Barfuß in St. Tropez
© Tim Möller-Kaya

Barfuß in St. Tropez

  • TEXT HELGE TIMMERBERG
  • ILLUSTRATION TIM MÖLLER-KAYA

 Was bedeutet es, wenn ein kleiner Fischerort mit gut 4000 Einwohnern von rund sechs Millionen Touristen im Jahr heimgesucht wird, was pro ­Monat 500 000 Besuchern entspricht und etwa 16 000 am Tag? Es bedeutet, dass der Fischerort kein Geheimtipp mehr ist. In Wahrheit überhaupt kein Tipp. Kein Reisekolumnist, der noch alle Tassen im Schrank hat, schickt seine Leser dorthin.

Trotzdem empfehle ich, wenn man eh in der Nähe ist, gern St. Tropez. Aber erst nach Mitternacht. Weil der Ort viel zu wenig Hotels für die Massen hat und die wenigen, die es gibt, viel zu teuer sind, fahren die allermeisten in den späten Abendstunden wieder weg, um irgendwo anders zu übernachten. Bis dahin frequentieren sie die Wiege des Jetsets wie eine Kirmes oder einen Zirkus oder eine Bootsshow oder einen Hafengeburtstag oder irgendetwas anderes, durch das man sich ein paar Stunden lang schiebt, vielleicht in der Hoffnung auf ein Selfie mit den Geissens, vielleicht auch in der Hoffnung auf mehr – eine Hoffnung, die durchweg trügt, weil das, was die Menschen erhoffen, erst wieder die Luft zu atmen, den Platz zum Tanzen und die Gassen zum Träumen hat, wenn alle weg sind. Selbst die Uferpromenade und der Pier waren fast leer, als ich mich kurz nach Mitternacht mit Lara auf die Hafenmauer setzte und endlich Gunter Sachs verstand. Der Himmel, das Meer, die alten Steine. Eine Sommernacht an der Côte d’Azur. Zwei Bars gegenüber den Jachten hatten noch auf. Nicht zu voll, nicht zu einsam, Cuba Libre, keine Diebe, wir tanzten zwischen den Tischen, barfuß sogar, denn der Boden bestand aus Sand. Die Geissens haben wir bei alledem nicht gesehen. Auch das war schön.


Unser Kolumnist pflegt seit 1969 sein heftiges Fernweh, schreibt Reisebücher aus aller Welt – und jeden Monat hier.

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