LHM: Kolumne Helge Timmerberg
© Tim Möller-Kaya

Ein gesungenes Ja zur Welt

  • TEXT HELGE TIMMERBERG
  • ILLUSTRATION TIM MÖLLER-KAYA

  Wir bummelten einfach nur. Ein letzter Spaziergang durch die Gassen des Gotischen Viertels von Barcelona, ohne irgendetwas davon zu erwarten. Wir waren satt, wir hatten getrunken, wir nahmen Abschied von der Stadt. Das Mittelalter machte Feierabend. Die Kathedrale, die Paläste, die Museen hatten geschlossen, und der winterlichen Temperaturen wegen, oder auch nur weil wir ein bisschen Glück hatten, schritten wir durch einige dieser Gassen ganz allein. Und kamen tief hinein. Ein begehbares Gemälde, eine Ahnung von Geschichte, Größe und Genialität, beleuchtet von Gaudís Laternen.

Dann hörten wir die Musik. Sie kam aus der Dunkelheit zwischen zwei historischen Mauern, und als wir uns näherten, wurde eine Oper daraus. Zwei Tenöre mit Mütze, Schal und warmen Mänteln sangen mit Inbrunst und offensichtlich professionell ausgebildeten Stimmen ein Lied in die Nacht hinaus, das mir auf der Stelle die Tränen in die Augen trieb. Ich kenne mich mit Arien nicht aus, aber sie war berühmt, ich hatte sie schon oft gehört, in Filmen, im Fernsehen, im Radio, aber nirgends so authentisch wie hier. Im Opernhaus des Lebens.

Ein bisschen Licht vom Ende der Gasse, vom Zufall mo­dellierte Schatten, große Stimmen, unsterbliche Gefühle. Die Bühne ist älter als die Oper und das Lied älter als die Sänger, zwei Männer singen von der ewigen Liebe oder vom Schicksal der Sterblichen oder von was weiß ich, und zwischen ihnen steht ein kleiner weißer Koffer, in den man Geld werfen kann. So hört sich in Barcelona Straßenmusik an: das kulturelle Erbe Europas on the road. Einfach so. Ich mag mich kaum von der Mauer ­lösen, an die ich mich angelehnt habe. Ja, ich will von nun an auch in die Opernhäuser der Welt gehen, und ja, ich weiß, dass dieser Moment trotzdem nie wiederkommen wird.


Unser Kolumnist pflegt seit 1969 sein heftiges Fernweh, schreibt Reisebücher aus aller Welt – und jeden Monat hier.

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