Rijeka: Viele Schichten Kunst
© Dirk Bruniecki

Rijeka wird 2020 Europäische Kulturhauptstadt. Das beflügelt viele Künstler in der kroatischen Hafenstadt, die eine bewegte Historie hat.

Tanja Blašković kann von Plastikmüll gar nicht genug bekommen. Ihre Mutter bringt ihr von der Arbeit die dicken, weißen Hüllen mit, in denen Haushaltsgeräte geliefert werden, Freunde versorgen sie mit gesammelten Plastiktüten. Denn die kroatische Künstlerin recycelt in ihren Arbeiten den Stoff, der lange Zeit sinnbildlich war für die Verwirklichung von Konsumträumen und heute als eine der größten Umweltgefahren überhaupt gilt. Unter Blaškovićs Händen entstehen aus Plastik ungewöhnliche Frauenporträts.

Die 26-Jährige steht in Kleid und Stiefeln in ihrem Atelier, das sich in einem Betonklotz am Hafen von Rijeka befindet. An den Wänden der früheren Schnapsfabrik lehnen Pressholzspanplatten, von den Decken baumeln nackte Glühbirnen, milchiges Licht dringt durch hohe Fensterscheiben. Ihr brauner Zopf fällt Blašković über die Schulter, während sie bunte Plastiktüten in dünne Streifen schneidet – ihre „Farben“. Behutsam legt sie Pergamentpapier über einzelne Schnipsel, die sie auf die dickeren Plastikfolien schichtet – ihren „Leinwänden“. Ein heißes Bügeleisen ist ihr „Pinsel“, unter dem jede Plastiktüte anders zergeht; jede neue Hitzeeinwirkung verändert das Bild, an dem Blašković gerade arbeitet. Die roten Wangen der porträtierten Frau verschmelzen mit der rosa Haut, blaue Haarsträhnen verschwimmen mit gelben. Blašković hat mit diesen Schichtpor­träts ihren Stil gefunden. Und wenn die Stadt nächstes Jahr zu „Rijeka 2020“ wird, zur Europäischen Kulturhauptstadt, „liegt endlich auch ein Akzent auf der Kunst, die wir machen“.

Rijeka: Viele Schichten Kunst

Tanja Blašković erschafft ihre Porträts aus Plastik

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Rijeka: Viele Schichten Kunst

Kunst aus Tüten

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Rijeka: Viele Schichten Kunst
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Rijeka: Viele Schichten Kunst
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 Die Stadt besitzt eine kreative Kraft, aus der Größeres geschaffen werden kann – das beschwören viele Künstler vor Ort. Vielleicht liegt es an den unzähligen Einflüssen und Veränderungen, die die Stadt erfahren hat und sie selbst zu einem Schichtporträt der Historie macht: Rijeka gehörte über die Jahrhunderte schon zu Ungarn, zum österreichischen Kaiserreich, zu Italien und von 1947 bis 1991 zu Jugoslawien. Jugendstil und Neorenaissance kontrastieren mit sozialistischen Plattenbauten, Restauriertes steht neben halb Verfallenem, grün überwucherte Industriebauten künden von besseren Tagen. Nur 100 Meter vom Containerhafen entfernt ankern blank polierte Jachten. Vor alten Villen, die sich an die Hänge klammern, sind nüchterne Hochhäuser postiert, und hinter allem erhebt sich schützend das Učka-Gebirge.

