„Ich will meinen Weg selbst wählen”

Jessica Chastain

Interview

  • INTERVIEW VANESSA OELKER

Eine Frau für alle Rollen: Die fabelhaft wandelbare Jessica Chastain spricht über die Macht der Patriarchen, die Last der Klischees und ihre Vorliebe für Mode.

Ms. Chastain, stimmt es, dass Sie Rollen in großen Film­produktionen abgelehnt haben, weil Sie weniger Geld als Ihre männlichen Kollegen bekommen sollten?

Ja, so war es. Aber nicht unbedingt deshalb, weil ich weniger verdiente. Zum Beispiel hatte Matt Damon in „Der Marsianer“ viel mehr Arbeit als ich und auch weit mehr Filmerfahrung. Also sollte er natürlich mehr verdienen. Aber da waren auch andere Rollen, für die mir nur ein Bruchteil dessen angeboten wurde, was der männliche Hauptdarsteller verdienen sollte. Das ergibt für mich keinen Sinn.

Nun sind Sie als Hollywood-Star mit Millionengagen in einer recht privilegierten Situation …

Ja, viele Top-Schauspieler werden unverhältnismäßig gut entlohnt. Mein Stiefvater ist Feuerwehrmann, mein Bruder in der Armee – Menschen, die buchstäblich ihr Leben riskieren, um andere zu schützen. Da herrscht ein großes Ungleichgewicht. Mir geht es nie ums Geld. Es geht um das Prinzip, und das gilt für jede Industrie. Es gilt auch für die Kellnerin, die drei Dollar die Stunde verdient, während ihr männlicher Kollege zehn Dollar bekommt. Das ist nicht okay, warum sollte das jemand unterstützen? Es geht darum zu fragen, warum Frauen in unserer Gesellschaft weniger wertgeschätzt werden als Männer.

 

Beliebter Gast: mit Karl Lagerfeld bei der Pariser Fashion Week (2016)

Beliebter Gast: mit Karl Lagerfeld bei der Pariser Fashion Week (2016)

© Pascal Le Segretain/gettyimages

In Ihrem neuen Film „Molly’s Game“ spielen Sie die Organi­satorin geheimer, exklusiver Pokerrunden. Darin sagt Ihr Film­vater, Molly hätte diese Runden nur veranstaltet, um Macht über Männer zu erlangen. Können Sie das nachvollziehen?

Vor allem hat Aaron Sorkin, der Regisseur und Drehbuchautor, sehr präzise eine patriarchale Gesellschaft porträtiert. Das beginnt in der Familie, dann sieht man es in der Wirtschaft, in der Regierung. Später nimmt der Vater diese Einschätzung zurück, weil sie alles, was Molly erreicht hat, herabsetzen würde. Es geht ihr nicht um die Kontrolle über Männer, sondern um Kon­trolle über ihr eigenes Leben. Sie muss Regeln befolgen, die Männer beschlossen haben – doch am Ende des Films stellt sie ihre eigenen Regeln auf.

In Hollywood und anderswo bestimmen meist Männer, wo es lang geht. Reizt es Sie besonders, dieses Machtverhältnis umzudrehen?

Es interessiert mich nicht, Macht über mächtige Männer zu ­haben. Es geht mir darum, als eigenständige Person gesehen zu werden und ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Deshalb habe ich auch eine eigene Produktionsgesellschaft gegründet. Ich habe viele Entscheidungen in meinem Leben mit dem Ziel getroffen, meinen Weg selbst zu wählen und zu gestalten.

Sie melden sich häufig zu Wort, wenn es um Gleichberechtigung in der Filmindustrie geht. War Ihre Mutter in dieser Frage ein Vorbild für Sie?

Sie hat mir im Grunde nichts Besonderes beigebracht. Ich habe einfach die Welt um mich herum intensiv wahrgenommen. Ich bin mit einer alleinerziehenden Mutter aufgewachsen, und sie hatte große Mühe, uns das Essen auf den Tisch zu bringen. Ich sah ihre Probleme, ich sah die ungleichen, unfairen Anforderungen an Männer und Frauen. Es war also die Gesellschaft, die mich in diesem Punkt erzogen hat.

Im Film wächst Molly in einer traditionellen Familie auf, mit einem strengen Vater, der stets Höchstleistungen von ihr fordert. Spielen Väter und Mütter unterschiedliche Rollen in der Erziehung?

Ich weiß es wirklich nicht. Ich bin ohne Vater aufgewachsen und habe trotzdem Ehrgeiz entwickelt. Ich würde die Elternrolle nicht auf Geschlechter reduzieren wollen. Wenn wir an Väter nur in Stereotypen denken, erlauben wir der Gesellschaft, das auch mit Müttern zu machen. Geschlechterklischees schaden nur, sie begrenzen unser Denken.

Kann die Filmindustrie ihre Probleme, also Klischeedenken, ungleiche Behandlung und Machtmissbrauch, selbst lösen? Oder ist dafür mehr öffentlicher Druck nötig?

Es ist gefährlich zu glauben, was in Hollywood passiert, sei ­losgelöst von der Gesellschaft. Die aktuellen Fälle von Machtmissbrauch bekommen nur deshalb besondere Aufmerksamkeit, weil sie sich in Hollywood ereignen – Schauspielerinnen und Schauspieler sind häufig in den Medien. Aber Frauen und Männer in jedem Business leiden darunter. Es gibt eine Deklaration von Farmarbeiterinnen, die über sexuellen Missbrauch und Belästigungen klagen, unterzeichnet von mehr als 700 000 Frauen! Es ist ein Problem der gesamten Gesellschaft.

Wie und wann sollten wir also mit der Lösung beginnen?

Ein großartiger Zeitpunkt ist jetzt! Viele Menschen teilen ihre Erfahrungen miteinander. Soziale Medien sind fantastisch, sie geben jedem eine Plattform. Darin liegt die Macht der ­Geschlossenheit, und es ist noch lange nicht zu Ende!

Mögen Sie eigentlich irgendetwas in Hollywood?

Ja, trotz allem liebe ich die Filmindustrie. Es war immer mein Traum, mit so vielen unglaublich talentierten Männern und Frauen zu arbeiten. Ich habe die Hoffnung, dass jede Kunstform, ob Malerei, Musik, Mode, Theater, Tanz oder eben auch Film, helfen kann, eine Gesellschaft voranzubringen.

Mode ist eine Kunstform, die Sie ganz besonders interessiert, man sieht Sie häufig bei Schauen. Was reizt Sie daran?

Wenn wir morgens unsere Kleidung auswählen, wollen wir damit unsere Identität formen – mit Farben, Mustern, mit dem Make-­up und der Frisur. Wir überlegen, wie wir uns der Welt präsentieren wollen. Es ist also eine sehr persönliche Angelegenheit.

Ich hoffe, dass jede Kunstform hilft, eine Gesellschaft voranzubringen

Jessica Chastain, Schauspielerin

Kleidung kann Nähe schaffen, aber auch Distanz betonen …

Ja, bei allem, was wir tragen, geht es um die Intention, die dahintersteht. Wollen wir Abstand wahren, tragen wir Kleidung wie einen Panzer, um uns zu schützen. Manchmal nehmen andere Menschen auch eine Distanz wahr, die wir gar nicht schaffen möchten. Gerade weil Mode so individuell ist, kommt es eben auch zu Missverständnissen.