Skytalk: Michelle Rodríguez
© Austin Hargrave/August

„Ich musste lernen zu lieben“

  • INTERVIEW PATRICK HEIDMANN

Die Paraderolle von Michelle Rodríguez ist die toughe Frau. Im Interview spricht der Action-Star über starke Mütter, innere Ruhe und die Entdeckung der Ernsthaftigkeit.

Ms. Rodríguez, das Publikum kennt Sie aus Action-Filmen, von „Avatar“ und „Machete Kills“ bis zur „Fast & Furious“-Reihe, Ihr neuer Film „Widows“ aber ist ein komplexes Drama. Warum haben Sie eine solche Rolle nicht schon früher gespielt?

Für echte weibliche Erfahrungen interessierte sich das Kino bisher nicht so oft, auch nicht in Independent-Produktionen. Die Frauen dort waren in meinen Augen fast immer lahme Weicheier: hier eine, die aus Liebeskummer heult, dort eine, die Krebs hat und deswegen traurig ist. Es ging nicht darum, was Frauen wirklich fühlen, sondern eher um einen männlichen Blick darauf. Darauf hatte ich keine Lust – und dafür war auch mein Ego zu groß.

In welcher Hinsicht?

Ich wollte nicht herumsitzen und heulen, weil jemand glaubte, dass das zum Frausein gehört. Lieber wollte ich Spaß haben und es krachen lassen. Keines der Drehbücher, die ich in all den Jahren las, konnte mich von der Action zurück zum Independent-­Kino locken, nichts berührte mich. Selbst als Regisseur Steve McQueen wegen „Widows“ fragte, hätte ich beinahe abgesagt.

Warum das denn?

Weil meine Figur zunächst diesem Bild von Weiblichkeit entsprach, das mir nicht behagt: eine Frau, die wahnsinnig jung Mutter geworden ist, komplett abhängig von einem unzuverlässigen Typen. Was für eine Idiotin! Dann fiel mir auf, dass sie meiner eigenen Mutter ähnlich war. Die konnte ich ja schlecht als Idiotin abtun! Also begann ich mich zu fragen, warum ich so ein Problem mit dieser Figur habe. Und ich beschloss, dass Steve McQueen, der sich seiner maskulinen wie auch seiner femininen Seite sehr bewusst ist, der Richtige sei, um der Sache auf den Grund zu gehen.

Haben Sie nicht eine Frau hinter der Kamera vermisst?

Nein, denn er interessierte sich für den psychologischen Prozess der Selbstfindung, wer man wirklich ist und was man will, also etwas sehr Weibliches – so beginnt echtes Verständnis für Frauen. Und das sage ich als eine Frau, die ihr Leben lang ziemlich maskulin gewesen ist. Ich habe auch deshalb diese männlich dominierten Actionfilme gedreht, weil ich mich dort frei gefühlt habe. Da wurde ich in Ruhe gelassen, niemand versuchte mich zu manipulieren. Jenseits der starken Frauen, die mich großgezogen haben, war ich immer nur von Männern umgeben.

Kino-Durchbruch mit Punch: Michelle Rodríguez in "Girlfight" (2000)

Kino-Durchbruch mit Punch: Michelle Rodríguez in "Girlfight" (2000)

© A.P.L. Allstar Picture Library

Sie erwähnen oft die Frauen, mit denen Sie aufwuchsen, Ihre Mutter und Ihre Großmutter. Was haben Sie von ihnen gelernt?

Vor allem die Fähigkeit, Schmerz zu ertragen. Dinge auszuhalten, trotzdem weiterzumachen, im Wissen, dass es sein muss, weil es wichtig ist. Diese Stärke habe ich bei Männern eher nicht kennengelernt. Inmitten eines Sturms aus unzuverlässigen Männern und unberechenbaren Situationen weiter für die Kinder, die Familie und das Zuhause zu kämpfen, das ist für mich der Inbegriff weiblicher Stärke.

