Der Solist und seine Stadt: Aufmacher
© Artem Vorobiev/Getty Images

Der Solist und seine Stadt

  • TEXT SEBASTIAN HANDKE

Der deutsche Ausnahme-Cellist Jan Vogler lebt seit 20 Jahren in Manhattan. Er zeigte uns sein New York – zu Fuß, per Bahn und auf dem Rad.

Wir sind angekommen. Ganz oben. Dreimal klopft der uniformierte Doorman von innen an die Fahrstuhltür. Das 16-stöckige Backsteingebäude ist von 1924, der Fahrstuhl auch. Er wird von Hand bedient, an einem Schiebehebel, wie man ihn von der Brücke alter Dampfer kennt. „Come on in!“, tönt es von der anderen Seite, schon stehen wir in Jan Voglers Wohnung, einem Pent­house an der Upper West Side. Wir steigen aufs Dach, genießen kurz den weiten Blick über Manhattan. „Hier war früher ein jüdisches Viertel“, sagt Vogler. „Heute leben viele Musiker hier, vor allem in den Dachwohnungen.“ Wenn man nichts als den Himmel über sich hat, stört man auch niemanden mit seiner Musik. Vogler wurde 1964 in Ostberlin geboren und galt früh als Ausnahmetalent: Schon mit 20, unerhört jung, wurde er Cello-Konzertmeister der Staatskapelle Dresden, dem Vorzeigeorchester der DDR. Heute ist er einer der gefragtesten Solisten weltweit. Vor 20 Jahren zog er nach New York. Dieses New York, sein New York, will er uns an diesem Tag zeigen. Zu Fuß, per Metro und – ziemlich gewagt – mit dem Rad.

Wir schlendern den Broadway entlang, die Sonne scheint uns ins Gesicht. Erster Halt: Murray’s Sturgeon Shop. Das Interieur scheint seit der Eröffnung 1946 unverändert zu sein. Vogler kommt gern her, wenn er sich von seinen Touren erholt. Wir nehmen ein paar Scheiben eingeriebenen Lachs („Gravlox“) auf die Hand – der Fisch erinnert Vogler an das Essen seiner Mutter. „In New York herrscht noch ein Gefühl von ‚Alter Welt‘.“ Der Musiker ist am Prenzlauer Berg aufgewachsen, dort, wo die intellektuelle Dissidenz zu Hause war. Eine ähnliche geistige Regsamkeit suchte und fand er später am Hudson: „In New York gibt es ein Ge­tümmel kluger und begabter Leute. Das ist nicht immer einfach, aber es formt dich.“ Cool zu sein verstehe sich in dieser Stadt gewissermaßen von selbst, denn hier sei das hart erarbeitet, „die Leute sind immer ,on‘ “. In seiner Geburtsstadt Berlin, findet ­Vogler, sei Coolness nur Pose, ist es „einfach zu gemütlich“.

 

Der Solist und seine Stadt

Vogler in der Metro: Wo Menschen sind, nimmt er Kontakt auf

© Adam Golfer
Der Solist und seine Stadt

Deli-Laden Murray's

© Adam Golfer

 An der 86. Straße steigen wir in die U-Bahn. 1989 kam Vogler für eine Tournee erstmals nach New York. Als Ausnahmemusiker gehörte er zum „Reisekader“ der DDR, durfte rein und raus. Bargeld hatte er keins – und dann kam ihm auch noch die Brieftasche abhanden. Vogler schleppte sich mit Cello und Koffer zur Juilliard Music School, 34 Blocks im strömenden Regen. „Ich fragte mich: Warum tue ich mir das eigentlich an?“ In der DDR war er ein Star, jetzt irrte er ohne Geld durch eine abweisende Stadt. Als er aber am nächsten Tag aufwachte, schien die Sonne. „Wie schön, dachte ich! Und ich denke es immer noch.“ Wenig später sah er von New York aus die Mauer fallen.

An der Baustelle Hudson Yards, wo gerade 15 neue Wolkenkratzer hochgezogen werden, spazieren wir auf der High Line weiter. Seit 2006 wird die ehemalige Hochbahntrasse für Güterzüge in eine Parkanlage verwandelt. Es ist einer von Voglers Lieblingsplätzen von New York – er liebt Traditionen, schätzt es aber auch, wenn sich etwas tut. Am Meatpacking District, dem Gewerbegebiet, das 1932 mit der High Line erschlossen wurde, verlassen wir die Anlage. „Wahnsinn, wie sich alles verändert hat“, sagt Vogler. Tesla und Louboutin haben hier Läden; auch Téchin, Voglers Desi­gner für Bühnenkleidung, betreibt in der Nähe seine Boutique. Vor zehn Jahren, als der Musiker mal für Fotos herkam, waren die Gebäude verwahrlost, das Viertel eine morbide Kulisse. Im Booklet seiner CD mit Sonaten von Weill und Schos­tako­witsch lässt sich diese vergangene Welt noch besichtigen.

