Bucket List: Mach doch mal!
© Rami Niemi

Mach doch mal!

  • TEXT HELGE HOPP, EMILY BARTELS
  • ILLUSTRATION RAMI NIEMI

Wir wissen, was Sie diesen Sommer getan haben sollten: hoch träumen, tief klettern und schnell schlittern. Eine Liste mit zehn lockenden Abenteuern, bitte nicht mit Aufgaben verwechseln – eine Bucketlist ist schließlich kein Pflichtprogramm

Morgan Freeman und Jack Nicholson sind schuld. Seit die beiden Hollywood-Stars 2007 in Rob Reiners harmloser Herzschmerzmeloklamotte „Das Beste kommt zum Schluss“ als sehr ungleiche und sehr todgeweihte alte Männer aufeinandertrafen, hat der Begriff der Bucketlist rasch Karriere gemacht. Auf eine solche Liste gehören, kurz gesagt, alle Dinge, die man noch sehen, sagen und tun will, bevor … ja, bevor was? Hier kommen ein paar kleine sprachliche Ungereimtheiten ins Spiel. Im ­Englischen ist es die Zeit, die noch verbleibt, bevor jemand den Eimer ­(bucket) wegtritt, auf dem der zu Hängende, weiter oben dank eines Stricks schon kurzatmig, noch steht. Im Deutschen ist, wenn am Ende des irdischen Daseins nicht brachial „ins Gras gebissen“ wird, dagegen vom Löffel die Rede, den man eines Tages wohl abgeben muss. Die bittere Logik: ohne Löffel kein Essen, ohne Essen kein Leben.

So kam der leicht unbeholfen klingende Begriff der „Löffelliste“ in die Welt – nicht verwechseln mit der ungeliebten Suppe, die man sich eingebrockt, also allein auszulöffeln hat. Bedenkt man, dass es für kleinere Sünden auch mal „was hinter die Löffel gibt“, dass weitere Redensarten an dieses Essgerät mit schalenartiger Vertiefung gebunden sind, bleiben wir, was erfreuliche Pläne angeht, hier zunächst bei der Bucketlist.

Freeman und Nicholson machen sich also auf tränenselige Wege. Sie wagen einen Fallschirmsprung, sehen den Taj Mahal, fahren einen Shelby Mustang … bis dass der Tod sie bremst.

Der Listenwahn ist auch jenseits der Leinwände nicht mehr aufzuhalten. In den alten Zeiten genügte es, wenn Männer ein Haus bauten, einen Sohn zeugten und einen Baum pflanzten (für Frauen: Kinder, Küche, Kirche, Käsekuchen). ­Tempi passati. Heute sollen die Menschen, glaubt man wüst sprießenden und genderneutralen Ratgebern, ganz andere ­Heldentaten vollbringen: 111 Orte auf der Welt besuchen. 111 Craft-Biere probieren. Alle Achttausender erklimmen. Zehn Fremdsprachen lernen. Alle Drei-Sterne-Restaurants beehren. Alle Königsdramen von Shakespeare inszenieren. Je nach geografischen, künstlerischen oder kulinarischen Vorlieben sind es kurze oder lange Listen, teure Unternehmungen oder arg schwierige. Die Grenzen zwischen Größenwahn und Entdeckerdrang, Banalität und Rührung sind fließend. Aber: Wer will sich von Schlaumeiern herumkommandieren und über die Kontinente jagen lassen?

