Wilde 13
© Evelyn Dragan

Sternekoch Alexander Herrmann stellt sich der ehrlichsten Jury, die man sich denken kann: Vier- bis Neunjährige testen seine Vorschläge für die neuen Kindermenüs von Lufthansa.

Jakob sitzt mit hochroten Wangen und großen Augen an einem Tisch, über den er kaum hinwegschauen kann, und ist sichtlich ungeduldig. Doch dann geht es los: Der Fünfjährige und die anderen zwölf Kinder an den drei Tischen bekommen ein Tablett mit sechs Mini-Vorspeisen serviert. Ein Käse-Schinken-Wrap ist dabei, Wurstsalat, Porridge mit Apfel. „Ihr müsst nichts aufessen, aber bitte alles probieren“, sagt Stefan, einer der Betreuer. Jakob greift als Erstes zu Pumpernickel mit Frischkäse. Seine Tischnachbarin Lorena fragt: „Was ist denn das Weiße da?“ „Ein halbes Ei“, klärt Stefan auf. „Ei mag ich nicht“, erklärt Lorena und schiebt es zur Seite, die Avocadocreme mit Nuss-Crumble aber hat es ihr angetan: „Mmh, das ist lecker!“

Die Kinder im Alter von vier bis neun Jahren sind mit Eifer bei der Sache – aber wer wäre das nicht, wenn er in diesem Alter als Gastrokritiker engagiert wird? Jakob, Lorena und die anderen sind auf Einladung von Lufthansa bei dem Caterer LSG Sky Chefs am Frankfurter Flughafen zusammengekommen. Sie ­sollen entscheiden, welche Kindermenüs ab dem 1. Juli auf ­Lufthansa Flügen serviert werden. Stilgerecht tragen die kleinen Testesser weiße Kochmützen und -jacken. Die Jacken sind den kleinen Testessern zwar viel zu groß, doch die Betreuer haben ihren Schützlingen die Ärmel umgekrempelt, bevor die ersten Proben aufgetischt wurden.

Wilde 13

In die Mütze muss er noch reinwachsen: Der fünfjährige Jakob wird gleich die Kindermenüs von Koch Alexander Herrmann testen

© Evelyn Dragan
Wilde 13
© Evelyn Dragan

 Etwas abseits steht der Mann, über dessen Arbeit die Kinder heute urteilen: der Sterne-Gastronom und Fernsehkoch Alexander Herrmann. Schmunzelnd beobachtet er, wie die Kinder die Kreationen futtern, die er im Auftrag von Lufthansa entwickelt hat. Die Kooperation mit prominenten Köchen hat Tradi­tion – Johann Lafer, Sarah Wiener und Cornelia Poletto haben bereits Menüs für die rund 2,2 Millionen Kinder kreiert, die ­Lufthansa pro Jahr befördert. Die Aufgabe ist selbst für einen Profikoch knifflig, denn Bordmenüs – speziell für Kinder – müssen besondere Anforderungen erfüllen, zum Beispiel an internationale Geschmäcker. Weil die Gerichte weltweit eingesetzt werden, ist die Jury multinational besetzt. Zudem soll das Essen den Ansprüchen vieler Eltern an eine ausgewogene Ernährung genügen. Und es muss sich formstabil in den Schälchen anrichten lassen, damit es nach dem Verladen ins Flugzeug und beim Servieren noch genauso appetitlich ausschaut wie beim Verlassen der Groß­küche. Überhaupt spiele das Aussehen, aber auch der Name eines Gerichts für Kinder eine noch größere Rolle als für Erwachsene, sagt Herrmann. „Es soll optisch Spaß machen, verspielt sein, die Fantasie anregen – das Herz der Kinder auf den ersten Blick erobern.“

„Guck mal – das ist ja cool!“, ruft Noah, neun, als die Hauptgänge serviert werden. Von allen Seiten betrachtet er ein aus Kartoffelpüree geformtes schlangenartiges Wesen mit halbierten Erbsen als Augen und kleinen Geflügelwürstchen-Beinen auf einem Nest aus Sauerkraut. Das Ganze sieht aus wie eine Kreuzung aus Drache und Tausendfüßler, folgerichtig hat Herrmann das Gericht „Drachenfüßler“ genannt. Ja, es macht offensichtlich einen Riesenunterschied, ob man Kindern einen Drachenfüßler serviert oder einfach nur Püree, Würstchen und Kraut – selbst wenn die Zutaten identisch sind.

