Auf dem Sprung: Aufmacher
© Meiko Herrmann

Auf dem Sprung

  • TEXT PATRICK WITTE
  • FOTOS MEIKO HERRMANN

Wie stoppt man Flammen in einem abgelegenen Wald, bevor sie zum Flächenbrand werden? Mit Fallschirm, Klappspaten und Kettensäge – ein Besuch beim Training der US-amerikanischen Feuerwehr-Elite der „Smokejumper“.

Der Flugplatz ist kaum mehr als eine asphaltierte Piste. Mitten in einer weiten Ebene im Okanogan County, tief im Nordwesten der USA. Graue Eichhörnchen springen herum, über der kleinen hölzernen Kommandozentrale bläht ein warmer Sommerwind das Sternenbanner. Doch für die Poesie des Alltags haben die Männer auf dem Flugplatz keinen Blick. In ihren klobigen Sprunganzügen, die Kragen hochgestellt, die Knieschoner verschrammt, kontrollieren sie ihre Ausrüstung. Noch mal. Und nochmals. Der letzte Check könnte im Ernstfall ihr Leben retten. „Rucksack?“ – „Ready!“, „Schnallen?“ – „Ready!“, „Gurt?“ – „Gesichert!“ Die Fragen und Antworten hallen über den Flugplatz der North Cascades Smokejumper Base in Winthrop im Bundesstaat Washington. Ein letztes Klicken der Karabiner, dann klettern Stephen Pofelski, Nick Glatt und acht weitere Smokejumper wankend wie Tanzbären in die zweimotorige Turboprop, aus der sie sich 30  Minuten später stürzen werden.

Smokejumper – so heißt diese Eliteeinheit des US-amerikanischen Forest Service. 400 Männer und Frauen, ausgewählt aus über 10 000 Feuerwehrleuten. Sie kämpfen gegen die Flammen, wenn alljährlich im Frühling vor allem im Südosten der USA die ersten Waldbrände ausbrechen und sich bis zum Winter bis nach Kalifornien quer durch das Land fressen. Die Smokejumper löschen Feuer, bevor sie zum Inferno werden. Dafür müssen sie schnellstmöglich zu den Brandherden gelangen. Mit dem Feuerwehrwagen wären sie zu langsam, manche Gebiete sind auf dem Landweg überhaupt nicht zu erreichen. Also springen sie Richtung Feuer. Aus dem Flugzeug, per Fallschirm.

Auf dem Sprung: Schwebezustand

Im Schwebezustand: Smokejumper bei der Fallschirm-Übung

© Meiko Herrmann
Auf dem Sprung: Rauchentwicklung

Rauchentwicklung nahe der Basis, doch schnell kommt Entwarnung: Es ist ein kontrolliertes Feuer

© Meiko Herrmann

 Im Bauch der rot-weiß gestrichenen Casa C 212 finden Pofelski und die anderen mit eingezogenen Köpfen Platz auf harten Sitzschalen aus Plastik, mattweiß wie schmutziger Schnee. Die Maschine ist schmal gebaut, mit verkürztem Heck, weshalb die Smokejumper sie „Slipper“ nennen oder auch „Fliegender Schuhkarton“. Konzentriert lauscht die Besatzung dem knarzenden Funkgerät, für Flug „Jump 09“ wird um Starterlaubnis gebeten, kurz darauf erhebt sich die Maschine in einen königsblauen Himmel.

Der Kampf der Smokejumper ist reine Handarbeit. Wasser oder Schaum zum Löschen haben sie nicht, wenn sie von einer der insgesamt neun Basen im Westen der USA starten und über den Bergen Montanas, den Weiten Alaskas oder – wie hier in Washington – über tiefgrünen Wäldern und Berghängen aus dem Flugzeug springen. Auf dem Boden warten nur Bäume, schroffe Felsen, Wildtiere, Sümpfe oder von Giftefeu bewachsene Böschungen. Und natürlich die Flammen.

