Feine Nase

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  • INTERVIEW HEIKE BLÜMNER

Frédéric Malle ist so etwas wie eine Legende: Die besten Parfümeure der Welt erschaffen für ihn besondere Düfte.

Ein Gespräch über Sinnlichkeit, Individualität und das Schenken des richtigen Dufts

Es riecht nach frischer Farbe und neuen Möbeln. Frédéric Malle hat in seinem Pariser Büro ein soeben renoviertes Zimmer bezogen. Der Parfümeur und Unternehmer, der eigentlich in New York lebt, klagt über Jetlag, doch schnell gewinnt seine Begeisterung für Düfte die Oberhand über die Müdigkeit. Vor knapp 20 Jahren gründete der heute 57-Jährige die Editions de Parfum Frédéric Malle, um die Kunst der Parfümeure (wieder) in den Mittelpunkt zu rücken. Beliebige Werbegesichter sind ihm ein Graus. Doch auch Malle weiß, wie man Parfüms verkauft: mit sinnlichen Andeutungen und subtilen Assoziationen, die der Fantasie Raum lassen – ganz wie ein gutes Parfüm.

Monsieur Malle, Ihr Großvater und Ihre Mutter waren berühmte Parfümeure bei Christian Dior. Worum drehten sich die Tischgespräche Ihrer Kindheit?

Da ging es meistens um Kultur oder Politik. Aber meine Mutter sprach oft mit uns über ihre Arbeit, wenn sie uns mit dem Auto von der Schule abholte. Oft schimpfte sie auf die Kollegen vom Marketing. Es ging ihr immer darum, keine Kompromisse einzugehen – bei der Qualität und in der Kreation.

Lässt sich über Geruch gut streiten?

Ich arbeite seit über 30 Jahren mit Parfümeuren, und klar, wir reden Tacheles miteinander: Wir diskutieren, ob ein Parfüm interessant ist oder nicht, ob es originell ist oder nicht, ob die Komposition einfach und klar ist. Uns geht es um die Architektur des Parfüms. Es gibt eine geheime Sprache unter professionellen Nasen, und ich habe das Glück, dass ich sie beherrsche.

Gibt es so etwas wie objektiv gutes oder schlechtes Parfüm?

Ein gutes Parfüm will nicht zehn Dinge auf einmal sagen. Es ist ein präziser Geruch, vergleichbar mit dem Schnitt eines eleganten Kleides. Ein gutes Parfüm ist eins, das überrascht und nach vorn schaut. Das Wichtigste aber ist, dass es Teil von jemandem wird und man sich bei dem Geruch stets an die Person und nicht an irgendeine Marke erinnert. Ein gutes Parfüm verbindet sich mit der Haut seines Trägers. Das ist die Magie, die Parfümeure beherrschen müssen.

Frédéric Malle braucht neben viel Fachwissen ein fein gestimmtes Geruchsorgan

Ein gutes Parfüm will nicht zehn Dinge auf einmal sagen

Frédéric Malle

Uns wird aber doch suggeriert, dass wir ein Parfüm für jeden Anlass und passend zur Haarfarbe brauchen. Sind Sie ein Verteidiger des Parfüms fürs Leben?

Auf gewisse Art und Weise ja. Das wäre das Ideal. Andererseits habe ich neulich im Café de Flore in Paris gefrühstückt und mir die Leute angeschaut: Die meisten tragen Jeans, T-Shirts und setzen dazu einen Akzent in Form einer schicken Jacke oder einer Tasche. Auch ein Parfüm kann wie ein gutes Accessoire genutzt werden. Wie eine Farbe, die man auch mal wechseln kann.

Außer einem Duft, dem guten Namen seines Schöpfers und der Verpackung: Was braucht es noch für einen Erfolg?

Einen Namen und eine Geschichte, die den Leuten erzählt, wovon das Parfüm handelt. Nehmen wir „Angelique sous la pluie“: Wenn Sie daran riechen, werden Sie feststellen, dass es kein bunter Duft ist, und wenn, dann assoziiere ich höchstens ein zartes Lila damit. Er ist subtil und erinnert mich an eine schottische Landschaft, an einen Strauß Engelwurz, der im Regen liegt. „Portrait of a Lady“ ist eines der schönsten Parfüms, das wir je gemacht haben, aber ich war mir nicht sicher, ob es so gut ankommen würde, weil es so unglaublich chic ist. Ich fragte mich, ob es überhaupt alltagstauglich sei. Ich muss mir dann vorstellen, wer das Parfüm trägt.

Namen wie „Portrait of a Lady“ oder „Monsieur“ geben da klare Hinweise.

