Hopes are high that the next generation will keep the tradition going

Adler verpflichtet

  • TEXT LASLO SEYDA
  • FOTOS BATZAYA CHOIJILJAV

Die Nomaden im Westen der Mongolei pflegen eine lange Tradition: die Jagd mit dem Steinadler. Dafür entwickeln sie eine tiefe emotionale Bindung zu ihrem Greifvogel

Das Kreischen ist schon von Weitem zu hören. Miiiä–miiiä! Miiiä–miiiä! In einer hohen Frequenz schneidet der Schrei durch die Luft, über die Mauer aus bröckeligen Ziegeln hinaus auf die staubige Straße. Miiiä–miiiä–miiiä!

Es ist ein Adler, der da schreit. Er hockt vor dem steinernen Haus auf einer großen knorrigen Wurzel, geduckt in seinen Federmantel, und immerzu reißt er den Schnabel auf. Ein zerzauster Hahn, der über den Hof tapst, bleibt lieber auf Distanz.

 Die Tür des Hauses öffnet sich, und ein Mann mit grauen Haaren, in dunkler Stoffhose und blauem Kurzarmhemd tritt heraus. „Der Adler ist noch jung“, sagt er. „Er hat noch den Instinkt, um Futter zu betteln.“ Der Mann hält ihm eine Holzkelle mit roten Fleischklumpen hin, und augenblicklich beruhigt sich der Vogel.

Wir befinden uns in der Provinz Bajan-Ölgii, im äußersten Westen der Mongolei, fast 1500 Kilometer von der Hauptstadt Ulan Bator entfernt. Hier lebt eine muslimische Minderheit, die vor etwa 200 Jahren ins Land kam. Neben dem Nomadendasein, das sie während des Sommers mit ihren Ziegen und Rindern führen, haben sich die Kasachen dort eine weitere Tradition bewahrt: die Jagd mit dem Steinadler.

Shaimurat, unser Gastgeber, dessen Kultur keine Nachnamen kennt, ist einer dieser Adlerjäger, ein Berkutschi. Für sein Volk sei das kein Sport, erzählt der 55-Jährige, als wir in seiner Wohnstube mit den unverputzten Wänden und den schweren Teppichen Platz nehmen. Hier im Altai-Gebirge, wo die Gipfel 4000 Meter aufragen und die Temperaturen im Winter auf minus 30 Grad fallen, ist das Leben hart. Und der Adler, mit dem er jagt, hilft täglich dabei, dass ein Abendessen auf den Tisch kommt. Jeden Winter gehen Shaimurat und die anderen Berkutschi auf die Jagd nach Hasen, Füchsen, Murmeltieren. Während Jäger und Adler in den Bergen warten, ziehen Treiber durchs Tal und scheuchen auf, was sich in Löchern, Spalten und zwischen Steinen versteckt. Ist Beute in Sicht, werden die Raubvögel losgelassen. Mit mehr als 200 Stundenkilometern schießen sie hinab und greifen die Tiere, dessen Fleisch die Jäger ernährt und aus dessen Fellen sie Mäntel und Mützen herstellen.

  Die Beizjagd, sagt Shaimurat, sei die höchste Form der Jagd. Mit einem Gewehr könne schließlich jeder jagen. Schon sein Vater und Großvater seien Berkutschi gewesen. Er habe zunächst Geologie studiert, danach für Bergbauunternehmen gearbeitet. Doch nach dem Zusammenbruch des Ostblocks, als auch in der kommunistischen Mongolei die Wirtschaft kollabierte, habe er eine Farm gekauft und sich auf die Tradition der Jagd mit dem Adler besonnen.

Während Shaimurats Frau Kulzira eine Thermoskanne mit Milchtee und gedünstetes Lammfleisch zu den zahlreichen Glasschalen mit Keksen und Bonbons auf den kleinen Ess­tisch quetscht, präsentiert er die Medaillen, die in der Wohnstube hängen, auch die vielen Pokale, gerahmten Urkunden und Banner mit seinem Gesicht. Dreimal hat Shaimurat das Golden Eagle Festival gewonnen, bei dem jeden Oktober die besten Berkutschi ihr Können messen. Wenn Shaimurat den Angriffsflug des Adlers nachahmt, simuliert er mit seinen Armen Vogelschwingen, gleitet er über die Süßigkeiten auf dem Tisch vor sich, krümmt die Finger zu Krallen, schnellt dann plötzlich vorwärts und packt zu: tschack!