Auf dem Sprung: Mannschaft

Antreten zur Sprungübung: Nach einem letzten Check besteigen die Feuerkämpfer in voller Montur das Flugzeug

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 Es kommt vor, dass sie das Feuer hören, bevor sie es sehen, erzählt Pofelski. Ein Mann von 31 Jahren, die Adern seines Bizeps treten bleistiftdick unter dem olivgrünen T-Shirt hervor, sein feuerroter Vollbart züngelt bis zum Brustkorb. „Wie ein vorbeirauschender Frachtzug klingt es, wie ein Lagerfeuer, nur tausendmal lauter.“ Erst hört er das Knacken und spürt die Hitze. „Manchmal gehen wir auf eine grüne Wand aus Bäumen zu, ohne Flammen zu sehen. Aber dahinter wächst das Feuer.“ Die Waffen der Smokejumper sind sonderbare Werkzeuge wie die „Pulaski“, eine Axt mit einer horizontalen Klinge an der Rückseite. Die „McLeod“, eine Hacke mit robuster Harke am anderen Ende. Oder, ganz klassisch, Klappspaten und Motorsäge. Die Geräte werden den Feuerwehrleuten in Kartons zusammen mit der Verpflegung aus dem Flugzeug nachgeworfen.

18 Jahre beträgt das Mindestalter für die Mitglieder bei der Eliteeinheit. Doch die meisten Einsteiger haben schon ein paar Jahre Erfahrung auf dem Tank-lösch-wagen oder als Rettungssanitäter hinter sich. Wie lange kann man diesen extrem anstrengenden Job machen? Das entscheidet allein die Fitness. Manche, berichtet Pofelski, springen noch mit 58 Jahren. Er selbst ist erst in seiner zweiten Saison bei den Smokejumpern, seine Bilanz bisher: 51 Sprünge. Zu Beginn hat er sich wochenlang durch das Aufnahmetraining gequält. An die Zahl der Push-ups, Sprints und Distanzläufe kann er sich nicht mehr erinnern. Was er allerdings nie vergessen wird: Drei-Meilen-Fußmärsche mit 50 Kilo Ausrüstung auf dem Rücken – in unter 90 Minuten. Die 30 Springer von Winthrop absolvierten im vergangenen Jahr 20 Einsätze: eine relativ ruhige Saison, weit entfernt etwa vom Rekordjahr 1970, als über 200 Brände tobten. Mehr als 16 000 Quadratkilometer Wald gibt es in der Gegend um Winthrop, eine Fläche fast doppelt so groß wie Berlin. So gut wie überall könnte der nächste Brand ausbrechen. „Angst habe ich nicht bei den Einsätzen“, sagt Pofelski, „aber großen Respekt, jedes Feuer ist anders.“

Auf dem Sprung: Feuerwehrmann

In voller Montur: Feuerwehrmann Stephen Pofelski ist einsatzbereit

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Auf dem Sprung: Stephen Pofelski

Stephen Pofelski mit der "Pulaski"-Axt, einem der wichtigsten Werkzeuge bei der Bekämpfung von Waldbränden

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Ein Feuer kann bergauf und bergab brennen, es kann springen, manchmal über Schluchten


 

 Der Kampf verläuft so geordnet, wie es eben geht: Von der Ferse des Feuers oder einem anderen strategisch günstigen Punkt aus arbeiten sich immer zehn Smokejumper an seinen Flanken entlang, um es zu umzingeln und an seine Spitze zu gelangen. Sie wollen den Flammen ihre Nahrung nehmen, indem sie Schneisen schlagen, Korridore um das Feuer graben oder Bäume und Büsche absägen. So weit die Theorie. Denn ein Feuer kann bergauf und bergab brennen, es kann springen, manchmal über Schluchten, und über 35 Kilometer pro Stunde laufen. Sand schmilzt zu Glas, Eisen verflüssigt sich in den über 1200 Grad Celsius heißen Flammen, manche Feuer lösen eigene Flammentornados aus. Genauso gefährlich wie das Feuer selbst, sagt Pofelski, sei der Wind. „Wenn der dreht, können die Flammen plötzlich auf dich zurasen, aus einer kleinen Rauchsäule kann schnell eine fauchende Feuerwand werden, und die heiße Luft kann deine Luftröhre gefährlich anschwellen lassen.“

Auf dem Sprung: Schild

Die zehn Sicherheitsregeln für den Ernstfall kennen alle Feuerwehrleute im Schlaf

© Meiko Herrmann

 Die jährliche Feuersaison wird, auch wegen des Klimawandels, immer länger – Pech für die Smokejumper, die erst nach monatelangem Einsatz fernab jeder Zivilisation wieder Zeit zum Durchatmen finden. Bis dahin wohnen sie in froschgrün gestrichenen Baracken unter Linden und Kiefern, in engen stickigen Zimmern mit je zwei Stockbetten aus Holz. Der vergangene Winter und das Frühjahr war ungewöhnlich nass, doch längst ist die Feuchtigkeit wieder in die Böden der Wälder gesickert und in den Bergflüssen des County verschwunden. Piniennadeln knistern unter den Stiefeln vor Trockenheit, Baumrinde bröselt zwischen den Fingern wie trockenes Toast, Äste gleichen Streichhölzern, die darauf warten, entzündet zu werden. Womöglich von einem Blitz, den Funken einer zu hart bremsenden Lok oder einer achtlos weggeschnippten Zigarette.

