Das Grüne Herz Japans: Aufmacher
© Ben Weller

Das grüne Herz Japans

  • TEXT VANESSA OELKER
  • FOTOS BEN WELLER

Jahrhundertelang bereisten Samurai und Kaufleute Japans legendären Handelsweg, auf dem heiligen Berg Ontake erbaten sie den Segen der Götter dafür – ihre Nachkommen tun es heute noch.

Schwitzend stehe ich am Berg und ringe nach Luft. Mein T-Shirt klebt am Körper, meine Oberschenkel zittern. Unter mir endlos viele Stufen, über mir: leider ebenfalls. Bis zum Gipfel des Ontake, Japans zweithöchstem Vulkan nach dem Fuji, sind es noch gut 500 Höhenmeter. Immerhin bin ich schon auf etwa 2500 Meter. Jetzt aber möchte ich von Herzen Fukito Katsuno verfluchen, den Wirt des Teehauses, der mich zu diesem Wahnsinn überredet hat.

Begonnen hat meine Reise in Nagoya. Doch nicht der riesigen Kaufhäuser wegen bin ich in die Millionenstadt gekommen, auch nicht der Restaurants am Bahnhof wegen, die frittierte Heuschrecken verkaufen. Mein Ziel liegt nordwestlich der Stadt, in den Japanischen Alpen. Der Gebirgszug im Herzen Japans soll ein Paradies für Wanderer sein, besonders im Herbst, wenn sich die Blätter der Bäume bunt färben. Also steige ich in den Bus nach Magome, ein pittoreskes Berg­dorf im knapp 70 Kilometer langen Kiso-Tal, durch das der gleich­namige Fluss mäandert. Fliegenfischer ziehen Bachforellen aus dem Strom, Obstbauern ernten Äpfel und Trauben. Ihre Abgeschiedenheit hat die Region vor Industrialisierung, Bauboom und Kriegsverheerungen bewahrt. Erstaunlich, dass diese ländliche Szenerie eine der einst wichtigsten Handelsrouten Japans durchzieht: Nakasendō, der „Weg zwischen den Bergen“. Die herrschenden Tokugawa-Shōgun ließen ihn im 17. Jahrhundert anlegen, um die Kaiserstadt Kyōto mit der Hauptstadt Edo, dem heutigen Tokio, zu verbinden. Adlige, Samurai, Händler und berittene Kuriere nutzten die Straße während ­dieser von 1603 bis 1868 währenden Epoche. In Magome, wo meine ­Wanderung beginnt, befand sich eine von insgesamt 69 Post­stationen entlang der etwa 540 Kilometer langen Route.

Das grüne Herz Japans: Mann

Teehauswirt Fukito Katsuno

© Ben Weller
Das grüne Herz Japans: Hut

Traditionelle Hüte der Reisbauern

© Ben Weller

 Als ich loslaufe, ist der Himmel wie leer gefegt – ein Taifun hat am Vortag alle Wolken mitgenommen. Der Nakasendō schlängelt sich eine Anhöhe hinauf, eingefasst von zweistöckigen Häusern in traditioneller Fachwerkbauweise. Der erste Stock ist mit Zypressenholz verkleidet, pinkfarbene Glockenblumen und lila Hortensien bilden farbige Tupfen. Magome wirkt wie aus der Zeit gefallen, nur dass keine Samurai die Gassen bevölkern, sondern westliche Touristen die kleinen Läden besuchen, in denen die Händler Holzschalen und -stäbchen, Kräutermedizin und frittierte Reisbällchen feilbieten.

Etwas außerhalb des Dorfes zerschneidet eine Straße den Nakasendō. Sie bildet eine Grenze, die viele Touristen nicht überqueren. Vogelzwitschern löst das vielsprachige Stimmengewirr ab, als ich dem Weg in Richtung des nächsten, rund acht Kilometer entfernten Dorfes Tsumago folge. Die reine Idylle: Rechts deckt ein Reisfarmer seine Pflanzen mit blauer Folie ab, links streift eine Bäuerin mit kegelförmigem Strohhut durch ihren Teegarten, in einem kleinen Bassin ziehen Forellen beharrlich ihre Runden.

