An der Wiege des Fliegens
© Malte Jäger

An der Wiege des Fliegens

  • TEXT ADRIAN PICKSHAUS
  • FOTOS MALTE JÄGER

An North Carolinas Atlantikküste gelang den Gebrüdern Wright 1903 der Durchbruch zur modernen Luftfahrt. Geist und Wagemut der ­beiden Pioniere sind rund um Kitty Hawk noch heute greifbar. Eine Reise zu Inselpiloten, Kite­surfern und Drachenfliegern.

Nahe der Kleinstadt Kitty Hawk thront das Skelett eines Dinosauriers auf einer hohen Düne. So sieht es jedenfalls von Weitem aus. Ich stapfe ein paar Schritte he­ran, schon entpuppt sich das vermeintliche Knochengerüst als seltsames Fluggerät. Verzeihen Sie den Fehler, aber hier, an der Atlantikküste im US-Bundesstaat North Carolina, weht der Wind heute mit knapp 15 Meilen pro Stunde. Kraftvoll genug, um mir den feinen Sand in die Augen zu pusten.

Das Objekt vor mir, eine Art gigantischer Drachen, ist eine Legende der Luftfahrt: 12,30 Meter Spannweite, 6,43 Meter lang, rund 2,70 Meter hoch. Amerikanische Schulkinder müssen diese Daten auswendig lernen. Denn das sind die Maße des Wright Flyer, des ersten motorisierten Luftfahrzeugs der Welt, das tatsächlich flog. Am 17. Dezember 1903 hob ein Mann namens Orville Wright damit ab, vier Meilen nördlich von hier, von einem sandigen Acker. Zusammen mit seinem Bruder Wilbur hatte der Autodidakt aus Ohio den Gleiter entwickelt. Orville hielt sich nur zwölf Sekunden in der Luft, er flog dabei 16 Stundenkilometer schnell, nach 37 Metern war schon Schluss. Bruchlandung. Aber das genügte, um Geschichte zu schreiben.

An der Wiege des Fliegens

Ein Doppeldecker der Marke Waco wartet auf seinen Einsatz

© Malte Jäger
An der Wiege des Fliegens

Alles im Griff: Kite-Crack Jeremy Jones hebt ab

© Malte Jäger

 „Dies ist ein originalgetreuer Nachbau des Gleiters von damals“, erzählt Billy Vaughn, 55, Lehrer bei der „Hang Gliding School Kitty Hawk Kites“. „Sämtliche Teile wurden exakt rekon­struiert.“ Die filigranen Streben, Frontruder, Heckruder – alles von Hand aus Fichtenholz geschnitzt. Die Stoffbespannung? Handgenäht, aus feinstem Musselin. „Nur die Schnüre des Gleiters, die dank ihrer Spannung der Konstruktion Form und Halt geben, sind durch Stahlseile ersetzt“, doziert Billy. Seine schwieligen Hände streicheln die obere der beiden Tragflächen. „Jedes Mal, wenn ich dieses Baby vor mir sehe, fühle ich mich selbst wie ein Pionier.“

Das Replikat stammt aus dem Jahr 2003. Es wurde zum 100. Jubiläum von Orvilles Flug gebaut, seit gut zehn Jahren schläft der Gleiter meist in einem Schuppen neben Billys Schule. Für zahlungskräftige Kunden bringt das Team den Veteranen raus auf die Bühne, Pardon, die Düne. Immer ganz, ganz vorsichtig. „Vor fünf Jahren wollte die britische BBC hier eine Dokumentation drehen. Der Wind war schwach, also stellten wir den Gleiter ab und ließen ihn einen Moment lang aus den Augen.“ Ein schwerer Fehler. „Plötzlich kam ein Thermalwind auf und wehte den Flieger umher, Seile rissen, der Gleiter klappte zusammen wie ein Pfannkuchen“, sagt Billy. „Die Wright-Brüder haben sich bestimmt im Grabe umgedreht.“ Seitdem gelte für das ganze Team die eiserne „BBC-Regel“: immer eine Hand am Drachen.

An der Wiege des Fliegens

Vorsichtig! Drachenflieger Billy Vaughn trägt ein Bauteil des Wright-Gleiters durch die Dünenlandschaft im Jockey’s Ridge State Park

© Malte Jäger

 Die Winde um Kitty Hawk sind launisch. Wie eigentlich alle Elemente auf den Outer Banks, dieser schmalen Inselkette vor der Küste North Carolinas. Der Atlantik ist hier tiefblau, wild und rau. Untiefen und Strömungen erschweren Kapitänen das Navigieren. Vor den Inseln liegen mehr als 1000 Wracks auf dem Meeresgrund, deshalb führt die Gegend auch einen schaurig-schönen Beinamen: Friedhof des Atlantiks. In den vielen kleinen Buchten nisteten früher Piraten, der berühmt-berüchtigtste von ihnen war der Engländer Edward Teach oder auch Thatch, besser bekannt als Blackbeard. Der Freibeuter fand sein nasses Grab im November 1718 in einem Hinterhalt der Royal Navy. Sein Schiff, die Queen Anne’s Revenge, wurde erst 1996 vor dem Küstenörtchen Beaufort entdeckt.

