Alles im weißen Bereich
© Tim Möller-Kaya

 Manchmal wache ich morgens auf und weiß nicht sofort, wo ich bin. Das hat nicht unbedingt etwas mit irgendwelchen Sünden am Vorabend oder in der Nacht zu tun, auch nicht mit zu wenig Schlaf. Es ist weder Folge eines Katers noch der Hangover eines intensiven Traums. Eher würde ich es als einen Kollateralschaden des permanenten Reisens bezeichnen. Jeden Tag eine neue Stadt, ein neues Hotel, ein neues Bett. In der Regel dauert es nur Sekunden, bevor das innere Navi anspringt, aber neulich kam es mir länger vor. Auch unheimlicher. Weil der Raum, in dem das geschah, ohne jede Farbe war. Ein weißer Tisch, ein weißer Schrank, weiße Stühle. Auch Einbauküche, Teppich, Vasen, Wände: Alles war weiß in diesem Zimmer. Und durch die weißen Vorhänge fiel milchig weißes Licht. Ich erschrak ein bisschen. Wird als Nächstes ein weißer Kittel reinkommen? Ist es das Vorzimmer zum Paradies? Sieht so der Warteraum zum Jenseits aus?

Zugegeben, das war keine ernsthafte Frage, eher eine literarische. Sartre hat solche Sachen geschrieben, Kafka auch. Ich wusste zwar noch immer nicht, wo ich war, aber was ich vor Jahrzehnten gelesen hatte, daran erinnerte ich mich genau. Ich richtete mich auf, setzte mich auf die Bettkante und schaute, ob irgendwo eine weiße Kaffeemaschine herumsteht, aber noch bevor mein Blick fündig wurde, machte es klick und ich war wieder da. Na klar, vorgestern wachte ich in Bangkok auf, gestern in Hongkong, und das hier ist auch eine Stadt, für die sich das Aufstehen lohnt. Auch das Bleiben. Mindestens drei Tage. Nur das Hotel sollte ich wechseln. In Shanghai.


Unser Kolumnist pflegt seit 1969 sein heftiges Fernweh, schreibt Reisebücher aus aller Welt – und jeden Monat hier.

helgetimmerberg.com