The Ladies' Man
© Gene Glover

The Ladies‘ Man

  • TEXT ULF LIPPITZ

Peter Lindbergh war der prägende ­Fotograf der Supermodel-Ära Ende der Achtziger. Im Mai 2019 ist ein Dokumentarfilm in den Kinos angelaufen, der Lindberghs Weg vom Ruhrpott­jungen zum Star­fotografen nachzeichnet. An seinen berühmten Models schätzt er besonders den Mut, sich ungeschminkt zu zeigen. „Mut“, sagt er, „ist ­interessanter als Nacktheit.“

Er schlendert in den Raum, die Schultern gesenkt, den Kopf etwas vorgestreckt: Peter Lindbergh, der Mann, der Linda Evangelista zum Star machte und die großen Models nur beim Vornamen nennt. Sein bekanntestes Bild ist das von fünf jungen Frauen in den Straßen von New York, eine Ikone der Supermodel-Ära. Als Lindberghs bleibendes Verdienst für die Geschichte der Modefotografie gilt, dass die Frauen in seinen Bildern nicht nur als Kleiderständer dienen – er inszenierte sie vielmehr als Protagonistinnen kleiner, fantasievoller Geschichten.

Herr Lindbergh, Ihr Kollege Helmut Newton hat einmal gesagt, er habe seine Models angesehen wie ein Bauer seine Kartoffelsäcke. Also weniger mit dem Blick des Begehrens als mit dem des Profis und Produzenten. Wie würden Sie Ihre Beziehung zu den Frauen vor der Kamera beschreiben?

Ich gucke sie wie wunderschöne, komplexe Gebilde aus Körper und Seele an. Ich habe mal für einen Pirelli-Kalender ältere Schauspielerinnen fotografiert, Robin Wright, Julianne Moore. 47 000 Fotos für 40 Bilder, so war das Verhältnis. Keine durfte sich hinter einer Rolle verstecken oder mehr als das nötigste Make-up benutzen. Für die Frauen war das viel schwieriger, als sich auszuziehen.

Sie sagen selbst oft über die Werbefotografie: „Diese ganz Sexy-Kultur ist eine Katastrophe.“

Weil die kommerzielle Welt die Schönheit kontrolliert. Wenn du 30 bist, sollst du aufpassen, dass du im Gesicht keine Fältchen kriegst. Eine Unverschämtheit, so etwas den Leuten einzureden. Aber Achtung, da gibt es diese Creme, die kostet nur 350 Euro, wenn du die abends auflegst, strafft sich alles ein bisschen! Und die Leute glauben das auch noch.

Bei Ihnen sehen wir Frauen unterschiedlichen Alters vor der Kamera, teilweise sind sie nackt. Müssen Ihre Models exhibitionistisch sein?

Im Gegenteil. Ich finde es spannender, wenn sie sich überwinden müssen, ihre Kleidung auszuziehen. Der Mut ist interessanter als die Nacktheit. Ich weiß noch, das erste Aktbild habe ich mit dem Model Lynne Koester Mitte der 1980er-Jahre gemacht. Ich habe ihr gesagt, wenn du so weit bist, irgendwann nachher, sag Bescheid. Sie hatte sich noch nie nackt fotografieren lassen, dann stellte sie sich hüllenlos vor die Kamera das hatte eine unheimliche Power.

The Ladies' Man

Modefotos, die eine ­Story ­erzählen, wurden zu ­Lindberghs Markenzeichen. 1990 fotografierte er das Model Helena Christensen (rechts) und die Stuntfrau ­Debbie Lee Carrington in El Mirage, Kalifornien. Und die Geschichte dahinter? Irgendwas mit Außerirdischen. Oder war es außerirdische Schönheit?

© Peter Lindbergh (Courtesy Peter Lindbergh, Paris)

 Lindbergh lebt in Paris, ist in zweiter Ehe verheiratet und hat vier Söhne. Als er sich an den Tisch im Berliner Hotel de Rome setzt, porträtiert ihn der Fotograf Gene Glover. Lindberghs Kommentar: „Jetzt erlebt ihr einen großen Moment: Wie jemand, der sich bewusst ist, dass er fotografiert wird, versucht, irgendwas zu machen.“ Er schaut angestrengt auf das gegenüberliegende Dach. „Das ist eine Kunst, dass die Models die Kamera vergessen.“

Soeben ist der Dokumentarfilm „Women’s Stories“ über Ihr Leben in die Kinos gekommen. Darin sieht man, wie Sie Naomi Campbell, die nicht schwimmen kann, überreden, mit Ihnen in einen Pool zu steigen, um sich dort fotografieren zu lassen.

