Bei den sanften Riesen - Seekühe in Florida
© Julian Walter

Bei den sanften Riesen

  • TEXT FLORIAN SANKTJOHANSER
  • FOTOS JULIAN WALTER

In Florida waren Seekühe fast ausgestorben, nun sorgen Tierschützer dafür, dass der Bestand wieder wächst. Unser Autor erfüllte sich einen Lebenstraum und ging mit den knuffigen Kolossen schnorcheln

Versucht habe ich es in Ägypten, in Indonesien und Mosambik. Ich habe Mondfische und Delfine gesehen, Teppichhaie und Pygmäen-Seepferdchen. Aber in 15 Jahren und während 400 Tauchgängen nicht eine einzige Seekuh. Wenig von dem, was unter Wasser herumschwirrt und -gleitet, ist seltener und seltsamer als diese Urzeitviecher. Sie sollen tiefenentspannt sein, erzählt man. Und so zutraulich, dass sie sogar manchmal Menschen umarmen. Wie könnte ich da aufgeben?

Nun also Florida, Citrus County. Es ist früh am Morgen, Nebel hängt zwischen den Eichen und Palmen, ein paar Touristen dümpeln bereits auf neonbunten Schwimmnudeln im trüben Crystal River. Ich ziehe den Neoprenanzug hoch über die Schultern und gleite ins kühle Wasser, starre durch die Taucherbrille ins Braungrün, drehe den Kopf – und entdecke, direkt neben mir, meinen ersten Manati.

Ein Taucherleben wird perfekt: der Autor beim Synchronschwimmen mit einer Seekuh

Ein Taucherleben wird perfekt: der Autor beim Synchronschwimmen mit einer Seekuh

© Julian Walter
Seekühe sind extrem zutraulich - zur Freude der Schnorchler

Seekühe sind extrem zutraulich - zur Freude der Schnorchler

© Julian Walter

  Als Kolumbus und seine Matrosen 1493 die Seekühe der Karibik als erste sichteten, hielten sie diese für Meerjungfrauen, so habe ich es vor der Reise gelesen. Nun gut, die Männer waren lange allein auf See … Das Exemplar vor mir sieht eher aus wie eine graue Wurst mit Stummelarmen. Seepocken und Algen flecken den Rücken und die runde Schwanzflosse des Tiers, aus schwarzen Knopfaugen mustert es mich. Das bilde ich mir zumindest ein. Tatsächlich sind Manatis halb blind, viel besser nehmen sie ihre Umgebung mit den Tasthaaren wahr, die ihnen borstig um die runzlige Schnauze wachsen. Denkt man sich noch Segelohren und einen Rüssel dazu, erkennt man mit ein wenig Fantasie den engsten Verwandten der Seekuh: den Elefanten. Vor 60 Millionen Jahren gingen die Vorfahren der heutigen Art ins Meer, und noch immer sind sie ungeschlagene Meister darin, die Seegraswiesen abzumähen – im Indischen Ozean und im Pazifik, in den Gewässern Westafrikas, im brasilianischen Amazonasgebiet und hier, an den Küsten Floridas.

Mit etwas Fantasie lässt es sich erkennen: Der engste Verwandte der Seekuh ist der Elefant

Wie ich den Manati so ungelenk auf seinen stumpigen Vorderflossen über den Sandgrund hoppeln sehe, wundere ich mich, dass diese Wesen nicht ausgestorben sind. „Sie sind zäh und schlau“, sagt Bob Bonde, „sie vergessen nichts, sie sind die Herren ihrer Welt.“ Bonde, 64, studiert Floridas Seekühe seit fast 40 Jahren, man nennt ihn den „Manati-Flüsterer“. Als er 1978 nach Florida kam, sah er jahrelang vor allem tote Manatis. Dabei haben die bis zu vier Meter langen und 600 Kilo schweren Rundschwanzseekühe keine Feinde – außer eben uns Menschen. Jahrhundertelang jagten indigene Bewohner und europäische Siedler die Manatis wegen ihres Fleisches. Sklavenhalter drehten sich Peitschen aus ihrer Haut, die Knochen dienten als Ersatz für Elfenbein. Erst 1907 wurde die Jagd in Florida verboten, nur ein paar Hundert Exemplare hatten überlebt. Und die sahen sich bald neuen Gefahren gegenüber.

