Der Schamane des Reisens
© Malte Jäger

Der Schamane des Reisens

  • TEXT ADRIAN PICKSHAUS
  • FOTOS MALTE JÄGER

Claus Sendlinger hat als Kopf der Design Hotels AG jene Häuser geformt, in denen wir in der Fremde gern übernachten. Nach 25 Jahren als CEO wechselt er nun auf einen Beraterposten – eine Begegnung auf Ibiza.

Kühl weht der Wind vom Mittelmeer herauf, streicht über die Hügel, wiegt sich in den Pinien, die dem 200 Jahre alten Farmhaus Schatten spenden. Ein Mann im Poncho, grauer ­Rauschebart unter dem Strohhut, stapft über das weit­läu­­fige Areal. Strenge und Güte, beides liegt in seinem Blick, während er die spanischen Arbeiter dirigiert, die Gebäude und Garten auf Vordermann bringen. Das „La Granja“ macht sich schick für die kommende Saison. Obwohl … schick ist das falsche Wort. Das Elf-Zimmer-Hotel im Norden der Partyinsel Ibiza ist natürlich eine traumhafte Herberge: ein Pool in L-Form, eine Aussicht für die Götter, die Zimmer schlicht, aber luxuriös im japanischen Wabi-Sabi-Stil. Doch der Ort will mehr sein. Er soll den Kreativen der modernen Arbeitswelt als Arche dienen. Soll Ruhe stiften in Leben, die dahinrasen, in denen Börsenwerte abstürzen oder Shitstorms toben.

Geschaffen hat dieses Refugium der Mann mit dem Bart: Claus Sendlinger, 55, Gründer und CEO der Design Hotels AG. Ein Bagger brettert über das Gelände, er schaufelt mit grober Kelle den Kies weg. „Viel zu grau der Schotter, das sieht doch nach Parkplatz aus!“, bellt Sendlinger. Der Mann ist Perfektionist, sein Herz erfreut sich an herber Schlichtheit. Als Kopf der globalen Beratungs- und Vermarktungsplattform hat er in den vergangenen 25 Jahren unzählige Hotelträume erblühen und platzen sehen. Sein exklusiver Club startete mit zehn Mitgliedern; bis zum Ende des Jahres 2018 werden 330 Häuser unter dem „Design Hotels“-Banner um ­Gäste werben. Für die Mitgliedschaft zahlen sie gutes Geld, je nach Beitrag bekommen sie dafür Vermarktung und Beratung, ein Corporate Design oder eine spannende Story in den hauseigenen Medien. Offenbar eine Win-win-Situation.

Wenn diese Geschichte erscheint, wird Sendlinger nur noch ein paar Tage lang im Amt sein. Anfang Dezember steigt er aus dem Chefsessel, ein langgedienter Manager der Marriott-Gruppe übernimmt das Ruder. Dem US-amerikanischen Hotelkonzern gehört schon seit 2015 die Mehrheit der Anteile. Der alte Chef wechselt auf einen Beraterposten, für zwei Jahre zunächst. Eine neue Rolle wartet, Zeit für ein Resümee. Und für ein Gespräch über die wichtigen Dinge.

Der Schamane des Reisens: Farmhaus

Das alte Farmhaus auf Ibiza, heute Fixstern der digitalen Boheme, wurde mit Millionenaufwand restauriert. Es liegt in der Nähe von Sant Mateu nordwestlich von Ibiza-Stadt

© Malte Jäger
Der Schamane des Reisens: Claus Sendlinger

Halb Geschäftsmann, halb Zukunftsforscher: Claus Sendlinger

© Malte Jäger

Herr Sendlinger, oberflächlich betrachtet wirkt das La Granja wie ein exklusives Boutiquehotel. Was ­ sehen Sie darin?

Eine Mischung aus Members Club und Agriturismo, Farm-to-Table-Restaurant und Wohlfühloase. Vor allem aber einen Ort, der bereichert und inspiriert. Schauen Sie sich die Beete an, die in Terrassenform vom Haupthaus herabfallen: Hier wachsen Artischocken und Gurken, viele Sorten Rettich und Grünkohl, der ja neuerdings als Superfood gilt. Alles bio natürlich. Die Hühner gackern, der Duft von Zitronen und Basilikum weht über das Gelände. Nur unser Hausschwein Coco riecht etwas streng. Aber auch das ist eine Erfahrung für die Sinne.

