Blick auf das Château Faugères
© Nick Ballon

Paläste in bester Lage

  • TEXT BARBARA MARKERT
  • FOTOS NICK BALLON

Die Region Bordeaux setzt auf Weintourismus: Spektakuläre Architektur soll auch Besucher anlocken, die noch keine Verehrer von edlen Trauben und Tropfen sind.

Aus dem Schilf erklingt aufgeregtes Geschnatter. Drei Enten liefern sich auf dem künstlichen See vor dem Weinkeller des Château Les Carmes Haut-Brion ein lautstarkes Wettschwimmen: Wer umrundet am schnellsten dieses futuristische Gebäude? Der vierstöckige ovale Bau ragt weit in das Becken, die Außenwand ist mit bronzefarbenen Aluminiumplatten verkleidet. Das Gebäude in Bordeaux erinnert an ein U-Boot. Es könnte aber auch die Schneide eines Pflugs dar­stellen, der eine Furche in den Ackerboden des Bordelais zieht. ­Philippe Starck, international bekannter Industriedesigner und hier als Co-Architekt beteiligt, nennt das Werk raffiniert ein „Nicht-Gebäude“, dessen Ziel es sei, in der Umgebung unterzutauchen. Tatsächlich gibt es Momente, in denen sich Wolken, Sonne und die angrenzenden Weinberge so harmonisch in der glänzenden Fassade spiegeln, dass der rund 80 Meter lange und zwölf Meter hohe Bau fast unsichtbar wird.

Der schimmernde Riese ist nur einer der vielen architektonischen Geniestreiche in den Ländereien rund um Bordeaux. Seit einem Jahrzehnt verewigt sich die ehrgeizige Elite der französischen Architekten im berühmten Weinbaugebiet; auch einige bekannte Kollegen aus dem Ausland gaben sich schon die Ehre. Links und rechts der Garonne, wo die Weinberge scheinbar kein Ende nehmen und einige der bekanntesten wie teuersten Rotweine der Welt in Barrique-Fässern reifen, bereichert heute ein gutes Dutzend moderner Weinkeller die von Monokultur geprägte Landschaft. Es herrsche längst ein unerklärter, doch heftiger Wettstreit um den spektakulärsten Neubau, konstatieren die Bordelais zufrieden.

Das ­Château Les Carmes Haut-Brion ist das älteste und bekannteste Weingut des Bordelais

Das ­Château Les Carmes Haut-Brion ist das älteste und bekannteste Weingut des Bordelais

© Nick Ballon
Junge Besucher sehen rot:

Junge Besucher sehen rot:

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Der neue Weinkeller des Château La Dominique

Der neue Weinkeller des Château La Dominique

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Statt bloß Fakten zu vermitteln, bringen wir die Leute zum Staunen

Véronique Lemoine, Cité du Vin

  Auch die Stadt Bordeaux zieht mit: Direkt am Ufer der Garonne, im ehemaligen Industrieviertel Bacalan, wurde im Frühjahr 2016 das Weinmuseum Cité du Vin eingeweiht. Bürgermeister Alain Juppé, Initiator des Projekts, versprach noch vor der Grundsteinlegung: „Die Cité du Vin wird mein Guggenheim.“ Der Vergleich zum Museum im spanischen Bilbao ist kühn, aber passend: Seit der Eröffnung ist die Weinstadt zum neuen Wahrzeichen avanciert. Das Pariser Architektenbüro XTU unter Anouk Legendre und Nicolas Desmazières hat sich von einer typischen Geste bei der Verkostung inspirieren lassen: Das in sich verdrehte Gebäude ahmt die Kurven nach, die ein Wein beim Schwenken im Glas zeichnet. Die Fassade aus Glas- und Aluminiumplatten schimmert je nach Lichteinfall von Braun bis Gold. Ein Turm mit Aussichtsebene in 35 Meter Höhe krönt die Struktur. Dort, im achten Stock, genießen die Besucher nach der Besichtigung ein kostenloses Glas Wein an der Bar und den Panoramablick über die Stadt. Im Inneren dominieren Eichenholz, Glas und Edelstahl. Dekorative Elemente erinnern an Korken oder Kohlensäureperlen. Die 3000 Quadratmeter große Dauerausstellung informiert mit Parcours, interaktiven Land­karten und Spielen über die Natur-, Wirtschafts- und Kulturgeschichte des Weins. Véronique Lemoine, wissenschaft­liche Beraterin und verantwortlich für die Ausstellung, will ausdrücklich „auch Leute ansprechen, die sich nicht mit Wein auskennen“. Doch auch die Experten kommen auf ihre Kosten: „Statt bloß Fakten zu vermitteln, bringen wir die Leute zum Staunen. Hier erfährt man, wie die alten Ägypter Wein machten und welchen Churchill am liebsten trank“, sagt die 55-Jährige.