In den vergangenen 30 Jahren hat sich Floridas Bevölkerung auf 20 Millionen verdoppelt. An den Kanälen von Crystal River, so heißt auch die Stadt am Fluss, reihen sich Holzbungalows aneinander, mit gepflegtem Rasen und Privatsteg. Viele gehören Snowbirds: Rentnern, die jeden Herbst aus den nördlichen Bundesstaaten und aus Kanada einfliegen, um im warmen Florida zu überwintern. Für viele von ihnen gehört zum Leben im Sunshine State zwingend ein Boot. Mehr als eine Million Boote pflügen durch die Flüsse und Seen des Bundesstaats, auf jeden Manati kommen Hunderte Propeller. Kaum ein Tier entkommt ihnen, mancher Rücken ist getigert von Narben. Tödlich aber ist für Manatis die schiere Wucht eines Rumpfs, der sie rammt. Ihre massiven Rippen brechen und durchbohren die Lunge; Bootsunfälle machen ein Viertel der Todesfälle aus.

 

Im Tuckermodus: Die Boote von Crystal River Watersports halten sich an das Tempolimit in den Mangroven

Im Tuckermodus: Die Boote von Crystal River Watersports ...

© Julian Walter
Tempolimit in den Mangroven

... halten sich an das Tempolimit.

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  Umso erstaunlicher, wie zutraulich die Tiere sind. Mein Manati kommt immer näher, selbst als ich rückwärts paddle. Er stupst mich an, schwimmt direkt unter mir hindurch. Ich kann nicht widerstehen, strecke meine Hand aus, fühle die Haut. Wie glitschiges Leder. Das Tier rollt sich auf den Rücken, als wollte es mir signalisieren: den Bauch, den Bauch! „Manatis mögen es, berührt zu werden“, sagt Bonde, „wie eine Katze, die sich an deinem Bein reibt. Und hier in Crystal River haben sie gelernt, uns zu trauen.“

Welthauptstadt der Manatis“ nennt sich das verschlafene Nest im Nordwesten Floridas großspurig, aber nicht grundlos. Gut 6600 Exemplare gibt es in Florida inzwischen wieder, über 1000 davon versammeln sich jeden Winter in den warmen Gewässern rund um Crystal River. Denn die Dickhäuter haben – man glaubt es kaum – nur wenig Körperfett, sie frieren schnell. Sobald es im Golf von Mexiko kälter als 20 Grad wird, schwimmen sie die Flüsse hinauf, eine Prozession grauer Giganten. Das übrige Jahr sind sie Einzelgänger und wandern bis Kuba und Cape Cod. Nun aber drängen sie sich zu Hunderten in den Quellen von Citrus County, die ganzjährig behagliche 22 Grad warm sind – und weniger als zehn Kilometer vom Meer entfernt, also von den Seegraswiesen, wo sich die Seekühe rund fressen. ­„Wäre ich ein Manati“, sagt Bonde, „ich würde hier leben.“

1983 wurden Teile des Areals zum Schutzgebiet erklärt, seit 2012 umfasst es die gesamte Kings Bay. Überall ragen Schilder aus dem Wasser, die „Idle Speed“ und „No Wake“ anmahnen: im Leerlauf fahren, Kielwellen vermeiden. Wer das missachtet, bekommt eine Geldstrafe oder verliert sogar seine Lizenz als Guide. Manch Konservativer fühlt sich dadurch gegängelt: In Citrus County haben mehr als zwei Drittel Trump gewählt, an den Straßen wehen riesige US-Flaggen, vor manchen Häusern flattert sogar die Fahne der Konföderierten. Die Lokalzeitung Citrus County Chronicle druckt bis heute Leserbriefe, in denen sich die Manati-Gegner ereifern. Ein 85-Jähriger schrieb, dass die Tiere die wahre Bedrohung für die Flüsse seien. Andere bezweifeln gar, dass es sich um eine einheimische Art handelt. Online werden T-Shirts verkauft mit dem Slogan „Selbst Jesus hasst Manatis“. Vor allem Fischer sind genervt vom Tempolimit, sie wollen schnell zu ihren Revieren – ohne „nature speed bumps“, lästige Hindernisse auf dem Weg.

TPA

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 Die Mehrheit der Bevölkerung aber steht hinter dem Tierschutz. Wohl auch, weil er sich auszahlt. Seit National Geo­graphic 2013 eine Reportage über die knuffigen Tiere druckte, hat sich die Zahl der Touristen auf mehr als 250 000 pro Jahr verdoppelt. An keinem anderen Ort der USA ist es erlaubt, mit den sanften Dicken zu schnorcheln. Ein glänzendes Geschäft für diesen vergessenen Winkel Floridas, in den sich sonst nur wenige Touristen verirren. So setzen nun alle auf die grauen Sympathieträger: Manatis liegen als Plüschtiere in den Souvenirläden und stehen als Plastikfiguren vor Restaurants, sie zieren Nummernschilder und, klar, das Wappen der Stadt.

