Skytalk: Ellen Page

„Vielleicht retten uns friedfertige Aliens“

  • INTERVIEW RÜDIGER STURM

Ellen Page glänzt als mutiges Mädchen wie als furchtlose Verführerin. Hier spricht die 31-jährige kanadische Schauspielerin über Helden, Hunde und Filme zum Heulen.

Superhelden prägen die Popkultur seit jeher, in der Netflix-­Serie „The Umbrella Academy“ sind Sie jetzt selbst mit welchen beschäftigt. Woher kommt diese ungebrochene Popularität?

Wir leben in schwierigen Zeiten, da können wir sie gut gebrauchen. Aber diese Figuren sind nicht einfach Superhelden, sondern schlagen sich mit ihren eigenen Komplexen, mit dem Gefühl von Einsamkeit und Isolation herum. Dann entdecken sie ihr wahres Ich in Form ihrer besonderen Fähigkeiten, und damit finden sie auf einmal sich selbst. Mit anderen Worten: Das sind zutiefst menschliche Geschichten, mit denen sich die Leute identifizieren können. Außerdem drehen sich diese Storys um das Element einer geheimen Kraft, von der wir alle mal träumen. Das steigert noch den Reiz der ganzen Sache.

Fühlen Sie sich von solchen Figuren angeregt?

Nein, das ist eine rein schauspielerische Aufgabe. Meine Figur in der Serie hat übrigens gar keine speziellen Fähigkeiten. Sie ist eine Außenseiterin, die von ihrem Vater furchtbar schlecht behandelt wurde.

Müssen Sie aufpassen, dass Sie so eine Figur nicht psychisch hinunterzieht?

Ja, das kann rasch unbewusst passieren. Weil ich sicher nicht will, dass solche Rollen auf mein Leben abfärben, muss ich mich immer mal wieder ermahnen, hier klare Grenzen zu ziehen.

Wie schütteln Sie solche Rollen nach dem Dreh wieder ab?

Ich gehe mit meinem Hund Gassi, ich werfe meinem Hund den Ball zu, und dann umarme ich meinen Hund.

Können Sie von ihm lernen?

Oh ja! Er findet alles irre spannend, den nächsten Baum oder einen neuen Schleichweg durchs Gebüsch. Durch ihn lerne ich, mich von meinen flatternden Gedanken zu lösen und mich auf die Realität des Moments zu konzentrieren. Nach dem Motto: Ach ja, ich gehe gerade mit meinem Hund spazieren.

Skytalk: Ellen Page

Schwanger wider Willen: Ellen Page in "Juno" (2007)

© ddp images

Hat Ihr Hund auch etwas von einem Superhelden an sich?

Er hat definitiv solche Fähigkeiten. Denn er kann mit mir telepathisch kommunizieren.

Okay … und jetzt im Ernst: Wer sind Ihre wahren Helden?

Als Kind war ich Batman-Fan. Aber jetzt im realen Leben habe ich andere Helden, darunter die vielen Menschenrechts-Aktivisten, die Großartiges leisten. Die Liste ist wirklich lang.

Auch Sie selbst sind durch Ihr Coming-out 2014 zum Vorbild geworden. Sind Sie sich dessen bewusst?

Ich bin einfach froh, wenn ich mit meiner Arbeit etwas erreichen kann. Manchmal berichten mir Leute auf der Straße, dass ihnen meine Doku-Serie „Gaycation“, die queeres Leben auf der ganzen Welt zeigt, geholfen habe.

Suchen Sie sich gezielt Rollen aus, mit denen Sie aufklärerische Wirkung erzielen können?

Nein, da zählt, ob ich mich begeistern kann, das ist instinktiv. Bei „The Umbrella Academy“ fand ich schon das Drehbuch für die Pilotfolge toll und wollte unbedingt wissen, wie es weitergeht. Ich fühlte mich sofort gut aufgehoben in der Story.

Schauen Sie sich selbst Serien im Stream an?

Ehrlich gesagt, eher selten, obwohl ich Serien durchaus mag. Einer meiner Favoriten ist „Friday Night Lights“. Es ist schon seltsam: Ich komme aus der tiefsten Provinz, Halifax, Nova Scotia, und interessiere mich nicht für American Football. Und dann kommt diese Serie daher, die von einem Highschool-Footballteam in Texas handelt, und schafft es, dass ich mir jede Folge zweimal ansehe. Das gleiche gilt für „Six Feet Under“.

Skytalk: Ellen Page

Gerupfte Helden: Page mit Emmy Raver-Lampman, Robert Sheehan und Tom Hopper in "The Umbrella Academy"

© Christos Kalohoridis/Netflix

  Der Filmindustrie fehlt es leider oft an Mut, auch mal Risiken einzugehen

Ellen Page, Schauspielerin

Das sind Serien aus der Vergangenheit. Was sehen Sie jetzt, wenn Sie dazu kommen?

Lauter tolle alte Filme: „Harold und Maude“, „Der Geschmack von Rost und Knochen“ … Marion Cotillard ist großartig in dem Film. Meine Frau hat sich früher nicht so sehr mit Filmen beschäftigt, das holen wir jetzt nach. Zum Glück haben wir einen ähnlichen Geschmack. Zuletzt haben wir das Familiendrama „You Can Count On Me“ angeschaut – wir waren in Tränen aufgelöst.

Weinen Sie schnell beim Filmgucken?

Nicht unbedingt. Jeder reagiert unterschiedlich, aber wenn mich ein Film total bewegt, dann halte ich mich auch nicht zurück. Dieser Effekt mag von den Filmemachern so beabsichtigt sein, aber ich bin dankbar für so ein Gefühl.

Es gibt Befürchtungen, dass das Kino seine Zuschauer an Streamingdienste verliert. Wie sehen Sie das?

Für mich sind die Streamingdienste etwas höchst Positives, ich sehe gewaltige Vorteile. Vor zwei Jahren habe ich einen ganz kleinen Low-Budget-Film namens „Tallulah“ gedreht. Wäre er ins Kino gekommen, hätte ihn vermutlich kaum jemand gesehen, aber stattdessen hat ihn Netflix gekauft, und er wurde in 80 Ländern gestreamt. Für so ein Projekt war das ein riesiger Erfolg. Jetzt arbeite ich mit Netflix an einer Neuversion der legendären San-Francisco-Serie „Stadtgeschichten“, in der LGBT-Charaktere eine zentrale Rolle spielen. Diese Art von Ressourcen und Plattform kriegst du in der Filmindustrie derzeit nicht geboten. Dort fehlt es oft an Mut, solche Risiken einzugehen und Geschichten aus vielen verschiedenen Perspektiven zu erzählen.

Ist das auch Ihr Ziel, innovative Geschichten zu erzählen?

Offen gestanden, nein. Ich habe keine tollen beruflichen Pläne. Für mich geht es eher um Persönliches. Ich möchte Zeit mit meiner Frau verbringen, ich will Liebe und Freundschaft erleben.

Ist das unser eigentlicher Daseinszweck?

Den Sinn des Lebens können wir nie kennen. Aber wenn man sich umschaut, entdeckt man viel Diskriminierung, Zwietracht und Ausbeutung. Doch darum kann und darf es nicht allein gehen. Es sollte um Liebe gehen. Vielleicht brauchen wir Menschen ein paar friedfertige Aliens, die aus dem Weltall geflogen kommen und uns alle retten.