Das grüne Herz Japans: Landschaft
© Ben Weller

Wenn Sie unsere Kultur verstehen wollen, dann müssen Sie den Ontake besteigen

Fukito Katsuno, Teehauswirt

 Bald eröffnet sich vor mir ein Bergpanorama, überragt vom Gipfel des Ontake in etwa 30 Kilometer Entfernung. Friedlich sieht er aus. Dabei ist der Vulkan noch aktiv, 2014 brach er zuletzt aus. Ich frage mich, ob die Wanderer von einst ebenfalls die Schönheit des Weges genossen. Oder beklagten sie im 17. Jahrhundert nur die Beschwerlichkeit? Läuteten sie Glocken, um Bären zu verscheuchen, wie es Schilder heute empfehlen? Fürchteten sie die verhexten Füchse und Dachse, die angeblich in diesen Wäldern hausten? Zumindest die örtlichen Feudalherren reisten nicht freiwillig, sie mussten sich einem Erlass der Shōgun gemäß jedes Jahr eine bestimmte Zeit in Edo aufhalten. Sie taten es aber auch, um ihre Familien zu sehen, denn die mussten auf Befehl der Herrscher in der Hauptstadt leben, wie Geiseln. Die Shōgune sicherten auf diese Weise ihre Macht, denn wer wochenlang unterwegs war, hatte weder Zeit noch Geld, um Aufstände anzuzetteln.

Das grüne Herz Japans: Fahnen

Im Dienst des Bergs: Der Priester Kryotaka Tsutsui wacht über den Ontake-Satomiya-Schrein Ōtaki. Seit Jahrhunderten ist das Heiligtum die erste Station auf dem Pilgerweg zum Gipfel

© Ben Weller
Das grüne Herz Japans: Wasserfall

Reinigungsritual: Priester Tsutsui und ein Gläubiger am Kiyotaki-Wasserfall

© Ben Weller

 Nach einer guten Stunde erreiche ich einen Pass auf 800 Meter Höhe, nun geht es bergab. Ulmen, Tannen, Kirsch­bäu­me bilden einen dichten Wald, gelegentlich überragt von bis zu 40 Meter hohen Sawara- und Hinoki-Zypressen. Sonnenstrahlen fallen schräg durch das Blätterdach und zerschneiden das Dämmerlicht. Der Duft von Harz sättigt die Luft, etwas abseits rauscht ein Wildbach. Dann lichtet sich der Wald und gibt den Blick frei auf ein windgekämmtes Kornfeld – und ein Teehaus. Fukito Katsuno arbeitet seit acht Jahren ehrenamtlich in dem 250 Jahre alten Holzhaus. Der 78-Jährige bereitet grünen Tee für die Wanderer und erzählt von jenen Zeiten, als reisende Samurai vor den Götterstatuen im Garten beteten. „Hier im Kiso-Tal kamen sie mit dem Ontake-Glauben in Berührung, dann verbreiteten sie ihn in ganz Japan“, sagt Katsuno. Die Ontake- Lehre entwickelte sich Ende des 17. Jahrhunderts aus dem Shugendō-Glauben, der die Lehren des Shintoismus mit den Praktiken des Buddhismus verbindet. Demnach manifestiert sich göttliche Energie in der Natur, in Bäumen und Bergen. Fukito Katsuno schenkt Tee aus der eisernen Kanne nach. „Die Reise auf dem Nakasendō war gefährlich, stets drohten Überfälle und Krankheiten“, erklärt er, „die Reisenden waren überzeugt, dass sie Edo nicht ohne die Hilfe der Götter erreichen würden. Also pilgerten sie zu ihnen auf den Ontake, wo sich Himmel und Erde treffen. Wenn Sie unsere Vergangenheit, unsere Kultur verstehen wollen, dann müssen Sie den Gipfel besteigen.“

Das grüne Herz Japans: Karte
© Christóbal Schmal

Wandern in den Japanischen Alpen

 

 

1 Nagoya

2 Magome

3 Teehaus

4 Tsumago

5 Ontake-Seilbahn

6 Teehaus

7 Ontake

 Wir verabschieden einander, ich mache mich wieder auf nach Tsumago, meinem Tagesziel. Nach einer weiteren Stunde Fußmarsch entlang kleiner Gehöfte erreiche ich die ehemalige Poststation mit ihren alten Edo-Häusern. Auch hier: Shops, Touristen, Gewimmel. Während ich mir meinen Weg bahne, ­fasse ich einen Entschluss: Ich werde es den Pilgern gleichtun und den Ontake erklimmen. Am nächsten Morgen warte ich am Fuß des Berges auf die Seilbahn, die mich auf 2150 Meter Höhe bringen soll. Wieder scheine ich eine Grenze passiert zu haben: In der Schlange vor den Gondeln steht kein einziger Westler, stattdessen Japaner jeden Alters mit Stöcken, Anti-Bären-­Glöckchen, einige sogar mit Helm. An der Bergstation wird mir der Sinn dieser Ausrüstungen klar, denn nicht der von mir erwartete lauschige Waldweg führt zum Gipfel, sondern ein aus Baumstämmen angelegter Stufenparcours. Und so stehe ich also nach einer Stunde verschärften Oberschenkeltrainings keuchend am Hang.