Für eine Liste, so denn selbst erstellt, spricht die Klarheit der Vorhaben. Der moderne Mensch, mehr denn je hilflos geworfen in die Welt, sehnt sich nach einem Gerüst. Er will nicht ziellos umherirren. Also macht er, wenn die Zeit zwar nicht knapp, aber doch begrenzt ist – eine Woche, ein Urlaub, ein Jahr, eine Liebe, ein Leben –, einen Plan. Nun sollte er aber gut aufpassen, dass es auch um persönliches Genießen geht, nicht um Erledigen oder alberne Rekordjagden. Wer mit verbissener Buchhalter-Einstellung an seine Liste herangeht, wem der Sinn nur nach Abhaken oder gar bloßer Angeberei steht, der wird sein neidgelbes und giftgrünes Wunder erleben. Die pure Angst wird ihn zerfressen. Zuerst jene, es trotz aller Anstrengungen nicht zu schaffen. Dann die, es zu schaffen – und anschließend grausam beschäftigungs- und nutzlos zu sein. Alles getan, nichts gespürt? Ach, seufzt er, wäre man wohl glücklicher geworden, hätte man sich entspannt treiben lassen? Noch so eine gemeine Frage für den hetzenden Unglücksraben: Reicht ein­faches Dortgewesensein, oder muss das Erlebnis gegen harte Widrigkeiten ertrotzt werden, um glänzende Gültigkeit zu erlangen?

Lassen Sie sich bloß nicht davon abhalten, Ihre persönliche Liste aufzuschreiben, sich vorzufreuen, sie umzusetzen – und zu genießen! Ob es sich nun um sämtliche Infinity Pools in Südost­asien handelt, die Fußballstadien der 2. rumänischen Liga, die besten Streetfood-Trucks in Nigeria oder 20 Molière-Festivals der Provence – alles ist recht. Vor allem: Seien Sie nicht streng mit sich. Es soll Ihnen alles ein Spaß sein, keine Strafarbeit! Und falls Sie noch ein, zwei Punkte gebrauchen können, etwas Verrücktes, schön Albernes  – wir hätten da was für Sie.

Bucketlist: Bitte ein Bambus

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Bitte ein Bambus

Rollt, frisst, fällt: Chinas Nationaltier ist eine phlegmatische Fellkugel. Wer den Riesenpandas näher kommen will als die üblichen Zoobesucher, kann sie in artgerechten Panda-Reservaten als freiwilliger Helfer füttern und umsorgen.

pandasinternational.org

Eiskaltes Kribbeln: Bucketlist

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Eiskaltes Kribbeln

Ein erfrischendes Bad gehört unbedingt zum Sommer. Fällt die Wahl der Badestelle auf eine Insel in der Antarktis, wird gleich ein Abenteuer draus. Deception Island ist ein aktiver Vulkan, die Erde dampft an vielen Stellen. Trotzdem beträgt die Wassertemperatur nur etwa ein Grad. Den Pinguinen macht das nichts aus, munter watscheln sie über den schwarzen Strand Richtung Wasser – also hinterher, bevor Sie zum Eiswürfel werden!

hurtigruten.de

Schlittenfahrt im Wäschekorb: Bucketlist

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Schlittenfahrt im Wäschekorb

Eine Schlittenfahrt bei Sonnenschein! Seit über 100 Jahren dient der Korbschlitten auf Madeira als öffentliches Transportmittel. Die carreiros do monte, die Lenker, tragen weiße Hemden und „Kreissägen“ genannte flache Hüte aus Stroh. Zu zweit schieben sie den Korb an, schwingen sich auf die Kufen und lenken das Gefährt samt seiner Passagiere von Monte nach Livramento. Über zwei Kilometer weit saust der Schlitten auf Holzkufen den Berg hinab.

carreirosdomonte.com

Träumen im Park: Bucketlist

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Träumen im Park

Unberührt ist diese Wildnis nicht, dafür umso ausgelassener! Anfang August 2018 wird der Cornbury Park im englischen Oxfordshire zum glitzernden Traumland. Nacktfrösche baden in Whirlpools, Hitzköpfe kühlen sich im Fluss nebenan ab, kommen in Yoga­klassen zur Ruhe oder sammeln Energie beim Champagner-­Tasting. Auf dem Wilderness Festival werden selbst bekannte Acts wie Justice oder Nile Rodgers zu Nebendarstellern.