Wenn ich etwas rieche, was mich an einen Gentleman erinnert, nenne ich es „Monsieur“. Aber eine Frau kann das Parfüm in Beschlag nehmen, so wie sie auch einen übergroßen Blazer tragen kann. Schwieriger ist es, als Mann „Portrait of a Lady“ zu tragen. Doch einige tun das. Manchmal liege ich auch falsch. Unser Parfüm „Musc Ravageur“ war für mich von Anfang an ein Klassiker, und ich fand den Duft über-sexy – für eine Frau. Aber
dann musste ich feststellen, dass das Parfüm auch von Männern gekauft wurde. Dieser Duft hat kein Geschlecht. Jeder dachte, das sei skandalös, weil es so sehr gegen den Trend war. Aber diesen sexy Unterton mag jeder. Der Begriff Unisex beschreibt hingegen etwas anderes. Das sind sehr saubere Parfüms, die nicht sexy sind, sondern neutral. Unsere Parfüms aber sind bestimmt nicht unisex, sie sind abgrundtief sexy.

Wie oft kommen neue Duftstoffe auf den Markt?

Gute Parfümeure suchen ständig nach neuen, natürlichen Zutaten. Jean-Claude Ellena zum Beispiel entdeckte einmal Timut-Pfeffer, der nach Grapefruit schmeckt. Er fand das so interessant, dass er zwei Kilo davon in einem Labor destillieren ließ. Chemische Entdeckungen sind sehr viel seltener. Es ist kompliziert, dafür eine Zulassung zu bekommen, und deshalb auch teuer. Die großen Chemiekonzerne, die neue Gerüche herausbringen, denken die Vermarktung deshalb gleich mit. Darum riechen diese neuen Moleküle auch alle ähnlich.

Auch wenn es nach Labor aussieht: Die meisten Aromen sind natürlichen Ursprungs.

Wie denn?

Trocken, holzig, ein wenig nach Amber. Jedes hat eine andere kleine Facette, aber unterm Strich sind sie langweilig. Der große Durchbruch für Parfüm-Kompositionen mit künstlich hergestellten Duftstoffen kam Ende des 20. Jahrhunderts – zum Beispiel durch Moleküle wie Calone, das nach Meer und Austern riecht, Moschus–Moleküle oder den isolierten Geruch von Zuckerwatte.

Wird auch in Ihrem Auftrag geforscht?

Nein, meine Parfümeure sind wie die Formel-1-Rennfahrer, sie haben Zugang zu den besten Materialien. Alles Neue kommt ohnehin zu ihnen, weil die Anbieter wollen, dass sie es verwenden.

Wie bekommt der Nachwuchs einen Fuß in die Tür?

In diesem Geschäft ist es tatsächlich schwer heranzuwachsen. Der Weg ist lang und nicht organisiert. Die besten Newcomer müssen viele Hürden nehmen, um Schüler der besten Parfümeure zu werden. Und dann dauert es noch mal 15 Jahre, bis sie einen eigenen Stil entwickeln. Nur wenn sie eine Persönlichkeit haben, werden sie Top-Parfümeure. Ansonsten sind sie nur wunderbare Techniker.

Warum gibt es so wenige große Parfümeurinnen?

Dieses Berufsbild stammt aus Südfrankreich, und der Beruf wurde in den Familien von Vater zu Sohn vererbt, die dann die Akademie in Grasse besuchten. Aber das begann sich schon vor 30 Jahren zu ändern, als ich meine Ausbildung begann. Nicht nur Frauen, sondern auch Schüler, die nicht aus der Region stammten, fingen an, diese Schule zu besuchen. Heute gibt es in dem Beruf genauso viele Männer wie Frauen, aber die sind noch recht jung.

Müssen Parfüms eigentlich teuer sein?

Mal ist es gerechtfertigt, mal nicht. Wie bei Sportwagen oder Couturekleidern gibt es bei guten Parfüms Gründe, warum sie relativ teuer sind. Es liegt an der Machart und den Zutaten. In „Portrait of a Lady“ zum Beispiel befinden sich pro Flasche 400 Rosen. Dabei achte ich darauf, dass wir nach dem Restaurant-Prinzip arbeiten: Wir nehmen nicht denselben Preis für ein Rührei wie für Kaviar. Aber als Käufer muss man aufpassen, denn wenn man Pech hat, bezahlt man unter Umständen nur für das Marketing, also für heiße Luft.

Parfüm wird gern verschenkt. Worauf sollte man dabei achten?

Ich glaube, dass für alle Geschenke gilt: Man sollte vermeiden, dass man sich selbst beschenkt. Bei Parfüm geht es noch weiter. Man muss bedenken, wer diese Person wirklich ist, was sie liebt, wie sie sich kleidet, wofür sie sich interessiert. Beschreiben Sie die Person, und lassen Sie sich beraten. Der größtmögliche Fauxpas ist, jemandem ein Parfüm zu schenken, das sagt: Ich möchte, dass du jemand anderes bist. Parfüms werden oft instinktiv gewählt und passen zur Persönlichkeit. Wer langweilig ist, trägt meist auch ein langweiliges Parfüm.

Aber die Werbung verspricht uns, dass auch eine durchschnittliche Person mit dem richtigen Parfüm zum Sexgott wird.

Diese Art von Marketing ist langweilig und spricht nur langweilige Leute an, die langweilige Parfüms kaufen.