Austin: Aufmacher
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Von Country bis Trippy: In Austin gibt es mehr Livemusik als sonst irgendwo in den USA. Beim SXSW-Festival blickt die texanische Metropole weit in die Zukunft.

Montagabend, kurz nach 19 Uhr im Continental Club: Gitarrist Glenn Peterson spielt ein lässiges Solo, Dianne Scott strickt. Bassist Alex Peterson zupft die ersten Akkorde von Al Greens Klassiker „Take Me To The River“, Dianne Scott strickt. The Peterson Brothers spielen Blues, Soul und Funk. Ihr Publikum, 20 bis 60 Jahre alt, hört zu, trinkt Bier, trinkt Wein, einige tanzen. Dianne Scott hält die Stellung auf ihrem Drehstuhl im Backstage-Bereich und strickt. Früher hat sie selbst Konzerte in New York veranstaltet, seit nunmehr 26 Jahren arbeitet die 68-Jährige für den Continen­tal Club. Abends als Security an der Hintertür, tagsüber kümmert sie sich im Büro um Social Media und die Club-Homepage.

Das Continental ist einer von mehr als 60 Musikclubs in Austin. Die meisten liegen nördlich des Colorado River, Downtown, rund um Red River Street und 6th Street. Seit 1991 nennt sich die Stadt mit ihren rund 950 000 Bürgern selbstbewusst „Live Music Capital of the World“. Nirgendwo sonst in den USA gibt es, gemessen an der Einwohnerzahl, mehr Orte für Live­musik. Die meisten öffnen täglich, oft schon um 18 Uhr.

Austin: Stadt

Downtown Austin

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Austin: Plattensammlung

Auswahl bei Waterloo Records

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Austin: Mann

Roland Swenson ist einer der Väter des South By Southwest-Festival (SXSW)

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Austin: Statue

Die Statue von Stevie Ray Vaughan am Ufer des Colorado

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Austin: Fahne

Livemusik zum Steak gibts im Broken Spoke

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Austin: Essen

Kotelettrippchen im La Barbecue

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 Die Stadt weiß, was sie ihren Helden schuldet. Am Lady Bird Lake steht, direkt am Fluss und mit dem Rücken zu den gläsernen Bürotürmen der City, eine überlebensgroße Statue des Blues­rock-Gitarristen Stevie Ray Vaughan, der 1990 bei einem Helikopterabsturz ums Leben kam. Eine Skulptur und ein Wandgemälde würdigen den immer noch sehr lebendigen Countrymusiker Willie Nelson, der Ende April 86 Jahre alt wird. In Nashville kam er zu erstem Ruhm, dann zog er weiter, nach Texas, weil er seine Musik in den Studios nicht zu glattem Pop polieren lassen wollte. In Austin zählte er zur Outlaw-Bewegung des Country, deren Vertreter sich die Haare lang wachsen ließen und die ­Musik zu ihren Ursprüngen zurückbrachten. Auch die University of Texas zog viele Freigeister an, so entwickelte sich die Stadt in einem der konservativsten US-Staaten zu einer liberalen Oase – zumal sie das Mindestalter für Alkoholkonsumenten auf 18 Jahre gesenkt hatte. Heute liegt es wieder bei 21, der libertäre Geist aber blieb. Das Motto „Keep Austin Weird“ (etwa: „Austin ist ­anders!“) ziert weiter T-Shirts und die Heckklappen von Autos. Erfunden wurde der Slogan im Jahr 2000, um Start-ups und ­kleine Geschäfte zu fördern, nun markiert er Austin vor allem als Hipster-­Metropole, oft noch vor Portland und Seattle.

Dazu trägt nicht nur das jährliche „Keep Austin Weird Fest“ bei, das seit 2018 „Fun Stop 5K & Fest“ heißt, sondern auch die lebendige, oft musikalisch grundierte Stadtgeschichte. Bars, seit jeher Heimat der echten Cowboys, finden sich in zahlreichen traditionellen Häusern an der Rainey Street. Craft-Biere sind hier Standard, ebenso im populären „Whip In Parlour Café“, wo Cranberry Sour Ale neben einem süßen Stout mit kubanischem Espresso auf der Karte steht. Das Magnolia Café ist für den Brunch mit Pancakes und sein Omelett mit geräuchertem Truthahn berühmt, früher performten hier Mitarbeiter und Gäste nach einer langen Nacht den hauseigenen „Omelettry-Song“.

