Auszeit im Eis: lappländische Tundra
© Meiko Herrmann

Auszeit im Eis

  • TEXT EMILY BARTELS
  • FOTOS MEIKO HERRMANN
  • ILLUSTRATION CRISTÓBAL SCHMAL

Ein Gletscher mitten in der Wildnis von Lappland, nahe dem Polarkreis: Wer in dieser Gegend wandert, begegnet mehr Rentieren als Menschen – eine traumhafte ­Vorstellung für unsere Autorin.

Als wir auf die Eiskante zulaufen, knirscht Geröll unter unseren Füßen. Ich werfe einen letzten Blick zurück auf die grüne Tai­ga Lapplands, flache Schmelzwasserseen glitzern freundlich in der Ferne. Ein paar Meter vor mir beginnt der Gletscher Kåtojåkka. Das Eis an seinem Fuß ist zerklüftet, aber es kann mich tragen. Etwas umständlich verteile ich die Teile meiner Ausrüstung in Reichweite, damit ich die Hände frei habe, um die Steigeisen anzulegen. Sie gehören zu den Dingen, die ich noch nie zuvor in meinem Leben gebraucht habe, das gilt auch für den Eispickel und den Bergsteigerhelm.

Denn ich lebe in einer Großstadt. Wenn ich Ruhe will, fahre ich ans Meer oder gehe im Wald spazieren. Aber kann man sich an der Nordsee verlieren, zwischen Fischbrötchenbuden und Surfschulen? Darf man in einem Hamburger Vorort ein Lagerfeuer am Wegesrand entfachen, einfach so? Eben. Doch genau das möchte ich: über Gehölz balancieren, in den Matsch fallen, Fisch am offenen Feuer grillen und dann noch tagelang den Rauch auf meiner Jacke riechen. Die Frösche quaken hören – und meinen Herzschlag, wenn ich einem Rentier begegne. Die Sehnsucht nach Wildnis hat nicht nur mich gepackt, sie speist ganze Indus­trien. YouTuber werden reich mit Videos, in denen sie im Wald übernachten, ausgerüstet lediglich mit einem Messer. Bei Globetrotter kaufen nicht mehr nur Angler und Extremsportler, unzählige Reiseagenturen versprechen ihren Kunden die echte Wildnis.

Auszeit im Eis: Anflug

Anflug aufs Abenteuer: Über die lappländische Tundra wird die Reporterin zum nordwestlichen Zipfel von Schweden geflogen, auf den Gletscher Kåtojåkka

© Meiko Herrmann

 Im Sommer durfte ich endlich meinen Rucksack packen: zwei Tage lang wandern in den Bergen Lapplands. Der Startpunkt: das Dorf Abisko, von Schweden „Obisko“ ausgesprochen, 195 Kilometer nördlich vom Polarkreis. An acht Wochen im Jahr geht die Sonne hier den ganzen Tag nicht unter, im Winter geht sie wochenlang nicht auf. Rund 130 Menschen leben hier, es gibt eine Forschungsstation, ein Touristenzentrum und Hotels, wo die Wanderer unterkommen. An keinem Ort der Welt könne man so gut Polarlichter beobachten wie hier, heißt es. Die Nächte sind dunkel, weil keine Siedlungen – also Lichtquellen – in der Umgebung liegen. Außerdem schützt ein Ring von Bergen das Dorf, das wegen seines guten Wetters auch „Blue Hole“ genannt wird. Er sorgt dafür, dass die Wolken auf der norwegischen Seite ­Lapplands hängen bleiben und dort abregnen.

Wer nach Abisko will, reist über Kiruna an, die nördlichste Stadt Schwedens. Etwa 27 Millionen Tonnen Roherz werden hier, in der größten Eisenerzmine der Welt, jährlich gefördert und in die offenen Waggons der Erzbahn gefüllt. Schon seit 1902 ­pendelt der Zug aus 52 Wagen zwischen Kiruna und der norwegischen Hafenstadt Narvik. Weil Kiruna in die Minen einzubrechen droht, wird die komplette Stadt gerade um einige Kilometer verlegt, sogar die alte Kirche aus Holz soll abgebaut und versetzt werden.

