Blick auf die Skyline
© Meiko Herrmann

Boom mit Seele

  • TEXT PATRICK WITTE
  • FOTOS MEIKO HERRMANN

Internetgiganten zieht es nach Seattle, aber auch kleine Start-ups. Die Stadt ist auf dem besten Weg, ein zweites Silicon Valley zu werden –ohne ihr Image als coole Musik- und Kulturstadt zu verlieren

Wenn Mohit Bhende erklären soll, warum er sein Start-up ausgerechnet in Seattle gegründet hat, sagt Mo, wie ihn alle nennen, weil US-Amerikaner Abkürzungen so lieben, erst einmal nichts. Stattdessen breitet er seine Arme aus, die Handflächen nach oben, und zuckt kurz mit den Schultern. Soll heißen: Wo sonst? Vor drei Jahren gründete Mo „Karat“, eine Firma, die Bewerbungsgespräche mithilfe von Algorithmen auswertet und so die besten Leute auf die besten Posten bringen will. 45 Mitarbeiter programmieren, managen und interviewen mittlerweile für Karat. „Wir sind eine Start-up-Erfolgsstory“, sagt Mo. Das dunkle Haar schulterlang zurückgekämmt, das Poloshirt locker über der Hose, dazu Sneakers – der 43-Jährige unterscheidet sich kaum von seinen Mitarbeitern. Auf langen Holz­tischen stehen lange Reihen von Monitoren. Davor sitzen vor allem junge Männer, aber auch Frauen mit indischen oder asiatischen Wurzeln, die Basecaps und Jeans tragen. Der Sound: das rhythmische Klacken der Tastaturen, während sich auf den Bildschirmen bunte Zeichen zu mathematischen Formeln verdichten.

Das Büro allein wird kaum der Grund für Mos Erfolg sein. Zimmer, die sich zügig in Videokonferenzräume verwandeln lassen, Sofalandschaften mit Biokaffee-Automaten, Tischtennisplatten und Drahtkörbe mit Yogamatten gehören weltweit zur Start-up-Grundausstattung, ebenso ein hoffnungsvolles „We will change the world“-Poster. Es ist vor allem die Lage, die Mos Unternehmen zusätzlich Aufwind verschafft hat.

"Amazon Spheres"

Schöne neue Welt: Einheimische chillen auf Kunstrasen, Touristen schießen Selfies vor den "Amazon Spheres"

© Meiko Herrmann

 Seit 20 Jahren schon, schätzt Mo, zieht die Stadt unzählige Start-ups und Internetfirmen an, sie fördert mit dem Programm „StartUpSeattle“ digitale Geschäftsideen und lockt mit niedrigen Steuersätzen. Heute arbeiten über 1300 Start-ups in der Stadt, die Mitarbeiter sitzen in Co-Working-Buden, in Büros oder einfach in den Cafés der Stadt: WLAN und Koffein, was braucht man mehr? Seit etwa fünf Jahren ist die Stadt im Norden der US-Pazifikküste auf dem Weg, das neue und – meint Mo – bessere Silicon Valley zu werden. „Die Gegend um San Francisco ist irre geworden, die Tech-Szene hat wegen der steigenden Preise alles andere verdrängt“, sagt er. Und sie ähnele einem Club: „Wenn du drin bist, läuft es.“ Das Problem: Die Boys wollen unter sich bleiben, die Konkurrenz ist stark und gnadenlos, Vielfalt eher die Ausnahme. „Viele im Valley haben vergessen, was Freundlichkeit und Kommunikation bedeuten“, sagt Mo. Seattle sei hingegen viel aufgeschlossener. Und auch viel cooler. In Seattle hoffen nicht nur die Kleinen, mit Virtual Reality, Artificial Intelligence oder Blockchain, den digitalen Datensätzen, aus denen Online-Währungen wie Bitcoin bestehen, das nächste große Ding zu landen. Auch die Big Player wie Amazon, Facebook, Google und Microsoft sind längst hier. Sie alle nutzen die kreativen Köpfe, ändern aber auch die Atmosphäre und den Rhythmus der Stadt.