Das grüne Herz Japans: Heiligtum

Der Ontake-Satomiya-Schrein

© Ben Weller

 „Konnichiwa“, grüßt mich ein älterer Wanderer. Fünfmal habe er den Ontake schon bestiegen, erzählt er. „Zunächst, um fit zu bleiben. Aber dann habe ich sie gespürt, die Anwesenheit der Götter.“ Ob er mir sein Alter verraten würde? „Ich bin 80“, sagt er nachsichtig lächelnd. Das ist genau der Motivationsschub, den ich brauche. Meine Lunge gewöhnt sich an die sauerstoffarme Luft, meine Sinne schärfen sich für die Umgebung. Tannen und japanische Steinkiefern lassen Platz für Licht­inseln auf hüfthohen Frauenhaarfarnen, dazwischen Ahorn- und Gingkobäume mit leuchtend gelben oder roten Blättern. Eine Stunde später erreiche ich auf 2800 Meter Höhe ein weiteres Teehaus. Dort treffe ich auf zwei Yamabushi, zu Deutsch etwa: Bergasketen. Sie sind bis hin zu ihren Sandalen weiß gekleidet, abgesehen von der türkisfarbenen Hose des Älteren, die ihn als Priester der Ontake-Glaubensgemeinschaft ausweist. ­Jeden Monat reise er aus Nagano an, erzählt er, nicht nur, um den Göttern nahe zu sein, sondern auch, weil die Yamabushi ­körperliche Anstrengung als Weg zur Erleuchtung verstehen. Ob die Götter auch mich segnen werden, frage ich ihn. „Götter kennen keine Religion“, antwortet der Priester, „sie prüfen nur, ob ein Herz rein ist.“ Er führt mich zu einem steinernen Tor, darunter thronen zwei Kami-Buddha-Figuren mit Schalen davor. Wir werfen andächtig Münzen hinein, verbeugen uns, ich bete für einen erfolgreichen Aufstieg. Jetzt fühle ich mich bereit für die letzte Etappe.

Das grüne Herz Japans: Bach

Fast alpin: Bach am Nakasendō

© Ben Weller
Das grüne Herz Japans: Pilger

Ontake-Pilger Matsumoto Hideaki

© Ben Weller

 Der Anstieg wird nun flacher, niedrige Sträucher verdrängen die Bäume. In der Ferne sehe ich das Gipfelhaus – eine Dreiviertelstunde ist es bis dahin noch, schätze ich. Ein kleines Plateau lockt zu einer letzten Rast. Vor mir liegen die Japanischen Alpen, deren Gipfel in den Himmel ragen wie Wellen aus dem Meer, hinter mir heißen Steintafeln die Götter auf der Erde willkommen. Ich lege mich auf ein Bett aus Mäusedorn-Bambus, schaue in den Himmel, entdecke Wolken, die Hunden oder Blumen ähneln. Wann habe ich zuletzt Wolkenfiguren betrachtet? Wann habe ich meinen Körper je so weit getrieben, dass er wie ein störrisches Muli jede wei­tere Anstrengung verweigerte? Mir wird klar, dass der Gipfel für mich unerreichbar ist. Der dumpfe Ton eines Muschelhorns – das Erkennungszeichen der Pilger – macht mir die Stille mit einem Schlag bewusst. Zeitlosig­keit legt sich über mich. Wenn es so etwas wie Frieden gibt, dann spüre ich ihn in diesem Moment. Eine Gruppe von Wanderern trabt bimmelnd vorbei auf ihrem Weg zum Gipfel. Sollen sie ruhig. Ich habe mein Ziel schon erreicht.

Zu Fuß durch Japan

3776 Meter

… hoch ist der Berg Fuji, das legendäre Wahrzeichen Japans.

13 Meter

… hoch ragt die Buddhastatue aus Bronze am Daibutsu-Wanderweg auf.

1697 Kilometer

… durch elf Präfekturen führt der Tōkai Trail, der längste Wanderweg des Landes.

36.60 Meter

… lang ist die hölzerne Kappa-Brücke; sie liegt mitten im Wandergebiet des Kamikōchi-Tals.

Zum Ziel

Lufthansa fliegt im Februar bis zu fünfmal wöchentlich von Frankfurt (FRA) nach Nagoya (NGO). Ihre Meilengutschrift können Sie per App errechnen: miles-and-more.com/app