Konzentriertes Blubbern
© Evelyn Dragan

Das Bauhaus in Weimar ist kein Museum, sondern ein lebendiger Ort für junge Künstler. 100 Jahre nach der Gründung haben wir die neue Generation besucht.

Charlotte Flach steht am Fenster und faltet ihr Waschbecken auf: ein eckiges Ding aus orangeroter Lkw-Plane, zusammengeschweißt mit einem Haarglätteisen, ideal für enge Bäder in kleinen Großstadtwohnungen. Flach hat das flexible Bassin zusammen mit Lisa Homuth entworfen. Es ist Teil der Masterarbeit der beiden, die an der Bauhaus-Universität Weimar Architektur studieren. Und genau wie in den Anfängen am legendären Bauhaus der 1920er-Jahre hat das handwerkliche Experimentieren beim Ringen um die beste Lösung hier den höchsten Stellenwert.

In Thüringens traditionsreicher Residenzstadt führen Gassen mit Kopfsteinpflaster an Fachwerkhäusern, Standbildern und Plätzen mit Brunnen vorbei. Die perfekte Kulisse für Historienfilme – läge nicht die berühmteste Designschule des 20. Jahrhunderts am Rand des alten Stadtkerns. An der Bauhaus-Uni nehmen die Studenten in Henry van de Veldes Lehrgebäude heute die gleiche Wendeltreppe zu ihren Vorlesungen wie einst Bauhaus-Gründer Walter Gropius, Paul Klee und Wassily Kandinsky. Zahlreiche Designklassiker, die „ihrem Zweck vollendet dienen“, wie Gropius 1925 schrieb, wurden hier erdacht: die Tischlampe von Wilhelm Wagenfeld, die halbkugelförmige Teekanne von Marianne Brandt. Rationale und wegweisende Entwürfe, mit denen das Bauhaus seit einem Jahrhundert identifiziert wird. Die Kunsthochschule stand in ihrem Gründungsjahr 1919 aber noch nicht für einen Stil, sondern für eine Philosophie: dass Architekten, Städteplaner, Produktdesigner, Grafiker und Maler Gestaltung von Grund auf neu denken, Kunst und Handwerk miteinander vereinen und mit ihrer Arbeit das Leben der Menschen besser machen. Leitgedanken, die bis heute am Bauhaus lebendig sind.

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Wohn-Experimente: Schiebewände ...

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... und ein Waschbecken zum Zusammenfalten im Versuchshaus "Bauhaus Eins"

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Weimar klassisch: die Anna-Amalia Bibliothek

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Keramik von Milia Seyppel in der Ausstellung "Bauhaus Studio 100"

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Musiker Martin Kohlstedt

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Papeterie der Bauhaus-Absolventin und Grafikerin Christiane Werth

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 Gleich gegenüber der Universität werden die Einfälle der Studenten konkret: Im „Bauhaus Eins“, einem sanierungsbedürftigen Wohnhaus aus dem Jahr 1873, testen angehende Architekten in einem sechs Quadratmeter kleinen Zimmer Ideen für das Wohnen auf engstem Raum. Sie schieben in diesem „Tiny Livingspace“ bewegliche Wandelemente hin und her, um die Fläche in verschiedene Wohnbereiche zu gliedern. Auch das faltbare Waschbecken findet hier seinen Platz. „Wir sind der Beweis dafür, dass das Bauhaus lebt“, sagt der 43-jährige Mediengestalter Max Schreiner, der „Bauhaus Eins“ vor zehn Jahren initiierte. „Wohnraum wird immer teurer, und der Klimawandel stellt uns vor neue ökologische Herausforderungen. Die Probleme sind ganz andere als vor einem Jahrhundert, als sich das Bauhaus in Weimar gründete. Aber noch immer beschäftigt uns die Grundfrage von einst: Wie wollen wir miteinander leben? Und wie kann Architektur dabei helfen?“

In der Werkstatt der Bildhauerin Anne Schwing im zweiten Stock experimentieren Studenten mit neuen De-signs für Türklinken – denn es muss ja nicht immer der schlichte „Gropius-Drücker“ sein, den der Meister 1922 in Weimar entwarf. Stattdessen gießen sie Klinken aus Bronze, die Mikrofonen oder Seemannsknoten ähneln. Einige ihrer Kommilitonen arbeiten an Plänen für offen gestaltete Wohnräume, die den Gemeinschaftssinn stärken sollen. Wieder andere haben unter dem Arbeitstitel „Ästhetik der heilsamen Orte“ für Krankenhäuser neue Farb- und Designkonzepte entwickelt, die den Gesundungsprozess unterstützen sollen. Grün zum Beispiel wirkt heil­fördernd, das haben bereits viele Studien bewiesen. Warum also nicht die Zimmer in Naturtönen streichen? Oder Wartebereiche in Kliniken mit Vogelgezwitscher beschallen? Design, das hilft: An Ideen dafür ist kein Mangel – es muss sie nur jemand umsetzen.