Mo hat sich für sein Start-up einen Platz abseits der gläsernen Bürotürme von Downtown gesucht, er residiert im University District, nahe der ehemaligen Jura-Bibliothek der University of Washington. Der Bau aus den 1980er-Jahren wirkt wie eine Kommandobrücke aus einem „Star Trek“-Film: Durch eine verglaste Schräge fällt Sonnenlicht auf weiße, sprungturmhohe Stützsäulen, eine Empore zieht sich durch die ansonsten freitragende Halle, klobiger Sichtbeton, dunkle Böden. Karat ist Teil der CoMotionLabs der Universität, ein Inkubator mit 95 jungen, innovativen Tech-Firmen. Eine davon macht per Virtual-Reality-Brille den menschlichen Körper digital sezierbar, eine andere lässt Neugierige per realer Schaukel und Ventilator, aber mit VR-Brille, über künstliche Inseln und Wasserfälle paragliden. Neue Welten allüberall.

"Karat"-Gründer Mohit Bhende

Der richtige Ort zur richtigen Zeit: "Karat"-Gründer Mohit Bhende

© Meiko Herrmann
Inspirationskunst im Co-Working-Space "Maker"

Inspirationskunst im Co-Working-Space "Maker"

© Meiko Herrmann

 CoMotionLabs bietet ihnen allen nicht nur Platz, Infrastruktur und ein weltweites Netzwerk an. Sondern vor allem ihren Absolventen der Fachrichtungen Data Science und Computerwissenschaften einen direkten Zugang zum Big Business. Regelmäßig bekommen sie Managementkurse angeboten, Firmen wie Amazon, Nintendo oder Facebook arbeiten mit einigen Start-ups von CoMotion zusammen und fördern Projekte mit jeweils bis zu 100 000 Dollar. „Washington hat eine der besten Tech-Unis im ganzen Land“, sagt Mo, „hier machen einfach sehr viele sehr gute Software-Ingenieure ihren Abschluss.“ Und er sitzt direkt an der Quelle. Zwar wird man in Seattle kaum das nächste Facebook oder Twitter finden, sagt er, hier sei man eher im Business-to-Business-Geschäft. Was bedeutet, dass ein Start-up wie seines vor allem Lösungen für andere Firmen entwickelt. Doch genau wie das Silicon Valley bietet auch Seattle Tausenden von Techies einen guten Job. Es gibt wirklich keinen überzeugenden Grund fortzugehen.

Bike Polo in Seattle

Nächtliches Bike-Polo in Capitol Hill

© Meiko Herrmann
Samuel Assefa

Die Stadt als Riesenpuzzle: Chefplaner Samuel Assefa

© Meiko Herrmann
Künstler fordern strengere Gesetze

Zur Kasse bitte! In der Galerie Vermillion fordern Künstler strengere Steuergesetze

© Meiko Herrmann
Buntes Szeneviertel Capitol Hill

Buntes Szeneviertel Capitol Hill

© Meiko Herrmann

 Wenn Samuel „Sam“ Assefa erklären soll, warum gerade in Seattle so viele Start-ups zu finden sind, schweigt auch er zunächst. Der 60-Jährige lehnt sich zurück und lächelt breit. Das heißt: Warum nicht? Seit zwei Jahren ist er Direktor der Behörde für Planung und Stadtentwicklung, die im fünften Stock des City-Council-Hochhauses untergebracht ist. Blickt man aus seinem Bürofenster, kann man zusehen, wie Autos sich käfergleich durch die Straßen schieben. Für Assefa ähneln die vergangenen Jahre einem Goldrausch: sprudelnde Steuereinnahmen, eine Arbeitslosenquote unter drei Prozent, jedes Jahr mehr arbeitende Neubürger, die Steuern zahlen. Über 720 000 Seattlelites wohnen hier, fast 20 Prozent mehr als noch 2010; die Stadt wächst wie kaum eine andere in den USA.

