Alles am Fluss: Aufmacher
© Gerald Hänel

Auch Hamburger können nicht übers Wasser gehen – aber niemals ohne das nasse Element leben. Ein Besuch an Elbe und Alster.

Der Diakon sieht aus wie ein Seebär. Über seinen kräftigen rechten Unterarm segelt ein mächtiger Wind­jammer. Er trägt Vollbart und ein blau-weißes Fischerhemd, ab und zu steckt er sich eine Pfeife an. Und dann heißt er auch noch Fiete Sturm. So steht’s in seinem Pass. Sturm leitet die Hamburger Seemannsmission direkt an der Elbe, nur wenige Schritte abseits des Fischmarkts. Vor den Fenstern des Rotklinkerbaus ziehen Containerschiffe vorüber, im Haus selbst sollen Seeleute für ein paar Nächte ein Zuhause in der Ferne finden. „Die moderne Seefahrt ist kalt und schnell“, sagt Sturm, „kaum Pausen mehr, dazu weit weniger Besatzung als früher.“ Da stünde ein Maschinist schon mal wochenlang allein vor seinen Dieseln. „Und das kann an der Seele nagen.“

Afrika, Kalkutta, die Philippinen: Die Heimat der Seeleute ist fern. In der Mission bekommen sie Seelachsfilet und Curry­wurst, manchmal auch Bami Goreng oder Chop Suey – Essen fast wie zu Hause. Und wenn sie wollen, auch Trost und praktische Hilfe. „Ich höre den Männern zu, helfe ihnen, Formulare auszufüllen“, sagt Sturm. „Einige wollten schon Blumen aus unserem Garten mitnehmen, um sie sich an Bord neben die Koje zu stellen – zur Erinnerung und als kleinen Herzenswärmer.“

Fiete Sturm ist nie zur See gefahren. Der gelernte Erzieher, gebürtiger Bielefelder, arbeitete zehn Jahre in der Jugendhilfe, dann kam er nach Hamburg und wurde Diakon. „Die Brise, die Schiffe, die Landungsbrücken – wo ich herkomme, gibt es das nicht“, sagt der 37-Jährige. „Aber hier schwappt dir überall das Wasser um die Nase, und das liebe ich.“

Alles am Fluss: Boot

Wassermomente: Party-Törn auf der "MS Hedi"

© Gerald Hänel
Alles am Fluss: Segelboot

Stille Stunde an der Alster

© Gerald Hänel

 Frachter, Segler, dicke Pötte, das ganze maritime Schauspiel – Hamburg beherrscht diese Inszenierung virtuos. Die maritime Symbolik, die hier in den Alltäglichkeiten steckt: die Reeperbahn, die so heißt, weil hier einst die „Reepschläger“ 300 Meter lange Seile zu Tauwerk drehten. Die „Friesennerze“ gegen das „Schietwetter“. Die „Finkenwerder Kutterscholle“, die mit satt Speck und Nordseekrabben zubereitet wird. In Hamburg hat fast alles und jeder mit dem Wasser zu tun. Läuft die Queen Mary 2 in den Hafen ein, erfährt man das auch in entfernteren Stadtteilen wie Eimsbüttel oder Winterhude sofort, denn ihr Schiffshorn tönt 18 Kilometer weit.

Von insgesamt 2500 Brücken im Stadtgebiet überspannen etliche Elbe, Alster und ihre Seitenarme. Wasser bedeckt mehr als acht Prozent der Stadtfläche, allein der Hafen erstreckt sich über rund 71 Quadratkilometer – eine Fläche so groß wie die Stadt Lüneburg mit etwa 78 000 Einwohnern. Rund 8000 Seeschiffe kommen jedes Jahr die Elbe hinauf. Schiffsbefestiger – den Job gibt es auch nicht in vielen Städten – sind Tag und Nacht im Einsatz, um Frachter und Kreuzfahrer an den 280 Liege­plätzen mit armdicken Seilen zu vertäuen. 135 Millionen Tonnen Ladung wurden hier, in Deutschlands größtem Seehafen, im letzten Jahr über die Pierkanten gehievt. Würde man alle Kaimauern abgehen, müsste man 43 Kilometer weit laufen. Aber was sind schon Zahlen?