Der Solist und seine Stadt

Engpass Brooklyn Bridge: Touristen und Radler teilen sich die Spur. Per Rad kommen aber nur Unerschrockene

© Adam Golfer

In New York gibt es ein Getümmel begabter und kluger Leute. Das ist nicht immer einfach, aber es formt dich

Jan Vogler, Cellist

 Zurück zur Wohnung. Der Doorman hält schon Voglers Zweitrad und den Helm seiner Frau für mich bereit. In Brooklyn blüht eine besondere Szene junger Musiker, unprätentiös, hochklassig, immer für Experimente zu haben. Brooklyn Rider heißt ein Streichquartett, The Knights ein junges Orchester, das inzwischen auf Welttourneen geht. Wir wollen Eric Jacobsen besuchen, ebenfalls Cellist, außerdem Dirigent, Gründer der genannten Ensembles – und ein Freund von Vogler.

Am Hudson River Greenway geht es los, dem meistbefahrenen Radweg der USA, direkt am Wasser entlang. Zehn Kilometer weiter, auf der Höhe des One World Trade Center, schlagen wir uns quer durch die Schluchten Lower Manhattans. Rote Ampeln umfahren wir wie willkommene Hindernisse, machen rüber auf den Gehsteig, wechseln auf einen der grün markierten Radwege, schließlich wieder auf die Straße, je nachdem, wo der Weg gerade frei ist. Lachend steigen wir über Betonsperren, drängeln uns über die Brooklyn Bridge, wo die Touristen nur zögerlich eine Schneise bilden. Wir müssen die Massen durch freundliche Zurufe aufscheuchen – die Räder haben keine Klingel. Immer wieder kommentiert Vogler unseren Weg („Hier stinkt’s so schön“) oder deutet auf eines seiner Lieblingsgebäude – Sightseeing mit Speed. Dann, schon etwas gemächlicher, durchqueren wir Brooklyn, radeln durch Prospect Park, bremsen endlich vor Eric Jacobsens Haus. Vogler lacht und resümiert die Tour durch die Stadt mit jungenhaftem Stolz: „Das war Chinese Delivery Style!“

Der Solist und seine Stadt

In New York unterwegs: Jan Vogler auf der High Line

© Adam Golfer
Der Solist und seine Stadt
© Adam Golfer
Der Solist und seine Stadt

Das Studio des Modedesigners Téchin

© Adam Golfer

 Jacobsen kocht Kaffee – mit dem Handfilter, wie es sich gehört im Hipster-Viertel. Seine Frau Aoife O’Donovan, Sängerin der Folkband I’m With Her, wiegt das Baby auf dem Arm und summt eine Melodie aus „The Sound Of Music“. Es wird gelacht, geschwärmt, gefachsimpelt; Vogler berichtet von den kleinen und großen Überraschungen, die man erlebt, wenn man mit Bill Murray unterwegs ist. Er hat mit dem exzen­trischen Schauspieler eine CD eingespielt, seit zwei Jahren ­touren sie um die Welt.

Jacobsen will Vogler für einen gemeinsamen Auftritt begeistern  – mit Gesang, Harfe, Musik aus „Carmen“. „Und am Ende kommst du auf die Bühne getanzt, im roten Kleid, yaa daa da-da, da daa daa da-da…“ Ein Scherz natürlich. Oder? Mit dem Kleid könne er sich anfreunden, lacht Vogler, aber tanzen? Besser nicht! „Wir schmieden Pläne, immer!“, sagt er vergnügt. Menschen zusammenbringen, Ereignisse planen – das macht ihm Spaß. „Tausend Ideen fliegen rum, und irgendetwas davon kommt eigentlich immer auf die Straße.“ Und wenn nicht? Dann hatte man wenigstens eine gute Zeit.

Dass Jan Vogler aber irgendwann gar keine Pläne mehr macht – das kann man sich wirklich nicht vorstellen.


TIPPS VON JAN VOGLER

Icon Spiegelei

CAFE LUXEMBOURG

Eine Institution – hier treffen sich die Bewohner der Upper West Side zum Frühstück oder auf einen Burger.

cafeluxembourg.com

Icon: Fashion

TÉCHIN

Mode für Individualisten im Meatpacking District. Der junge Designer entwirft auch für Vogler und Bill Murray.

techin.com

Icon: Essstäbchen

KUNGFU KITCHEN

Köstliches chinesisches Fast Food in Midtown Manhattan. Ist vor allem bei jungen Leuten beliebt.

kfdelicacy.com

Icon: Trompete

JAZZ IM LINCOLN CENTER

Konzerte, Radio, Workshops in dem Kulturzentrum in Manhattan, geleitet von Jazz-Legende Wynton Marsalis.

jazz.org


ZUM ZIEL

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