Das Unbekannte vor dir.
© Steffen Roth

Diese wohlige Anspannung: Was einen wohl erwartet? So war es früher, als jede Welt­erkundung noch zu Hause begann. Staunend beugte ich mich über die bunten Seiten im Atlas, wochenlang blätterte ich in Hochglanz­katalogen und überlegte, wie ich wohl jemals auf eine dieser Kanarischen Inseln gelangen konnte. Und überlegte und zählte mein Geld und überlegte …

Heute dagegen habe ich übers Internet direkten Hotel-Zugriff in aller Welt, kann auf Reiseportalen die Bewertungen vergleichen oder direkt Flüge und Hotels buchen. Sofern ich nicht gerade meine Passwörter verwechsle, ist das Ganze im Grunde viel einfacher geworden. Wenn am nächsten Abend in Barcelona oder in London ein interessantes Konzert ist, fliege ich kurzerhand hin. Es ist dann eher ein Ortswechsel als klassisches Reisen. Aber auch weiter entfernte Ziele bergen nicht mehr das gleiche Risiko wie vor 20 Jahren, als ich mich auf die Informatio­nen des Reisebüros oder einen – meist kurz vorm Aufbruch gekauften – Reiseführer verlassen musste. Heute, da die Welt grenzenlos, damit aber auch kleiner geworden ist, schaue ich mir mein Ziel vorab auf Google Earth und Street View an. Das erspart Unannehmlichkeiten, doch nimmt der Überraschungsfaktor ab. Tröstlich: Die Wirklichkeit hat immer noch die Kraft, jede Vorstellung von einem Ort, so präzise sie auch zu sein schien, binnen Sekunden auszuhebeln. Denn nach wie vor gilt die alte Reiseweisheit: expect the unexpected!

  Ende der 1990er-Jahre landete ich in China einmal versehentlich auf einem Punkkonzert, in einem Industriegebiet irgendwo im Großraum Peking. Da mir die Gepflogenheiten des Pogo-Tanzens nicht geläufig waren, ging ich, nachdem man mir fies in den Rücken gesprungen war, zu Boden. Todesmutig erklomm meine chinesische Dolmetscherin die Bühne und sprach ins Mikrofon: „Liebe Freunde, unser deutscher Freund hat soeben ein Brillenglas verloren, wir sollten ihm bei der Suche helfen.“ Ein eher unüblicher Satz für ein Punkkonzert, der erwartungsgemäß schallendes Gelächter erntete. Als wir davonfuhren, tröstete mich die Dolmetscherin mit dem wunderbaren Satz: „Wir waren die Porzellanfiguren im Elefantenladen!“

Auch heute noch darf man mit Unerwartetem rechnen. Etwa in Kambodscha. Ich weiß nicht, wie es dort vor 20 Jahren war. Aber wenn man – wie ich kürzlich – auf dem Sozius eines Mofas durch den ländlichen Süden des Landes fährt, hat man das Gefühl, hier sei die Zeit tatsächlich stehen geblieben. Doch ausgerechnet die digitalen Hilfsmittel führten uns zu Menschen, die uns offenen Blickes begegneten, weil er noch nicht abgenutzt ist von Begegnungen mit Abertausenden Touristen. Wir hatten auf der Navigations-App „Fahrradwege“ eingegeben, um die großen Verkehrsströme zu vermeiden und uns nur auf schmalen Pfaden durchs Land zu bewegen. Und die brachten uns in Dörfer, so klein und abgelegen, dass man sie früher allen­falls zufällig gefunden hätte.

Sehnsucht Rollfeld: „Escape“, Flucht – so nennt der Fotograf Steffen Roth seine Langzeitstudie, aus der hier einige Bilder zu sehen sind: steffenroth.com/escape

  Vor einer längeren Reise schlafe ich nicht allzu gut. Die Aufbruchsfreude kollidiert häufig mit der Sorge, etwas Wichtiges vergessen zu haben. Stets reise ich deshalb mit zu viel Gepäck. Dabei habe ich früher meine Eltern dafür verlacht, dass sie noch auf kleinsten Ausflügen ihre riesigen Lederkoffer mitschleppten. Dabei war das Ziel ihrer Reisen fast immer das Fichtelgebirge oder der Bayerische Wald, während meine Klassenkameraden von der abenteuerlichen Fahrt über den Brenner erzählten. Mein Vater hat in seinem Leben genau eine große Reise gemacht, eine Kreuzfahrt in Asien. Zwei Drittel der Zeit war er seekrank – und seine Reiselust dann für immer gestillt. Ich gebe zu: So schön und schnell und komfortabel das Reisen auch sein mag, seinen Höhepunkt erreicht es meist im Moment des Ankommens. Ich meine: Dafür macht man es ja.

Das erste Land, das mich für sich einnahm (und nie wieder losließ), war Italien. Der Ort meiner Sehnsucht, meines persön­lichen Aufbruchs, meines Erwachsenwerdens. Ich besuchte einen Freund in Cinque Terre, der eine Italienerin heiratete, und geriet dort in eine Hochzeitsgesellschaft, die einen derart nachhaltigen Eindruck auf mich machte, dass ich bis heute mindestens einmal im Jahr nach Italien muss. Ich brauche den Wohlklang der Stimmen, den Espresso und das italienische Essen, den Pinienduft, die Ästhetik einer x-beliebigen Piazza und das Meer, das ja doch etwas anderes ist als die Ostsee.

Es ist stets das Kleine, das mich interessiert. Ein Lächeln, eine Geste, eine surreale Szene. Die Tankstelle in der Ukraine, auf der eine Kuh hauste und sonst niemand. Die Chinesen, die bei Ikea in Peking picknicken. Das Hotel in Tamarindo in ­Costa Rica, wo man mit großer Selbstverständlichkeit zwischen Tejus frühstückt, die man als Nicht-Biologe zunächst für Krokodile hält. Die Königskobra, die ich auf einer indonesischen Insel in einem Garten verschwinden sehe. Als ich den Hausbesitzer darauf aufmerksam mache, winkt er müde ab – als hätte ich ihm von der Begegnung mit einem Eichhörnchen erzählt. Dabei ist es gar nicht so, dass ich die große Exotik benötige. Ich war oft genug in Asien, um mir heute – ganz im Sinne meiner Eltern – den Schwarzwald leisten zu können. Anders als früher finde ich es auch schön, an Orte zu fahren, die ich bereits kenne. Es ist ein bisschen wie eine feste Beziehung. Es gibt Argumente dagegen, aber es hat seine Qualitäten.

Mit den Jahren verliert man ein wenig jene Naivität, die wichtig ist, wenn man sich auf einer Reise treiben lassen möchte. Ein Trick, den ich mir aber erhalten habe: wenig Planung. Das Ergebnis ist fast immer ein Gewinn. Natürlich gibt es Orte, für die sich ein bestimmter Grad an Organisation empfiehlt. Begegnet man etwa mitten in der afrikanischen Steppe einem Rudel ausgehungerter Löwen, sollte man die Regel vom Weg als Ziel kurzfristig außer Kraft setzen. Andererseits gibt es ein Prinzip, das mich schon auf vielen Reisen vor unliebsamen Überraschungen bewahrt hat: Wenn ich im Urlaub bin, habe ich immer meine Frau dabei, den vermutlich bestorganisierten Menschen auf Erden.