Zu Hause im eigenen Frottee
© Tim Möller-Kaya
 

Jedes Hotel, dem nichts Besseres einfällt, wirbt für sich mit dem Slogan „Your home far away from home“. Manchmal stimmt das, manchmal nicht. Menschen, die daheim unter Hirschen in Öl auf dem Sofa sitzen, fühlen sich in einem Designerhotel schnell von Gott und der Welt verlassen. Umgekehrt gilt das natürlich auch. Außerdem wird Häuslichkeit in den verschiedenen Kulturen ganz unterschiedlich definiert. Japaner fühlen sich zwischen geraden Linien heimisch, Inder brauchen es rund und kunterbunt und zugestellt. Und wo fühle ich mich zu Hause, wenn ich weit weg bin von zu Hause? Ich sag’s mal so: Wenn das Zelt das Heim der Karawanen war, dann ist der Hausmantel das Zelt des modernen Nomaden. ­Meinen nehme ich auf allen Reisen mit. Ein „Belle Maison“, Größe XL, blau mit weißen Streifen, verwaschen und verwohnt, aber eine zweite Haut, der das Altern steht. Der Zahn der Zeit nennt sich hier: Gemütlichkeit. Hotelbademäntel bringen es nicht, egal wie kuschelig sie sind (meist sind sie das nicht). Außerdem fra­ge ich mich, wer die vor mir schon getragen hat? Und was sie darin gemacht haben? Welches Karma steckt in der Textilie? Alles Fragen, die dem Wohlgefühl abträglich sind – die ich mir aber schon lange nicht mehr stellen muss. Nirgendwo. Denn mein Hausmantel und ich sind das Team für alle Fälle. Erst vor drei Tagen packte ich den Belle Maison XL in Portugal aus. Und schaute gemütlich auf die Agaven. Dazu rauschten die Wellen und schmeckte ein Bier. Ich war nicht zum Vergnügen hier, ein anstrengender Tag lag hinter mir. Aber nun war endlich, endlich Feierabend, und mein eigenes „Home far away from home“ erwies sich wieder mal als die einzig richtige Garderobe für dieses Gefühl.


Unser Kolumnist pflegt seit 1969 sein heftiges Fernweh, schreibt Reisebücher aus aller Welt – und jeden Monat hier.

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