Javier Bardem
© Yann Rabanier/modus

„Erst die Liebe macht uns lebendig”

  • INTERVIEW MARIAM SCHAGHAGHI

Macho, Gangster oder Sensibelchen – Javier Bardem kann alles spielen. Hier spricht er über Freude an Farsi, die Distanz zu Rollen und die Liebe zu Penélope Cruz

Señor Bardem, Sie haben legendäre Bösewichte gespielt, wie in „Skyfall“ oder „No Country for Old Men“. Was liegt Ihnen mehr, Durchschnittsmänner oder grandiose Schurken?

Dazwischen liegen Welten, aber ich versuche immer, die Motivation der Figur zu verstehen. Das macht mir an diesem Job am meisten Spaß. Denn für alles, was jemand tut, gibt es einen Grund. Ich habe schon als Junge menschliches Verhalten studiert, nur habe ich mich damals durch Malerei ausgedrückt. Aber ich spürte diesen Drang, Menschlichkeit zu verstehen.

Sie gingen auf die Kunsthochschule, nicht auf eine Schauspielschule …

Ich wollte immer die Geschichten hinter den Gesichtern verstehen. Ich habe nie auf Farben oder Formen geachtet, nie ein Stillleben gemalt, immer nur Gesichter. Das Beobachten entspricht meinem Blick aufs Leben: Wie jemand redet, sich bewegt und mit anderen umgeht, warum er sich wie verhält, das fasziniert mich. Deshalb wurde ich Schauspieler.

Interessiert Sie sogar das Seelenleben eines 007-Schurken?

Bei dem gab es viele Punkte, an denen ich ansetzen konnte: Seine Mutter hatte ihn einst verraten, er fühlte sich als ausgesetztes Kind und war eifersüchtig auf Bond, als wäre der sein großer Bruder. Es klingt so schillernd, einen Bond-Bösewicht zu spielen. Aber ich sah Silva als Menschen, dessen kaputte Kindheit und Angst seine Wut und seinen Hass erklären.

Eingespieltes Team: Javier Bardem & Penelopé Cruz in "Everybody Knows"

Eingespieltes Team: Javier Bardem & Penelopé Cruz in "Everybody Knows"

© Memento Films Distribution

Wie sehr vermissen Sie Popcornkino und Hollywood-Blockbuster, wenn für „Everybody Knows“ mit Asghar Farhadi, ­einem zweifachen Oscar-Gewinner aus dem Iran, Drehtage in der ­spanischen Provinz anstehen?

Ich liebe es wirklich, Teenies zu unterhalten! Aber die Arbeit mit Asghar Farhadi war eine völlig andere Erfahrung. Er lässt sich so feinfühlig auf die Schauspieler ein, und seine Geschichten sprechen eine universelle Sprache: Es geht um Wahrheit, Loyalität, Authentizität – und um Liebe. Liebe baut uns auf, sie erst macht, dass wir uns richtig lebendig fühlen.

Welche Spanien-Lektionen haben Sie Farhadi gegeben, als Sie in Torrelaguna bei Madrid drehten? Übers Essen, Kochen?

Asghar wusste schon viel über uns. Er hat sich ein halbes Jahr in Spanien einquartiert, unsere Mentalität studiert und sogar das Drehbuch auf Spanisch geschrieben. Ich musste ihm nur erklären, warum Spanier sich die Krawatte um die Stirn binden, wenn sie betrunken sind. Und dass wir noch viel mehr solcher Späße auf Lager haben!

Was haben Sie umgekehrt von ihm gelernt?

Ich war erstaunt, weil Asghar so oft das Wort „baleh“ benutzte, das sich genauso anhört wie das spanische „vale“. Dann erfuhr ich, dass es auch auf Farsi „ja“ oder „okay“ heißt. Ich spreche also ein wenig Farsi! Asghar zitierte jeden Morgen ein Werk des persischen Dichters Rumi, das zur anstehenden Szene passte, es war herrlich. Wir alle waren ganz verliebt in diesen Mann, ich wäre sofort bereit, nur noch mit ihm zu drehen.

