© Tim Möller-Kaya

Der Stürmer im Regenwald

  • TEXT HELGE TIMMERBERG
  • ILLUSTRATION TIM MÖLLER-KAYA

  Der einzige Fußballprofi, den ich persönlich kennen­lernte, nannte sich Sete, also Sieben, denn das war seine Nummer auf dem Feld. Ich traf ihn am Amazonas, gleich rechts vom Rio Negro. Eine Knieverletzung hatte seine Karriere beim FC São Paulo beendet, und er hatte, wie Männer seines Schlages nun mal sind, nichts gespart. Deshalb suchte er nun nach Gold im Regenwald. Ich nicht. Mein Gold sind Geschichten, und es gab jede Menge im Dreiländer­eck von Brasilien, Venezuela und Kolumbien, und die der Goldsucher war die stärkste. Sie fürchteten weder Tod noch Teufel, aber sie fürchteten den schwarzen Jaguar. Deshalb gingen sie selten allein, auch selten zu zweit. Die Gruppe, mit der ich un­terwegs war, bestand aus zehn Männern und zwei Frauen. Und Sete führte sie an. Trotz seiner Sportverletzung war der Ex-Stürmer noch immer der Schnellste weit und breit, was in der Gesellschaft von Waldläufern und Halbindianern einiges heißt.

Nie vorher hatte ich Männer mit so viel Gepäck so schnell gehen sehen. Sie trugen ihre Ausrüstung, ihre Hängematten, ihre Macheten, ihr Kochgeschirr, ihre Bohnen und ihren Reis, und weil die Lebensmittel für mindestens einen Monat, wenn nicht zwei reichen mussten, schleppte jeder um die 30 Kilo auf dem Rücken, nur ich nicht. Ich ging frei, weil ich einen Träger hatte. Trotzdem war ich immer der Letzte und Sete immer der Erste. Er trug übrigens keine Gummistiefel, wie es alle anderen taten, sondern Fußballschuhe. Er schwor auf die Nocken. Und der Pfad gab ihm recht. Mal schlammig, mal sumpfig, mal dies und das, mal ging es bergauf, mal bergab, und ziemlich oft mussten wir auch auf Baumstämmen über Abgründen balancieren, und in jedem Fall waren Setes Fußballschuhe dafür ideal. Sie hatten nur einen Nachteil: Gummistiefel bieten nach oben mehr Schutz vor Schlangenbissen. Aber das war Sete egal.


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