Schon mahnen Tierschützer, der Manati-Tourismus laufe aus dem Ruder. „Das ist kein Streichelzoo hier“, sagt Stacy Dunn, „die Tiere kommen nicht zu unserem Vergnügen. Sie kommen, um zu überleben.“ Seit zehn Jahren bietet die energische 55-Jährige mit ihrem Mann Mike, 64, Manati-Touren an. „Um etwas zu ändern“, sagt sie, „müssen wir mitmischen.“ Schwimmflossen sind auf ihren Touren verboten, damit Touristen die Seekühe nicht verfolgen, Streicheln ist strikt untersagt. „Sonst gewöhnen sich die Tiere zu sehr an Menschen und schwimmen zu nah an die Boote“, erklärt Dunn. Was sie damit meint, zeigen Online-Videos: Touristen reiten auf Manatis, umzingeln sie, drängen ein Jungtier von der Mutter weg. Manche fordern deshalb, das Schwimmen mit den sanften Riesen ganz zu verbieten. Bob Bonde findet das übertrieben. „Ich sehe keinen Schaden für die Manatis“, sagt er, „wir bieten ihnen Abwechslung im ewigen Trott aus Fressen und Schlafen.“

Landgang für den Gesundheitscheck

Landgang für den Gesundheitscheck

© Julian Walter
Der Tourismus profitiert von den urzeitlich wirkenden Maskottchen

Der Tourismus profitiert von den urzeitlich wirkenden Maskottchen

© Julian Walter

 Die Zahlen geben ihm recht, die Population wächst weiter. „Es gibt genug Seegras und Frischwasser für die Manatis“, sagt Bonde, „und wenn sie satt und gesund sind, machen sie Babys.“ Ende März 2017 stufte die Naturschutzbehörde US Fish and Wildlife Service sie deshalb neu ein: Seither gelten Manatis als „bedroht“, nicht mehr als „gefährdet“. Doch für Entwarnung sei es zu früh, sagen Tierschützer. Die genetische Vielfalt der Tiere ist gering, das macht sie anfällig für Krankheiten. Und die meisten überwintern im warmen Abwasser von Kraftwerken, was eine gefährliche Abhängigkeit fördert. „Werden altersschwache Kraftwerke abgeschaltet, könnten Tausende Manatis erfrieren“, sagt Bonde. Umso wichtiger werden die Gewässer um Crystal River. Am Quellgebiet Three Sisters Springs verschärfte man daher 2015 erneut die Regeln. Ein Schild warnt vor einer Leine zwischen zwei Bojen: „Manatee Resting Area“ – Ruhezone. Fällt die Meerestemperatur unter 17 Grad, müssen Schnorchler weichen, damit die fröstelnden Manatis genug Platz finden.

An diesem warmen Novembertag sind die meisten draußen im Meer, um zu fressen. Nur ein paar Manatis dösen hinter der Absperrung. Das Wasser ist so klar, dass man sie auch aus mehreren Metern Abstand wunderbar erkennt. Alle paar Minuten hebt sich ihr Oberkörper, bis die Nasenlöcher aus dem ­Wasser stoßen. Tief einatmen, dann sinken sie wieder auf den Grund. Und landen auf der Schnauze, was etwas dusselig aussieht. Einmal taucht ein Junges unter der Leine durch auf unsere Seite. Aber sogleich ertönt ein hohes Quietschen: Mama ruft. Rasch kehrt das Junge zurück, beinahe delfingleich sieht das aus. Mit offenem Maul dockt es unter der Vorderflosse seiner Mutter an, trinkt Milch, entspannt und versunken. Wir Menschen vor der Bojenleine halten den Atem an. Manchmal erfüllen sich kühne Taucherträume auch an Land.

Natur schätzen und schützen

KORALLEN BEWUNDERN

 Vor Key Largo abtauchen zu Baumschulen, in denen bedrohte Korallen nachwachsen.

coralrestoration.org

SANFTE BEGEGNUNG

Mike und Stacy Dunn bieten Manati-Touren für kleine Gruppen bis zu sechs Personen.

manateesinparadise.com

DURCHBLICK

Im Mote-Meeresforschungszentrum lassen sich Meeresbiologen bei der Arbeit zuschauen.

mote.org

NÄCHTLICHE WUNDER

Im Mai und Juni mit etwas Glück Meeresschildkröten am Juno Beach bei der Eiablage erleben.

marinelife.org