Klassiker im Tivoli: Das „Ballongyngen“ aus dem Jahr 1943
© Ulf Svane

Dänisches Herzklopfen

  • TEXT ULF PAPE
  • FOTOS ULF SVANE

Nostalgischer Budenzauber: der Vergnügungspark Tivoli, Kopenhagens größter Besucher­magnet, feiert dieses Jahr seinen 175. Geburtstag.

Tief im Innern des Bergs verengt sich der Spalt. Will Gurley kraxelt voran, dreht seinen Kopf. „Vorsicht! Stoßt euch nicht“, warnt er. Fast im selben Moment beginnt alles zu beben. Donner rollt heran, Menschen schreien, krachend tobt ein Ungetüm vorbei. Ausgestreckte Arme ragen daraus hervor. Dann ist es wieder still. Der Berg schwankt sachte nach. Wir sind im Tivoli mitten in Dänemarks Hauptstadt. Ein Fantasieland, eingezwängt zwischen Hauptbahnhof und Rathaus, einer der ältesten noch existierenden Vergnügungsparks der Welt. Der schwankende Berg, durch den der 36-jährige Desi­gner Gurley eben geführt hat, ist aus Holz, Beton und Stahl gebaut. Er gehört zur historischen Achterbahn „Rutschebanen“, einer der Hauptattraktionen des Tivoli. In der Rutschebanen haben nicht nur schon Prominente aus aller Welt gesessen, sondern fast je­­des dänische Kind – um später im Leben mit dem eigenen Nachwuchs zurückzukommen. Der Tivoli ist fest mit der dänischen Identität verwoben, und mit der Tatsache, dass wir für immer ein wenig das Kind bleiben, das wir einmal waren.

Am 15. August feiert der Park seinen 175. Geburtstag – und eines der erfolgreichsten Jahre seiner Geschichte. Er zählt – ­neben dem Prater in Wien, dem Lunapark in Berlin und Coney Island in New York – zu den bekanntesten seiner Art. Viele davon wurden abgerissen oder stark verändert. Der Tivoli aber hat seine Identität gewahrt, hat es geschafft, sich treu zu bleiben, und seinen festen Platz im Herzen des Königreichs behauptet. Fast fünf Millionen Menschen besuchten den Park im vergangenen Jahr, drei Viertel davon Dänen.

Blick vom Balkon der Konzerthalle auf die Gärten

Blick vom Balkon der Konzerthalle auf die Gärten

© Ulf Svane
Ein Parkbesucher

Ein Parkbesucher

© Ulf Svane
Ein von Ólafur Elíasson entworfenes Lichtspiel

Ein von Ólafur Elíasson entworfenes Lichtspiel

© Ulf Svane
Skizze für ein neues Vogelhaus

Skizze für ein neues Vogelhaus

© Ulf Svane

  Freitagvormittag, kurz vor elf Uhr, eine Schulklasse rüttelt an den Gittertoren des Parks. Uniformierte Männer schließen auf, an ihren Dienstmützen funkelt der goldene „Tivoli“-Schriftzug in der Sonne. Die Kinder rennen auf die Attraktionen zu, ihre Rucksäcke hüpfen auf und ab. Hinterdrein schlendern Rentnerpärchen und Touristengruppen. Der Park füllt sich. Auf etwas über acht Hektar, der Fläche weniger Häuserblocks, zieht es die Gäste in eine andere Welt. Am auffälligsten ist das „Nimb“, eine Fantasieversion des Taj Mahal, das heute ein Luxushotel beherbergt. Weiter hinten thront die rosa-pastellgrün gemusterte Konzerthalle aus den 1950er-Jahren. Zwischen Baumkronen ragen Karussells in den blauen Himmel, später wechseln Glasfassaden mit verspielten Holzhäusern ab. Gegenüber vom Nimb liegt das „Pantomimeteatret“, ein chinesisch inspiriertes Freilichttheater von 1874, dessen gesamte Technik noch aus der Zeit der Parkgründung stammt. Vier Männer braucht es, um per Seilzug den Vorhang zu lüften, der einem gigantischen Pfauenrad nachempfunden ist.

Im weitläufigen Saal des Nimb-Hotels sitzt Lars Liebst, der Chef des Parks, beim Nachmittagskaffee. „Ich bin auf einer Insel aufgewachsen“, erzählt er, „mein Großvater reiste mit mir nach Kopenhagen, als ich fünf Jahre alt war. Bis heute erinnere ich mich an den Geruch der frisch gebackenen Eiswaffeln.“ Ein Ticket für den Tivoli ist für viele ein Ticket zurück in die eigene Kindheit. Dabei ist dort nicht alles wie früher, natürlich nicht. Lässig gekleidete Paare schieben Kinderwagen, Touristen aus Indien fotografieren sich mit ihren Smartphones vor den Tulpen­beeten. Der Spaziergang über die Kieswege des Tivoli kann zum Hindernislauf werden, so viele zum Selfie ausgestreckte Arme ragen einem in den Weg.