Rijeka mit seinen rund 130 000 Einwohnern ist Kroatiens drittgrößte Stadt, sein wichtigster Hafen – und der ewige Konkurrent des benachbarten italienischen Triest, das selbst noch nicht Kulturhauptstadt war. 30 Millionen Euro fließen für das Festjahr nach Rijeka, den Löwen­anteil bringen Stadt und Land auf, zehn Prozent steuert die EU bei. Bis Ende des Jahres wird eine alte Zucker- und spätere Zigarettenfabrik renoviert, um künftig das Stadtmuseum zu beherbergen. Bereits 2017 ist das Museum of Modern and Contemporary Art in den „Bencic“-Komplex eingezogen, eine einstige Motorradfabrik und Gießerei. Und die lange im Hafen vor sich hin rostende „Galeb“, einst die Jacht von Jugoslawiens Staatsgründer Josip Broz Tito, wird zum Museumsschiff. Insgesamt 450 Kulturevents stehen 2020 auf dem Programm. Die Stadt kann dafür auf eine gewachsene Community von Künstlern zurückgreifen, von denen viele durchaus damit geliebäugelt haben, ihr Glück in der Hauptstadt Zagreb zu versuchen oder gleich in Berlin – wo aber der Wettbewerb härter ist und viel mehr Kreative um Aufmerksamkeit, Förderungen und Käufer ringen.

Rijeka: Viele Schichten Kunst

Fotografin Stephany Stefan

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Rijeka: Viele Schichten Kunst

Anschieber: Zora Badurina ist mit seinem Club Zivot Dreh- und Angelpunkt der Musikszene

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 Für Blašković zählt in Rijeka der Zusammenhalt. „In Zagreb denkt jeder zuerst an sich, wir hier denken an die Gemeinschaft“, sagt sie. „Und am Ende ist es doch überall gleich. Statt wegzurennen, ist es dann besser, zu bleiben und einen Ort zu gestalten.“ Im letzten Jahr zum Beispiel hängten sie und andere Künstler in einer besonders trüben Ecke der Stadt Spiegel auf, um Licht ins Dunkel zu bringen, sie pflanzten Gärten und sprühten Murals an triste Wände. Blašković veranstaltet außerdem Workshops in Kindergärten, und als Nächstes will sie Kunststoffmüll in künstlerische Artefakte verwandeln – die Arbeit mit ihrem Lieblingsmaterial ist für sie auch ein Umwelt-Statement.

Die Fotografin Stephany Stefan wagte den Schritt ins Ausland, ging in die USA und genoss das Leben in der schillernden Subkultur von Atlanta. Doch vor sechs Jahren brauchte die heute 27-Jährige „eine Pause“, wie sie sagt. Sie flog nach Hause  – und fühlte sich in Rijeka zunächst verloren. Viele ihrer Freunde glaubten nicht an die Kraft der Kunst, die erste Nachkriegsgeneration nach den Balkan-Konflikten der Neunziger „wollten etwas Vernünftiges werden, Anwalt oder so etwas“. Die Jungen seien in größere Städte gezogen und hätten darüber ihre Wurzeln vergessen. „Jetzt wollen sie sie zurückerobern“, sagt Stefan. „Ich selbst hatte nach meiner Rückkehr die Ahnung: Wir gehören hier nun mal hin – und können die Dinge gemeinsam besser machen“, sagt Stefan. Sie gründete ein studentisches Kunstkollektiv, das Ausstellungen veranstaltete und einen Internet-Knigge entwickelte. Heute gibt sie neben ihrem Job als Werbefotografin Fotokurse, sie singt, komponiert Weltmusik und tritt als Feuerkünstlerin auf. Stefan sprach Italienisch, bevor sie ihre eigentliche Muttersprache beherrschte. Während des Jugoslawien-Kriegs wollten die Eltern ihre Tochter nicht mit kroatischem Fernsehen aufwachsen lassen, stattdessen schaute sie Cartoons im italienischen Fernsehen. Mit ihrer Kunst, sagt Stefan, suche sie auch nach Identität.

Rijeka: Viele Schichten Kunst
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Rijeka: Viele Schichten Kunst
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Rijeka: Viele Schichten Kunst

Rijeka im Querschnitt: Architektonischer Stilmix

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Rijeka: Viele Schichten Kunst

Traditionsbewusst: In den Fischmarkthallen wird in Jugendstil-Ambiente gehandelt

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 Einer der Orte, die den Um- und Aufbruch in Rijeka symbolisieren, ist die ehemalige Papierfabrik Hartera. Die Dielen klaffen auseinander, die Betonstufen sehen aus wie angenagt. Durch die trüben, hohen Fenster fallen Lichtkegel auf die Überreste des Industriekomplexes. 150 Jahre lang schöpften und walzten Menschen hier Papier – 2002 war Schluss, herumliegende Unterlagen erinnern noch an die Pleite. Doch Stefan hat eine Vision für die Ruine: „Ich stelle mir hier eine Künstlerkommune vor mit Bars, Ateliers, einem Hostel“, sagt die Fotografin in dem grün gemusterten Ethnokleid, während sie über Schutt und Geröll klettert.

