Die Pixelstruktur des MahaNakhon Tower wirkt, als sei sie in Auflösung
© Iwan Baan / MahaNakhon by Buro Ole Scheeren Group through HLS

Hoch hinaus

  • TEXT INGO NIERMANN
  • FOTOS GENE GLOVER

Ole Scheeren schmückt Asiens Metropolen mit fantastischen Türmen: ungewöhnlich, äußerst konzeptionell, aber doch leicht und offen. Jetzt will der deutsche Architekt auch im Westen bleibende Spuren hinterlassen.

Ole Scheerens Händedruck ist so fest, dass es fast wehtut, und auf die Frage, wie es ihm gehe, antwortet er mit breitem Grinsen: „Hervorragend!“ Sobald es aber um seine Arbeit geht, konterkariert der Architekt seine ­große Vitalität mit einer ebenso großen Besonnenheit. Jedem Wort gibt er Gewicht, als spräche er in einem philosophischen Seminar, jede Aussage bettet er in eine relativierende Formel: „Ich glaube“, „vielleicht“, „aber auch“ oder „nicht immer nur“.

In jungen Jahren stand sich Scheeren mit solcherlei Bedenken wohl selbst im Weg: Sollte er Autor werden oder lieber Architekt wie sein Vater? Ordentlich zu Ende studieren oder schnellstmöglich in die Praxis wechseln? Gebäude, Ausstellungen und Shops gestalten oder besser ganze Stadtteile? In der Heimatstadt Karlsruhe bleiben oder hinausziehen in die weite Welt?

Bis Anfang 30 liest sich Scheerens Biografie wie ein ständiges Zickzack – mit lediglich einer Konstante: seinem Mentor, dem niederländischen Stararchitekten Rem Koolhaas. Schon als Schüler ist Scheeren fasziniert von Koolhaas’ kühnem Entwurf für das Karlsruher Zentrum für Kunst und Medientechnologie ZKM. Mit 24 nimmt er in dessen Rotterdamer Büro OMA die Arbeit auf und kehrt nach diversen Abschweifungen auch später immer wieder dorthin zurück.

Stadtskulpturen für Peking: Scheerens „Guardian Art Center“ für Chinas ältestes Auktionshaus ...

Stadtskulpturen für Peking: Scheerens „Guardian Art Center“ für Chinas ältestes Auktionshaus ...

© Iwan Baan / Guardian Art Center by Ole Scheeren © Buro-OS
... und die „Gefaltete Röhre“ von Scheeren und Koolhaas, Sendezentrum des Staatssenders CCTV

... und die „Gefaltete Röhre“ von Scheeren und Koolhaas, Sendezentrum des Staatssenders CCTV

© Iwan Baan / CCTV by Rem Koolhaas and Ole Scheeren © OMA

  2002 dann hat all das Hadern ein Ende: Scheeren wird Partner bei OMA, zieht nach Peking und widmet sich in den folgenden acht Jahren vor allem der Verwirklichung eines einzigen Bauwerks: des neuen Hauptquartiers des chinesischen Staatsfernsehens CCTV. Das Gebäude ist nicht nur von enormer Größe – es wurde für bis zu 14 000 Mitarbeiter konzipiert und gilt nach dem Pentagon als das zweitgrößte Bürohaus der Welt –, sondern hat mit seinen zwei schrägen, an der Spitze keilförmig verbundenen Türmen auch eine nie dagewesene Form, die chinesische Architekten, Politiker und Bevölkerung in helle Aufregung versetzt.

2010 eröffnet der Architekt schließlich sein eigenes Büro und führt die bei OMA begonnenen südostasiatischen Projekte bestimmend fort. Besonders wichtig ist ihm der eher niedrigpreisige Wohnkomplex Interlace in Singapur. Das CCTV-­Hauptquartier, sagt Scheeren, sei ein „Sonderstück“, das „Symbol einer sehr bestimmten Zeit, in der China auf die Weltbühne getreten ist und eine neue Ära begann“. Das Interlace dagegen habe das Potenzial für einen Prototyp.

Der Bau besticht durch seine einzigartige Form: 31 Quader sind in einer offenen Wabenstruktur kreuz und quer übereinandergestapelt. Eine verwegene Form, aber mit einem klaren Nutzen: Nirgendwo schaut man einem Nachbarn direkt ins Fenster. Zugleich sind die Quader so ausgerichtet, dass sie Wind und Schatten spenden für die begrünten und mit Pools versehenen Innenhöfe. 2015 wurde das Interlace als World Building of the Year aus­gezeichnet.