Früher suchten Späher, auf Aussichtstürmen platziert, nach Rauchsäulen in den Wäldern, oft kamen die Einsatzkräfte zu spät. Bis David Godwin, seines Zeichens stellvertretender Chef der US Division of Fire Control, im Jahr 1939 auf die Idee mit den Fallschirmen kam. Seine Vorgesetzten fanden den Vorschlag verrückt, doch Godwin ließ sich nicht beirren. In einem Holzfällerkaff namens Winthrop ließ er zuerst Dummies aus dem Flugzeug werfen, dann sprang er selbst, zusammen mit Freiwilligen – die Geburtsstunde der Smokejumper.

Auf dem Sprung: Fallschirmsprung

Sprung aus dem Bauch der Casa C 212 ...

© Meiko Herrmann
Auf dem Sprung: Landung

... nun heißt es Kurs halten und sicher in einer Waldlichtung landen

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 Akribisch bereiten sich die zehn Männer auf die neue Saison vor. Wieder und wieder trainieren sie die elementaren Schritte. Zum Start: Trockenübungen an einem Metallturm hinter den Baracken, der aussieht wie ein abgesägter Strommast. Von dort üben sie das Abseilen – falls sie in einem Baum landen. Und natürlich üben sie das Springen. „Du musst deiner Erfahrung vertrauen“, sagt Pofelski, „sobald du in der Luft bist, läufst du auf Autopilot und konzentrierst dich auf eine gute Landung. Du hast die Handgriffe schon hundertmal geübt. Es dauert aber, bis du so weit bist, dich überhaupt hinabzustürzen.“ So umkreist nur wenige Tage nach dem Training am Turm der „Fliegende Schuhkarton“ im 45-Grad-Winkel eine kleine Lichtung inmitten eines Kiefernwalds. Das Bergpanorama dahinter könnte aus einem kitschigen Heimatfilm stammen. Die Flugzeugtür steht offen, ein schwarzes Gurtband ist vor den Ausgang gespannt. Durch das Rauschen der Baumkronen und das Vogelgezwitscher dringt das Dröhnen der Propeller.

Auf dem Sprung: Übersicht behalten

Bei der Landung entwickeln Fallschirm und Leinen ein wildes Eigenleben; einstudierte Bewegungsabläufe helfen den Smokejumpern, die Übersicht zu behalten

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 Die Sprünge auf die Lichtung sind der Höhepunkt des Trainings und zugleich die Saisoneröffnung für die Smokejumper. Plötzlich schwebt ein schwarzer Punkt unter einem blau-weißen Kreis im Himmel, langsam taumelt er Richtung Boden. Beine schälen sich heraus, Arme sind zu erkennen, die an den Seilen des Fallschirms drücken und ziehen, und die Figur nimmt rasch eine beige Farbe an: ein Smokejumper. Was in der Luft wie gemächliches Absinken wirkt, zeigt sein wahres Tempo bei der Landung. Mit den Beinen voraus schießt Stephen Pofelski pfeilartig zum Boden, seine Füße wirbeln Staub auf, der wie eine wütende Galaxie um seine Beine schwirrt. Auch wenn sich die Smokejumper gern cool und routiniert geben: Nach den Landungen werden High Fives verteilt, lachend und unter lautem Gejohle. Die Männer sind bereit für die nächste Saison, für ihre neuen Kämpfe, und bald schon werden sie wieder übermüdet und mit Brandblasen übersät im Nirgendwo stehen, hinter ihnen eine Feuerwand, vor ihnen nichts als Geröll, Berge, undurchdringliches Gelände. Um Flammen zu löschen, bevor sie außer Kontrolle geraten. So schnell wie irgend möglich.

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Millionen Hektar Wald sind 2017 in den USA verbrannt.

20 Mrd.

US-Dollar Schaden sind dadurch entstanden.

2 044 800

Haushalte in Kalifornien, dem am stärksten betroffenen US-Bundesstaat, sind von Waldbränden bedroht.


Ein Beitrag aus dem Vielflieger-Magazin Lufthansa Exclusive. Mehr zu den Miles & More Angeboten von Lufthansa erfahren Sie hier.

LHE Cover Dezember 2018