Aus Alt mach Neu
© Jens Görlich

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  • TEXT AILEEN TIEDEMANN
  • FOTOS JENS GÖRLICH

Das Ende einer langen Reise: Aus einem stillgelegten Airbus A340-600 werden exclusive Lifestyle-Produkte.

Wenn Marius Krämer, 26, und Julian Schneider, 36, vor einem Flugzeug stehen, dann sehen sie vor ihrem geistigen Auge Couchtische, Wandbars und eine Wanduhr. Warum das so ist? Die beiden Piloten stellen mit ihrer Firma Wilco Design aus Teilen stillgelegter Flugzeuge Möbel und andere Einrichtungsgegenstände her – und sind ständig auf der Suche nach Material dafür. Vorflügel, Fensterreihen, Triebwerkseinlässe, all das können sie verwerten. Aus diesem Grund begutachten die beiden Unternehmer aus Marpingen im Saarland jetzt einen ausgemusterten Lufthansa Airbus A340-600. Er steht auf einem gigantischen Flugzeugparkplatz auf einer Hochebene in den Bergen von Aragonien in Spanien, dem Betriebsgelände der Firma Tarmac Aerosave.

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Wilco Design hat sich Fenster reserviert, aus denen eine Bar werden soll

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 Hier, in gut 1000 Meter Höhe, werden seit 2013 Flugzeuge gewartet, repariert und demontiert. Das trockene Klima rund um die Kleinstadt Teruel ist ideal, um Maschinen in der Neben­saison zu parken, zu überholen oder – nach ihrer endgültigen Stilllegung – zu zerlegen. Der Ehrgeiz der spanischen Ingenieure ist, von einem ausgemusterten Flugzeug so viel wie möglich wiederzuverwerten. „92 Prozent einer Maschine können wir recyceln“, erklärt Recycling-Manager Ignacio Guillén Trasobares. „Viele Teile, wie etwa Motoren oder Cockpitcomputer, sind oft noch so neuwertig, dass die Airlines sie nach sorgfältiger Prüfung und Zertifizierung in anderen Flugzeugen weiterverwenden können“, sagt der 29-Jährige. „Das ist nachhaltig und spart Geld. Alle anderen Bestandteile wie Aluminium, Kupfer, Glas und Gummi müssen voneinander getrennt werden. Nur so können die Recycling-Unternehmen sie verwerten.“

Von einer Hebebühne aus begutachten Krämer und Schneider jetzt die Außenhaut des Airbus, der zehn Jahre in Europa, Asien und den USA für Lufthansa im Einsatz war. „Für uns ist es sehr reizvoll, uns zu überlegen, was alles noch aus dem Flugzeug werden könnte“, erzählt Krämer, während er und sein Kollege mit Zollstöcken Fenstersegmente vermessen. „Auf die Fenster freuen wir uns ganz besonders. Aus denen werden wir Wandbars fertigen.“ Die A340-600, die bei ihrer Einführung 2001 mit einer Länge von mehr als 75 Metern das längste Passagierflugzeug der Welt war, bietet dafür besonders viel geeignetes Material. Krämer und Schneider beschriften die Teile, die sie verwerten wollen und markieren exakt, an welchen Stellen sie aus der Flugzeughaut herausgeschnitten werden sollen.

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Filetstück für die Upcycler: Die Fensterpartien der A340-600 sind bei den Wiederverwerten besonders begehrt

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Das Projekt motiviert uns, Upcycling auch weiter ins Recycling zu integrieren

Michael Menzel, Teardown-Manager

 

 Das Innere des Airbus gleicht einer leeren Röhre: Die ­Kabine ist bereits komplett entkernt, von der Economy Class bis ins Cockpit herrscht freie Sicht. Hier sind schon Tobias Richter, 46, und Stephan Boltz, 41, von Aviationtag aus Köln zugange. Sie entfernen die Dämmung und inspizieren die ­darunter liegende Flugzeugwand. Aus ihr wollen sie Schlüssel­anhänger herstellen. 35 000 Stück möchten sie aus dem Airbus-Aluminium gewinnen – und besonders wertvoll und begehrt dürften natürlich jene sein, die aus Partien mit einem Schriftzug geschnitten werden. „Für Aviation-Fans ist es toll, ein Stück Luftfahrt­geschichte mit sich in der Tasche tragen zu können“, sagt Boltz. „Oft fragen uns auch Piloten nach Anhängern aus ganz bestimmten Maschinen, die sie geflogen sind  – als Andenken.“

Genau wie die Accessoires von Aviationtag werden auch die Möbel von Wilco Design exklusiv im Lufthansa WorldShop erhältlich sein. „Die Idee zu der Upcycling Collection entstand bei einem Brainstorming“, ergänzt Christiana von Dewitz, 33, Einkäuferin bei Miles & More, die das Projekt gemeinsam mit ihrer 29-jährigen Kollegin Hilke Siebecker betreut. Als wir erfuhren, dass Lufthansa Technik gerade ein Flugzeug in der Zerlegung hat, überlegten wir uns sofort, wie wir Teile davon verwerten könnten und haben mit verschiedenen Herstellern Ideen entwickelt.“

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Fliegende Funken: Das material für die Schlüsselanhänger wird mit dem Trennschleifer aus dem Flugzeug herausgeschnitten

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 „Diesen Flieger für die Lufthansa Upcycling Collection nutzen zu können ist eine sehr exklusive Angelegenheit“, erklärt Michael Menzel, der als Teardown-Manager bei Lufthansa Technik für die Zerlegung von Flugzeugen zuständig ist. Er steht unter dem Rumpf des Airbus und erläutert: „Normalerweise gehen alle Teile einer Maschine in die Zerlegung, aber dieses Projekt motiviert uns, auch in Zukunft Upcyling in den Recyclingprozess zu integrieren.“

Zwei Mitarbeiter von Tarmac Aerosave schneiden unterdessen mit einem Trennschleifer die von Krämer und Schneider markierten Fenstersegmente aus dem Flugzeug. Das Werkzeug kreischt, Funken fliegen, dann hebt ein Gabelstapler das Stück Flugzeughaut aus der Kabine. „So eine Maschine gehört ja eigentlich in den Himmel“, sagt Marius Krämer, der als Privatpilot am liebsten in einer Piper PA-28 unterwegs ist. „Doch natürlich kommt irgendwann auch ihre Zeit. Aber wir bemühen uns alle gern darum, etwas von den Flugzeugen in anderer Form am Leben zu erhalten.“ Zum Beispiel in Gestalt von ­Designermöbeln und Schlüsselanhängern.

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Materialcheck: Julian Schneider und Marius Krämer von Wilco Design suchen nach geeigneten Teilen für die Lufthansa Upcycling Collection

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