Selbst die Winzer bemühen sich um ein neues und breiteres Publikum, darunter das Château La Dominique im berühmten Weinort Saint-Émilion, das sich massiv dem Weintourismus geöffnet hat. Viele Besucher kommen, um den Entwurf des Stararchitekten und Pritzker-Preisträgers Jean Nouvel zu sehen. Sein hochmoderner Weinkeller erhebt sich feuerrot inmitten grüner Weinberge. Sechs verschiedene Rottöne hat der Pariser Architekt in Form von Metallplatten an der Fassade verarbeitet. Wie Schuppen liegen sie übereinander und erzeugen einen harmonischen Farbverlauf, von Rotviolett bis zu Bernstein-Orange. Die geschwungene Wand spiegelt die Weinberge und den Himmel, sie passt das Gebäude trotz der knalligen Farbe dezent in die Umgebung ein.

Marketingdirektorin Camille Poupon kann die Anziehungskraft belegen: „Früher kamen 2000 Besucher pro Jahr, heute sind es 12 000, für die kommenden Jahre erwarten wir sogar bis zu 16 000 Gäste. Wir nennen es den ,Jean-Nouvel-Effekt‘ – sein Name zieht auch Leute an, die keine Weinkenner sind.“ Im Restaurant La Terrasse Rouge auf der Dachterrasse von La Dominique herrscht schon mittags Hochbetrieb. Von hier aus blicken Besucher auf das zweite Architektur-Highlight von Saint-Émilion. Nur wenige Hundert Meter entfernt thront der schneeweiße, elegant gewölbte Weinkeller von Cheval Blanc, erbaut von Christian de Portzamparc, ebenfalls ein Pritzker-Preisträger.

Die Garonne spiegelt sich im neuen Weinmuseum Cité du Vin

Die Garonne spiegelt sich im neuen Weinmuseum Cité du Vin

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Schlicht und edel: ­Château Faugères

Schlicht und edel: ­Château Faugères

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Adèle de Monteynard, Guide in der Cité du Vin

Adèle de Monteynard, Guide in der Cité du Vin

© Nick Ballon

  Vor allem die edlen Grand-Cru- und Grand-Cru-Classé-Lagen hätten lange keinen Kontakt zum Verbraucher gepflegt, sagt Poupon. Sie hatten es nicht nötig, die Herkunftsbezeichnungen Saint-Émilion oder Médoc genügten. „Dazu kommt eine lokale Besonderheit: 70 Prozent der Weinproduktion berühmter Lagen wird als Primeur, also in einem sehr jungen Stadium und noch vor den Veredelungsprozessen, über Händler verkauft. Die Winzer selbst lernten ihre Kunden nicht kennen“, erklärt die 38-Jährige, „aber das hat sich mit dem Aufkommen des Weintourismus geändert.“ Immer mehr Konsumenten wollen erleben, wie Wein hergestellt wird. Sie wollen ihn kosten, am liebsten in einem ansprechenden Ambiente vor Ort.

