help alliance in Äthiopien

  • TEXT CHRISTIANE WINTER
  • FOTOS MANUEL FERRIGATO

Um die Zeit bis zum nächsten Flug zu überbrücken, besuchte Flugbegleiterin Maira Nolte das Mother and Child Rehabilitation Center in Addis Abeba. Der Ort wurde für sie zu einem „Life Changing Place“

Rush Hour in Addis Abeba. Im Schritttempo steuert Fekade Aby, Fahrer des Mother and Child Rehabilitation Center (MCRC), seinen weißen Kleinbus durch die Stadt. Moderne Hotel- und Bürohäuser stehen hier neben Bauruinen und Wellblechhütten. Stop-and-go auf drei Spuren, Drängler von links, Hupe von rechts. Die einfachen Unterstände am Straßenrand schützen Melonen und Gemüse, Schulbücher, Toiletten, Autoreifen und sogar Ziegenhälften, die dort angeboten werden, vor Sonne und Regen. Auch Särge gibt es, mit bunten Fransentüchern geschmückt. Hunderte von Menschen stehen an der Straße, scheinbar ohne Plan. Auf den Verkehrsinseln warten Kinder darauf, an die offenen Autofenster heranzutreten und um Geld zu bitten.

 

DIE KAMPAGNE

Unter #LifeChangingPlaces stellt Lufthansa Menschen vor, deren Leben sich durch Reisen fundamental verändert hat. Mit Maira Nolte ist es erstmals eine Mitarbeiterin. Mehr Infos:
lifechangingplaces.com

DER PODCAST

Maira Nolte spricht im Podcast #LifeChangingPlaces mit Host Shelby Stanger über ihr Engagement
– abrufbar u.a. auf Apple Podcasts, Spotify und im Bordprogramm von Lufthansa.

  Beruk Gelan hat etwas anderes gemacht. Er war 13 Jahre alt, als er ins MCRC kam und um Unterstützung bat. Der Junge wollte unbedingt zur Schule gehen und brauchte Geld für Schulbücher. Er hatte schon früh seine Eltern verloren und
lebte seitdem bei seiner Tante. Die Begegnung mit Jutta De Muynck, der deutschen Gründerin des MCRC, die von allen, die sie kennen, „Madam“ genannt wird, habe sein Leben komplett verändert, sagt er: „Ohne sie wäre ich heute nicht da, wo ich bin.“ Denn vor Kurzem ist Beruk Gelan im Berufsleben angekommen: Nach erfolgreichem Schulabschluss und Betriebswirtschaftsstudium hat er nun bei einer Bank in Addis Abeba eine Arbeit gefunden. Mit Schlips und Kragen.

Maira Nolte, Flugbegleiterin bei Lufthansa, ist mit 26 Jahren nur drei Jahre älter als Beruk Gelan heute. Aber sie ist in Nürnberg aufgewachsen – „in behüteten Verhältnissen“, wie sie sagt. Auch ihr Leben nahm eine neue Wendung, als sie Jutta De Muynck in Äthiopien traf. Ein Kollege hatte sie und die übrige Lufthansa Crew zu einem Besuch des MCRC eingeladen, als sie in Addis Abeba landeten und bis zu ihrem nächsten Einsatz 24 Stunden zur Verfügung hatten. „Ich habe mich damals in das Land und die Menschen vom MCRC verliebt“, sagt sie. Es sei die pragmatische, offene und herzliche Art gewesen, mit der die Gründerin des Hilfsprojekts sie beeindruckt hätte: „Eine großartige Frau, ein echtes Vorbild. Sie hat ihre gesellschaftlichen Kontakte genutzt, um Spenden zu sammeln und damit Frauen und jungen Menschen in Äthiopien geholfen, sich eine selbstbestimmte Existenz aufzubauen – durch Bildung.“

Erzieherin des MCRC mit zwei Schützlingen

  Seitdem arbeitet Nolte ehrenamtlich für das MCRC. Um Äthiopien besser kennenzulernen, hat sie faszinierende Naturlandschaften wie den Simien-Nationalpark besucht und jahrhundertealte Kulturschätze gesehen, zum Beispiel die Felsenkirchen von Lalibela, die zum Unesco-Weltkulturerbe zählen. Inzwischen leitet die Flugbegleiterin, die Medien- und Kommunikationsmanagement studiert hat und gerade ihren Master in Digital Management & Transformation vorbereitet, die Sponsorenbetreuung und die Kommunikation für das MCRC in Deutschland. Viele ihrer Kolleginnen und Kollegen unterstützen sie dabei. Seit 2018 wird das Bildungsangebot dieses Projekts von der help alliance, der Hilfsorganisation der Lufthansa Group, gefördert.

