Im Würfel über den Atlantik: Aufmacher
© Jens Görlich

Im Würfel über den Atlantik

  • TEXT MARTIN THEIS
  • FOTOS JENS GÖRLICH

Lufthansa Piloten üben regelmäßig im Flugsimulator. Immer wieder frischen sie im Trainingscenter ihr Know-how auf – um auf wirklich jede Situation vorbereitet zu sein.

Eine Antwort auf die Frage, warum sich das Fliegen in einer modernen Düsenmaschine so wunderbar selbstverständlich anfühlt, ist gewiss in Frankfurt zu finden. Genauer gesagt: im Lufthansa Aviation Training Center direkt neben dem Airport. Hier üben die Piloten der Lufthansa im Flugsimulator bis ins letzte Detail, was an Bord eines echten Jets reibungslos funktionieren muss. Und sie üben es immer wieder – selbst wenn sie schon fast 30 Jahre fliegen, wie Flugkapitän Wayne Joachim Lehmann, der uns in der Empfangshalle erwartet. Lehmann hat mehr als 15 000 Flugstunden hinter sich. Heute absolviert er ein Training für den Airbus A380, das größte Passagierflugzeug der Welt. „Ich bin Jo“, stellt sich der 53-Jährige mit dem Richard-Gere-Lächeln vor, „und gleich vorweg: Wir duzen uns hier alle.“

Flugkapitän Lehmann steigt viermal im Jahr in den Simulator. Zwei Termine dienen der halbjährlichen Berechtigungs-Verlängerung, da wird seine Eignung vom Luftfahrt-Bundesamt geprüft. Die anderen sind sogenannte Re­fresher, die Lufthansa den Piloten vorschreibt. „Wir trainieren hier vor allem ungewöhnliche Situationen, damit wir auch absolut fit sind für das, was wahrscheinlich nie passiert“, sagt Lehmann. Die Trainings seien außerdem wichtig, um immer wieder das manuelle Fliegen zu üben, „denn in der Luft übernimmt ja über weite Strecken der Autopilot“. Und weil die Cockpit-Crew zumindest auf Langstreckenflügen meist zu dritt ist, startet und landet der einzelne Pilot auch längst nicht auf jedem Flug selbst.

Lehmann steuert die Halle mit den Flugsimulatoren an: würfelförmige Metallkabinen auf Hydraulikbeinen, die sich heben, senken, in allen drei Dimensionen bewegen – und dabei von außen betrachtet ein bizarres Bild abgeben. Auf Lehmann warten bereits zwei Kollegen: Michael Bock, der den Platz des Co-Piloten einnehmen wird, und Mark Bremmer, der Trainingskapitän. Nach einer theoretischen Prüfung gehen die drei in den Simulator – alle mit Pilotenkoffern, als würden sie zu einem Langstreckenflug aufbrechen – und richten sich zwischen all den Knöpfen, Schaltern und Bildschirmen ein. „Das Cockpit ist eine originalgetreue Kopie des A380, bis hin zur Sauerstoff­maske mit Einhandbedienung“, erläutert Bremmer.

Im Würfel über den Atlantik: Cokpit

Gefühlt 10 000 Meter hoch: Flugkapitän Wayne Joachim Lehmann (links) und Co-Pilot Michael Bock im Flugsimulator

© Jens Görlich
Im Würfel über den Atlantik: Whiteboard
© Jens Görlich

Wir trainieren, damit wir auch fit sind für das, was wahrscheinlich nie passiert

Wayne Joachim Lehmann, Flugkapitän

 

 Der Übungsleiter nimmt hinter den Piloten Platz und aktiviert das Prüfungs-Szenario an seinem Laptop. Der Computer rechnet kurz, schon befinden wir uns am Flughafen München: Startbahn 26R bei 15 Grad Außentemperatur und 1021 Hektopascal Luftdruck. Dichter Nebel beschränkt die Sicht auf 200 Meter. Jetzt wird’s ernst. Lehmann gibt die Flugroute nach New York ein. Dann geht er mit Bock eine Checkliste durch, lässt die Turbinen an, prüft, ob alle Steuerflächen manövrierfähig sind. Noch eine Checkliste: Ölstand okay? Kerosinstand auch? Alle Türen geschlossen? Schließlich rollen wir los, gewinnen rasant an Fahrt, bis Lehmann den Sidestick nach hinten zieht und die Maschine, nun ja, abhebt. Für die Männer im Cockpit fühlt sich der Flug im Simulator jetzt so lebensecht an wie in einem realen A380 mit seinen 560 Tonnen Startgewicht.