Austin: Stammgast

Raucherpause: Stammgast Jeff Chase vor dem Club The White Horse

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Austin: Musiker

The Peterson Brothers beim Gig im Continental Club

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Country mit Jazz, solche Experimente machen die Musik erst interessant

John Kunz, Inhaber von Waterloo Records


 Nach ihrer Gründung hieß die Stadt für wenige Jahre ­Waterloo, und so hat John Kunz seinen Plattenladen genannt – ein Paradies für Sammler, die noch oder wieder Vinyl in Händen halten und auflegen wollen: 600 Quadratmeter populäre Musik, eine Wand ist für Klänge aus Texas reserviert, vieles davon klingt nach Country. „Ist doch klar“, sagt Kunz, „aber es gibt hier auch Country, der mit Jazz herumspielt, mit Folk oder Soul oder Rock. Solche Experimente machen die Musik erst interessant.“

Blues, Rock und Country: Heute, da Hip-Hop und elektronische Beats die Charts und Playlists prägen, ist das fast schon wieder „weird“. Austins junge Musiker saugen die Gitarren-Seligkeit des musikalischen Erbes begierig auf – und lassen dann etwas ganz Eigenes daraus entstehen. Empfindsame Balladen, wie der Singer-Songwriter David Ramirez. Verträumten Indie- Folk von The Deer. Oder coole Psychedelic-Klänge von The Bright Light Social Hour. Dafür gibt es bereits einen Begriff: „Texas Trippiness“. Und selbst junge Musiker wie die grantigen Southern-­Rocker Cowboy Diplomacy oder der Gitarren-Magier Eric ­Tessmer sind bereits ausgezeichnete Live-Acts. Denn jeder hier, scheint es, hat immer irgendwo einen Gig. Wer in Austin Musik macht, der lebt sie auch, an jedem Ort, zu jeder Zeit.

Austin: Lokal

Stetson als Arbeitskleidung im The White Horse

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 John Kunz selbst ist 67 Jahre alt, und weil er die Musik liebt, zieht er mit seiner Frau immer noch an fünf Abenden in der Woche durch die Clubs. Seinen Laden hat er durch alle Krisen der Tonträgerbranche geführt: „Das Aufkommen der Musiktauschbörse Napster Ende der Neunziger läutete das Ende für viele Plattenläden ein“, sagt Kunz, „von denen, die es vor 20 Jahren gab, haben mittlerweile 90 Prozent dichtgemacht.“ Doch er mag nicht fluchen über Streaming-Anbieter wie Spotify oder iTunes. „Das ist schon eine gute Möglichkeit, um Musik zu entdecken“, räumt er ein, „nur sollten die Leute anschließend für die Songs, für die Alben auch Geld ausgeben.“ Seine Kundschaft kommt aus aller Welt, und wenn die großen Festivals wie South By Southwest (SXSW) und Austin City Limits steigen, „höre ich hier immer viele fremde Sprachen“, sagt Kunz.

Die SXSW-Macher sitzen nicht weit entfernt von Waterloo Records in der Bowie Street, auf der Eingangstür haben sie feierlich ein „David“ vor den Straßennamen gesetzt. Ihr Festival ist die größte Musikmesse der Welt, die jungen Bands träumen von einem Auftritt dort, in der Hoffnung, entdeckt zu werden. „Wir sind ganz schön gewachsen“, sagt Roland Swenson. Der 62-Jährige ist einer der Väter des Festivals, das in den 1980er-Jahren gegründet wurde, als die Grundstückspreise explodierten und Clubs schließen mussten. „Wir setzten uns mit ein paar Leuten zusammen und überlegten, wie es weitergehen könnte.“ Ein Festival, verteilt auf verschiedene Clubs, schien eine gute Idee. Bei der Premiere 1987 hofften sie auf 150 Neugierige, es kamen 700. In diesem Jahr rechnen die Veranstalter in der Zeit vom 8. bis 17. März mit bis zu 60 000 Besuchern.

Dann spielt die Musik in den Clubs und davor, auf Straßen und Parkplätzen, in der Nacht und am Tag: alle Arten von Popmusik, Alternative Rock und Folk, Jazz und Soul, elektronische Musik und Hip-Hop. Seit 1994 gehört auch ein Filmfestival zum SXWS, zu dem schon Regisseure wie Richard Linklater („Boyhood“) und Roberto Rodriguez („Sin City“) anreisten. Auftakt der Festivalwoche ist die „Conference“, die sich zu einer der weltweit wichtigsten Messen für die digitale Zukunft entwickelt hat. Zehn Trends haben die Veranstalter aktuell ausgemacht. In Vorträgen und Diskussionen geht es um die Arbeit von morgen, das legale Geschäft mit Cannabis – und natürlich um Musik. Dabei soll die Frage debattiert werden, ob die Blockchain-Technologie tat­säch­lich zu mehr Transparenz und gerechterer Bezahlung geführt hat. Oder auch darum, wie wichtig der Mensch noch ist in Zeiten, da sich die Industrie beim Programmieren von Playlists und Entdecken neuer Musiker von Künstlicher Intelligenz helfen lässt.

