Schottland: Aufmacher
© Jens Görlich

Flugzeit: 66 Sekunden

  • TEXT ANDREAS SPAETH
  • FOTOS JENS GÖRLICH

Muschelsammler, runter von der Piste! Schottland birgt zwei skurrile Superlative der Luftfahrt: den einzigen Strandflughafen und den kürzesten Linienflug der Welt.

Es knirscht und knackt unter den Reifen des Gelände­wagens. Sie zeichnen eine Spur in den feuchten weißen Sand, rollen über Bruchstücke von Muschelschalen. ­Drü­ben, auf der anderen Seite der Dünen, sieht es fast wie in der Südsee aus: türkisblaues Wasser, schneeweißer Sandstrand. Kein Wunder, dass die schottische Insel Barra auf den Äußeren Hebriden scherzhaft auch „Barrabados“ genannt wird. An sonnigen Tagen lockt sie als beinahe karibisches Idyll, wenn auch bedeutend kühler. „Wenn es hier 18 Grad werden, ist das warm für uns“, sagt Joe Gillies, in ­einen dicken Leucht­anorak ge­hüllt. Morgens gegen neun Uhr beginnt für den ­Barrachian, so nennen sich die Insulaner, der Arbeitstag am wohl ungewöhnlichsten Verkehrsflughafen der Welt. Mit einer ungewöhnlichen Inspektionsfahrt: „Meistens muss ich See­tang entfernen oder Müll, der am Strand liegt. Der könnte sonst die Flugzeuge beschädigen.“

Offiziell arbeitet Gillies als Feuerwehrmann, aber am Flug­hafen Barra ist Multitasking gefragt. Also packt er auch auf dem Tower mit an, ebenso im winzigen Terminal. „Zuerst hängen wir die Windsäcke auf, damit wissen dann alle, dass der Flughafen in Betrieb ist“, erklärt Gillies, der seit 1999 hier im Ein­satz ist. Den Flughafen gibt es schon seit 1936, und er ist bis heute einzigartig. Nominell verfügt Barra über drei ausgewiesene Start- und Landebahnen, die längste ist rund 850 Meter lang. Tatsächlich erstreckt sich vor dem Flughafengebäude an der Bucht von Tràigh Mhòr („Großer Strand“) eine einzige weite Wattfläche. Die Pisten darf, nun ja, sie muss man sich denken, nur an den Enden markieren Baken den Verlauf. Barra kann ­ausschließlich bei Ebbe angeflogen werden und ist der einzige Strandflughafen der Welt mit Linienbetrieb, seit mehr als ­­80 Jahren schon. „Die Flüge sind die Lebensader für die rund 1200 Insel­bewohner, und Touristen kommen aus der ganzen Welt, um das zu erleben“, sagt Gillies stolz.

Schottland: Flughafenpiste

Piste auf dem Flughafen Barra

© Jens Görlich

Aus dem Cockpit sehe ich oft Orcas, manchmal springen sie sogar aus dem Wasser

Colin McAllister, Pilot

 Gleich ist es so weit. Der erste von zwei täglichen Linien­flügen nähert sich der Insel. Etwa eine Stunde dauert der Flug der zweimotorigen Twin Otter von Glasgow bis hierher. „Wenn das Flugzeug zehn Meilen entfernt ist, geht dieses Blinklicht am Tower an, damit die Muschelsammler und Spaziergänger wissen, dass gleich eine Landung bevorsteht“, erklärt Gillies. Oft muss er oder einer seiner Kollegen dennoch losfahren und Neu­gierige verscheuchen, die sich gefährlich nahe an der Piste aufhalten. Kurz vor der ersten Landung ist ein Reisebus ­angekommen, eine Besuchergruppe drängt sich mit Ferngläsern und Kameras am hüfthohen Lattenzaun.

Das Ziel ihrer sehnsüchtigen Blicke ist eine nahende Twin Otter, lackiert in den Farben der schot­tischen Flagge. Die robusten Propellerflugzeuge aus Kanada sind die Arbeitspferde der Luft­fahrt, seit etwa zehn Jahren werden sie wieder gebaut. Der Pilot senkt die Nase des 18-Sitzers und legt ihn in eine Linkskurve. Nach Barra darf er aus Gewichtsgründen nur 13  Passagiere mitnehmen, sonst reicht der Treibstoff nicht für den Rückflug. Unterstützt wird er von Copilotin Laura Roper aus Belgien, ihre blonden Haare sind zum Pferdeschwanz gebunden. Seit 2016 fliegt sie bis zu fünfmal wöchentlich nach Barra, als eine von zwei Frauen unter den 13  Insel-Piloten. Ropers linke Hand liegt über der Instrumentenkonsole an den Schubhebeln. Langsam drosselt sie die Kraft der beiden Pratt-&-Whitney-­Motoren, das Dröhnen der Propeller wird leiser.