Heute sind die Outer Banks vor allem ein Touristenparadies: unberührte Sandstrände und Dünenmeere, Leuchttürme und Seebrücken, Kleinstädte voller Holzhäuser, gestrichen in Pastelltönen. Besucher angeln und surfen hier, kiten und paddeln. Das Meer ist der Star. In Europa ist diese Gegend kaum bekannt, und wenn doch, dann aus Romanen: Bestsellerautor Nicholas Sparks lässt seine auflagenstarken Romanzen hier spielen. Der Schmonzetten-Titan lebt in dem Hafenstädtchen New Bern, rund 240 Kilometer südwestlich von Kitty Hawk.

„Hey Guys! Ich bin heute euer Pilot“, sagt Luke Williams, 22, und schiebt sich die Ray Ban in den Bürstenschnitt. Der Fotograf wirft mir einen misstrauischen Blick zu. Luke sieht aus wie 15. Kann der das? Darf der das? Er kann und darf. Luke fliegt schon seit sechs Jahren. In dem roten Doppeldecker, in den wir gleich einsteigen, hat er bereits 200 Flugstunden absolviert. Bald hat er genug Stunden beisammen, um sich bei einer der großen Airlines bewerben zu können. „Mein größter Traum ist es, später Passagierjets zu fliegen“, verrät er.

An der Wiege des Fliegens

Pilot Luke Williams zeigt Besuchern im Cockpit einer Waco Classic YMF die Outer Banks aus der Luft.

© Malte Jäger
An der Wiege des Fliegens

Ehrung für die Wright-Brüder in Kill Devil Hills

© Malte Jäger

 Luke stammt aus Virginia Beach. Warum er gern über den Outer Banks fliegt? „Mann, dieser Ort ist einfach legendär. Hier steht die Wiege der modernen Luftfahrt. Ich habe so viel Respekt vor den Wright-Brüdern, ohne sie wäre ich doch gar nicht hier.“ Aus der ganzen Welt kämen Hobbypiloten, um einmal vom Kitty Hawk Airport abzuheben – heiliger Boden für Planespotter und Aviation-Geeks. Einst unbewusst gesegnet von zwei kauzigen Nerds, die um ihre Flugversuche lange ein Geheimnis machten. Bis sie den Traum vom Fliegen in die Tat umsetzen konnten.

Vor uns auf dem Rollfeld steht ein Schmuckstück: die Waco Classic YMF, 275 PS, sieben Zylinder, 400 000 Dollar teuer. Made in the USA. Der Fotograf und ich steigen ins vordere Cockpit, schön kuschelig wird das jetzt. Wenn Luke einen Looping macht, fallen wir wenigstens nicht hinaus. Wir setzen Stoffhelme auf, die an Badekappen erinnern. Luke sitzt hinter uns, im Rückspiegel reckt er den Daumen. Schon rattert der Motor los, der hölzerne Propeller rotiert, wir rollen auf die Runway. Die Waco drückt die Nase runter, das fühlt sich komisch an, wir wollen doch hoch, aber dann heben wir schon ab. Rasch gewinnen wir Höhe. Die Tragflächen des Doppeldeckers leuchten in der Morgensonne – so muss sich der „Rote Ba­ron“ gefühlt haben. Zum Glück ist hier oben alles friedlich.

An der Wiege des Fliegens

 Unter uns das Meer. Darin die Inseln, Sandhaufen im großen Teich, dem Festland vorgelagert, an manchen Stellen gerade mal 200 Meter breit. Verbunden sind die Eilande durch den North Carolina Highway Nummer 12. Luke legt die Maschine parallel zur Küste, der Fotograf schießt Bilder durch die Streben des Doppeldeckers. Im offenen Cockpit fange ich Fliegen mit den Zähnen. Dann queren wir Bodie Island landeinwärts. Ein grasbewachsenes Areal taucht auf: das Wright Brothers National Memorial. Wir sehen die Schuppen, in denen die Brüder ihre Gleiter versteckten und selbst schliefen. Das moderne Besucherzen­trum, in dem sich jedes Jahr eine halbe Million Menschen ein Stück Luftfahrtgeschichte abholen. Und das 18 Meter hohe Granitmonument, das ganz oben auf dem Kill Devil Hill in den Sommerhimmel ragt. Von diesem Hügel aus warfen sich die beiden Brüder auf ihren Flugmaschinen in die Tiefe. Immer wieder. Mit Mut im Herzen und Fortschrittsglauben im Kopf.

