Gracht in Amsterdam bei Nacht
© Gene Glover

Die dunkle Seite der Gracht

  • TEXT EMILY BARTELS
  • FOTOS GENE GLOVER

Nach Sonnenuntergang geht es in Amsterdam wild zu, manchmal so wild, dass die Stadt einen Schlichter braucht: Mirik Milan ist der erste Nachtbürgermeister der Welt, aber längst nicht mehr der einzige. Unsere Reporterin hat ihn zum Ende seiner Amtszeit begleitet.

Auf dem Leidseplein steht ein Mann in ­einem rosafarbenen Tutu. Ratlos schaut er auf seine Füße, vor denen Dutzende kleine Schnapsflaschen, Schokoriegel und Kondom­päckchen in einer Pfütze liegen. Wankend beugt er sich hinunter. Seine Freunde feuern ihn an, als er die Waren in seinen Bauchladen räumt. Junggesellenabschied. Vor seiner Hochzeit soll ihr Freund noch einmal hemmungslos bescheuert sein dürfen. Der Leidseplein in der Innenstadt von Amsterdam ist ein guter Ort dafür: Clubs, Bars und Restaurants säumen ihn, die leuchtenden Schilder über den Eingängen locken mit der Aussicht auf Rausch und Gesellschaft.

Ein dunkelhaariger Mann in rotem Jogginganzug bahnt sich seinen Weg durch die Menge, Regentropfen perlen vom Stoff ab. Mirik Milan hat die Kapuze über den Kopf gezogen. Die Türsteherin des Clubs Jimmy Woo, eine Frau mit täto­wiertem Hals und blonder Tolle, erkennt ihn trotzdem sofort. Denn Milan ist der Nachtbürgermeister von Amsterdam. Er ist Schutz­patron für feiernde Junggesellen, Stellvertreter für alle Wesen der Nacht. Für die ruhesuchenden Anwohner wie für die Clubbetreiber. Drinnen geht Milan zielstrebig auf die Musik­anlage zu und plaudert mit dem DJ. Unter dem Flackern Hunderter Glühbirnen wirkt der Dancefloor wie ein Wackelpudding, aus dem Arme und Beine ragen.

 

Fahrräder in Amsterdam

Touristen, Fahrräder …

© Gene Glover
Blumenladen in Amsterdam

… und Souvenirshops in der engen Altstadt von Amsterdam

© Gene Glover
Canal in Amsterdam
© Gene Glover

 „Die Nacht gibt jedem ein Gefühl von Freiheit“, sagt Milan, „denn alle Nachtschwärmer haben eine Gemeinsamkeit: Sie sind ausgezogen, etwas zu erleben. In einer Gruppe Gleichgesinnter kann man sich leichter gehen lassen.“ Milan ist jetzt 37 Jahre alt und nicht mehr so viel unterwegs wie früher. Er arbeitet meist am Schreibtisch, in einem alten Architekturbüro, mit Blick auf die Gracht. Hier begann Milan 2012 mit einer Kollegin – und mit einer Vision. „Ich komme aus dem Nachtleben. Dort wuchs ich auf, dort fand ich meine Freunde. Die Szene weltweit zu repräsentieren war für mich wie ein Traum“, sagt er. Dem Vorbild Amsterdams folgten viele weitere Städte, in London wacht mittlerweile ein „Night Czar“, in New York das Office of Night­life.

Während der vergangenen sechs Jahre hat Milan viel für das friedliche Zusammenleben in Amsterdam erreicht. Im März wird er das Amt an einen Nachfolger übergeben. Der wird, wie Milan, nicht besonders viel Schlaf finden. Denn Amsterdam ist, neben Berlin, die Partyhauptstadt Europas. Marihuana-Konsum und Prostitution sind legal, die Festivals und DJs berüchtigt. Das lockt Feierwütige an. Doch die fühlen sich in Amsterdam oft etwas zu frei. Übergeben sich in Hauseingänge, streiten auf Zebrastreifen und erleichtern sich an Briefkästen. Da braucht es jemanden, der vermittelt zwischen Nachtleben und Tages­geschäft, zwischen Rausch und Ruhe, Licht und Dunkel.