Auszeit im Eis: Geweih

Moos und Flechten haben vom Geweih Besitz ergriffen

© Meiko Herrmann
Auszeit im Eis: Zelt

Als die Wanderer am Morgen aus den Zelten kriechen, landen sie in zartem Neuschnee

© Meiko Herrmann
Auszeit im Eis: Essen

Es gibt kein besseres Essen nach einer Wanderung durch Lappland: Rentier-Eintopf mit Preiselbeeren

© Meiko Herrmann
Auszeit im Eis: Abstieg ins Basecamp

Unübersehbar in Feuerwehr-Orange: die Reporterin beim Abstieg ins Basecamp

© Meiko Herrmann

 Das Wahrzeichen von Abisko ist ein hufeisenförmiges Tal, ein U im Fels, als hätte ein Riese einen großen Happen aus dem Berg gebissen. Die Schweden nennen es „Lapporten“, das Tor zu Lappland, Heimat der Samen und ihrer Rentiere. Die Taiga, wo die Bäume wegen des langen Winters klein und zierlich wie Büsche bleiben. Die Bergkette Skanden, die sich von der Skagerrak-Küste im Süden Norwegens bis zum Nordkap zieht. Keine Straßen, keine Wegmarkierungen und keine Siedlungen im weiten Umkreis. „Wilder als hier wird’s kaum, jedenfalls nicht in ­Europa“, sagt unser Bergführer Mattias Erlandson.

Das Eis unter unseren Schritten ist hügelig wie eine Buckelwalhaut. Ich fühle mich, als würde ich mit den scharfen Stahlzacken unter meinen Sohlen auf dem Rücken eines lebendigen Wesens laufen. Zweimal dringt ein lang gezogenes Knacken aus der Tiefe. „Das Eis ist immer in Bewegung“, sagt Mattias, „die Schwerkraft zieht den Gletscher jedes Jahr ein Stück den Berg hinunter.“ Auf seiner Fahrt reißt das Wesen jede Menge Geröll mit sich, wühlt Steine aus der Tiefe und begräbt sie wieder unter sich. Der Guide hat uns ans Seil genommen, denn jetzt bedeckt frisch gefallener Schnee den Boden – ein falscher Schritt, und wir könnten in eine Gletscherspalte stürzen. Also laufe ich wie ein folgsamer Hund an der Leine. Ein wunderbarer Zustand, es gibt nichts weiter zu tun, außer einen Fuß vor den anderen zu setzen. Nur noch die Grundbedürfnisse zählen jetzt: warm und trocken bleiben und von Zeit zu Zeit einen Schluck aus Mattias’ Thermoskanne nehmen: Der schwedische Kochkaffee würde selbst Ötzi wieder zum Leben erwecken. Ansonsten richten sich alle Gedanken auf das Wesentliche: das Selbst und die Natur. Ich weiß, es gibt irgendwo da draußen auch Städte und Autos, aber ich sehe sie nicht. Ich sehe überhaupt nicht besonders viel: Der Schnee und die Wolken, in die wir laufen, hüllen uns in ein weißes Rauschen. Wenn ich zu lange in den konturlosen Raum schaue, verliere ich fast die Orientierung, wie ein Taucher im Tiefenrausch. Dabei stehen wir jetzt auf der Spitze des Gletschers, zurzeit 1991 Meter hoch.

Auszeit im Eis: Lappland
© Meiko Herrmann

Keine Lichtquelle weit und breit – der perfekte Ort, um Polarlichter zu sehen

 Etwa 20 Kilometer südlich erhebt sich der Berg Kebnekaise, der im Sommer 2018 für Schlagzeilen sorgte. Sein südlicher, vereister Gipfel war bis dato der höchste Punkt Schwedens. Doch in den vergangenen Jahren ist der Gletscher so weit abgetaut, dass er nun vom 2097 Meter hohen Nordgipfel übertroffen wird. Mattias Erlandson sagt, er spüre die Erderwärmung überall in den Bergen. Beim Abstieg zeigt er uns ein gigantisches Loch im Eis. Solche Kryokonit­löcher entstehen, wenn sich Sediment auf der Glet­scher­oberfläche sammelt. Das dunkle Gestein ­erwärmt sich in der Sonne und lässt das Eis unter sich schmelzen, bis es einsackt. Manche Löcher sind klein wie Golfbälle, das hier aber ist so tief, dass wir den Boden nicht erahnen können. Wir hören das Schmelz­wasser in der blau schimmernden Tiefe gluckern.