Ein ganz bestimmtes hier ansässiges Unternehmen ist mit Daten und Algorithmen zur Weltmacht geworden: Amazon. Der Online-Händler verändert ganze Stadtviertel, seit Jeff Bezos, der als reichster Mensch der Welt gilt, entschieden hat, in South Lake Union – mitten im Zentrum der Stadt – sein Hauptquartier zu errichten. In South Lake Union schießen verglaste Bürotürme in den Himmel, Gebäude mit Namen wie „Day 1“, „Doppler“ oder „Rufus“. Mehr als 40 Gebäudekomplexe gehören bereits zu Amazon, für fast 50 000 Mitarbeiter. Wenn Platz fehlt, werden Büroflächen dazugemietet – der Amazon Campus umfasst insgesamt eine Million Quadratmeter. Hier stehen auch die Versuchslabore des Konzerns, wo Kreative und Programmierer neue Geschäftsideen entwickeln. Amazon betreibt einen Fernsehkanal, einen Musikverleih, Supermärkte und einen Online-Cloud-Speicher für Daten.

Im ganzen Viertel ziehen sich frisch asphaltierte Radwege wie ein schwarzer Teppich an den Straßen entlang, zwischen den beiden Amazon-Hauptgebäuden hat Jeff Bezos drei Kugeln aus Glas bauen lassen: die „Amazon Spheres“. Sie wirken wie überdimensionale Seifenblasen, die ein gewagtes Waben­konstrukt aus Stahl umklammern und am Abheben hindern. Tatsächlich sind die Spheres ein begrünter Konferenz- und Arbeitsraum mit über 40 000 Pflanzen, der die Kreativität und Gesund­heit der Angestellten pushen soll – und der längst zu einer Touristenattraktion geworden ist. Vor den Kugeln machen junge, hippe Menschen mit weiß gefärbtem Haar und Skinnyjeans unentwegt Selfies, um danach mit den biologisch ab­baubaren Einkaufsbeuteln aus dem brandneuen Amazon-Go-Supermarkt zu posieren. Während ihre Eltern noch aus dem Restaurant im obersten Stock der futuristischen Space Needle, dem offiziellen Wahrzeichen der Stadt, über Seattle schauen, ist für die Generation Z der Amazon Campus der neue „place to be“.

Hunde-Auslaufwiese

Gassi im 14. Stock: Hunde-Auslaufwiese auf dem Dach des Amazon-Hauptquartiers

© Meiko Herrmann
Entenfreundin beim Seattle Upstream Music Festival

Entenfreundin beim Seattle Upstream Music Festival

© Meiko Herrmann
See mit Enten
© Meiko Herrmann

 Für Sam Assefa ist die schöne neue Welt in Seattle ein Erfolg der Stadtplanung. Viele Jahre lang wollte niemand in Downtown leben, sagt er, wer konnte, zog in die grünen und sicheren Außenbezirke. Im Zentrum entstand viel Platz, die Mieten sanken. Heute driftet der Geräuschteppich der vielen Großbaustellen über die vierspurigen Straßen, Schläuche für Flüssigbeton ragen wie Rüssel in die oberen Etagen der Rohbauten. „Die Stadt hat die Vorschriften geändert“, erklärt Assefa, „Gebäude können nun höher und schmaler gebaut werden, dazu kamen neue Parks und öffentliche Plätze – die Lebensqualität stieg.“ Auch Amazon wurde integriert, als der Konzern plante, in South Lake Union – zuvor eine Betonwüste mit Werkstätten und Lagerhallen – seine Zentrale zu bauen. „Wir wollten nicht, dass die Angestellten nur in ihren Bürotürmen bleiben, sie sollten auch mal hinausgehen müssen.“ Also versorgen die Firmenkantinen nur ein Drittel der Angestellten. Statt wie im Silicon Valley voll verpflegt und abgeschottet zu sein, gehen die Programmierer und Entwickler in Seattle mittags in die Restaurants und Cafés des Viertels. Die Leute bleiben nicht mehr ewig bei nur einem Arbeitgeber, nicht alle möchten in ruhigen Vororten leben. Gefragt ist ein lebendiger Ort, mit Kinos, Kneipen und Kultur. „Die junge Generation kommt zurück in die Stadt, ein fundamentaler Wandel“, sagt Assefa.