Schottland: Piste

Pistenabenteuer: In Kirkwall starten und landen die Maschinen zwischen Klippen und Weiden, auf Barra direkt am Strand

© Jens Görlich
Schottland: Pilot

Pilot Collin McAllister zieht die BN Islander jedem Jumbo vor

© Jens Görlich

 Wer noch nie hier war, könnte es jetzt mit der Angst zu tun kriegen: Wo, zum Teufel, sollen wir denn landen? Die Twin Otter überfliegt den scheinbar endlos breiten Strand, sinkt weiter. Rechts huscht das ­Abfertigungsgebäude unter der Tragfläche vorbei, aber durch die Cockpitscheibe sieht man nur Wasser­lachen und Watt voraus. Keine Tür trennt die Piloten von den Passagieren. Dann geschieht, wofür manche an Bord sogar den langen Weg aus Australien ­auf sich genommen ­haben: die weltweit einzige Landung eines Linienflugs direkt am Strand. Mit einem kleinen Hüpfer setzt die Twin Otter auf den Sand auf, es rüttelt ein wenig. Die vom Wasser gleichmäßig geformten Riffel auf dem Strand spürt man auch in der Kabine. Trotz Ebbe steht noch etwas Wasser auf der „Landebahn“. Hüft­hoch spritzt es an den beiden Rädern des Hauptfahrwerks hoch, wie ein Geländewagen pflügt das Flugzeug hindurch, bremst schnell ab. Dann stellen die Piloten die Maschine nahe dem Terminal auf trockenem Sand ab. Flug LM451 aus Glasgow ist pünktlich am Ziel.

Joe Gillies fährt den Geländewagen heran. Jetzt arbeitet er als Abfertiger und lädt das Gepäck der Passagiere aus. Den Piloten bleibt nur eine kurze Pause, Roper holt sich eine Cola und Chips im Flughafencafé. Dann geht es wieder zurück nach Glasgow, kurz darauf landet der zweite Flug des Tages am Strand. Danach ist erst mal Betriebspause – die drei Pisten versinken planmäßig im Wasser der aufziehenden Flut. Joe Gillies hat trotzdem noch nicht frei. „Hier ist immer was zu tun, kein Tag ist wie der andere“, sagt er lachend.

Schottland: Pilotin

Laura Roper, eine von zwei Inselpilotinnen

© Jens Görlich

 Knapp 350 Kilometer weiter nordöstlich: eine andere Inselgruppe, ähnlich abgelegen. „Aus dem Cockpit sehe ich oft Orcas, man­chmal springen sie sogar aus dem Wasser“, schwärmt Colin McAllister. Er ist einer von gerade mal drei Loganair-Piloten, die von der Orkney-Inselhauptstadt Kirkwall aus, eine gute Flugstunde nördlich von Glasgow, sechs der rund 20 bewohnten Inseln der Gruppe anfliegen. McAllister liebt seinen Job: „Ich will nicht unbedingt in einem Riesenjet sein“, sagt er, „vor allem will ich jeden Tag mit einem Lächeln im Gesicht fliegen, will die Begeisterung meiner Passagiere in ihren Gesichtern sehen“, sagt er. Jeden Tag startet und landet er bis zu zehnmal. Kurzstrecke ist bei ihm sehr wörtlich zu verstehen: Kein Flug dauert länger als eine ­Viertelstunde. Mit der kleinen zweimotorigen Britten Norman Islander fliegt er vor allem Orkney-Insu­laner hin und her.

Das Insel-Hopping sei wie Busfahren, hört man hier häufig. Und es spart viel Zeit, denn die Fähre braucht anderthalb ­Stunden. Für viele der Pendler sind die Piloten mittlerweile gute Bekannte. Es gibt einen Grund, warum auch Besucher von weither kommen, die sich im Grunde gar nicht besonders für die Inseln interessieren: Seit September 1967 nämlich steht ein besonders kurzer Hüpfer zwischen den Inseln Westray und Papa Westray im Flugplan. Die Distanz beträgt etwa 2700 Meter. Zwischen den beiden kleinen Terminalbaracken liegen gute 3000 Meter. Die Flugstrecke ist damit in etwa so lang wie die kürzeste Landebahn des Flughafens Frankfurt. 1974 kam dem damaligen Chefpiloten die Idee, die Strecke als Attraktion zu vermarkten und als „Kürzesten Linienflug der Welt“ im Guinness-Buch der Rekorde zu platzieren. Sogar ein eigenes Zertifikat erhalten Passagiere für den Flug. „Bei dem Besucher­interesse ist es für die Einheimischen oft gar nicht so einfach, noch einen Platz zu kriegen“, sagt Colin McAllister.

Schottland: Ausblick

Beim Tiefflug über den Inseln kommt jeder Passagier ins Schwärmen

© Jens Görlich

 Wer hier oder dort auf das Flugzeug wartet, sieht die Islander bereits von Weitem. Heute landet Flug LM348 aus Kirkwall zunächst auf der kleineren Insel Papa Westray. Ein paar schnelle, routinierte Handgriffe des Bodenhelfers, im Hauptberuf Farmer, schon dreht Colin McAllister die Flugzeugnase wieder in den Wind, be­schleunigt, hebt ab. Grünes Gras, Felsen und ein kleines Stück Wasser sausen unter dem Fahrwerk vorbei, bevor es in Westray schon wieder aufsetzt. „66 Sekunden!“, ruft der Flugkapitän, nur ausrollen muss er noch. Nach zwei Minuten können die Gäste bereits wieder aussteigen. Der aktuelle Rekord für diese Strecke liegt bei 53 Sekunden. Der Pilot und die Passa­giere strahlen trotzdem.


Zum Ziel

Lufthansa fliegt im Februar täglich von Frankfurt (FRA) und bis zu fünfmal wöchentlich von München (MUC) nach Glasglow (GLA). Von dort geht es mit Loganair zweimal täglich nach Barra (BRR) – oder über Kirkwall (KOI) nach Westray (WRY) und Papa Westray (PPW). Die App für Ihre Meilengutschrift: miles-and-more.com/app