Viele denken, Amsterdam sei so liberal. Aber eigentlich sind wir sehr kontrolliert

Mirik Milan, Nachtbürgermeister

Die Amsterdamer sind mit der Zeit ein wenig dünnhäutig geworden. Denn die 850 000 Einwohner teilen ihre Stadt jedes Jahr mit 17 Millionen Touristen. Die Grachten verstopfen, die Mieten steigen, neue Hotels vertreiben Alteingesessene. Die Stadt versucht mit immer neuen Gesetzen, die Balance zwischen Gästen und Bewohnern zu retten: Seit Ende 2017 dürfen keine weiteren Souvenirläden in der Innenstadt eröffnen. Keine neuen Gouda-Shops, keine Frikandel-Imbisse. Außerdem dürfen Vermieter ihre Privatwohnungen nur noch maximal 30 Tage im Jahr bei Airbnb anbieten, und die Stadt kassiert eine Touristensteuer von fünf Prozent auf jede Buchung.

 

Tor-Hüterin: Jackson Rumajin Amsterdam

Tor-Hüterin: Jackson Rumajin entscheidet, ...

© Gene Glover
Jimmy Woo Amsterdam

... wer ins Jimmy Woo darf.

© Gene Glover

 Nach dem Besuch im Jimmy Woo läuft Milan zum Rijksmuseum. Im Restaurant Rijks hat er ein Nacht-Dinner organisiert, mit dem er auf ein weiteres Problem des Nachtlebens hinweisen will: „Nach 21 Uhr bekommt man in Amsterdam kaum noch vernünftiges Essen“, sagt er. Also fordert er einen Innenstadtbereich, in dem Geschäfte 24 Stunden geöffnet bleiben dürfen. Dass er schon 2014 für zehn Etablissements eine 24-Stunden-Lizenz erkämpfte, sieht Milan als seinen größten Erfolg. „Viele denken, Amsterdam sei so liberal, ein Paradies für Hedonisten“, sagt er, „aber eigentlich sind wir sehr kontrolliert.“

Höhepunkt des organisierten Exzesses ist das jährliche Amsterdam Dance Event im Oktober. „Etwa 375 000 Leute besuchen fünf Tage lang über 300 Veranstaltungen – und trotzdem verzeichnen Polizei und Sanitäter keine höhere Belastung als in einer normalen Samstagnacht“, sagt Milan. Amsterdam hat Routine entwickelt, es ist ein bisschen Disneyland geworden, ein bisschen Kindergarten. Man hat gelernt, mit Horden berauschter Menschen umzugehen. Die Grundregeln: Schaffe einfache Zu- und Ausgänge, sorge für Orientierung – hier die Bar, dort das Klo – und erleuchte die dunklen Ecken.

Denn der Schatten bietet Schutz vor Blicken, vor Entlarvung und Ernüchterung. Er ermutigt Menschen, Dinge zu tun, die sie am Tag nicht wagen. Als zweite Stadt Europas ließ Amsterdam schon im Jahr 1669 Gaslaternen in den Straßen aufstellen. Seitdem verschwimmt die Grenze von Tag und Nacht, doch die dunklen Stunden haben ihren Sonderstatus behauptet. Für Milan überwiegen jedoch die guten Seiten: „Die Nacht bringt Leute zusammen. Hier werden Ideen geboren und Beziehungen geknüpft. Sie ist enorm wichtig für die kreative Szene, aber auch für Unternehmer wie mich.“

AMS

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 Noch bevor Mirik Milan seinen Bachelor-Abschluss in Kommunikationswissenschaft machte, hatte er bereits eine Event-Firma aufgebaut. Er organisierte Partys, bis er – zunächst ehrenamtlich – den Posten des Nachtbürgermeisters übernahm. „Doch ohne Struktur wäre ich bloß ein lustiger Kerl mit einer eigenen Meinung geblieben“, sagt Milan. 2014 wurde er der erste Vollzeit-Nachtbürgermeister der Welt und aus dem Amt eine unabhängige NGO, zu je einem Drittel finanziert von der Stadt, von den wichtigsten Akteuren des Nachtlebens und aus Mitteln, die Milan mit Auftritten und Beratungen einnimmt. Etwa 80 000 Euro kommen so im Jahr zusammen. Gewählt wird der „Fürst der Finsternis“ von einer bunten Mischung aus Beteiligten, darunter Künstler, Clubbetreiber, Festivalbesucher und Einwohner, die online abstimmen.