Viele Winzerfamilien, sagt die Marketingexpertin, verkörpern eine über 200 Jahre alte Weinkultur. Es herrsche oft noch ein gewisser Snobismus, manche Weingüter lassen ausschließlich Experten in ihre Keller. „Doch eine neue, offenere Generation wächst heran – die neuen Winzer tragen keine kulturelle Last mit sich herum, weil sie aus anderen Branchen kommen“, sagt Poupon. Auch der Besitzer des Château La Dominique ist ein Quereinsteiger: Clément Fayat gründete eines der größten französischen Bauunternehmen. Er erwarb das Gut 1969, im Jahr 2012 übernahm sein Sohn Jean-Claude die Geschicke. Zwei Jahre darauf weihte er den spektakulären Neubau ein – seitdem strömen die Besucher.

Eine ähnliche Geschichte hat auch das Château Faugères aufzuweisen. Das Weingut liegt nur wenige Kilometer von La Dominique in Saint-Étienne-de-Lisse. 2005 wechselte es in die Hände des Baselers Silvio Denz, Gründer der größten Schweizer Parfümeriekette und Besitzer der Kristallmanufaktur Lalique. Denz beauftragte einen Freund, den berühmten Luganer Architekten Mario Botta, mit dem Neubau seines Weinkellers. Bottas „Kathedrale des Weins“ wurde bereits 2009 eingeweiht und gilt als Pionierprojekt der Region. Auf einem Hügel liegt hinter glatten Fassaden aus hellem Sandstein hochmoderne Technik zur Weinproduktion, auf die David Bolzan, der Direktor des Weinguts, besonders stolz ist: „Durch die Hanglage wird bei der ­Mazeration das natürliche Gefälle genutzt.“ Die gelesenen Trauben fallen von oben in die bereitstehenden Fässer und zerplatzen. So müssen sie nicht zertreten werden, das erhöht die Qualität. Außerdem kühlen und reinigen moderne Anlagen das Wasser auf nachhaltige Weise. Solche Investitionen seien nötig, meint der 46-jährige Bolzan, schließlich müssten die Grand Crus aus Bordeaux, die ausgewiesenen Spitzenweine, ihren Ruf verteidigen. Denn sehr gute Weine produzieren können mittlerweile auch viele kleine Güter. Der Druck auf die „Großen“ wächst, vor allem auf die legendären Güter, deren Schutzsiegel alle zehn Jahre geprüft wird. Präsentation ist wichtig: „Viele Faktoren, etwa eine besondere Flasche oder Architektur, bestimmen heute das Image eines Weins“, sagt Bolzan.

Die Gemeinde Saint-Émilion

Die Gemeinde Saint-Émilion

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Gut Cheval Blanc

Gut Cheval Blanc

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Faugères-­Direktor David Bolzan

Faugères-­Direktor David Bolzan

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Weinlager von Ballande et Meneret

Weinlager von Ballande et Meneret

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BOD

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  Der wachsenden Bedeutung solcher Faktoren ist sich auch der Wein-Großhändler Ballande et Meneret bewusst, der sein Weinlager wegen der neuen TGV-Strecke zwischen Paris und Bordeaux umsetzen musste. Mit Flaschen im Wert von rund 70 Millionen Euro ist es das größte Lager an Grand-Cru-Classé-Weinen weltweit. Aus der Zwangslage erwuchs eine Attraktion, indem man das neue Flachdachlager vom Bordelaiser Architekturbüro Baggio-Piéchaud entwerfen ließ. Die architekto­ni­sche Pointe: An der rund 100 Meter langen und zehn Meter hohen weißen Außenwand leuchten abends und nachts 300 rote LED-Lampen, die einen Blick in das Innere und auf die dort lagernden Flaschen imitieren.

Wo derartige Preziosen in den Regalen liegen, verbieten sich Besichtigungen. Doch manchmal bitten wichtige Kunden darum, einen Blick in das Lager werfen zu dürfen. Pascal Brouet, der 48-jährige Direktor des Lagers, erinnert sich an eine Gruppe aus Singapur: „Die wollten nur 15 Minuten bleiben, aber nach eineinhalb Stunden hatten sie Weine im Wert von 40 000 Euro gekauft – am Laptop, direkt aus dem Lager.“ Sein Fazit: „Die Architektur ist zu einem wichtigen Marketinginstrument geworden.“


Durstig durch das Bordelais


ZUM ZIEL

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