90 Minuten, die das Leben für immer verändern

  • INTERVIEW LASLO SEYDA

In Brasilien und Frankreich, Korea, Chile und Südafrika: Beim Fußball zittert, jubelt und weint die ganze Welt – eine Reise um den Erdball mit der magischen Kugel

Anstoß in Dhaka, Bangla­desch: Auch die traditionellen Gewänder bieten genügend Bewegungsfreiheit für einen Tanz mit dem Leder
© MD Tanveer Hassan Rohan

1′

Anstoß in Dhaka, Bangla­desch: Auch die traditionellen Gewänder bieten genügend Bewegungsfreiheit für einen Tanz mit dem Leder

Trikotwechsel: In Rio de Janeiro trägt man eine günstige und figurbetone Variante von David Beckhams Look im englischen Nationalteam
© Neil Bedford

13′

Trikotwechsel: In Rio de Janeiro trägt man eine günstige und figurbetone Variante von David Beckhams Look im englischen Nationalteam

Im nepalesischen Bergdorf Bhachok stört sich niemand an den Widrigkeiten des abschüssigen Spielfelds. Motto: Unkontrollierte Offensive, einfach anrennen!
© Chris Sorensen

28′

Im nepalesischen Bergdorf Bhachok stört sich niemand an den Widrigkeiten des abschüssigen Spielfelds. Motto: Unkontrollierte Offensive, einfach anrennen!

Rasenheizung? Wäh­rend ­Profis bei Schnee und Eis in die Winterpause gehen, fängt in Grue in Norwegen der ­Dribbelspaß erst richtig an
© Levon Biss

37′

Rasenheizung? Wäh­rend ­Profis bei Schnee und Eis
in die Winterpause gehen, fängt in Grue in Norwegen der ­Dribbelspaß erst richtig an

Die Masse macht’s: Beim Spiel des Changchun Yatai FC gegen Guangzhou Evergrande in China geht niemand mal kurz Bier holen
© Gilles Sabrié

48′

Die Masse macht’s: Beim Spiel des Changchun Yatai FC gegen Guangzhou Evergrande in China geht niemand mal kurz Bier holen

Sonntag, Sonne, Schusskraft: Beim Bolzen in friesischen Dörfern gibt es Wichtigeres als gerade gekreidete Spielfeldlinien
© Hans van der Meer

62′

Sonntag, Sonne, Schusskraft: Beim Bolzen in friesischen Dörfern gibt es Wichtigeres als gerade gekreidete Spielfeldlinien

Ob Stehplatz, VIP-Lounge oder auf der Stange: Fußball ist aus jeder Perspektive schön – das wissen auch Zaungäste in Kamerun
© Jens Kuesters/plainpicture.com

75′

Ob Stehplatz, VIP-Lounge oder auf der Stange: Fußball ist aus jeder Perspektive schön – das wissen auch Zaungäste in Kamerun

Dieser Hobbykicker im Senegal träumt vom perfekten Fallrückzieher. Er weiß: Wer’s im Wasser schafft, der schafft es überall. Tor, Tor, Tooor – und Abpfiff? Fast …
© Gabriel Tizón

90′

Dieser Hobbykicker im Senegal träumt vom perfekten Fallrückzieher. Er weiß: Wer’s im Wasser schafft, der schafft es überall. Tor, Tor, Tooor – und Abpfiff? Fast …

„Endlich spüren wir wieder was“

Der Sportphilosoph Gunter Gebauer erklärt, warum der Fußball kulturelle Grenzen auf der ganzen Welt überwindet

22 Spieler, zwei Tore, ein Ball: Warum gerät alle Welt wegen so einer simplen Sache regelmäßig völlig aus dem Häuschen?

Es ist ein weit verbreitetes Missverständnis, dass Fußball einfach ist. Ganz im Gegenteil: Vieles von dem, was auf dem Spielfeld geschieht, verstehen wir gar nicht. Im Vergleich zu anderen Sportarten spielt nämlich beim Fußball der Zufall eine viel größere Rolle – in Form des Balls: Der kann verspringen oder abprallen, Drall bekommen oder vom Wind abgelenkt werden. Von „Ballkon­trolle“ kann also nicht wirklich die Rede sein.

Klingt nach Glücksspiel, nicht nach Sport …

Genau darin liegt die Spannung. Ein Fußballspiel hat eine besondere Dramaturgie. Jeder Schuss, jeder Fehler kann entscheidend sein. Wie bei Shakespeare liegen das Schöne und das Schreckliche auch beim Fußball ganz nah beieinander. Es ist kein Zufall, dass auch die Klassische Tragödie 90 Minuten dauert. Fußball ist eigentlich nichts anderes als ein Schauspiel auf Rasen. Denken Sie mal an das Qualifikationsspiel der Deutschen gegen Schweden 2012! 4:0 lagen wir vorne, beim Abpfiff stand es 4:4 – Drama pur.

Aber nicht alle Menschen können sich für Shakespeare begeistern …

In unserer Faszination für große Geschichten sind wir doch alle gleich. Der Aufstieg und Fall von Helden, Storys mit Showdown – das gibt es ganz ähnlich auch in den Mythen von Südamerika oder den afrikanischen Königsdramen. Darüber hinaus hat der Fußball für jeden Teil der Welt eine weitere Attraktion: Zuschauer aus Kulturen, in denen die Tanzkunst stark ausgeprägt ist, finden großen Gefallen an der Virtuosität mit dem Fuß, der Improvisation, dem Drehen und Dribbeln. In Asien liebt man den kollektiven Einsatz und die Idee, dass jeder einbezogen wird.

Und die Europäer?

Bei uns wird eher die künstliche Primitivität des Sports gefeiert. Immerhin verzichtet der Mensch beim Spiel mit dem Ball freiwillig auf den wichtigsten Teil seiner Evolution, die Hand. Aus dieser Schwäche heraus Stärke zu gewinnen, das hat einen starken Reiz. Wenn dann noch ein unmöglicher Schuss im Netz landet, steht das ganze Stadion kopf.

Von Turnier zu Turnier begeistern sich mehr Leute für Fußball, gucken zu oder fangen selbst an zu spielen. Hört das nie auf?

Mit zunehmender Digitalisierung wird die Zivilisation immer künstlicher. Der Fußball, der früher so verpönt war, bietet da ein Gegengewicht. Gras fressen, sich die Knie aufschürfen oder den Ellenbogen des Gegners abbekommen: Wo sonst gibt es denn noch diese Körperlichkeit, diese Direktheit des Erlebens? Endlich spüren wir wieder was. Allein schon deshalb hat die Faszination für Fußball ihr Limit noch lange nicht erreicht.