Alles am Fluss: Seemann

Seeleute finden bei Diakon Fiete Sturm von der Seemannsmission stets ein offenes Ohr

© Gerald Hänel
Alles am Fluss: Ufer

"Fofftein" (plattdeustch für Pause) an den Landungsbrücken

© Gerald Hänel

 Die Hamburger haben das Wasser im Blut. Es kommt auch gern von oben und manchmal, bei Sturmflut, sogar von unten. Droht der Fischmarkt mal wieder überschwemmt zu werden, parkt man eben das Auto um, ist ganz normal hier. Sogar mitten in der Altstadt ist der Wechsel von Ebbe und Flut zu beobachten: Aus den Restaurants am Nikolaifleet blickt man alle sechs Stunden abwechselnd auf Wasser und feuchtglänzenden Schlick. Drüben auf der anderen Elbseite, in Wilhelmsburg, wohnen einige Hamburger nicht an, sondern auf dem Wasser auf Hausbooten. Ein Stück weiter, im Hamburger Binnenhafen, dümpelt das Haus des kürzlich gestorbenen Sängers Gunter Gabriel am Kai. Der Musiker Olli Schulz und der YouTuber Fynn Kliemann, bekannt für seine Heimwerker-Videos, bauen es nun in eine Werkstatt für Kreative um.

Niemand hat es je gezählt, aber in Hamburg müssten es Hunderttausende sein, die mit dem Wasser beruflich zu tun haben. Da sind natürlich die Profis der Hafenwirtschaft: die Schiffsausrüster und die Dockarbeiter, die Lotsen und die Kapitäne, die Schiffsversicherer und die Reeder. Die Zollbeamten, die auf Frachtern Schmuggelware hinterherspüren. Und wo gibt es das sonst noch in Deutschland: Gleich hinter den Landungsbrücken und vis-à-vis der Elbphilharmonie liegt ein Jachthafen. Ist wieder ein Segler die Elbe heraufgekommen, steht Hafenmeister Rainer Timm auf dem Steg und weist ihm einen Liegeplatz zu. „Unsere Gäste kommen buchstäblich auf eigenem Kiel“, sagt der gelernte Schiffszimmerer. Sportboot­kapitäne haben kurze Wege – in die City, zur Oper, zu den Musicaltheatern sind es nur wenige Meter. Oder einfach da­bleiben: „Auf seiner Jacht sitzen und das Flair der Innenstadt genießen – ich wüsste nicht, wo man das schöner erleben könnte.“

Alles am Fluss: Entspannen

Alsterschippern: Im Sommer paddeln die Hamburger durch die weit verzweigten Alsterkanäle

© Gerald Hänel

 Wer kein eigenes Boot hat, nimmt eine der Fähren, die zum ÖPNV gehören und wie Busse auf der Elbe pendeln – zum Beispiel von den Landungsbrücken zum Museumshafen Övelgönne, von wo man in ein paar Minuten die „Strandperle“ erreicht. Das ist keine dieser Beachbars mit aufgeschüttetem Sand – der Elbstrand ist echt, der große braungrüne Strom knabbert an ihm, und dennoch gehen wenig zimperliche Hamburger hier baden. Ein paar Schritte weiter drängen sich am Wochen­ende Einheimische und Touristen vorbei an alten Lotsenhäusern mit handtuchgroßen Vorgärtchen und Häkelgardinen in den Fenstern.

Gegenüber, am Südufer der Elbe, wacht Bademeister ­Michael Wendebaum in Finkenwerder über eins der schönsten Freibäder der Stadt. Es liegt ebenfalls direkt am Fluss, wer im Becken seine Bahnen schwimmt oder sich auf der Liegewiese aalt, blickt auf haushohe Con­tainerriesen, die hinter dem Zaun vorüberschippern. An Wendebaum zieht jeder Container vorbei, der Hamburgs Kais erreicht. „Wäre ich ein Ship-Spotter, müsste ich alle zehn Minuten meine Kamera zücken.“


 

Alles am Fluss: Karte
© Cristóbal Schmal

 

 

 

1 Airbus

2 Freibad Finkenwerder

3 Stackmeisterei

4 „Strandperle“

5 Deutsche Seemannsmission

6 Jachthafen

7 Elbphilharmonie

8 Speicherstadt

9 Binnen- und Aussenalster


 

 Maritime Berufe gibt es viele in der Stadt, und selbst die Hamburger kennen sie nicht alle. Was zum Beispiel sind Stackmeister? Nun, in ihrem „Tonnenhof“, ebenfalls in Finkenwerder, warten sie die kolossalen Bojen, mit denen die Fahrrinnen auf der Elbe markiert werden. An Land wirken die grünen, roten, gelben und schwarzen Tonnen noch gewaltiger als im Wasser: Sie sind bis zu sieben Tonnen schwer und sechs Meter hoch. Regelmäßig fahren die Techniker hinaus auf den Strom, prüfen Batte­rien, Solarpanele und Leuchten der Tonnen. „Nur wenn Frost droht, holen wir sie aus dem Wasser“, sagt Sven Meyer, der Leiter der Stackmeisterei. An seinem Arbeitsplatz riecht es nach Teer und Diesel – dem typischen Aroma dieser Stadt.