„Wer mit einem Steinadler jagen möchte, muss erst einmal einen fangen“, erklärt er. Dazu müsse man hoch in den Altai klettern, zu den Nestern der Raubvögel – und sich dort ein Küken schnappen. Während der Steinadler in vielen Ländern bedroht ist, ist der Bestand in der Mongolei groß genug, um diesen Eingriff unbeschadet zu überstehen. Ein echter Berkutschi nehme immer nur ein Küken mit, versichert Shaimurat, und nur Weibchen. „Die werden fast doppelt so schwer wie die Männchen, bis zu sieben Kilo, sind viel stärker und haben den besseren Jagdinstinkt.“


Um den Adler auf seine Stimme zu prägen, redet der Berkutschi sanft auf ihn ein, singt ihm sogar etwas vor – stundenlang


Bevor das Training beginnen kann, muss sich der Vogel erst an seinen Menschen gewöhnen, Vertrauen aufbauen. Mehrere Monate sitzt er deshalb angeleint auf einer Stange im Haus oder in der Jurte, dem Zelt der Nomaden. Jeden Tag streichelt ihn der Berkutschi, redet sanft auf ihn ein, singt sogar für ihn, stundenlang – damit sich das Tier die Stimme einprägt und später reagiert, wenn es gerufen wird. Fleisch bekommt der Raubvogel vorgesetzt, bis er seinem Besitzer freiwillig aus der Hand frisst: das Zeichen dafür, dass er ihn als Herrn akzeptiert.

Dann beginnt der eigentliche Jagdunterricht. Shaimurat packt zur Demonstration ein paar Fleischbrocken in ein Ledersäckchen, dem der Vogel hinterherhechten soll – erst aus einem Meter Fallhöhe, dann aus zwei Metern, später vom Hausdach, schließlich von einer Klippe. Hunderte Male werden die Übungen wiederholt, bis der Vogel sie perfekt beherrscht.

Wenn der Adler fast erwachsen ist, mit drei oder vier Jahren, zeigt der Berkutschi ihm Häute und Felle von Füchsen und anderer potenzieller Beutetiere. So soll sich das Tier an ihr Aussehen, ihren Geruch gewöhnen. Als letztes Training vor der Jagdreife setzt der Berkutschi seinen Adler auf Felle an, die von einem Pferd gezogen werden. Vor der Jagdsaison schließlich wird das Tier auf Diät gesetzt. Nur ein hungriger Adler ist ein guter Jäger.

Golden Eagle Festival: In jedem Oktober treffen sich die Jäger, um ihren Champion zu küren

  Doch auch für den Besitzer eines guten Jägers sind die Zeiten beschwerlich: Bis zur Russischen Revolution 1917 habe ein Adler eine ganze Familie ernähren können. Zur Zeit des Sozialismus hätte man für einen Fuchspelz noch eine Ziege oder ein Schaf bekommen – heute ist er umgerechnet nur zehn Euro wert, höchstens. Selbst wenn ein guter Adler in einem Winter 50 Füchse reißen kann: Das reicht kaum zum Leben. Ob einer der beiden Söhne mal seinen Platz einnimmt? Shaimurat weiß es nicht. Aber er sorgt sich: „Unsere Kultur löst sich auf.“

Einer, der die Tradition ebenfalls bewahrt, ist Asalbek. Der 30-Jährige – Narbe unter dem linken Auge, eine grüne Gebetskappe schief über die Geheimratsecken gezogen – bildet die siebte Generation einer Berkutschi-Familie. Sein Vater war im Jahr 2000 der Sieger des ersten Golden Eagle Festival. Vor zwei Jahren ist er gestorben, seither sorgt Asalbek für die Familie – seine Mutter, die fünf Brüder und die fünf Schwestern.

Asalbek steht vor seiner Hütte, zehn Kilometer außerhalb des Dorfs Sagsai, und zeigt seinem Sohn Gambal, wie man einen Adler richtig hält. „Erst wenn du einen Adler führen kannst, bist du ein echter Kasache“, sagt er und hockt sich dabei noch ein wenig aufrechter hin. So viel ist klar – für die kasachische Minderheit ist die Adlerjagd ein prägender Teil ihrer Identität.