wildernessfestival.com

Frostige Freuden: Bucketlist

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Frostige Freuden

Pizza, Pasta, Gelato: Italien bescherte der Menschheit einige kulinarische Schätze. Glücklicherweise teilt das Land Wissen und Rezepte bereitwillig mit dem Rest der Welt. In Anzola dell’Emilia bei Bologna unterrichtet die Gelato University die hohe Kunst der Eisherstellung. In dem einwöchigen Basiskurs lernen die Studenten alles über Zutaten, Zubereitung und Veredelung. Wer die Maestros zufriedenstellt, darf am Ende ein Eisdiplom mit nach Hause nehmen.

gelatouniversity.com

Ein Palast kommt ins Rollen: Bucketlist

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Ein Palast kommt ins Rollen

Das hätten auch die Maharadschas zu schätzen gewusst: Der „Palace on Wheels“ ist mit Spa, Bars und Restaurants ausgestattet. In Neu-Delhi startet der Luxuszug seine Tour zu den Sehenswürdigkeiten Rajasthans: Die Gäste sehen den Taj Mahal und den rosaroten Palast von Jaipur, gehen auf Tuchfühlung mit den Tigern des Ranthambore-Nationalparks und erleben die „Weiße Stadt“ Udaipur. Zwischen den Stationen ruhen sie königlich in ihren Doppelbetten.

rtdc.tourism.rajasthan.gov.in

Der König lädt zur Party: Bucketlist

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Der König lädt zur Party

Mehrere Tage lang wandern die Menschen von Bhutan nach Laya, eine der höchsten Siedlungen des Landes, eine eigentliche Straße führt nicht zum Ziel in 4000 Meter Höhe. 2016 rief der König hier das Royal Highlander Festival ins Leben – auch die Bewohner dieser abgelegenen Gegend sollten etwas zu feiern haben. Für zwei Oktobertage steht die Nomaden-Kultur im Mittelpunkt: Auf der grünen Hochebene messen die Gäste sich im Bogenschießen, küren das schönste Yak und reiten um die Wette.

bhutan.travel

Yoga auf der Weide: Bucketlist

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Yoga auf der Weide

Ihr „Kletterberg“ schüttelt sich vor Lachen, also springt die Nigerianische Zwergziege auf den Boden. Auf der Wiese um sie herum liegen Yogamatten, Menschen knien auf allen vieren, strecken und dehnen sich. Dazwischen wuseln die Ziegen: schwarz gefleckte, blonde, solche mit braunen Schlappohren. Die Zie­gen-Yoga-Kurse im US-Bundesstaat Oregon bringen allen Beteiligten reichlich Spaß. Auf die Zweibeiner wirken sie so heilsam, dass es schon Anbieter auf der ganzen Welt gibt.

goatyoga.net

Im siebten Himmel: Bucketlist

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Im siebten Himmel

Das Bett baumelt an einem Seil über dem Allgäu. Kaum ist es an der Felswand vertäut, folgen die Kletterer. Sie kuscheln sich in das Biwak zwischen Berg und Sternenhimmel. Das Angebot des Waldseilgartens im bayerischen Pfronten ist nichts für Naturskeptiker oder Leute mit Höhenangst. Doch wer sich traut, wird mit einem einmaligen Ausblick auf Sonnenunter- wie -aufgang belohnt. Und müde genug ist man nach der Klettertour sicher auch.

waldseilgarten-hoellschlucht.de

Tief in Island: Bucketlist

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Tief in Island

Seit 4000 Jahren schläft der Thrihnukagigur tief und fest. Die Besucher, die den Bauch des isländischen Vulkans erkunden, müssen nichts fürchten. In einem offenen Aufzug fahren sie in den Krater hinab, der so tief ist, dass die Freiheitsstatue locker hineinpassen würde. Die Höhle unten mit ihren bunt schimmernden Wänden erstreckt sich über 3000 Quadratmeter. Bis heute darf gerätselt werden, warum sie nicht wie bei anderen Vulkanen mit erkaltetem Magma gefüllt ist.

insidethevolcano.com