Warum können das Frauen besser?

Wohl weil Frauen mehr an die Gemeinschaft denken, nicht nur an sich selbst. Ich habe das immer bewundert, gleichzeitig habe ich mich genau deswegen mehr zu Männern hingezogen gefühlt. Mein Ego wollte frei sein, mit dem Mist anderer Leute wollte ich mich nicht beschäftigen. So kam ich dazu, männliche Verhaltensmuster nachzuahmen und selbstsüchtig zu sein. Jetzt bin ich zum ersten Mal bereit für eine andere, gelassenere Haltung.

Wie kam es dazu?

Ich habe mich mit mir beschäftigt und verstanden, dass Weiblichkeit nichts mit Schwäche zu tun hat. Bedingungslos zu lieben etwa ist wunderschön, das musste ich erst lernen. Dass man seine Grenzen in Sachen Respekt und Integrität mit Anstand ziehen kann, statt machohaft dichtzumachen. Ich brauche diese Rüstung, die ich jahrelang mit mir herumgetragen habe, gar nicht, sondern kann auch höflich ablehnen. Ich habe meine Kampfschwerter abgelegt, denn ich brauche sie nicht mehr.

Coup der Frauen: mit Elizabeth Debicki in "Widows - Tödliche Witwen"

Coup der Frauen: mit Elizabeth Debicki in "Widows - Tödliche Witwen"

©20th Century Fox

  Ich habe auch eine animalische Seite, die ich ab und zu ausleben muss 

Das klingt so besonnen, beinahe spirituell …

In meiner Jugend war ich fast ganz auf mich allein gestellt, ohne Geld und ohne Bildung. Das überlebt man nicht, wenn man nicht zumindest eine Art spirituelles Rückgrat besitzt, glaube ich. Mir hat ein wenig Spiritualität immer geholfen. Die Vorstellung, dass ich nie aufhören werde zu lernen, dass ich niemals alle Antworten kennen werde, hat mich offen und gutmütig genug bleiben lassen, hat mich vor Verbitterung bewahrt.

Würden Sie sagen, Ihr Image als aufbrausendes Partygirl gehört endgültig der Vergangenheit an?

Sagen wir so: Ich habe auch eine animalische Seite, die ich ab und zu ausleben muss. Das ist nichts Schlimmes, ich muss mich nicht dafür schämen. Wichtig ist, dass diese wilde Michelle erkennt, dass sie nicht immer die Hauptrolle spielen kann. Je älter ich werde, desto besser schaffe ich es, all diese Aspekte meines Charakters unter einen Hut zu bringen.

Nicht nur Sie selbst haben sich verändert, auch Hollywood macht große Veränderungen durch. Blicken Sie optimistisch in die Zukunft, was Gleichberechtigung und Vielfalt angeht?

Mir scheint, ich habe das Glück, eine Revolution erleben zu dürfen. Mit über 250 000 anderen Frauen beim Women’s March in Washington dabei zu sein war eine der prägendsten Erfahrungen meines Lebens. Die unterschiedlichsten Frauen, jung und alt, dazwischen tolle, kluge Männer – das war beeindruckend. Es gibt eine neue Generation, die verstanden hat, dass Teamwork nötig ist, um zumindest ein paar der globalen Probleme zu lösen. Alleine überleben wir nicht. Außer vielleicht ein paar Superreiche, die sich ins All davonmachen …

Von Zeit zu Zeit spielen Sie auch in Musikvideos mit – an welches denken Sie am liebsten zurück?

Auf jeden Fall „If I Could Fall in Love“ von Lenny Kravitz. Der Dreh war klasse, denn ich liebe Strände. Außerdem war der Song aus dem Film „Blue Crush“, den ich bis heute sehr liebe. Ich finde ohnehin, es müsste mehr Filme über surfende Mädels am Strand geben. Vielleicht sollte ich mal einen schreiben.