Wir müssen weiter, vor Einbruch der Dunkelheit wollen wir das Basislager erreichen. Während des Abstiegs passieren wir die Eisgrenze, vor uns liegt das Fjäll, die baumlose Bergtundra. Frost und Tauwetter haben den Fels über die Jahre in Schollen gebrochen. Einige Steine sehen aus, als hätte sie jemand mit dem Brotmesser in Scheiben geschnitten, andere ragen wie Drachenschuppen aus dem Boden. Niemand kann genau sagen, wann sich die Skanden aus der Erdkruste falteten, die Schätzungen reichen von 400 Millionen bis zu jugendlichen 40 Millionen Jahren. Sicher ist: Was wir heute sehen, ist bloß ein Relikt ihrer einstigen Größe – die Erosion hat die Gipfel schon lange zu flachen Plateaus und sanften Kuppen geschmirgelt.

Den Blick halte ich strikt auf den wackeligen Untergrund geheftet, der sich bunt gefärbt hat: Die Steine sind von einem Teppich aus Flechten überzogen, Tupfen in Schwefelgelb, Grün oder Blau. Flechten sind faszinierende Lebewesen, eine Symbiose aus Pilz und Alge oder Bakterien. Sie leben in den unwirtlichsten Regionen der Welt, manche Arten können Tausende Jahre alt werden. Wird ihre Umgebung zu trocken, fallen Flechten in einen tiefen Schlaf. Wenn sie Jahrzehnte später wieder Zugang zu Wasser haben, wachsen sie weiter, als wäre nichts gewesen.

Auszeit im Eis: Lappland
© Meiko Herrmann
Auszeit im Eis: Lappland
© Meiko Herrmann

 Bald sehen wir unser Ziel türkisfarben in der Ferne leuchten: ein kleiner See auf 1150 Meter Höhe, an dessen Ufer wir unsere Zelte aufschlagen wollen. Die Begleitcrew hat dort schon ein paar Gaskocher aufgestellt, und kaum sind wir über das letzte Rinnsal aus Schmelz­wasser gesprungen, drückt Mattias uns schon einen Edelstahlbecher mit heißer blåbärssoppa in die Hand, eine klebrig-süße Heidelbeersuppe. Später im Zelt, beim Schein der Stirnlampe, lausche ich dem Wind und dem Schnee, der kratzend auf der Plane landet. Ich friere trotz Schlafsack und drei Kleidungsschichten, die Schwerkraft zieht mich in die talseitige Ecke des Zelts. Ich genieße trotzdem jede Minute, denn morgen schon geht es zurück nach Abisko.

Dort treffe ich Johan Skullman. Er stammt aus der Nähe von Stockholm, arbeitete für das schwedische Militär, testete und entwickelte Ausrüstungsgegenstände. Heute macht er das Gleiche für schwedische Outdoor-Ausrüster wie Fjällräven oder Aclima. Johan verbringt rund 250 Tage des Jahres draußen in den Bergen. Er begleitet Touristen auf Wanderungen, Kanutouren oder Fahrten mit Schlittenhunden. „Ich bin schon als Sechsjähriger mit Karte und Kompass in die Wälder gegangen“, erzählt er. Johan hat jene verschmitzte und zufriedene Art von Menschen, die viel Zeit in der Natur verbringen. Als könne ihn nichts aus der Ruhe bringen, kein Stau, kein Sturm, kein Stress. Als ich erzähle, dass ich die Wildnis suche, schaut er mich verwundert an. „Die Natur wartet 100 Meter neben der Straße“, sagt er, „du musst einfach rausgehen, über den nächsten Hügel, und dort, wo du dein Zuhause aus dem Blick verlierst – da beginnt die Wildnis.“

Checkliste von Outdoorexperte Johan Skullman

Auszeit im Eis: Verstand
© Cristóbal Schmal

Verstand

Ohne ist jede Ausrüstung wertlos

Auszeit im Eis: Wetterschutz
Cristóbal Schmal

Wetterschutz

„Wind Sack“ von Fjällräven

Auszeit im Eis: Erste Hilfe
© Cristóbal Schmal

Erste Hilfe

„First Aid Kit“ von Ortlieb

Auszeit im Eis: Kompass
© Cristóbal Schmal

Kompass

„Truearc 3“ von Brunton

Auszeit im Eis: Messer
© Cristóbal Schmal

Messer

„Bushcraft Survival“ von Morakniv

Zum Ziel

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