Unrealistisch ist im Flugsimulator eigentlich nur eins: die vom Übungsleiter digital heraufbeschworene Problemdichte, zum Beispiel beim Landeanflug. In New York ist die Sicht nicht besser als in München, Landebahnen sind blockiert, obendrein muss Lehmann mit drei statt vier Triebwerken landen. Zu allem Überfluss schlagen beim Anflug auf den Flughafen die Bordsysteme Alarm, denn in einiger – aber noch sicherer – Entfernung kommt uns ein Flugzeug entgegen. „Traffic! Traffic!“, tönt eine künstliche Stimme im Cockpit. Käme es am Himmel wirklich zu einer solchen Situation, würden die beiden Maschinen miteinander kommunizieren und selbstständig entscheiden, welcher Jet sinken und welcher steigen muss. „Descend, descend!“, befiehlt die Stimme nun. Lehmann drückt den Side­stick nach vorn und damit die Nase des Airbus nach unten.

So prekär die Lage scheint – Lehmann und Bock bleiben auch angesichts der Verkettung unglücklicher Umstände total cool. Geschieht etwas Unerwartetes, werfen sie sich Codes und Stichworte zu. „Die Piloten müssen ihre Gedanken und Handlungen permanent abstimmen, immer auf gleichem Stand sein“, erklärt Bremmer. Tatsächlich scheint es in der Welt des Fliegens für jedes denkbare Problem eine genau aufgeschlüsselte Lösung zu geben, die Punkt für Punkt abzuarbeiten ist. Man muss sie nur kennen. Oder wissen, wo sie nachzuschlagen ist – deshalb die Pilotenkoffer. Sie sind voller Lösungen und Aus­wege, festgehalten in daumendicken Handbüchern und in Dokumentationen, die auf den Piloten-Laptops gespeichert sind.

Im Würfel über den Atlantik: Simulator

Hightech auf Hydraulikbeinen: In diesem Simulator trainieren die Piloten des Airbus A380 im Frankfurter Aviation Training Center

© Jens Görlich

  Zum Abschluss lässt Bremmer eine bounce recovery üben: Bei einer übermäßig harten Landung muss einer der Piloten vom anderen die Kontrolle übernehmen. Co-Pilot Bock überfliegt im Sinkflug bayerische Felder und Dörfer, erhält Landeerlaubnis, setzt dann aber – natürlich absichtlich – viel zu fest auf der Landebahn auf, sodass der Airbus wieder in die Höhe federt und ins Schlingern zu geraten droht. Bei diesem Manöver lässt sich noch einmal die ganze Wucht des gut sechs Tonnen schweren Simulators erfahren. Lehmann drückt sofort den roten Knopf auf seinem Sidestick, hat damit die Kontrollgewalt über die Maschine, stabilisiert den Flugzustand und leitet anschließend ein Durchstartmanöver ein. „Wenn eine Landung solche Probleme bereitet, ist der Pilot am Steuer möglicherweise einen Moment erschrocken – dann muss der andere sofort eingreifen können“, erläutert er.

Als wir „ausgerollt“ sind, ist Zeit für persönliche Auskünfte. Welche Ziele hat ein Routinier wie Lehmann nach so vielen Jahren am Steuerknüppel noch? Er überlegt einen Moment, bevor er antwortet. „Früher wollte ich einfach nur fliegen, unbedingt! Heute wünsche ich mir vor allem, dass auch künftig alles so glatt verläuft wie bisher.“ Als einer der Flottenkapitäne der Lufthansa ist Lehmann auch Vorgesetzter anderer Piloten, und er hat schon viele von ihnen in den Ruhestand verabschiedet. „Dabei fällt mir immer wieder auf, dass es den Kollegen mit am wichtigsten ist, auf eine unfallfreie Karriere zurückblicken zu können“, sagt er noch, bevor er sich mit Bremmer zur Nachbesprechung zurückzieht. Diesem Wunsch der Piloten dürfte auch Lehmann heute wieder ein Stück näher gekommen sein. Übungsleiter Bremmer jedenfalls ist sehr zufrieden mit seinem Prüfling, als er ihn in die Frankfurter Nacht entlässt.


 

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