Apropos Liebe: Sie haben nun zum vierten Mal mit Ihrer Frau Penélope Cruz gedreht. Haben diese Filme auch den Takt Ihrer Beziehung bestimmt?

Das erste Mal, als wir „Jamón Jamón“ drehten, war sie gerade mal 16 Jahre alt, ich 21. Verrückt jung, oder? Dann kam es erst wieder 16 Jahre später dazu, bei Woody Allens „Vicky Cristina Barcelona“. Aber da waren wir noch kein Paar …

… doch Sie wurden es dort. Wie verliebt man sich am Set?

Na ja … Da passierte etwas, nichts Offensichtliches, nichts Konkretes. Beide haben wir so ein seltsames Kribbeln gespürt und dachten: „Das ist ja komisch …“ Aber wir waren ja bei der Arbeit. Und danach … danach haben wir gleich geheiratet!

Irre, aber gut: Bardem in "No Country for Old Men" (2007)

Irre, aber gut: Bardem in "No Country for Old Men" (2007)

© ddp images

Unsere Wirklichkeit als Familie ist wichtiger als jede Fiktion, jede Story

Jetzt sind Sie Eltern zweier Kinder, sieben und fünf Jahre alt. Was ist das Erstaunlichste am Vatersein?

Wie schnell man lernt, im Moment zu leben. Meine Kinder lassen gar nicht zu, dass ich grüble. Wenn ich mit ihnen zusammen bin, gibt es für nichts anderes Raum, sie wollen volle Aufmerksamkeit! Jeder Moment birgt eine Überraschung. Das ist das Beste: Du hast keine Erwartungen, wirst aber dauernd umgehauen von dem, was den Kindern gerade einfällt.

Ist es heute, als Ehepaar und Eltern, anders, wenn Sie mit Penélope arbeiten?

Was sich geändert hat, ist, dass wir jetzt erwachsen sind und wissen, dass unsere Wirklichkeit wichtiger ist als die Fiktion, als jede Story. Unsere Kids wollen mich als Papa erleben, nicht als Rolle. Penélope soll nicht die verstörte Laura aus „Everybody Knows“ sein, sie wollen dann ihre Mama sehen.

Wie schwierig ist es, Beruf und Privates klar zu trennen?

Wir haben entschieden, eine rote Linie zwischen unserer Arbeit und unserer Familie zu ziehen. Wir haben beide gelernt, unsere Rollen abends abzulegen. Das hat unsere Arbeit sogar verbessert. Denn am Set haben wir einen solchen Hunger auf die Rolle, dass wir uns noch intensiver fallen lassen. Aber wenn die Szene im Kasten ist, dann ist sie abgehakt. Ich muss die Erfahrung der Figur nicht dauernd wiederkäuen wie eine Kuh.

Penélope spielt in „Everybody Knows“ eine Mutter, deren Tochter entführt wurde, Sie ihren Ex-Mann, der ihr in der Krise beisteht. Was macht es mit Ihnen, wenn Sie Penélope leiden sehen, selbst wenn es „nur“ für die Leinwand ist?

Vor der Kamera durchlebt sie einen schmerzhaften Prozess, um Kunst zu erschaffen. Aber sie hat sich dafür entschieden! Ich respektiere diese Arbeit, kann ihr den nötigen Raum dafür geben und werde immer für sie da sein, wenn sie Hilfe braucht.

Eine doppelte Liebeserklärung – an Ihre Frau und Ihren Job.

Die Arbeit eines Schauspielers ist sehr persönlich, sie gleicht einer Psychotherapie. Und ich bin ein großer Fan von Therapien! Ich bin selbst in Therapie und kann das jedem nur empfehlen. Als Schauspieler holt man einen sehr verletzlichen Teil von sich selbst heraus, man muss ihn danach wieder sicher verstauen.