Lars Liebst, 61 Jahre alt, kommt vom Theater, ist mit einer Ex-Ballerina verheiratet, seinen ersten Beruf erlernte er in den USA: Lichtdesigner. Er kam 1996 zum Tivoli, in einer Zeit, da der Park eine Krise durchlitt. Die Kopenhagener empfanden es in den leistungsorientierten 1990er-Jahren als nicht mehr zeitgemäß, dass Karussells das Erste waren, das man bei der Ankunft am Hauptbahnhof sah. Es wurde gemurrt, der Park hinke der modernen Metropole hinterher. Die Besucherzahlen gingen zurück, zum ersten Mal in seiner Geschichte schrieb der Tivoli rote Zahlen. Dann kam Liebst. Einer, der nach ermüdenden Meetings gern in den „Dæmonen“ steigt, die Hochgeschwindigkeits-Achterbahn des Tivoli, denn „das gibt einen guten Energieschub“. Früh erkannte er, dass gerade im vermeintlichen Problem des Parks, seiner anrührenden Nostalgie, die Chance zum Überleben liegt. „Die Menschen sehnen sich nach Erlebnissen mit allen Sinnen, deswegen sieht die Zukunft für uns gut aus“, sagt er, „das Analoge ist ein Trend.“ Das gilt auch in der Rutschbanen, der Bahn mit dem Berg. Bis heute hockt in jedem Zug ein Bremser mit Ohrenschützern auf dem Kopf (wegen des Kreischens der Passagiere), der die Fahrt an bestimmten Stellen der Strecke von Hand verlangsamt. Es wäre billiger, den Pos­ten durch ein automatisches Bremssystem zu ersetzen. Aber das käme beim Tivoli niemandem in den Sinn. Jeder Bremser hat seinen individuellen Stil, und manche Gäste kommen einzig und allein, um mit „ihrem“ Bremser zu fahren.

Virtual-Reality-Brillen katapultieren die Gäste des „Dæmonen“ in Fantasiewelten

Virtual-Reality-Brillen katapultieren die Gäste des „Dæmonen“ in Fantasiewelten

© Tivoli gardens
Über allem ragt „Det gyldne Tårn“ (Der goldene Turm)

Über allem ragt „Det gyldne Tårn“ (Der goldene Turm)

© Ulf Svane
Designer Will Gurley

Designer Will Gurley

© Ulf Svane

  Hier und da musste der Liebe zum Analogen allerdings etwas nachgeholfen werden. Liebst verordnete dem Park ein neues Preissystem mit zahlreichen Optionen, je nachdem, was man im Park tun will. Er setzte auf ein starkes Kultur- und Musik­programm für die vielen großen und kleinen Bühnen des Tivoli. Er schuf den „Rock Friday“, dann treten Newcomer und Stars auf, darunter auch schon Snoop Dogg und Lady Gaga. Und er begann in den Vordergrund zu rücken, wofür Dänemark ohnehin weltbekannt ist: Design. In den 1940er-Jahren arbeite­te der große Architekt und Designer Poul Henningsen für den Tivoli, etliche seiner Lampen säumen noch heute die Wege. Überhaupt gibt es im Park keinen Winkel, der nicht eine gestalterische Raffinesse aufweist. Jeder Handlauf, jedes Vogelhäuschen, jeder Stuhl in den fast 50 Restaurants und Bistros – alles basiert auf der Liebe zum richtigen Design.

Mit neun festen Mitarbeitern ist die Abteilung „Creative Development“ besetzt, die in einem ehemaligen Krankenhaus gegenüber dem Tivoli residiert. Der 54-jährige Künstler Thomas Winkler stieß vor neun Jahren zum Team, „die glücklichste ­Entscheidung meines Lebens“, wie er findet. Seine Finger sind befleckt mit Tinte, auf dem Schreibtisch steht ein Tuschkasten, die Wände hinter ihm schmücken historische Tivoli-Poster. „Auch wenn seine alte Struktur wunderschön ist, dürfen wir den Park nicht wie ein Museum behandeln“, sagt er und streift sich eine lange blonde Strähne hinters Ohr, „wir sind ja keine Historiker.“ Es sei, fährt er lächelnd fort, als befänden sich alle Stände, Fahrgeschäfte und Restaurants in einem immerwährenden Wettbewerb miteinander. „Jeder will schöner sein als alle anderen“, sagt Winkler und lacht, „und wird eine Attraktion neu eröffnet, ist gleich die nächste dran.“

CPH

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Hereinspaziert! Der prunkvolle Tivoli-Haupteingang an der Vesterbrogade wurde 1890 eröffnet

Hereinspaziert! Der prunkvolle Tivoli-Haupteingang an der Vesterbrogade wurde 1890 eröffnet