Ein paar Kilometer stromabwärts riecht es eher nach Kerosin, in Hamburg werden auch Flugzeuge direkt am Wasser ­gebaut. Auf den Rollbahnen der Airbus-Werke stehen frisch lackierte Passagiermaschinen, an den Kais machen Frachter fest mit der Aufschrift „Airbus an Bord“. Viele Bauteile kommen mit Containerschiffen über die Elbe.

Alles am Fluss: Paddeln
© Gerald Hänel
Alles am Fluss: Strand

Immer was zu gucken: Containerbrücken gegenüber der "Strandperle"

© Gerald Hänel
Alles am Fluss: Rudern

Rudermeisterin Lotta-Laura Schmidt auf der Alster

© Gerald Hänel

 Doch die Hamburger sind nicht nur salzwasserfixiert, sie können auch Süßwasser. Denn auch rund um die Alster, den im Mittelalter aufgestauten Stadtsee, trinken sie am Ufer ihr Bier und gucken auf Hamburgs blaue Mitte. Dort ist so ziemlich alles unterwegs, was Auftrieb hat: Tretboote und Segeljollen, Kanus, Kajaks, die Stand-up-Paddler und die Ruderer. An Sommertagen wirkt der See wie ein gigantisches Planschbecken voller tanzender Kinderspielzeuge. Lotta-Laura Schmidt, 14 Jahre, talentiert und ehrgeizig, legt sich für die Ruder-Gesellschaft Hansa ins Zeug, 2018 hat sie im leichten Einer den Bundeswettbewerb im Rudern gewonnen, quasi die Deutsche Meisterschaft im Kinderbereich. Olympische Spiele – da will sie hin. „Ich trainiere fünfmal die Woche, immer nach der Schule. Auf dem Wasser kann ich abschalten, da versinke ich richtig in der Konzentration auf den stimmigen Fluss der Bewegungen.“ Und schon zischt sie weiter über die Außenalster, rechts hinter ihr die weißen Villen von Harvestehude, links das Hotel Atlantic. Dann unter Kennedy- und Lombardsbrücke hindurch zur Binnenalster, auf den Jungfernstieg zu. In ihrem Rücken jetzt die Hundertschaften von Joggern, die im Slalom die Spaziergänger-Pulks umspurten auf der 7,4 Kilometer langen Runde einmal um den See.

Alles am Fluss: Schwimmen

Hier kentert keiner: Michael Wendebaum hat im Freibad Finkenwerder nicht nur die Schwimmer, sondern auch jeden vorbeiziehenden Containerfrachter im Blick

© Gerald Hänel

 Wenn es dunkel wird, ist auf der Elbe noch immer Betrieb, der Hafen macht niemals Feierabend. Zwischen ein- und auslaufenden Ozeanriesen schaukelt die MS Hedi über den Fluss, ein Partydampfer, der im Stundentakt an den Landungsbrücken anlegt, um Gäste an und von Bord zu lassen. Dröhnend schippert die Barkasse vorbei an Kaianlagen, turmhohen Container­stapeln, Schrottplätzen. Die Menge an Bord groovt, während Techno und Neo-Swing, Hip-Hop und Hans Albers auf dem Plattenteller zu einem eigenwilligen Soundtrack verschwimmen. Dancefloor und Discokugeln auf der gurgelnden Elbe, fröhliche Beats zwischen Schleppern und Frachtern. Die Party geht bis zwölf Uhr nachts, dann müssen alle von Bord.

Ein paar Stunden später werden in den Kneipen auf St. Pauli und nahe dem Fisch­markt schon wieder die ersten Biere gezapft. Nebenan in der Seemannsmission zieht sich Fiete Sturm seinen Elbsegler in die Stirn und tritt hinaus in die Südwestbrise. Am anderen Ufer, im Dock 11 von Blohm + Voss, fliegen die Funken, dort wird ein Frachter überholt. Barkassen kämpfen sich durch kabbelige Wellen. Ungerührt zieht ein Kreuzfahrer vorüber, gleich wird sein Horn die Stadt wecken.


Wo in Hamburg ankern?

Icon: Anker

Kapitänsfrühstück

Die besten Fischbrötchen gibt’s bei „Meeres-Kost“ am Elbufer.

meeres-kost.de

Icon: Hotel

Schlafen an der Elbe

Im Hotel Louis C. Jacob ziehen die Pötte direkt am Fenster vorbei.

hotel-jacob.de

Icon: Essen

Butter bei die Fische

Fine Dining mit Sternekoch Kirill Kinfelt in der Hafencity.

kinfelts.de

Icon: Cocktail

Drinks mit Hafenblick

Die Skyline Bar 20 Up im Empire Riverside liegt 90 Meter hoch.

empire-riverside.de


ZUM ZIEL

Lufthansa fliegt im April mehrmals täglich von Frankfurt (FRA) und München (MUC) nach Hamburg (HAM). Ihre Meilengutschrift errechnen Sie per App unter: miles-and-more.com/app