So steht das Interlace für Scheerens persönliche Agenda: Er will die Grenzen des Machbaren neu ausreizen, dabei aber – anders als sein Mentor Koolhaas – polemische Spitzen strikt vermeiden. Für Scheeren zählt allein, dass ein Gebäude den Bewohnern und Nutzern, aber auch der umliegenden Stadt zugutekommt. „Ich denke, dass wir unsere Arbeit mit einer Begeisterung für das Leben verrichten müssen“, postuliert er, „Gebäude wie das Interlace lagen erst einmal außerhalb der Regelwerke und wurden von den Verwaltern dieser Regelwerke für unmöglich erachtet. Aber wir haben sie möglich gemacht – weil wir uns damit nicht zufriedengeben.“

Ein weiteres Beispiel dafür ist das jüngst in Singapur fertiggestellte Projekt DUO, ein Auftrag des ersten malaysisch-singapurischen Joint Ventures überhaupt. Scheeren wurde der komplizierten symbolischen Bedeutung mit zwei Hochhäusern gerecht, deren seitliche Ausstülpungen einander entgegenstreben. Der schlanke höhere Turm beherbergt Apartments, im kleineren gedrungenen Turm befinden sich Büros und ein Hotel. ­„Natürlich wurde ich von den Auftraggebern gefragt, wer nun wer ist. Aber ich habe geantwortet: Das werde ich euch niemals sagen. Es geht um diese dynamische Zweisamkeit und nicht darum, du bist der, und du bist der andere. Im ersten Moment waren alle schockiert, aber dann lachten sie erleichtert.“

Mit ihren mehrfach konkav geschwungenen Seiten öffnen sich die Türme nicht nur zueinander, sondern auch zu den Nachbargebäuden: „Es geht nicht nur um ein positives, dynamisch lesbares Verhältnis zweier Einzelteile“, kommentiert Scheeren, „sondern darum, dass ihr Zusammenkommen den ganzen Kontext neu ordnet und symbiotische Auswirkungen auf das Stadtviertel hat. Das Bauland war ursprünglich ein Stück Niemandsland zwischen zwei Gebäuden, die völlig ohne Bezug hingestellt worden waren. Alles hat sich voneinander getrennt, es gab überhaupt keinen urbanen Zusammenhang.“

In Ole Scheerens Berliner Büro stehen Modelle auf den Tischen, hier die Türme des DUO Singapur

In Ole Scheerens Berliner Büro stehen Modelle auf den Tischen, hier die Türme des DUO Singapur

© Gene Glover
Ole Scheeren will verstärkt auch in Europa arbeiten

Ole Scheeren will verstärkt auch in Europa arbeiten

© Gene Glover
Das Berliner Büro

Das Berliner Büro

© Gene Glover

Es geht mir um eine intelligente Architektur, die eine positive Einstellung bewahrt und sich nicht dem Zynismus hingibt.

Ole Scheeren

  Die Dominanz des Privatkapitals, sagt Scheeren, sei schuld an solcher Ödnis. „Der eine stellt sein Gebäude hier hin und macht, was er will, der andere stellt sein Gebäude dorthin und macht etwas ganz anderes – und dazwischen ist nichts.“ Eine intelligente Architektur, „die eine positive Einstellung bewahrt und sich nicht dem Zynismus hingibt“, glaubt Scheeren, könne einer solchen Segregation entgegenwirken und sich dabei sogar die Interessen des Kapitals zunutze machen. Denn je mehr Passanten von einem Gebäude angezogen werden, desto besser für die Shops und Restaurants in den unteren Etagen. Doch der ehrgeizige Scheeren gibt sich nicht mit einer einladenden Fassade zufrieden. Er bringt die Fassade vielmehr auf Straßenebene zum Verschwinden, sodass sich der üppig begrünte Platz vor dem Gebäude im Innern fortsetzt. Scheeren nennt das eine „liquide Landschaft“, bei der sich „die Gebäude da, wo sie auf Straßenebene runterkommen, entmaterialisieren. Der öffentliche Raum durchfließt sie.“

Beim nächsten Projekt, dem Hochhausensemble Empire City in Ho-Chi-Minh-Stadt (Vietnam), wird sich dieses Konzept sogar über mehrere gestaffelte, an terrassierte Reisfelder erinnernde Etagen erstrecken. Damit das grüne Idyll trotz tropischer Hitze zum Verweilen einlädt, ist entscheidend, dass die Gebäude als Wind- und Schattenspender wirken. Scheerens Büro testet mit Software-Simulationen, wie architektonische Details die natürlich vorherrschenden Winde lenken und ein angenehmes Mikroklima begünstigen können.

Diese spielerische Sorgfalt ist nur möglich, weil sich Scheerens Büro „nicht in eine Größenstruktur manövriert hat, die so massiv ist, dass du eigentlich nur noch für die Erhaltung der Struktur arbeitest“. Gut 80 Mitarbeiter sind heute in Peking, Hongkong und Bangkok sowie seit Kurzem auch in Berlin und New York beschäftigt – „das ist noch kein Riesenoffice“. Und wenn Scheeren sagt, dass man in Zukunft „wahrscheinlich etwas wachsen müsse“, dann liegt die Betonung auf „etwas“ und auf „müsse“. Die an der Spree gelegene Dependance ist mehrere Hundert Quadratmeter groß. Noch stehen auf den meisten der lose im Raum verteilten Tische vor allem Modelle dessen, was bereits gebaut wird oder wurde. 15 Leute sind hier derzeit beschäftigt, 40 könnten es werden.