An der Wiege des Fliegens

Sieht nach Meer aus: Kitesurfer Jeremy Jones kam aus dem kalten Minne­sota an die Küste

© Malte Jäger
An der Wiege des Fliegens

Sandtupfer im Ozean: die Outer Banks

© Malte Jäger

 Nach der sicheren Landung verabschieden wir uns von ­Luke und fahren mit dem Jeep in den Süden. Hier franst die Bebauung am Straßenrand aus. Unser Ziel: das verschlafene Örtchen Waves. Der Name ist Programm, gleichmäßige Wellen schaffen hier einen Traumspot für Kitesurfer. Vor dem Real Watersports Center pflügt Jeremy Jones, 23, durch das Wasser. Mit hoher Geschwindigkeit zieht sein Drachen auf den Bootssteg zu. Im letzten Moment hebt Jeremy zu einem Jump ab, greift sein Brett am hinteren Ende, biegt seinen Körper theatralisch in der Luft. Nach langer Hang Time landet er butterweich auf dem Wasser und surft davon. Die Crowd am Ufer jubelt.

„Ich komme aus Minnesota. Da habe ich das Kiten auf gefrorenen Seen gelernt – auf meinem alten Snowboard“, erzählt Jeremy uns später. Das Kleinstadtleben in der kalten Heimat sei ihm zu öde gewesen. „So hat der Wind mich hierhergeweht. Die Outer Banks bieten die besten Bedingungen für Kiter in den ganzen USA.“ Bei Real Watersports unterrichtet er Neulinge in dem boomenden Trendsport, als gesponserter Amateur nimmt er an Wettbewerben teil. Kennt er die Gebrüder Wright? „Auf jeden, na klar!“ Das Memorial hat er sich gleich in seinem ersten Sommer hier angeschaut. „Das ist eine Killerstory. Rauf auf die Düne, heil da runterkommen? Crazy!“

An der Wiege des Fliegens

Sturmerprobt: Alte Seeretter-Station in dem Ort Rodanthe auf der Insel Hatteras südlich von Kitty Hawk. Die Launen der Natur sind hier ­berüchtigt

© Malte Jäger

 Zurück bei Billy Vaughn und seinem Gleiter. Der Wind hat sich beruhigt, jetzt soll das gute Stück auch mal abheben. Die Gebrüder Wright vertrauten einem zwölf PS starken Benzinmotor, beim Nachbau soll es heute allein die Thermik richten. „Wäre der Wind stärker und vor allem gleichmäßiger, könntest du damit eine Runde drehen“, sagt Billy zu mir. Ach ja? Ich bin 1,90 Meter groß, fast 100 Kilo schwer und deshalb mehr als skeptisch. Aber Billy fliegt Drachen seit 1984, der wird’s schon wissen.

Dann geht alles ganz schnell: Billy und seine Helfer sprinten los, Seile in der Hand, die steile Düne hinunter. Die Schnüre spannen sich, der Gleiter zuckt – und hebt ab. Anmutig segelt er dahin. Wie ein großer Papierflieger, geworfen von einem unsichtbaren Riesen. Auf dem benachbarten Highway verlangsamt sich der Verkehr, so etwas sieht man nicht oft durch die Pick-up-Scheiben. Nach gut 50 Meter Flug holen die drei Männer die Leinen ein und ziehen den Gleiter aus der warmen Luft.

Die Wright-Brüder trugen Frack und auf dem Kopf Melonen. Der Dresscode in den Outer Banks hat sich geändert. Inselpiloten, Drachenflieger und Kitesurfer tragen heute eher Surfshorts und Truckercaps. Doch die Freude nach einem geglückten Flug, sie ist dieselbe. Die Gebrüder können stolz sein: In der Wiege des Fliegens mangelt es nicht an Nachwuchs.

An der Wiege des Fliegens

ÜBERNACHTEN

An der Seebrücke neben dem Hilton Garden Inn hört man das Anglerlatein der Fischer, Pelikane schweben im Tiefflug über die See.

hilton.com

An der Wiege des Fliegens

KITESURFEN

Bei Real Watersports lehren echte Cracks, wie man fachgerecht abhebt.Einzelunterricht: rund 500 Dollar den halben Tag.

realwatersports.com

An der Wiege des Fliegens

ESSEN

Trotz des Namens Rundown Cafe ist die Küche brisenfrisch: Shrimp-Tacos, Poke-Bowl, Mahi Mahi vom Grill – mit Meeresblick.

rundowncafe.com

An der Wiege des Fliegens

DRACHENFLIEGEN

Das Team der Hang Gliding School Kitty Hawk  Kites bringt Mutigen seit 1974 das Drachenfliegen bei. Kosten: 499 Dollar für einen Vier-Stunden-Flug.

kittyhawk.com

An der Wiege des Fliegens

RUNDFLUG

Bei einem Kurztrip mit OBX Airplanes lässt sich die ganze Schönheit der Outer Banks von oben erfassen. 40 Minuten für 299 Dollar.

obxairplanes.com


ZUM ZIEL

Lufthansa fliegt im Oktober täglich von München (MUC) nach Charlotte (CLT). Die App für Ihre Meilengutschrift: miles-and-more.com/app