Noah und die anderen geben nach jedem Gang ihr Urteil ab. Jedes Kind kann dazu drei Plastik-Jetons in Gläser werfen, die den Gerichten zugeordnet sind. Noah stiftet dem Drachenfüßler ohne zu zögern zwei Jetons. Beim dritten überlegt er kurz, ob er ihn in das Glas vor dem „Selfie-Burger“ (einem ­Minibrötchen zum Selbstbelegen) werfen soll, entscheidet sich dann aber doch für den „Quetschkloß“ (eine gebratene Kartoffel­kloß-Scheibe mit Putenfleischwürfeln).

Schließlich werden die Desserts serviert: Wackelpudding in Legostein-Form zum Beispiel oder eine „Milchreis-Maus“ mit Himbeeraugen und einem Schwanz aus dickflüssiger Schoko­soße. Alexander Herrmann kniet mittlerweile an den Tischen und befragt die Kinder persönlich. „Ich find dieses Saure hier gut“, sagt Adam, neun, und Herrmann erklärt ihm, dass es sich um eine Zitronencreme handelt. „Ich hätte in unserer Schule auch gern so einen Koch wie den da“, sagt ein Kind am Nebentisch zu seinem Betreuer. Der da hat es wohl gehört, jedenfalls huscht ein Lächeln über Herrmanns Gesicht. Offenbar trifft er in jeder Hinsicht den Geschmack seiner kleinen Gäste.

Wilde 13

Alles im Griff: Lorena, fünf Jahre alt, knetet einen sofort naschbaren Keksteig, die "Kleine Keksküche"

© Evelyn Dragan
Wilde 13

Später albern Lorena und Louna beim Keksebacken mit dem Sternekoch herum

© Evelyn Dragan

 Jakob testet nun sein letztes Dessert, und sein Appetit scheint ungebremst. Mit weit geöffnetem Mund beißt er in einen Muffin, Pardon: in ein „Nougat-Ufo“. Dabei fällt ihm ein gutes Stück auf den Boden, und er verschwindet für eine Weile unter dem Tisch, um die Reste des abgestürzten Ufos einzusammeln. Gerade noch rechtzeitig zur letzten Wertung taucht Jakob wieder auf, rückt seine Kochmütze zurecht und wirft einen seiner drei Jetons in das Glas für das Nougat-Ufo.

Zwei Stunden dauert die Verköstigung, dann ist der letzte Gang geschafft. „Habt ihr super gemacht“, lobt Herrmann und verkündet unter dem Applaus der Kinder, welche Gerichte am besten abgeschnitten haben. Noahs Drachenfüßler und die Milchreis-Maus sind dabei, Jakobs Nougat-Ufo auch. Insgesamt küren die Kinder acht Vorspeisen, neun Hauptgänge und sieben Desserts zu Gewinnern. Aus den Einzelgängen stellt LSG Sky Chefs Menüs zusammen, die Eltern bis 24 Stunden vor dem Abflug für ihre Kinder bestellen können.

Die Arbeit der Jury ist damit getan. Doch bevor die Kinder den Heimweg antreten, dürfen sie in der Testküche noch selbst aktiv werden: Unter Anleitung von Herrmann matschen sie einen Keksteig zusammen, der nicht erst gebacken werden muss, sondern sofort verspeist werden kann. Jakob ist von seiner verantwortungsvollen Aufgabe und dem aufregenden Tag wohl zu geschafft, als dass er dieses Geschmackserlebnis auch noch kommentieren könnte: Er schleckt sich den Teig nur verträumt von den Fingern, genießt und schweigt …

Wilde 13

Im Test: "Drachenfüßler", "Fliegerwürstchen" ...

© Evelyn Dragan
Wilde 13

... und der "Brötchen-Baukasten"

© Evelyn Dragan