Denn für Scheeren beginnt eine neue Phase des „Reengagements“ mit Blick auf Europa und Amerika: „Wir haben viel gelernt in Asien, jetzt interessiert mich, wie das Gelernte in anderen Kontexten zur Anwendung gebracht werden kann.“ Für Scheeren bedeutet das, ähnlich wie zuvor in Asien, auch persönlich anwesend zu sein. „Ich war nie der Typ, der im Westen lebt und nur ab und zu zum Händeschütteln rüberkommt.“ So will er es jetzt auch mit Europa und Amerika halten – und drittelt seine Zeit zwischen den Kontinenten. Die Fähigkeit und die Bereitschaft Südostasiens, „Dinge wahnsinnig schnell zu verändern“, fasziniert Ole Scheeren nach wie vor. An der Alten Welt reizt ihn die Herausforderung, festgefahrene Strukturen geschmeidig zu erneuern. Er habe gar nicht den Anspruch, „in Europa im selben großen Maßstab zu bauen wie in Asien, sondern nur den, zu zeigen: Was können wir mit Bestand tun?“.

Architekt Ole Scheeren

Architekt Ole Scheeren

© Gene Glover
Mit dem Interlace in Singapur schuf Ole Scheeren einen Prototyp für lebenswertes Wohnen im städtischen Raum

Mit dem Interlace in Singapur schuf Ole Scheeren einen Prototyp für lebenswertes Wohnen im städtischen Raum

© Iwan Baan / The Interlace by OMA / Ole Scheeren

  Das erste Projekt in Deutschland, der Riverpark T­ower am Frankfurter Mainufer, ist denn auch kein Neu-, sondern der Umbau eines Bürohauses aus den 1970er- Jahren: „Wir zeigen, wie man ungeheuer positiv und mutig mit der alten Substanz umgehen kann. Wie man aus einem schweren, verschlossenen Betonturm etwas ganz Leichtes, Offenes und Kommunikatives machen kann.“ Eine Öffnung des Gebäudes wie bei seinen südostasiatischen Bauten verbietet sich in Deutschland schon wegen des Klimas. Scheeren lässt stattdessen Luxuslofts mit viel Glas und Terrassen in verschiedene Richtungen aus dem alten Baukern ragen. Eine erfolgreiche Formel, wie Hochhäuser auch in kälteren Gefilden der Gemeinschaft dienen können, statt vor allem Licht und Aussicht zu rauben, will erst noch gefunden sein – oder etwas ganz Neues entwickelt werden. „In Asien ist diese Typologie des Hochhauses unausweichlich, aber natürlich gibt es noch vieles, was darüber hinausgeht.“

Scheerens junge Jahre mögen von ständigem Abwägen, dem rastlosen Hin und Her geprägt gewesen sein – mit 47 Jahren aber hat er sein Leben so eingerichtet, dass er all seinen Interessen parallel nachgehen kann. Er entwickelt Hotelkonzepte, arbeitet für die US- Gourmetkette Dean & DeLuca an „Essen als soziales Erlebnis“ und stellt sich in einem südchinesischen Pilotprojekt der Frage, „wie eine neue Typologie von Wohnen und Arbeiten, durchmischt mit Lebensqualität, in größerem Sinne aussehen könnte“.

Dass sich diese Projekte über die gesamte nördliche Hemisphäre verteilen, soll Scheeren recht sein: „Drei Kontinente im Monat, mindestens zehn Städte, meistens mehr – in dieser Bewegung steckt eine ungeheure Anstrengung, aber auch eine ungeheure Energie, weil ständig neue Impulse und Herausforderungen da sind.“ Und, mal ganz praktisch gefragt, wie lebt es sich im ständigen Jetlag? „Einfach ignorieren. Überhaupt keinen Raum geben. Fokussieren, Disziplin. Die Intensität der Rhythmik ist ohnehin so groß, dass es sich einfach trägt.“


Best of Scheeren

2012

Als Leiter des OMA Beijing verantwortet Ole Scheeren den Bau des spektakulären CCTV-Sendezentrums in Peking.

2015

Der Apartmentkomplex Interlace in Singapur wird World Building of the Year.

2016

Der MahaNakhon Tower in Bangkok beweist: Wolkenkratzer müssen keine Monolithen sein.

2021

Geplante Eröffnung des Riverpark Tower Frankfurt. Scheerens erstes europäisches Projekt verwandelt einen Betonturm in ein elegantes Wohnhaus.


Ein Beitrag aus dem Vielflieger-Magazin Lufthansa Exclusive. Mehr zu den Miles & More Angeboten von Lufthansa erfahren Sie hier.