Zu Gast hier war schon viel Prominenz aus dem Silicon ­Valley, also Menschen, die durch die Digitalisierung der Welt sehr reich geworden sind. Was kann denen ein umgebautes Farmhaus bieten?

Wir reden hier von einer Gruppe von Gästen, die ich ­gerne als „utopistische Elite“ bezeichne. Sie sind Treiber der digitalen Revolution, Kinder des kalifornischen Hippie-Kapitalismus, und müssen sich mit dem Thema Geld höchstens noch karitativ auseinandersetzen. Sie haben unsere Arbeitswelt radikal verändert und sind dabei selbst zu Nomaden geworden: Weil ein Laptop und ein stabiles WLAN reicht, gewinnt für sie der Faktor Umgebung an Bedeutung. Ihnen geht es um Erlebnisse statt um Besitz. Um Gemeinschaftssinn statt um Einzelkämpfertum. Und um einen gewissen Geist, der sich an Orten wie dem Burning-Man-Festival, in den Clubs von Berlin oder am Strand des mexikanischen Städtchens Tulum manifestiert.

Können Sie diesen Geist näher beschreiben?

Er zeigt sich an Plätzen, die Spiritualität ausstrahlen. Ich bin ein Anhänger der Geomantik, also des Erkennens und Erspürens von guten Orten. Nehmen Sie Ibiza. ­Bevor die Insel zum Symbol für Party-Tourismus wurde, prägten Aussteiger und Freigeister das Eiland. Sinnsucher trafen auf Heiler und Schamanen, dann kamen die Techno-Jünger, gemeinsam feierten sie Rituale und priesen die Natur. In unserer Zeit gibt es eine große Sehnsucht danach. Denn nonstop online zu sein, das hinterlässt bei vielen Menschen ein Gefühl von ­Leere. Mit Projekten wie dem La Granja steuern wir gegen. Uns geht es hier um eine holistische Idee von Hospitalität. Körper und Geist kommen wieder zusammen.

Der Schamane des Reisens: Wald

Wald statt WLAN: Das La Granja umgibt wilde Natur

© Malte Jäger
Der Schamane des Reisens: Zimmer

Die Zimmer sind im schlichten japanischen Wabi-Sabi-Stil gehalten

© Malte Jäger

 Im La Granja kann der Gast auch eine schnöde Massage bekommen. Aber der Wellness-Begriff hier führt weiter. Auf einer sandfarbenen Tribüne, aus lokalem Naturstein gehauen, wird dem Sonnenuntergang gehuldigt. Am Chef’s Table vor der offenen Küche finden Slowfood- Workshops statt. In einem Meditationsraum schwirren Töne aus Klangschalen durch die Luft. Und die geräumigen Zimmer werden von einem Aschegrau dominiert, das an Mönchszellen erinnert. Stilvolle Askese, ab 350 Euro die Nacht, ständig ausgebucht. Genau deshalb wäre es auch falsch, Sendlinger für einen weltfremden Esoteriker zu halten. Er ist vor allem Geschäftsmann. Ständig auf der Jagd nach dem nächsten großen Ding. Und bisher hat er meistens richtig gelegen.

Vor 25 Jahren haben Sie die Design Hotels AG gegründet, um kleine, feine Häuser mit einer guten Geschichte zu vermarkten. Wo sahen Sie die Marktlücke?

Für Hotelgäste war das eine grauenhafte Zeit. Die US-Ketten breiteten sich aus, jede Stadt in Deutschland bekam so ihre amerikanische Botschaft: schlechtes Design, ein labberiges Club-Sandwich, gesichtslose Zimmer, gleichförmig wie Schuhkartons. Meine Partner und ich organisierten zu diesem Zeitpunkt Trainingscamps für Teams aus dem Profifußball. Außerdem haben wir Rave-Partys im Raum Augsburg veranstaltet, mit Top-DJs aus Frankfurt, Detroit und London. Diese Leute hassten ihre Hotels. Da erkannten wir eine Chance.