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"Wir sind der Beweis, dass das Bauhaus lebt", sagt Uni-Absolvent Max Schreiner

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Einmal New York und zurück: die Malerin Ulrike Theusner in ihrem Atelier

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Berlin-eindrücke verarbeite ich in Weimar

Ulrike Theusner, Malerin

 

 Bauhaus, das heißt auch: Ungewohntes denken und Ungesehenes formen. In Weimar, einer Stadt mit gerade mal 65 000 Einwohnern, befeuert der Bauhaus-Spirit noch immer die Geburt neuer Ideen. Ob es da-ran liegt, dass man sich in der sogenannten Provinz besser aufs Wesentliche konzentrieren kann? Die Modedesignerin Anne Gorke ist davon überzeugt. In ihrem Atelier in der Altstadt entwirft sie Bauhaus-Mode: Sweatshirts mit grafischen Flächen in den Grundfarben Blau, Rot und Gelb. Sogar die Paisley-Muster ihrer Webschals erweisen sich bei näherem Hinsehen als Ornamente aus den typischen Bauhaus-Grundformen Kreis, Dreieck, Rechteck. „Überflüssige Details empfinde ich als unangenehm. An der Bauhaus-Uni habe ich ein klares Verständnis für Farbe und Formen entwickelt“, sagt die 35-Jährige. Weniger ist mehr – der berühmte Leitsatz des Bauhaus-Architekten Ludwig Mies van der Rohe ist auch ihr Credo. „In einer Welt, die immer komplexer wird, sehnen sich die Menschen nach Einfachheit“, glaubt Gorke – und hat deshalb ihre Heimatstadt Weimar als Wohnort ­gewählt. „Es ist eine optisch ruhige Stadt mit klaren Sichtachsen, in der man nicht von vertikal aufragenden Hochhäusern angeschrien wird. Ich komme hier einfach besser auf den Punkt als in Berlin.“ In der Hauptstadt zeigt Gorke ihre Kollektionen bei der Fashion Week, aber die nötige Ruhe zum Arbeiten würde sie dort nicht finden, sagt sie. Ihre aktuelle Kollek­tion „Bauhaus Made“, die sie gemeinsam mit Grafik­designern gestaltet hat, verkauft sie ausschließlich in den Shops der Weimarer Museen und in Dessau, der Stadt, in die das Bauhaus 1925 umzog.

Sachlichkeit zeichnet auch das neue Bauhaus-Museum Weimar aus, das am 6. April öffnet. Ein weißer Kubus am Rand der Altstadt: In Weimar wirkt das, als sei ein gigantischer Bauklotz in eine Puppenstube gepurzelt. Hier sind Exponate aus der ältesten Bauhaus-Sammlung der Welt zu sehen – der von Walter Gropius persönlich: Peter Kelers berühmte dreieckige Kinderwiege zum Beispiel, der Wassily-Klubsessel von Marcel Breuer und Teppiche von Gunta Stölzl. Die Ausstellung beschäftigt sich aber auch anhand des Haus am Horn von 1923 – dem einzigen vom Bauhaus initiierten Gebäude in Weimar – damit, wie das Bauhaus das Wohnen verbessern wollte.

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Blau, gelb, ein wenig rot: Die Mode der Designerin Anne Gorke ist eine Homage ans Bauhaus

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 Für Hans-Peter Grossmann, den Kurator der Ausstellungsreihe „Bauhaus Studio 100“, ist das Jubiläumsjahr jedoch kein Grund, nur in die Vergangenheit zu blicken: „Wir wollen nicht nur all die alten Bauhaus-Schinken zeigen, sondern die neue Künstleravantgarde, die derzeit Weimar mit ihren Ideen rockt.“ Dafür hat der 44-Jährige zusammen mit der Designerin Canan Yilmaz 100 Künstler ausgewählt, die ihre Werke an 100 Tagen über das Jubiläumsjahr verteilt an verschiedenen Orten der Stadt präsentieren werden (und an der Ulmer Hochschule für Gestaltung). In der Kunsthalle Harry Graf Keßler in Weimar sind schon die ersten Exponate zu sehen: die „Wagenfällt“-Lampe von Lisa Dinges zum Beispiel, die sich in ihre Einzelteile zerlegt, sobald man an ihrer Einschaltschnur zieht. Oder die stromlose Küchenmaschine „R2B2“ von Christoph Thetard, die mit ihrem pedalbetriebenen Schwungrad genug Energie für Handmixer und Kaffeemühlen liefert. Grossmann unterstützt die junge Kreativszene der Stadt seit seiner eigenen Studentenzeit: Er ist der Gründer des „Weimarer Gaswerks“, einer Design- und Projektwerkstatt mit günstigen Arbeitsräumen und einer Performancebühne. „Dort veranstalten wir Partys, die genauso knallen wie einst die in den wilden Zwanzigern“, sagt Grossmann. So wie damals die Bauhaus-Kapelle mit amerikanischem Jazz experimentierte, legen hier heute DJs des international erfolgreichen Weimarer Elektrolabels Giegling auf, statt „Formentanz“ à la Oskar Schlemmer gibt es Techno-Happenings. „Das Gaswerk ist einer von vielen Orten in Weimar, der Kreative zusammenbringt. Und dass der Campus so klein ist, dass alle Fakultäten nah beieinander sind, stärkt das Gemeinschaftsgefühl ebenfalls“, so Grossmann. Interdisziplinär zu denken und zu arbeiten, hier hat es eine lange Tradition.