Austin: Plattenladen

John Kunz, Inhaber von Waterloo Records

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Austin: Paramount

Paramount Theatre von 1915

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Austin: Band
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Austin: Schild

The White Horse gibt es seit 2011

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Austin: Mädchen

Junge Bands, junge Gäste, kostenlose Tanzkurse

© Matthew Johnson

 Den Überblick über alle Veranstaltungen behält Hugh Forrest, der Chief Programming Officer. Seit 1989 ist er bei SXWS dabei, er war der allererste Angestellte. Den Job hatte er bekommen, weil er einen Computer besaß, „das war damals noch etwas Besonderes.“ Für weltweites Aufsehen sorgte die Veranstaltung 2007, als der Nachrichtendienst Twitter bei SXWS seine Start-Party feierte. Forrest sagt: „Jetzt kommen die Leute und hoffen, dass sie hier das nächste Twitter lostreten.“

Die digitale Wirtschaft ist nicht nur zu Besuch in Austin. Apple will hier bald über eine Milliarde Dollar in einen neuen Campus investieren, und die Hügel vor der Stadt haben die Bewohner schon optimistisch „Silicon Hills“ getauft, viele Start-ups haben sich dort niedergelassen. In Austin ist es immer noch wesentlich günstiger, ein neues Geschäft auf den Weg zu bringen, als im berühmten Valley in Kalifornien. Forrest ist stolz auf die Conference, sagt aber auch: „Ohne Musik hätte sie sich nicht etablieren können, die ist immer noch das Wichtigste in der Stadt.“ In Austin können die Musiker noch mit Konzerten ihren Lebensunterhalt verdienen, nachdem das Geschäft mit CDs eingebrochen ist, weil die User ihre Songs bei Spotify strea­men und die Musiker davon finanziell nur wenig profitieren.

Im Continental Club hat Dianne Scott ihre Mütze fertig gestrickt und legt sie zu den anderen fünf auf der abgedeckten Billardplatte. Auch heute hat niemand eine gekauft – was soll’s. Auf der Bühne steht nun, eine rote Gitarre umgehängt, graue Haartolle, Dale Watson. Seine Musiker an Pedal Steel Guitar und Kontrabass zeigen an: Jetzt kommt Musik, die nach Texas klingt. Watson freut sich über einen gut gefüllten Saal: „Montag ist der neue Freitag.“ Er ist 56 Jahre alt und tritt rund 300-mal im Jahr auf, in Texas, den USA und in diesem Jahr auch wieder in Europa, etwa am 11. Juni in Hamburg. Doch am besten gefällt ihm ­Austin. „Ich könnte das ganze Jahr nur durch diese Stadt touren und dabei jedes Mal vor anderen Leuten spielen.“

Austin: Mann mit Gitarre

Alternative-Country-Legende Dale Watson

© Matthew Johnson

Berühmte Alben und Songs, made in Austin: Rock, Country, Blues, Post-Punk, Alternative und Psychedelic Rock, Hip-Hop und neuer Gitarrensound

• „Kozmic Blues“ (1969) – Janis Joplin

• „Texas Flood“ (1983) – Stevie Ray Vaughan

• „The Future’s So Bright“ (1986) – Timbuk 3

• „For Real“ (2005) – Okkervil River

• „Come Together“ (2017) – Gary Clark Jr.

• „Whiskey River“ (1973) – Willie Nelson

• „Beats So Lonely“ (1985) – Charlie Sexton

• „Pepper“ (1996) – Butthole Surfers

• „Infinite cities“ (2015) – Bright Light Social Hour

• „Good So Bad“ (2018) – Eric Tessmer


 

Hotspots in Austin

Austin: Karte
© Cristóbal Schmal

 

 

 

 

1 University of Texas

2 Waterloo Records

3 6TH Street

4 Austin Convention Center (SXSW Festival)

5 Stevie Ray Vaughan Statue

6 Rainey Street

7 The Continental Club


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