Julian Schnabel
© Olaf Heine

Julian Schnabel

  • TEXT EVA MUNZ
  • FOTOS OLAF HEINE

JULIAN SCHNABELS kometenhafte Künstlerkarriere im ungeschliffenen New York der Achtziger verglühte so schnell, wie sie begonnen hatte – Der Maler fiel wegen seiner permanenten Selbsterhöhung in Ungnade. Trotzdem kaufte er sich für gut zwei Millionen Dollar einen ehemaligen Pferdestall und baute ihn zu einem elfstöckigen Palazzo um. Mit dem steingewordenen Luftschloss setzte sich Schnabel 2007 selbst ein Denkmal. Von hier aus regiert er mit seinem Familienclan die New Yorker Kunstszene, malt unbeirrt weiter – und macht sich nebenbei als Filmregisseur einen Namen. Hausbesuch bei einem Einzigartigen.

Julian Schnabel empfängt uns in seinem Palast in Manhattans West 11th Street, nur ein paar Schritte entfernt vom Hudson. Er müsse sich noch von seiner Schwester verabschieden, sagt der Künstler zur Begrüßung mit seiner knarzigen Stimme, wir könnten uns inzwischen in seinem Studio umsehen. Dort, im dritten Stock des riesigen Ateliers mit geschätzt acht Meter hohen Decken, hängen und lehnen Dutzende neuer Arbeiten an den Wänden. Der junge Dennis Hopper, Zigarre im Mund, blickt aus einem kleinen Porträt aufs Geschehen. Schnabels Assistent mischt unterdessen Grüntöne für eine von Schnabels Van-Gogh-Aneignungen. Die Leinwand ist bereits mit den für ihn typischen Porzellanscherben präpariert.

Schnabel kaufte das ursprünglich dreistöckige Gebäude im West Village 1997, setzte acht Etagen drauf und taufte das Ungetüm nach dem Spitznamen seiner zweiten Frau „Palazzo Chupi“: eine venezianisch anmutende Extravaganz in schwelendem Pink, nostalgisch, grandios, übertrieben, also ein wenig wie Schnabel selbst. Drei Luxus­apart­­ments in den Obergeschossen verkaufte er für siebenstellige Summen, im unteren Teil des Gebäudes verschanzte er sich mit Mitgliedern seiner Familie in wechselnden Besetzungen. Nicht einmal der Klang der New Yorker Sirenen dringt durch die dicken Mauern.

Julian Schnabel

Gesamtkunstwerk: Schnabels Palazzo ist Wohnung, Atelier, Museum und Clan-Hauptquartier zugleich

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Julian Schnabel
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 Als Schnabel Ende der 1970er-Jahre wie eine Urgewalt über New Yorks Kunstszene hereinbrach, war die noch Minimalismus und Konzeptkunst verhaftet. Schnabel elektrisierte Kritiker und Sammler, die Preise für seine Werke schossen in die Höhe. Doch der Erfolg stieg ihm zu Kopf, er erklärte sich zum neuen Picasso und wurde zum Inbegriff der Exzesse am Kunstmarkt. Noch bevor die Reagan-Ära vorüber war, hatte sich die Welt von Schnabel, seiner XL-Persönlichkeit und seiner maßlosen Selbstbeweihräucherung abgewandt. Er schien erledigt. Und malte weiter.

Auftritt Schnabel, gefolgt von seiner dritten Frau, der schwedischen Innenarchitektin Louise Kugelberg und seinem Sohn Cy aus zweiter Ehe. Wider Erwarten trägt der 67-Jährige heute keinen der seidenen Schlafanzüge, in denen er sonst auftritt, auch keinen seiner typischen Bademäntel. Ohne diese Markenzeichen sieht er wie ein ganz normaler älterer Herr aus, der gleich mit seinem Hund Gassi geht. Wären da nicht die blau getönten Brillengläser und diese Aura – ein Energiefeld, bei dem jeder Geigerzähler ausschlagen würde. Fürs Fotoshooting rückt Schnabel hier ein paar Bilder zurecht, dort einen Stuhl. Sein Blick ist ernst und ein wenig gelangweilt. Der Künstler überlässt die Kontrolle über Bilder ungern anderen.