Im Hof des Hilfszentrums spielen die 15 Kinder, die hier übergangsweise leben, bis sie in ihre Familien zurückkehren können. Eine Krankenschwester hilft der Mutter eines körperbehinderten Kindes beim Wechsel eines Blasenkatheters. Über dem Hof flattert nach Farben sortierte Wäsche auf der Leine. „Das sind Sachen, die uns Maira und andere Crewmitglieder aus Deutschland geschickt haben“, sagt die Äthiopierin Rahel Ambaye. Sie hat vor drei Jahren die Leitung des MCRC von Jutta De Muynck übernommen, als die Gründerin, inzwischen über 70 Jahre alt, ihrer Familie nach Südafrika gefolgt war.

Maira Nolte liebt Äthiopien. Die Kultur, wie die Felsenkirchen von Lalibela, berührt sie ebenso wie die Kinder aus dem MCRC

  Rahel Ambaye, mittleren Alters und mit Studienabschlüssen in Fremdsprache, Literatur und Management, hat viele Jahre als Chefsekretärin gearbeitet, bevor sie zum MCRC kam und „Madams“ rechte Hand und Nachfolgerin wurde. Sie plant nun, das Projekt finanziell auf stabilere Beine zu stellen. „Ich möchte zusätzlich Kindergartenplätze für die zahlende Mittelschicht von Addis Abeba anbieten“, erzählt sie. „Das würde unser gut ausgebildetes Personal absichern, auch wenn wir mal weniger Spendengelder haben. Zurzeit beschäftigen wir 33 Mitarbeiter, neben Sozialarbeitern und Erziehern auch Kindergärtnerinnen,einen Psychologen, einen Physiotherapeuten, einen Arzt und eine Krankenschwester.“

Neben den 15 Kindern in Vollzeitbetreuung unterstützt das MCRC zurzeit 24 zum Teil misshandelte und traumatisierte Frauen und 159 Schulkinder, die außerhalb des Zentrums leben. Sie bekommen Essensgeld, medizinische Versorgung, Beratung, Musik-, Tanz- und Kunsttherapie, Schuluniformen, Unterrichtsmaterial und Nachhilfe, Privatschüler erhalten Ausbildungsgebühren. „Wir tun natürlich, was wir können, um unseren Schützlingen einen guten Standard bei der Unterbringung zu bieten“, sagt Rahel Ambaye, „wir wollen sie darauf vorbereiten, für sich und ihre Familien bessere Lebensbedingungen zu erwirtschaften.“

Es ist ein langer, schwieriger Weg aus der Armut. Das weiß auch Maira Nolte. Sie kennt inzwischen viele grauenhafte Geschichten von Hunger und Gewalt, die sie aber nicht weitergeben will, um eine „Elendsberichterstattung“ zu vermeiden, wie sie sagt. „Aber jeder Einzelne, der den Weg da raus geschafft hat, macht mindestens zehn anderen Mut, es auch zu versuchen“, sagt sie. „Deshalb freuen wir uns so über Beruk. Er kommt noch immer ins MCRC, obwohl er erwachsen ist und eine Arbeit hat. Jetzt kommt er, um selbst zu helfen – zum Beispiel, wenn die Schüler für ihre Prüfungen lernen.“ Ein lebendiges Vorbild.

  Am Ende treffen wir ihn persönlich. Denn der junge Mann, der trotz Regen in Hemd und Krawatte über die Straße eilt und zu uns in den Kleinbus steigt, will die Botschaft, die in seiner Geschichte liegt, mit uns teilen. Beruk Gelan strahlt über das ganze Gesicht, als er von „Madam“ erzählt: „Sie war von Anfang an überzeugt, dass ich es schaffen kann. Das hat mir Mut gemacht.“ Er wolle jetzt noch Umweltökonomie studieren und später eine Familie gründen, sagt er. Nähere Angaben zu etwaigen Kandidatinnen? Er lacht laut und fröhlich, schüttelt den Kopf. Eine eigene Wohnung, das wäre jetzt erst mal wichtig. Er
lebe immer noch bei seiner Tante, erzählt er: „Aber bestimmt nicht mehr lange!“

Beruk Gelans Werdegang hat also alle Chancen auf ein Happy End. Und es ist in jeden Fall eine der glücklicheren Geschichten, die zurzeit in Äthiopien erzählt werden.


ZUM ZIEL

Lufthansa fliegt täglich (außer dienstags und sonntags) von Frankfurt (FRA) nonstop nach Addis Abeba (ADD).
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