Abenteuerkino im Kopf

  • TEXT HELGE TIMMERBERG
  • ILLUSTRATION TIM MÖLLER-KAYA

 Je älter ich werde, desto leichter werden die Abenteuer.Neulich saß ich auf einer Bank am Hafen von Vancouver und schaute auf die Wasserflugzeuge. Einmotorige Propellermaschinen mit Schwimmkufen statt Rädern. Mit so etwas bin ich nie geflogen, habe aber oft davon geträumt, und jetzt braucht es nur ein paar Schritte bis zu den Anlegepiers, und schon wäre es so weit. Aber ich bleibe sitzen, weil es mir mittlerweile reicht, sie starten und landen zu sehen. Das sieht spannender aus als auf einer Rollbahn. Oder bilde ich mir das ein? Kann sein. Wo andere einen Kopf haben, ist bei mir ein Kino: Goldrausch begann, Wolfsblut, Schlittenhund – Epen, frei nach Jack London. Die Wildnis rief, und ich folgte ihr mit meinen Träumen, also ohne Skorbut als Tribut an das Abenteuer. Auch mit den Bären kam ich so leichter zurecht. Irgendwo hatte ich über sie Folgendes gelesen: If it’s brown lay down. If it’s black, fight back, if it’s white, good night. Ich weiß nicht, ob das stimmt, aber ich glaube, es stimmt nicht. Nur eines ist sicher: Weglaufen ist falsch. Sie sind schneller als Usain Bolt und fast sogar schneller als ich. Selbst in meiner Fantasie schaffte ich es nur mit Mühe und im letzten Moment, aus dem Unterholz ans Ufer eines der annähernd zwei Millionen Seen Kanadas zu gelangen und durch die offene Kabinentür des Wasserflugzeugs auf meinen Sitz zu springen. Oder soll ich sagen: auf meine Bank? Jack London kam seinerzeit nur mit ein paar Gramm Goldstaub vom Yukon zurück. Ich hatte noch nicht einmal die. Dafür hatte ich die rund 100 kanadischen Dollar für den Rundflug gespart. Ich stand auf und bummelte ins Hotel zurück. Denn nach so einem Trip ruht man sich am besten erst mal ordentlich aus.


Unser Kolumnist pflegt seit 1969 sein heftiges Fernweh, schreibt Reisebücher aus aller Welt – und jeden Monat hier.

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