© Ulf Svane
Über den Dingen: das „Himmelskibet“ (Himmelsschiff), ein 80 Meter hohes Kettenkarussell

Über den Dingen: das „Himmelskibet“ (Himmelsschiff), ein 80 Meter hohes Kettenkarussell

© Ulf Svane
Sonnenuntergang trifft Festbeleuchtung: Die Lichtspiele in der Dämmerung gehören zu den großen Attraktionen des Tivoli

Sonnenuntergang trifft Festbeleuchtung: Die Lichtspiele in der Dämmerung gehören zu den großen Attraktionen des Tivoli

© Ulf Svane
Bodenständig: Kirmes-Pferderennen

Bodenständig: Kirmes-Pferderennen

© Ulf Svane

  Vom Gründer des Parks, Georg Carstensen, sind die Worte überliefert, der Tivoli werde „niemals fertig sein“. Das stimmt auch nach 175 Jahren noch. Gerade wird das „Tik Tak“ aufgebaut, ein sogenannter Shaker, den Gurley mitentworfen hat, der Designer, der durch die Rutschebanen kletterte. Die Gondeln des Tik Tak sollen sich während ihrer rasanten Fahrt um die ­eigene Achse drehen. Eine dieser Gondeln steht auf Gurleys Schreibtisch, als Modell, gefertigt im 3-D-Drucker nebenan. Gurley begutachtet ein paar Proben gefärbten Acryls, er will sehen, „wie unterschiedliches Licht durch das Material gefärbt wird“. Licht ist ein besonderes Thema im Tivoli. Seine Abendbeleuchtung ist eine Attraktion für sich, sie wird saisonal und thematisch angepasst. 300 000 LED-Leuchten erhellen den Park, seine Karussells und Stände, zu Weihnachten steigt die Zahl auf eine Million. Ihre Farbe, Intensität und Blinkrhythmen werden, ganz modern, per Software gesteuert. Den Strom für die ewige Lichtchoreografie gewinnt ein eigenes Wind­rad draußen in der Ostsee. Herr über das Licht im Tivoli ist Jesper Kongshaug. „In Dänemark haben wir zwei, drei Stunden Dämmerung, in denen sich stets neue Möglichkeiten bieten, mit dem Licht zu spielen und seine besten Momente hervorzuholen“, sagt der 62-Jährige. Die Dämmerung sei, als würde man ein Buch aufschlagen und in eine Geschichte geführt. „Schattenwürfe“, ruft er und blickt ernst, „damit muss ich umgehen.“

Ein Ticket für den Tivoli ist für viele ein Ticket zurück in die eigene Kindheit

Eine Bimmelbahn rumpelt über den Gehweg, Menschen lächeln selig aus dem winzigen Gefährt hervor. Fragt man sie nach dem Tivoli, erzählen viele von Erinnerungen: an ihre Kindheit oder an die erste Liebe, mit der sie Karussell fuhren. Mitten in der Stadt in einer völlig anderen Welt zu verschwinden, das ist für viele der besondere Reiz, einige besitzen eine Jahreskarte. Mit dieser Liebe sind sie in bester Gesellschaft: Der Schriftsteller Hans Christian Andersen schrieb hier seine „Kleine Meerjungfrau“ (1837 erschienen), Hans Christian Lumbye komponierte 1845 eigens für den Tivoli den „Champagner-Galopp“, der bis heute bei festlichen Anlässen in Dänemark gespielt wird. Bevor der Abend kurz vor Mitternacht mit einem Feuerwerk endet, möchte Will Gurley mir noch das Kinderkarussell „Astronomen“ vorführen, einen Kreisel, um den sich knuffige Raumschiffe drehen. Dabei steuert sie der Passagier selbst mit einem Hebel auf und ab. „Ist das nicht toll?“, ruft Gurley aus seiner Gondel, „so kann jeder seinen Lieblingsstern fangen!“


Ein perfekter Tag in Kopenhagen

Aufwachen

Nach der Runde im Hotelpool gibt es ein fantastisches Frühstück mit Ausblick aus dem 11. Stock.

tivolihotel.com

Spritztour

Sightseeing gefällig? Die besten Aussichten hat man vom Wasser aus – bei einer geführten Kajakrundfahrt.

kayakrepublic.dk

Anstoßen

Grandiose Cocktails serviert die Bar Ruby. Bleiben oder tanzen gehen? Aufschub – erst noch einen Drink!

rby.dk

Essen fassen

Das ehemalige Schlachtereiviertel Kødbyen steckt voller Bars und Galerien; mittendrin gibt’s fangfrischen Fisch.

fiskebaren.dk


Zum Ziel

Lufthansa fliegt im August fünfmal täglich von Frankfurt (FRA) und bis zu fünfmal täglich von München (MUC) nach Kopenhagen (CPH).
Die App für Ihre Meilen­gutschrift:
miles-and-more.com