Oft zitiert er Kugelberg mit ins Bild. Die 33-Jährige ist wie seine Ex-Frauen wunderschön. Die beiden kennen sich seit fünf Jahren. „Ich hatte von Anfang an einen besonderen Draht zu ihm, ich verstehe ihn“, sagt Kugelberg. Das half offensichtlich auch bei der Entwicklung von „An der Schwelle der Ewigkeit“, Schnabels Film über den holländischen Maler Vincent van Gogh. Kugelberg avancierte von der Vermittlerin zwischen Schnabel und Drehbuchautor Jean-Claude Carrière zur Co-Autorin, am Ende übernahm sie sogar den Schnitt. Bei Rula Jebreal, der Autorin von Schnabels Film „Miral“, war es einst umgekehrt: Die Zusammenarbeit mündete in eine Affäre und drängte Ehefrau Nummer zwei, Chupi, aus dem Palast.

Julian Schnabel

Vermächtnis in Pink: Schnabels "Palazzo Chupi". Die Familie bewohnt die unteren Etagen

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 Der 25-jährige Cy ist ebenfalls Maler und pendelt zwischen Mexico City und New York. Anders als Schnabel ist er groß, blond, feingliedrig. Er hat hypnotische, dunkle Augen und spricht betont langsam. Befindet sich sein
Vater gerade in einer Van-Gogh-Phase? „Nein, er hat keine Phasen, er arbeitet immer simultan an mehreren Ideen
und Konzepten, Filmen, Bildern.“ Ein Workaholic also, im guten Sinne? „Ein Workaholic, Punkt. Alles ist Teil seiner Arbeit. Bei einem Film wird jeder zu einem Teil seiner Familie.“ Geduld dagegen zählt definitiv nicht zu Schnabels Eigenschaften, nach einigen Bildern drängt er uns: „Hier haben wir genug. Lasst uns unten ein paar Fotos machen.“

Unten, das ist der Wohnbereich im zweiten Stock, und auch hier wird man das Gefühl nicht los, geschrumpft zu sein. Diese Wohnung der Superlative wirkt nicht nur wegen ihrer Dimensionen museal: offene Kamine, Holzvertäfelungen, uneben verputzte Wände, eine maßgefertigte Wanne, Gobelins, Kronleuchter, Teppiche, auf denen sich Staatsempfänge abhalten ließen. Hier lächelt uns ein Krokodilskelett an, dort droht ein ausgestopfter Grizzly. Und überall Kunst: Baselitz, Picasso, Picabia, Ontani. Ein Warhol-Triptychon mit drei Siebdruck-Schnabels, die überlebensgroße Wachsskulptur „Julian“ von Urs Fischer. Schnabel spielte bei der Einrichtung virtuos mit Versatzstücken maurischer, venezianischer und mexikanischer Kunst, die Kenntnisse darüber hat er auf seinen ausgiebigen Reisen aufgesaugt. Nach einer Kindheit in bescheidenen jüdischen Immigrantenverhältnissen in Brooklyn und dem Studium in Texas brach er aus der Welt des Mittelmaßes aus. Vor allem Italien hatte es ihm angetan. „Ich wollte wissen, wie die Bilder von Caravaggio und Giotto in echt aussehen. Also bin ich mit dem Bus durch halb Italien gereist, von Mailand über Florenz bis nach Rom.“

Schnabel ist nun bereit für ein paar Fragen, also los: Warum macht ausgerechnet jemand, der so früh so schnell so großen Erfolg hatte, ständig Filme über Leute, die am Leben scheitern? „Was bringt Erfolg schon?“, weicht der Künstler aus. „Mein früher Erfolg löste eine starke Gegenreaktion bei den Leuten aus. Sie hassten die Person, die sie in mir sahen.“ Von diesem Image hat sich Schnabel bis heute nicht ganz befreien können. Doch mit der Filmregie fand er neue Wege des künstlerischen Ausdrucks.