Das war doch überhaupt keine Frage, dass sie da reingeht. Man muss nur lange genug mit den Models reden. Mein ältester Sohn ist ein klarer, deutlicher Typ. Er managt mein Studio. Ich sage oft zu ihm: Mit deiner Art kommst du zwar ans Ziel, aber auf dem Weg verlierst du den Zuspruch von jemandem. Du wirst doch nur laut, weil du denkst, du schaffst es sonst nicht. Das ist nicht cool. Wenn du drei Tage lang über eine Sache redest, erreichst du dein Ziel auch, ohne am ersten Tag mit der Faust auf den Tisch zu hauen – und behältst eine Menge Freunde.

Sie sind seit Mitte der Siebziger als Modefotograf tätig. Wie hat sich in all den Jahren das Verhältnis zwischen Fotografen und Models verändert?

Kaum, die Beziehung mit den Auftraggebern hingegen schon. Der Verlag Condé Nast schickt für Shootings jetzt Verhaltensmaßregeln mit. „Packt niemanden an!“ Die wollen das von meinem Agenten unterschrieben haben. Ich sage ihm, du kannst das machen, aber nicht für mich. Das wird sofort eine andere Art zu fotografieren, wenn ich mich wie ein regulierter Typ am Set fühle und 30 Zentimeter vor den Models stehen bleiben muss, bevor ich sie etwas fragen darf.

Sie rücken ihnen lieber auf die Pelle?

Ich bewege mich kein Stück nach vorn, wenn es keine Übereinkunft gibt. Ich habe höchsten Respekt vor den Frauen, ich würde nie so weit gehen, für einen Job auch nur zehn Zentimeter zu dicht vor dem Model zu fotografieren.

Ohne erotische Spannung ist ein gutes Bild fast nicht möglich, haben Sie einmal behauptet. Tun Sie sich deshalb schwer, Männer zu fotografieren?

Das ist ein Missverständnis. Ich fotografiere viele Männer, aber ich zeige die Bilder nicht, damit nicht die ganzen Männermagazine an meine Tür klopfen.

Reiner Selbstschutz also?

Ja, das ist die einzige Möglichkeit zu kanalisieren, wo du später rumschwimmst. Sonst ruft eines Tages jemand an und will, dass ich Orangensaft-Familienfotos mache.

Ihr Kollege Juergen Teller hat einmal gesagt: Deine Freiheit stirbt in der Sekunde, in der du einen kommerziellen Job annimmst.

Das ist Blödsinn. Gerade für Juergen, er schert sich doch einen Scheiß drum – deshalb ist er ja auch so toll.

The Ladies' Man

Amber Valletta mit Engelsflügeln, New York 1993

© Peter Lindbergh (Courtesy Peter Lindbergh, Paris)
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Bewegungsstudie: Die Primaballerina Natalia Osipova posierte 2012 für Lindbergh in Moskau vor einer neutralen Leinwand

© Peter Lindbergh (Courtesy Peter Lindbergh, Paris)

 Wenn Peter Lindbergh redet, oder besser: nuschelt, hört man noch den Dialekt aus dem Ruhrgebiet heraus: das überraschte „Boah“, oder das nachgestellte „Wat“. Er wuchs in den Vierzigern und Fünfzigern in Duisburg-Rheinhausen auf und trug noch den Namen Brodbeck. Der Vater arbeitete als Vertreter für die Süßwarenfirma Lekkerland, die Mutter träumte am Herd von einer Kar­riere als Opernsängerin. Sie starb in den Sechzigern, da vagabundierte der Sohn gerade durch die Welt: Frankreich, Spanien, Marokko, als Pflastermaler, Obdachloser, Erlebnissammler. Von seiner späteren Karriere ahnte zu diesem Zeitpunkt niemand etwas. Denn erst Jahre später, mit 27, nahm Peter Brodbeck eine Kamera in die Hand und wählte seinen Künstlernamen.

Ihrer Mutter blieb eine künstlerische Karriere verwehrt. Hätte sie Fotografie als Kunstform anerkannt?

Sie mochte jeden künstlerischen Ausdruck. Obwohl sie meine erste Berufswahl wenig begeistert hat. Ich wollte Schaufensterdekorateur werden, ich kannte keinen künstlerisch höherwertigen Beruf in Duisburg. Das war das Einzige, was ein bisschen verrückt war neben den Optionen Bergarbeiter und Supermarktkassierer. Als ich meiner Mutter das eröffnete, war sie ganz besorgt. Mach das nicht, du musst Fliesenleger werden! Guck mal raus, am Ende der Straße, diese Schmitzkens, Vater Fliesenleger, die haben ihr ganzes Haus weiß gekachelt, die haben es geschafft.