DJs sind aber eine recht kleine Zielgruppe …

Aber eine immens wichtige! Techno trat damals die lange Reise aus dem Untergrund in den Mainstream an. Die Köpfe dieser Bewegung, etwa mein guter Freund Sven Väth, entstammten jenem Milieu, aus dem bis heute alle wichtigen Trends entspringen. Der US-Soziologe Richard Florida nannte sie die „kreative Klasse“: Musiker, Medienmacher, Künstler. In dieser Gruppe gibt es ein starkes Gemeinschaftsgefühl. Das haben wir uns in den ersten Design Hotels zunutze gemacht: Wir belebten die Lobby wieder, legten gute Musik auf und entwickelten Bar- und Restaurant-Konzepte, die auch in die Nachbarschaft abstrahlten. Das Hotel wurde so wieder zu einem sozialen Ort. Das an sich war gar keine neue Idee: Denken Sie an das Waldorf Astoria in New York, das Berliner Adlon in den wilden 1920er-Jahren. Hotels waren einst das Zentrum des gesellschaftlichen Lebens.

Bisher sprachen wir von Menschen und ihren Bedürfnissen, nicht von Einrichtung und Ausstattung. Warum nannten Sie Ihr Unternehmen „Design Hotels“?

Zum einen hatte unsere Zielgruppe ein ausgeprägtes ästhetisches Bewusstsein. Zum anderen hatten wir Vorbilder: das Hotel Paramount in New York etwa, das Ian Schrager, ehemals Betreiber des Studio 54, 1990 wiedereröffnen ließ. Das Interieur wurde komplett von dem französischen Designer Philippe Starck gestaltet – eine Sensation. Die Leute zahlten jeden Preis für ein Zimmer! Der dritte Grund war eher trivialer Natur: Wir hatten nicht genug Geld, um einen Kunstnamen zu promoten. Der Begriff „Design Hotel“ war schon in der Welt, aber niemand hieß so. Das haben wir erkannt und schamlos ausgenutzt. Jeder Journalist, der von da an über ein gut designtes Haus schrieb, machte kostenlose PR für uns.

Der Schamane des Reisens: Küche

Die Küche des La Granja verfolgt ein strenges Farm-to-Table-Konzept: Bio-Zitronenhühnchen mit Knoblauch

© Malte Jäger

Heute versammeln sich Hunderte Hotels unter der Dachmarke, von Göttingen bis Bali. Mehrheitseigner ist die Marriott-Gruppe, ein Riese im Geschäft, selbstredend auf Rendite fixiert. Wie kann es da überhaupt noch eine gemeinsame Identität geben?

Jedes Jahr bewerben sich rund 400 Hotels bei uns um eine Mitgliedschaft. Nur fünf Prozent werden genommen. Besonders wichtig ist uns bei jeder Prüfungsrunde der Faktor Mensch. Wer steckt hinter dem Konzept? Wer wird das Gesicht des Hotels? Passt derjenige überhaupt in unsere wahrlich sehr große Familie? Unser Claim lautet „Made by Originals“ – denn jede Hausparty ist nur so gut wie der Gastgeber.

Welche Kriterien gibt es noch?

Design ist immer noch bedeutsam, aber längst nicht mehr so wie früher. Jedes Motel One stellt heute einen Arne-Jacobsen-Chair in die Lobby. So what? Wir setzen auf einen Mix aus Kunst, Architektur und dem Willen zu einem eigenen Weg. Was will das Hotel-Restaurant in der Gastro-Szene der Stadt bewegen? Wie gestaltet sich das Verhältnis zu den Nachbarn? Landet da ein Ufo im Stadtteil, oder wird das lokale Leben um einen auf­regenden Ort reicher? Das sind Fragen, die wir den Aspiranten stellen müssen. Schließlich geht es um unsere Glaubwürdigkeit.

 Sendlinger hat zum Dinner eingeladen, zu sich nach Hause. Reporter und Fotograf steigen mit ihm in einen alten Land Rover Defender. Auf der kurzen Fahrt erzählt er von seiner jüngsten Reise in das Königreich Bhutan. Das Land hat ihn tief beeindruckt. Kann er auf solchen Trips abschalten? „Zwei Wochen hatte ich das Handy im Flightmode“, behauptet Sendlinger. Kaum zu glauben bei einem CEO. Aber Führung funktioniert bei ihm wohl tatsächlich über Vertrauen: Das Berliner Headquarter wird es schon richten, er glaubt fest an sein eingespieltes 100-Mann-Team.

