„Wir brauchen mehr Güte”

Jeff Bridges

Interview

  • INTERVIEW FRANK SIERING

Jeff Bridges gehört zu den Hollywood-­Legenden. Im Interview spricht er über Wege zum Mut, seine liebste Rolle und das Erfolgsrezept für eine glückliche Ehe.

Mr. Bridges, Sie tragen in Filmen, aber auch privat oft ­Cowboyhüte und Westernstiefel. Sind Sie der letzte echte Hollywood-Cowboy?

Das geht auf meinen Vater Lloyd Bridges zurück, der ja in ein paar guten Western mitgespielt hat. Immer wenn er abends nach Hause kam, brachte er einen Hut oder neue Stiefel mit, die ich anprobieren durfte. So ist das zu meinem Stil geworden.

Haben Sie schöne Erinnerungen an Ihren Vater?

Er hat mir alles beigebracht, ein toller Lehrer. Er hatte so viel Spaß am Job, diese Freude hat sich auf mich übertragen.

Sie haben drei Töchter. Wie waren und wie sind sie als Vater?

Ach … ich habe mein Bestes versucht, aber ich war häufig unterwegs und habe einfach zu viel gearbeitet, sodass meine Frau Sue sie großgezogen hat. Wenn ich zu Hause war, habe ich versucht, so viel Zeit wie möglich mit ihnen zu verbringen. Aber in dieser Beziehung bin ich sicher kein gutes Vorbild.

Sie sind seit mehr als 50 Jahren im Showbusiness. Haben Sie ein gutes Überlebensrezept?

Glück ist wichtig, klar. Ich war dabei, als mein Vater schwere Zeiten durchleben musste, ohne jede eigene Schuld. Aber Leidenschaft und Liebe bringen einen durch schwierige Zeiten.

Haben Sie noch Träume, die Sie sich erfüllen wollen?

Kaum. Vor Ihnen sitzt ein zufriedener, ja glücklicher Mann. Das Einzige: Ich möchte immer noch besser werden.

Denken Sie nie darüber nach, in Rente zu gehen?

Doch, manchmal schon. Ich denke kurz darüber nach. Direkt nach einem Film möchte ich gern eine Zeitlang nur noch der Privatmann Jeff sein. Aber dann holt mich der Virus wieder ein, dann will ich wieder vor die Kamera. Ganz wichtig, um nicht den Spaß zu verlieren: immer wieder etwas Neues ausprobieren!

Offenbar nicht in der Liebe: Sie sind seit 1977 mit Susan Ges­ton verheiratet, für Hollywood-Verhältnisse eine Ewigkeit …

Das Erfolgsgeheimnis ist: Man darf einfach nicht die Scheidung einreichen! Im Ernst: Man sollte nicht aufgeben, wenn es mal schwieriger wird. Man muss bereit sein, Kompromisse einzugehen, sich auf den Partner einlassen – dann klappt’s.

 

Helden: Bridges (re.) und Josh Brolin in „No Way Out – Gegen die Flammen“

Helden: Bridges (re.) und Josh Brolin in „No Way Out – Gegen die Flammen“

© action press

In Ihrem neuen Film „No Way Out – Gegen die Flammen“ geht es um eine Elite-Einheit der Feuerwehr, die „Hotshots“. Was bedeutet dieser Name?

Der größte Unterschied zu anderen Feuerwehrleuten ist, dass Hotshots das Feuer mit Gegenfeuer bekämpfen, nicht mit Wasser. Sie fällen Bäume, heben Gräben aus – ein gefährlicher Job.

Und ein harter, oder?

Ja, die körperlichen Herausforderungen sind extrem. Diese Jungs trainieren rund um die Uhr, sie müssen lernen, sich zu quälen. Sie schlafen im Dreck, sie essen wenig, ein warmes Essen ist Luxus. Doch die „Brotherhood“, der Bund unterein­ander, schweißt sie zusammen und macht sie stark.

Diese Geschichte basiert leider auf wahren Ereignissen. 19 Granite Mountain Hotshots verloren ihr Leben, als sie 2013 in Arizona von einer Feuerwalze überrollt wurden. Will der Film diesen Männern ein Denkmal setzen?

Ja, wir wollen zeigen, wie wichtig diese Arbeit ist. Wir hatten echte Hotshots am Set, damit alles detailgetreu nachgestellt werden konnte. Auch der Mitbegründer der Truppe, Duane Steinbrink, den ich spiele, war vor Ort und half mir, die Emotionen richtig einzuordnen, die die Leute damals durchlitten.

Es gibt eine Gemeinsamkeit zwischen Ihnen und Duane Steinbrink, stimmt’s?

Korrekt. Duane ist Country-Musiker in der Rusty Pistols Cowboy Band, und Musik spielt auch in meinem Leben eine sehr wichtige Rolle. Ich habe es sogar geschafft, dass die Rusty Pistols mit einem Song im Film vertreten sind.

Kennen Sie Großfeuer auch aus eigener Erfahrung?

Ja, ich habe schon Brände in der Nähe meiner Farm in Montana bekämpft. Dort hilft jeder seinen Nachbarn, wenn ein Feuer ausbricht. Keiner fragt dann, wer du bist, woher du kommst. Du bist ein Nachbar, und Nachbarn packen mit an. Darum gefällt mir die Botschaft des Films. Es geht um Mut, darum, was es bedeutet, sich einer Situation zu stellen, wenn andere einfach nur davonlaufen wollen.

Ich will kein Zyniker sein, aber das ist nicht so leicht

Jeff Bridges, Schauspieler

Wie können wir alle ein bisschen mutiger werden?

Mut ist eine interessante Sache. Kann man ihn trainieren? Wir leben in einer sehr schwankenden Welt. Ich selbst versuche, meinen Zynismus in den Griff zu bekommen. Ich will kein Zyniker sein, aber das ist nicht so leicht. Es geht immer um die Frage: wegrennen oder nicht, handeln oder verstecken?

Aber es hilft jedem Menschen, wenn er Unterstützung bekommt, um Großes zu leisten, oder?

Absolut. Das Leben ist voller Furcht, aber wenn du Menschen neben dir hast, die dir helfen, dann ist das wunderbar. Ich finde, das ist eine wirklich hoffnungsvolle Botschaft.

Sind Sie ein notorischer Optimist?

Ich bin pragmatischer Optimist. Mit einer positiven Einstellung ist es einfacher, Hindernisse zu überwinden.

Welche stellen sich Ihnen gerade in den Weg?

Es gibt ein paar Fragen, die mir ständig durch den Kopf gehen: Wie können wir Andersdenkende tolerieren, wie mit ihnen im Gespräch bleiben? Wie können wir mehr Güte schaffen?

Beschäftigt Sie das auch deshalb, weil Amerika derzeit so gespalten wirkt wie nie zuvor?

Es hat natürlich damit zu tun. Es herrscht gerade eine Stimmung im Land, die ich so nie zuvor erlebt habe. Der Wind weht rauer. Gerade deshalb brauchen wir mehr Güte und Großzügigkeit.

Stört es Sie, dass Sie vor allem mit einer Figur weltweit bekannt geworden sind, dem „Dude“ aus „The Big Lebowski“?

Warum sollte mich das stören? Ich bin „The Dude“. Diese Figur verbindet, sie bringt die Menschen auf freundliche Weise zusammen, noch heute. Das macht mir Freude.