Sie wollte nicht, dass Sie kreativ sind?

Sie hatte vielleicht Angst. Der Junge braucht einen soliden Beruf, dann fällt er nicht vom Wagen. Ich war eine Katastrophe in der Schule, sie hat mich einfach nicht interessiert. Mein jüngster Sohn Joseph ist jetzt 16, alle hacken auf ihm herum, dass er mehr lernen sollte. Mensch, ich weiß doch, er hat andere Sachen im Kopf. Er hat gerade eine Freundin und viele Kumpels, der lebt jetzt auf und will nicht irgendwelche Eltern­träume verwirklichen.

Wenn es nach Ihnen ginge, müsste er nicht zur ­Nachhilfe?

Überhaupt nicht. Ich sage ihm, beruhige dich, das haben sie mir früher auch alle erzählt. Er hat angefangen zu fotografieren, sich einen kleinen Instagram-Kanal zusammengebastelt, irre Bilder, kaum Leute drauf.

Und in Farbe. Er grenzt sich vom Vater ab.

Denke ich mal. Irgendwann hat mal jemand zu ihm gesagt, das muss ja schwer sein, als Fotograf der Sohn von Peter Lindbergh zu sein. Da machte er nur so: pfff… Nach dem Motto: egal.

The Ladies' Man

Als hätte der große Porträtist August Sander die Inspiration geliefert: Marie-Sophie Wilson, Lynne Koester und Tatjana Patitz, 1987

© Peter Lindbergh (Courtesy Peter Lindbergh, Paris)
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Kate Moss foto­grafierte Lindbergh 1994
in New York

© Peter Lindbergh (Courtesy Peter Lindbergh, Paris)
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Stiller Moment einer Ruhelosen: die Choreografin Pina Bausch in den Paramount Studios, Hollywood, 1996

© Peter Lindbergh (Courtesy Peter Lindbergh, Paris)
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Entstanden 1994

© Peter Lindbergh (Courtesy Peter Lindbergh, Paris)

 Ab Februar 2020 wird die Kunsthalle Düsseldorf eine große Lindbergh-Ausstellung zeigen. Dafür sichtet der Fotograf gerade Material in seinem Pariser Studio. „Untold Stories“ will er die Schau nennen, weil die Bilder, wenn man sie neu zusammenstellt, eine völlig andere Geschichte erzählen. „Lindbergh nackt“, das werde es im Museum geben, sagt er und lacht.

Leidet das Image der künstlerischen Fotografie nach Photoshop und Instagram?

Gar nicht. Jetzt rollt eine neue Generation an, keine großen Künstler, eher Partyfotografen, die überall herumhüpfen. Das ganze Establishment merkt jetzt, Mist, die nehmen uns die Jobs weg.

Ihnen auch, Herr Lindbergh!

Sicher, da gibt es dieses junge Mädchen, das macht jetzt Bilder für Dior. Ich habe sie mal bei einem Abendessen kennengelernt, im Grunde eine junge Studentin, dieses Leichte in ihren Bildern, das ist toll. Kürzlich habe ich im Atelier eine ganze Reihe neuer Werbekampagnen für Modemagazine auf den Boden gelegt, mit Stickern dran, wer die jeweils gemacht hat. Ich kannte gerade zwei von 50 Namen. Das ist eine ganz neue Art zu fotografieren. Man braucht keine Meisterwerke mehr.

Keine groß inszenierten Fotos, die wie elaborierte Filmsets aussehen.

Früher wurden Unmengen Geld ausgegeben, um Werbung zu schießen. Sagen wir, es gab für eine Kampagne ein Budget von fünf Millionen Euro, dann hat man eineinhalb Millionen für die Fotos rausgeballert. Die jungen Leute heutzutage machen das für 500 000, und dabei wird alles schon gefilmt für ein Making-of. Das ist alles toll vorstrukturiert. Kein Mensch braucht mehr diese teuren Meisterwerke.

Am 3. September 2019 starb Peter Lindbergh im Alter von 74 Jahren in Paris. 

The Ladies' Man

Lindbergh-­Werke: Grand Central Station, New York 1993

© Peter Lindbergh (Courtesy Peter Lindbergh, Paris)
The Ladies' Man

Lindberghs Bild der Bilder entstand 1989 ebenfalls in New York: Naomi Campbell, Linda Evangelista, Tatjana Patitz, Christy Turlington und Cindy Crawford (von links)

© Peter Lindbergh (Courtesy Peter Lindbergh, Paris)