Kolumne: Hellwach in L.A.
© Tim Möller-Kaya

  Schon um 6 Uhr bin ich aus den Federn. Und begrüße den jungen Tag und das neue Leben, denn das hat es seit Jahrzehnten nicht mehr gegeben. Ich bin der klassische Spätaufsteher. Und mit  spät meine ich: spät. Mal 11 Uhr, mal 11.30, auch mal 12. Ich bin nicht faul, ich habe nur andere Zeiten, berufsbedingt, wie die Nachtwächter. Die Schönheit des Morgens kannte ich nur noch vom Hörensagen oder nach einer durchschriebenen Nacht. Neun Stunden Zeitunterschied haben es jetzt möglich gemacht: Good morning L.A. Gegen Mittag ist bereits die Hälfte der Arbeit getan.

Pause bei Mel’s, wir nehmen Platz in den 50er-Jahren, in den guten alten Tagen des Kinos und des Lebens, in der Kulisse von 1000 & einem Film. „American Graffiti“ hat dieses Drive-in-Restaurant auf der ganzen Welt bekannt gemacht. Und es war George Lucas‘ erster großer Erfolg. Vom Mel’s aus zettelte er den „Krieg der Sterne“ an, sozusagen. Und ich? Bin ich hier als Gast nur ein Statist oder Hauptdarsteller im Drehbuch meines Lebens? Solche Sachen frage ich mich in L.A., noch bevor sich der Tag in seine zweite Hälfte dreht. Das ist schön. Das ist stark. Und das nennt man nicht Jetlag, sondern das normale Leben. Mittlerweile ist es Nachmittag, und ich habe bereits soviel Sonnenlicht gespeichert wie sonst nur in zwei Tagen: Früh aufstehen macht glücklich. Drei Palmen überragen mein Hotel, und hinterm Sunset Boulevard geht die Sonne unter. Ein Feierabend wie hingepinselt, in Zartrosa. Und, wie gesagt, alle Arbeit ist vollbracht, der Job erledigt, morgen fliege ich zurück in mein Langschläferleben. Aber einmal, nur einmal noch, darf ich um 6 Uhr aufstehen. Ich freue mich schon drauf.


Unser Kolumnist pflegt seit 1969 sein heftiges Fernweh, schreibt Reisebücher aus aller Welt – und jeden Monat hier.

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