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Gabriel Dörner von der Bauhaus-Uni hat die Ausstellung "Ästhetik der heilsamen Orte" im "Bauhaus Eins" konzipiert

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Zukunftsweisend: die stromlose Küchenmaschine "R2B2" von Christoph Thetard

© Evelyn Dragan

 Am anderen Ende der Altstadt – und einmal quer über den Historischen Friedhof, auf dem Goethe in der Fürstengruft seine letzte Ruhe gefunden hat – wohnt und arbeitet Martin Kohlstedt. Umgeben von Synthesizern, alten E-Pianos, Keyboards und einem Klavier bastelt der 31-jährige Musiker hier an Sounds für die Zukunft. „Ich konfrontiere klassisches Klavier mit Elektro und harten Bässen“, beschreibt der Absolvent der Bauhaus-Uni und der Hochschule für Musik Franz Liszt seine Arbeitsweise. Wie das Bauhaus voneinander isolierte Künste wieder zu vereinen suchte, so will er unterschiedliche Klangwelten verbinden. Kohlstedt ist mit seiner Musik schon um die halbe Welt gereist. Er ist in der Hamburger Elbphilharmonie aufgetreten und auf Technopartys in St. Petersburg, im Sommer wird er sein viertes Album „Ströme“ beim Burning Man Festival in der Wüste Nevadas vorstellen. Aus Weimar wegzugehen kommt aber auch für ihn nicht infrage. „Hier kann ich besonders gut mit der rechten Gehirnhälfte denken. Meine Musik entwickelt ihre Kraft daraus, dass ich mein Unterbewusstsein einfach blubbern lassen kann.“ Und das kommt an: „Besucher meiner Konzerte sagen mir häufig, sie hätten jedes Gefühl für Raum und Zeit verloren. Das ist genau, was ich erreichen will: Dass sich die Leute am Morgen nach einer langen Partynacht wieder wie glückliche Kinder fühlen.“

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Liebt es experimentell: Musiker Martin Kohlstedt

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Was ich erreichen will: Dass sich nach einer Partynacht alle wie glückliche Kinder fühlen

Martin Kohlstedt, Musiker und Absolvent der Bauhaus-Uni

 

 In die Welt aufzubrechen, dann aber nach Weimar zurückzukehren und etwas Neues zu schaffen: Dieser Lebensentwurf scheint für viele Absolventen der Bauhaus-Uni gut zu funktionieren. Auch die Malerin Ulrike Theusner, die eine Zeitlang in New York lebte und dort für Vivienne Westwood und Comme des Garçons modelte, hat sich wieder in ihrer Heimatstadt niedergelassen. Sie arbeitet im Städtischen Atelierhaus von 1905, Deutschlands ältestem Künstlerhaus, in dem das Licht durch große Fenster in hohe Räume fällt, und erschafft hier starkfarbige, expressive Bilder. „Ich will die Orientierungslosigkeit meiner Generation zeigen – Menschen in Metropolen, die im Meer der Möglichkeiten nicht mehr wissen, wonach sie eigentlich suchen. Als Model ging es mir selbst so, mein Gefühlsleben ist in dem Job regelrecht verkümmert“, erinnert sich die 36-Jährige. Die innere Leere – auf Theusners Tableaus wird sie von Menschen verkörpert, die in Instagram-Posen verharren oder im Rausch durch die Berliner Clubs ziehen. In ihrer Direktheit zeigen die Bilder wenig Verwandtschaft zur abstrakten Malerei des frühen Bauhauses. Aber so einfach lässt sich die Kunst, die heute hier entsteht, nicht auf einen Nenner bringen. Sie entwickelt sich in unterschiedlichste Richtungen, interpretiert auch alte Ideen neu. Doch das ist ja genau das, was schon das Bauhaus des Jahres 1919 so revolutionär machte.