Landkarte USA

Seattle liegt im Nordwesten der USA

 Er verweist auf den Ökonomen Richard Florida, der an der Universität Toronto lehrt und als Pionier der modernen Stadtplanung gilt. Floridas Theorie aus dem 2002 erschienenen Bestseller „The Rise of the Creative Class“ ist so anschaulich wie simpel: Die alte Ökonomie wird durch die Kreativwirtschaft ersetzt. Seattle ist ein Musterbeispiel. In den Szenevierteln Capitol Hill oder Ballard suchten Maler sich ihre Studios, fanden Musiker Proberäume und die große LGBT-Szene ihre Räume. Hier sind die Zebrastreifen noch in den Farben des Regenbogens gemalt, und an den Eingängen der Bars oder Restaurants machen Schilder jedem klar, der es nicht schon weiß: „Kein Platz für Hass und Rassismus“. Die Stadt, durch ihre Kunst und Subkultur, durch Bands wie Nirvana oder Soundgarden weltberühmt geworden, hat sich ihr cooles Image bewahrt. Seattle ist jung und liberal – so zieht man junge Kreative an.

Auch Mo kam nicht allein deshalb aus Pittsburgh hierher, weil er im Microsoft-Hauptquartier vor den Toren der Stadt programmieren, gut verdienen und später sein eigenes Start-up gründen wollte. Sondern auch, weil „Emerald City“, wie Seattle wegen seiner smaragdgrünen Seen und Stadtwälder gern genannt wird, attraktiv ist: „Großartige Lebensqualität, eine tolle Kulturszene, hier treffe ich abends Architekten oder Künstler, es gibt noch kleine Boutiquen statt identisch aussehender Shops, und nur eine Autostunde entfernt kann man in den Bergen snowboarden oder wandern.“

Doch der Boom bringt auch Probleme: verstopfte Straßen, überfüllte Busse, explodierende Mieten und Grundstückspreise. Immer neue Luxus-Apartment-Türme schießen in die Höhe, ganze Stadtteile wechseln ihr Aussehen, werden teurer, verlieren ihre Bewohner. Viele von ihnen müssen sich eine neue Bleibe außerhalb der Stadt suchen, über 11 000 von ihnen sind auf der Straße gelandet und hausen in Zeltkolonien. Unter Autobahnbrücken, in Parks oder auf Friedhöfen – überall in Seattle sieht man Zelte, vor denen ordentlich aufgereiht Schuhe, Koffer und sogar Kinderfahrräder stehen. Mo sagt: „Es ist mächtig Geld in die Stadt gekommen, und viele Alteingesessene können da nicht mithalten, das erzeugt natürlich Spannungen.“

Wohl auch deshalb haben die Seattlelites zum ersten Mal seit 100 Jahren eine Sozialistin in den Stadtrat gewählt: Kshama Sawant. Sie hat bereits einen neuen Mindestlohn von 15 US-Dollar pro Stunde durchgesetzt, sie will Amazon und die anderen großen Konzerne stärker besteuern, um mit den Einnahmen den sozialen Wohnungsbau zu fördern. „Die Tech-­Industrie ist großartig für uns“, findet Assefa. Er hofft, dass Seattle auch künftig eine Stadt sein wird, in der die unterschiedlichsten Menschen miteinander leben können: Unternehmer, Techies, Künstler, Musiker und ganz normale Familien. Er guckt ernst: „Daran arbeiten wir.“

Seattle jenseits der Monitore
Boom mit Seele: Gitarre
© Meiko Herrmann


Superstars

Im Museum of Pop Culture (Campus des Seattle Center) kann man sich an Jimi Hendrix und Nirvana erinnern.

mopop.org

Boom mit Seele: Essen
© Meiko Herrmann


Super Markt

Punks, Hipster und Techies treffen sich in Ballard auf dem Farmers Market, den Bauern aus der Region beliefern.

sfmamarkets.com

Boom mit Seele: Kunst
© Meiko Herrmann


Super Konzert

In der Galerie Vermilion (Capitol Hill) bekommen Besucher Kunst, Cocktails und ein saisonales Menü.

vermillionseattle.com

Boom mit Seele: Roboter
© Meiko Herrmann


Superhelden

Im Kunst- und Comicladen Push/Pull (Shilshole Avenue) gibt es einen Lounge-Bereich zum Lungern und Lesen.

pushpullseattle.weebly.com

Zum Ziel

Lufthansa fliegt im November täglich von Frankfurt (FRA) nach Seattle (SEA). Die App für Ihre Meilengutschrift:  miles-and-more.com/app