Wenn etwas schiefläuft in der Nacht, folgt als erste Reaktion meist ein Verbot, kritisiert Milan. Er sieht es als Aufgabe des Nachtbürgermeisters, mit allen Beteiligten eine gemeinsame Lösung zu erarbeiten. „Wenn jemand von einem Betrunkenen zusammengeschlagen wird, ist das kein Problem der Clubbetreiber, sondern ein Problem der Gesellschaft“, sagt er. Die will er zu einem friedlichen Miteinander erziehen.

 Mit dem Bürgermeister von Amsterdam, Eberhard van der Laan, der im Oktober 2017 verstarb, verband ihn eine enge Beziehung, obwohl sie sich nur ein- oder zweimal im Jahr persönlich trafen. „Van der Laan hatte in den letzten Jahren großen Einfluss auf mich, seine ehrliche Art habe ich sehr bewundert“, sagt Milan. Ihr wichtigstes Projekt realisierten die beiden auf dem Rembrandtplein. Auch hier liegen etliche Nachtclubs und Bars, in der Mitte stehen 15 Bronzefiguren, bewaffnete Männer mit Pluderhosen. Sie stammen aus dem Gemälde „Die Nachtwache“ von Rembrandt van Rijn, das im Rijksmuseum hängt. Ungerührt stehen sie vor einer Statue ihres Schöpfers und lassen sich von den Menschen, die hier lagern, raufen und trinken, nicht stören. Die beiden Bürgermeister taten sich zusammen: Milan sammelte bei den Clubbetreibern rund um den Platz Geld ein, van der Laan legte den gleichen Betrag obendrauf. Mit diesem Budget verbesserten sie die Straßenbeleuchtung, sie richteten eine Fußgängerzone ein und etablierten „Square Hosts“, die auf dem Platz patrouillieren und aufpassen, dass sich jeder an die Regeln hält. Außerdem können Anwohner die Ordnungshüter nun direkt per App kontaktieren. „Die Menschen haben endlich das Gefühl, dass die Stadt ihre Probleme ernst nimmt, auch die Partygänger fühlen sich sicherer“, sagt Milan.

Seinem Nachfolger bleibt noch genug zu tun: Die Zahl der Touristen wächst jedes Jahr um fünf Prozent, 2025 werden 25  Millionen Besucher erwartet. „Wir können Amsterdam nicht unbeliebter machen, als es ist“, sagt Milan. Er geht zurück über den Museumplein, auf dem der Slogan der Stadt prangt: I am sterdam. Jeder ist willkommen, sollen die Lettern sagen. Auf den Dancefloors der Stadt könnte aber mehr Offenheit herrschen, findet Milan. Dieses Anliegen gibt er seinem Nachfolger mit auf den Weg: „Mehr Diversität im Nacht­leben würde der Stadt und ihren Einwohnern guttun.“

Es war eine gute Nacht, doch es ist spät geworden, selbst für Mirik Milan.

 


Durch die Nacht in Amsterdam

Stärken

Bester Start: Das De School vereint Galerie, Gym, Club und sehr gute Küche.

deschoolamsterdam.nl

Aufheizen

Danach ein Konzert im Paradiso, einem altehrwürdigen Live-Musik-Club.

paradiso.nl

Trinken

Jetzt auftanken! Den edelsten Sprit gibt es im Vesper.

vesperbar.nl

Tanzen

Jetzt richtig aufdrehen: Im Claire feiern Locals und Besucher gemeinsam.

claire.nl

Runterkommen

Avocado-Toast und Banana-­Latte vertreiben im Coffee and Coconuts den Kater.

coffeeandcoconuts.com