und es bimmelte jede Viertelstunde. Ich war stinksauer und habe nach der ersten Nacht vom Bürgermeister verlangt: „Stoppen Sie die Glocken!“ – „Aber die läuten seit 1498.“ – „Egal!!!“ (lacht) Was soll ich sagen? Er hat sie nachts abstellen lassen. Ich stehe jetzt offiziell auf einer Stufe mit der großen Schauspielerin Lauren Bacall. Die wollte mal aus einer englischen Stadt abreisen, weil sie die Glocken nicht ertrug. Für sie sind sie verstummt.

War es eine Erleichterung für Sie als Regiedebütanten, alte Freunde wie Colin Firth und Emily Watson zur Seite zu haben?

Ohne sie hätte ich das Projekt vergessen können! Als ich vor zehn Jahren das Skript schrieb, haben sie mir auf Zetteln bescheinigt, dass sie mitspielen würden. Inzwischen ist Colin ein Megastar, aber ich habe stets mit dem Zettelchen gewedelt, wenn wir uns sahen, sogar beim Oscar auf dem roten Teppich. Als Ehrenmann stand Colin natürlich zu seinem Wort. Und ich konnte mit meinen Stars herrlich vor Geldgebern angeben.

Ihre Karriere ist eine Achterbahnfahrt. Einer der Höhepunkte war „Die Hochzeit meines besten Freundes“, es ging aber auch mal steil abwärts. Wie hält man so ein Auf und Ab aus?

Filmkarrieren entwickeln sich heute so schnell, dass es an ein Wunder grenzt, wenn sie auch nur zwei Jahre dauern. Diese Ungewissheit ist die einzige Kehrseite des Ruhms. Mit 18 ist das okay, doch für einen Erwachsenen ist es ermüdend, dauernd am Rand des Vulkans zu tanzen. Es gibt aber keine Verläss­lichkeit in diesem Beruf – schon gar nicht in meinem Alter.

Wären Sie gern noch mal 25?

Nein, ich würde nie mit einem Jugendlichen tauschen wollen. Das Leben hat sich irre beschleunigt – binnen weniger Monate verändert sich vieles, wofür es früher 50 Jahre gebraucht hätte!

 Es gibt keine Verlässlichkeit in diesem Beruf, schon gar nicht in meinem Alter 

Rupert Everett, Schauspieler

Interessieren Sie sich für Geschichte?

Und wie! Mein Hund Mo und ich waren mehrmals Zeugen historischer Ereignisse! Beim Mauerfall 1989 waren wir in Berlin. Mo schaute nur verwirrt drein, aber ich dachte: „Mein Gott, wir erleben Geschichte!“ Beim Putsch gegen Gorbatschow 1991 in Moskau sahen wir die Panzer vorm Kreml. Auch den 11. September 2001 haben Mo und ich miterlebt, wir waren nur ein paar Straßen vom World Trade Center entfernt. Mein armer Hund ist kurz darauf gestorben – das war zu viel Zeitgeschichte für ihn.

Werden Sie weiterhin als Regisseur Geschichten erzählen?

Ich möchte schon, aber ich frage mich, ob ich mit meinen 58 Jahren noch den Zeitgeist verstehe. Ich war 1976 zum ersten Mal in Berlin und hatte die wunderbarste Zeit meines Lebens. Die Millennials bekämen Herzattacken, wenn sie wüssten, was damals dort abging. Berlin war in den 70er-Jahren wie New York – so frei! Ich fürchte, diese Ära hat mich so stark geprägt, dass ich den Anschluss ans Heute verpasst habe.

Sie wirken heute weniger wie eine Diva, eher wie ein Elder Statesman. Sind Sie mit der Welt versöhnt?

Ja, ich bin optimistisch und kann nicht nachvollziehen, warum so viele Menschen unzufrieden sind. Ich finde, dass sich die Welt im Großen und Ganzen zum Besseren entwickelt. Es ist doch unglaublich, was wir in nur 100 Jahren in Sachen Menschenrechte und Fortschritt erreicht haben, verglichen mit den Jahrtausenden davor. Das heißt natürlich nicht, dass wir auf­hören dürfen, weiter dafür zu kämpfen.

Hätten Sie eine Zeitmaschine, wohin würden Sie reisen wollen?

Auf jeden Fall ins Versailles von Marie Antoinette! Ich würde gern wissen, wie der Hof funktionierte, was sie aßen, wie das Leben dort war. Und ich würde gern in die Zeit der Weltkriege reisen …

Warum denn das?

Alle Männer meiner Familie haben im Zweiten Weltkrieg gekämpft. Bis ich zehn war, dachte ich, ich wäre im Krieg geboren, weil bei uns über nichts anderes geredet wurde. Ich würde aber auch gern mal bei Karl dem Großen, Heinrich VIII., Bach, Mozart und Maria Theresia vorbeischauen. Und im alten Rom …

… aber Sie bräuchten eine Ewigkeit für diese Reise.

Nein, jeder Trip würde nur einen Wimpernschlag dauern. Ich wäre zurück, bevor ich diesen Satz zu Ende gebracht hätte.