Vogel-Kundler: Für das Wissen, wie man einen Adler hält und mit ihm jagt, braucht ein Berkutschi viele Jahre Praxis

  Der Vogel sei in der Tat mehr als nur ein Jagdgehilfe, sagt Asalbek – eher ein fester Bestandteil der Familie. Der Adler wird als Individuum gesehen, das wächst, sich weiterentwickelt, sein eigenes Wesen hat. In den heißen Sommern badet Asalbek den Vogel regelmäßig, damit das Gefieder von der trockenen Luft und dem Sandstaub nicht zerzaust wird. In den kalten Winternächten holt er ihn ins Haus oder in die Jurte, hält ihn mit Decken warm. „Wenn es meinem Adler gut geht, dann geht es auch mir und meiner Familie gut – davon bin ich überzeugt.“

Vier Adler hat Asalbek bisher aufgezogen. Auch wenn ihre Jagderfolge unterschiedlich waren, hat ihm jedes Tier etwas bedeutet. In der Regel lasse ein Jäger seinen Vogel nach zehn Jahren frei, erzählt er. „Er soll die Gelegenheit haben, Nachwuchs zu bekommen und ein langes Leben zu führen.“ Aber jeder Abschied sei schwierig, sagt Asalbek und erzählt von Steinadlern, die sich an den Fußsehnen verletzen, Zehen oder Krallen verlieren, nicht mehr jagen können und dann bis zum Ende ihrer Tage gepflegt werden. Und von Berkutschi, die eine Woche Wache halten, wenn ein Vogel stirbt, bevor sie ihn in die Berge tragen, um dort seinen Geist um Verzeihung zu bitten.

Asalbek will uns noch sein Jagdrevier zeigen. Er zieht den kastanienbraunen Mantel seines Vaters an, die schweren Stiefel, den dicken Lederhandschuh, auf dem der Adler sitzt, und die rote Mütze aus Fuchsfell, die leicht ist, aber warm hält.

Der Stolz des Jägers: Für Asalbek ist sein Adler mehr als nur ein Mittel zum Zweck – er ist Gefährte, Partner, Freund

Der Stolz des Jägers: Für Asalbek ist sein Adler mehr als nur ein Mittel zum Zweck – er ist Gefährte, Partner, Freund

Steinadler im Flug

 Asalbek schwingt sich auf sein Pferd. Es geht durch weite Wiesen, die noch getränkt sind vom Tauwasser des Frühjahrs und die unter den Hufen schmatzen, und über Geröllfelder. Dann erklimmen wir langsam die ersten Hügel der Berge. Von dort blicken wir auf einen Fluss, der sich durch die Ebene schlängelt, am Horizont erstrahlen die Gipfel des Altai mit ihren Schneekappen. Oben angekommen, lässt Asalbek den Adler eine Runde drehen. Mit seinen muskulösen Schenkeln drückt sich der Vogel ab, schlägt kräftig mit den Flügeln, steigt höher und höher­ – der Sonne entgegen, die sich nur zögerlich durch die bleigrauen Wolken wagt. Doch schon die wenigen Strahlen lassen das Gefieder des Adlers gelblich schimmern – Golden Eagle.

„Wenn ich hier sitze und ihm nachschaue, träume ich manchmal davon, wie ich auch diesen Adler wieder freilasse“, sagt Asalbek. An einem schönen Tag wird er den Vogel hierherbringen. Dann legt er ihm ein geschlachtetes Schaf auf einen Felsen, wird ihn fressen lassen, bis er satt ist, ihn ein letztes Mal losschicken, aber nicht zurückrufen wie sonst. Vielleicht muss er sich sogar verstecken, damit das Tier ihm nicht nach Hause folgt. Irgendwann wird der Adler davonfliegen – bis er kaum noch größer zu sein scheint als ein Spatz, bevor er ganz im goldenen Himmel verschwindet. Asalbek spricht es nicht aus, aber man sieht seinen Augen an, was er in diesem Moment wohl denken wird: auf Wiedersehen, mein gefiederter Freund.


ZUM ZIEL

Lufthansa fliegt im Dezember wöchentlich bis zu siebenmal von Frankfurt (FRA) und bis zu fünfmal von München (MUC) nach Peking (PEK). Von dort geht es mit regionalen Airlines weiter nach Ulan Bator.
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