Julian Schnabel
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 Es begann mit seinem Zeitgenossen Jean-Michel Basquiat, der 1988 an einer Überdosis Heroin starb. Mitteder Neunziger recherchiert der polnische Filmemacher Lech Majewski über Basquiat und klopfte deshalb bei Schnabel an. „Lech war ein Tourist in dieser Welt, er hatte keine Ahnung. Ich aber war dabei und musste mir nichts ausdenken.“ Also kaufte Schnabel Majewski die Rechte ab und verfilmte den Stoff über die New Yorker Kunstszene selbst. Der Film fand Beachtung, obwohl niemand glauben wollte, dass der Maler auch als Regisseur glänzen könne. Doch wie nur wenigen Autorenfilmern gelang es ihm, mit radikaler Subjektivität das berührende Porträt einer einsamen Seele zu liefern. „Jeder betrachtet die Realität durch seinen eigenen Filter. Und in diesen Film flossen auch meine eigenen Erfahrungen ein“, sagt Schnabel.

Mit „Schmetterling und Taucherglocke“ lotete Schnabel eine klaustrophobische Grenzerfahrung aus. Der Film handelt von dem Journalisten Jean-Dominique Bauby, der nach einem Schlaganfall das Locked-in-Syndrom erlitt und sich nicht mehr rühren, sondern nur mit einem Auge blinzelnd kommunizieren konnte – und auf diese Weise ein Buch schrieb. „Ich wollte es erst nicht lesen. Aber als ich eine Idee von den Bildern bekam, die sich in Jean-Dos Kopf abgespielt haben müssen, wusste ich: Wenn es mir gelingt, diese Fantasien sichtbar zu machen, das wäre unglaublich.“ Der Film brachte ihm 2007 die Goldene Palme in Cannes ein. Während der Produktion stellte Schnabel aus der Ferne seinen Palast am Hudson fertig.

Während New York noch immer von dem Schnabel der Achtziger gekränkt war, erfand sich der Maler in Europa neu. 2018 wurde er vom Pariser Musée d’Orsay eingeladen, eine Ausstellung zu kuratieren, für die er eigene Bilder Meisterwerken des 19. Jahrhunderts von Cézanne über van Gogh bis Toulouse-Lautrec gegenüberstellte. „Ich habe van Goghs Selbstporträts auf Augenhöhe gehängt, das hat vor mir noch nie jemand getan“, behauptet Schnabel. „Wenn man jetzt auf das Selbstbildnis zugeht, sieht man dem Künstler direkt in die Augen. Und auf einmal entwickelt man eine physische Beziehung zu ihm.“

Julian Schnabel
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 Schnabels Telefon klingelt. „Hello Sweetheart!“ flötet er seinem ältesten Sohn Vito entgegen, der ebenfalls im Palazzo residiert und sich einen Namen als Galerist und Exfreund von Heidi Klum ge­macht hat. Der Schnabel-­Clan ist recht unübersichtlich, also eine rasche Inventur: Aus seiner ersten Ehe mit der Designerin Jacqueline ­Beaurang stammen die Kinder Lola (38), Stella (35) und eben Vito (32). Mit seiner zweiten Frau, der Schauspielerin Olatz „Chupi“ López Garmendia, hat er die Zwillinge Cy und Olmo (25). Und das Model May Andersen gebar 2013 seinen jüngsten Sohn Shooter Sandhed Julian Jr. Seine Familie sei das Beste, was ihm das Leben beschert habe, sagt der Künstler heute.

Und er strotzt immer noch vor Selbstbewusstsein. So findet er, dass er für den Van-Gogh-Film, der im April in den deutschen Kinos anlief, mindestens den Regie-Oscar verdient hätte. Plant er ein neues Filmprojekt? „Sie möchte“, seufzt Schnabel etwas erschöpft und deutet in Richtung Kugelberg. Das Thema? „Wahrscheinlich sollte ich einen Spielfilm über die Surferlegende Herbie Fletcher und seinen Sohn Nathan machen. Ich kenne sie sehr gut, sie vertrauen mir. Es wäre ein Film über die Geschichte der USA seit den 1960er-Jahren – und eine Geschichte über das Überleben. Nathan sucht immer die nächste größte Welle. Er lässt sich nicht wie die anderen hinausschleppen, sondern paddelt selbst raus aufs
offene Meer, hinein ins Ungewisse.“ Es klingt, als würde sich Schnabel wieder eine Herausforderung im Großformat suchen. Und er wird es nicht seiner Frau zuliebe tun.

Julian Schnabel

Julian Schnabel (67) und seine Frau Louise Kugelberg (33) im Atelier des Malers

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Julian Schnabel

Leinwand und Porzellan: neues Schnabel-Werk im Werden

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