Noch aber liegt der gewaltige Bau brach. Weil das Leben in Rijeka oft eins im Konjunktiv ist, ein Planen, ein Vermessen von Möglichkeiten, die mit der Realität abgeglichen werden müssen. Tatsächlich hatte die Stadt vor, den Wunsch Stefans und vieler anderer Künstler zu erfüllen, die alte Papiermühle zur Kulturstätte herauszuputzen. Doch dem stehen nicht zuletzt die Besitzverhältnisse im Weg. Wie bei anderen Gebäuden auch gibt es nicht den einen Eigentümer, dem die Stadt das Grundstück abkaufen könnte. Es sind Dutzende, und viele sind verzogen, verschollen, verstorben. Und selbst wenn man sie alle ausfindig machen könnte, bliebe die Frage des Geldes, trotz „Rijeka 2020“. Denn die Renovierung der Fabrik würde sehr viel mehr Geld verschlingen, als man anfangs dachte.

In Zagreb denken Künstler zuerst an sich, wir in Rijeka an die Gemeinschaft

Tanja Blašković, Plastik-Porträt-Künstlerin

 Einer, der immer wieder geht und kommt, ist Zoran Badu­rina, der wohl bekannteste Musiker der Stadt. Gerade ist er von einer Tour seiner Indie-Rock-Band Jonathan aus den USA zurückgekehrt. Badurina empfängt im rötlichen Schein seines Club Zivot. Der ist unter der Woche verwaist, am Wochenende aber wird er zum Epizentrum der Partygänger. Badurina will seiner Heimatstadt nicht bloße Unterhaltung bieten, nein: Hier soll Musikerziehung stattfinden. Mit zwölf hatte der Kroate seinen ersten Auftritt, als Hip-Hopper. Heute ist er 39, seine Schläfen glänzen silbrig. „Wenn du mich nach dem heutigen Rijeka fragst, werde ich dir vom früheren erzählen“, sagt er. Von der Zeit, als er 21 war, gleich zwei Bars auf einmal eröffnete und die Stadt gierig aufsog, was die Aktivisten der Punkszene auf die Beine stellten. Damals habe Rijeka auf ihn wie New York gewirkt, sagt Badurina: 100 Bands in der Stadt, jeden Tag eine Party an einem anderen Ort. So soll es wieder werden – Badurina hofft, dass „Rijeka 2020“ mit all den Investitionen die Szene vor Ort beflügeln wird. Zumal er an einen Zyklus der Kunst glaubt: Als er jung war, habe die Kreativität die Stadt regelrecht erdrückt, sie habe sich gesundschrumpfen müssen. Jetzt baue sie sich langsam wieder auf.

Rijeka-Runde


 

Rijeka: Viele Schichten Kunst
© Cristóbal Schmal

AUFWACHEN

Das lichte „CukariKafé“ serviert neben Craft-Bieren vom Fass schön starken Kaffee.

facebook.com/cukarikafe

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EINKAUFEN

Der Concept Store „Croatia in a Box“ bietet lokale Leckereien und Mode örtlicher Designer.

croatiainabox.com

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AUSFLIEGEN

Nur 20 Autominuten von Rijeka entfernt liegen das Seebad Opatija und die Insel Krk.

visitkroatien.de

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ZUDECKEN

Das Hotel Jadran liegt direkt zwischen Felsen am Mittelmeer: Alle Zimmer haben Seeblick.

jadran-hoteli.hr


ZUM ZIEL

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