Am Herd seiner alten Finca wirbelt wenig später José Catrimán, argentinischer Chefkoch des La Granja. Er serviert Fenchelsuppe mit Mandelmilch und essbaren Blumen, danach Sellerie-Ravioli mit Hummusfüllung, Zitronenhühnchen und Papaya-Cheesecake. Sendlingers spanische Freundin Lorena, eine Ernährungsberaterin, schenkt Bio-Wein ein. Alec und Neo wuseln umher, die beiden Söhne stammen aus Sendlingers geschiedener Ehe mit einer Russin. Lorena und der Koch sprechen Spanisch miteinander, die Söhne reden Englisch mit dem Vater, der Interviewfragen auf Deutsch beantwortet.

In Deutschland feiert gerade der Begriff Heimat ein Comeback. Es gibt sogar ein Bundesministerium, das sich dem Thema widmet. Was verbinden Sie, der notorische Kosmopolit, mit diesem Wort?

Das Gefühl, wenn ich nach einem anstrengenden Tag in Delhi in eine Lufthansa Maschine steige.

Im Ernst …?

Ich meine das vollkommen ernst. Bei mir stellt sich dann, nach all dem Lärm, nach all den intensiven Ge­rüchen und Eindrücken, ein Gefühl von Heimat ein.

Der Schamane des Reisens: Grünkohl

Im Garten wird Grünkohl angebaut

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Der Schamane des Reisens: Schwein

Hausschwein Coco ist eher Maskottchen denn Mastvieh

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Danke, das wird die Crews der Kranich-Linie sehr ­erfreuen.

Ansonsten wird Augsburg immer meine Heimat bleiben. Ich habe das große Glück, dass meine Eltern noch ­leben. Ich versuche sie sooft es geht zu besuchen, ­zusammen mit meinen Kindern. Ich will, dass meine Söhne alles kennenlernen: Spätzle mit Soß’, Schnitzel mit Kartoffelsalat. Die Berge, die Sprache. Und natürlich den FC Bayern, meinen Lieblingsverein.

Braucht ein globalisiertes Leben einen lokalen Anker?

Gute Frage. Ich bin ein großer Profiteur der Globalisierung, deshalb befürworte ich diesen Prozess. Aber er muss auch gut moderiert und richtig übersetzt werden, sonst fühlen sich Menschen schnell abgehängt. Und ich halte Heimatgefühle für etwas, das gepflegt und nicht weggeworfen werden sollte. Regionale Identitäten haben für die Menschen nicht nur einen emotionalen Wert. Denken Sie etwa an die Unesco und ihr immaterielles Kulturerbe: Wer dieses Siegel bekommt, eines Brauchs wegen, einer Tradition, eines Tellergerichts – der hat auf der touristischen Weltkarte einen Standortvorteil.

In vielen Weltregionen wächst gerade die Furcht vor dem Massentourismus …

Der sogenannte Overtourism ist ein großes Problem. Leider lernen viele Regionen auch nicht aus den Fehlern der anderen. Geschichte wiederholt sich. In Südostasien werden viele Küstenstreifen einfach zubetoniert, wie nach dem Zweiten Weltkrieg, als der Tourismus in den südeuropäischen Ländern plötzlich explodierte – eine traurige Entwicklung.

Der Schamane des Reisens: Küste

Die Felsküste im Norden von Ibiza betört mit rauer Schönheit, für Sendlinger ist sie Quell der Inspiration

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Der Schamane des Reisens: Claus Sendlinger
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Was lässt sich dagegen tun?

Man muss bewusster und achtsamer agieren. Nachhaltiger und umweltfreundlicher leben. Erkenntnisse gewinnen und teilen. Das fängt im Privaten an: Mit meinen Söhnen habe ich schon mehrere Bäume gepflanzt. Ich will, dass sie mit Respekt vor der Natur aufwachsen. Und unter dem Namen „SLOW“ werde ich an Hotelkonzepten arbeiten, die hoffentlich Leuchtturmwirkung für die ganze Branche entfalten. Der Name ist ein Akronym und steht für sensibel, lokal, organisch und weise.

Noch eine Frage an den Instinktmenschen Claus ­Sendlinger: Welche Destination wird in den nächsten Jahren boomen?

Portugal. Das Land hat das Potenzial, zum Kalifornien Europas zu werden.


Ein Beitrag aus dem Vielflieger-Magazin Lufthansa Exclusive. Mehr zu den Miles & More Angeboten von Lufthansa erfahren Sie hier.

LHE Cover Dezember 2018